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2.3.2007: Der Klimawandel als Unternehmensrisiko - Teil 6: Wer nutzt die Chancen?

Die Aktionäre der DAX-30-Unternehmen erfahren in deren 2006 veröffentlichten Geschäftsberichten meist nur wenig bis gar nichts über die mit dem Klimawandel einhergehenden wirtschaftlichen Risiken. Das hat die Untersuchung von ECOreporter.de ergeben (wir berichteten darüber im Teil 3 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko"). Doch wie verhält es sich mit den wirtschaftlichen Chancen, die sich im Rahmen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Erderwärmung eröffnen? Wie werden sie von den größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands genutzt, inwiefern informieren sie die Anleger darüber? Dieser Frage gehen wir im letzten Teil dieser Reihe nach.

In der Aufregung um die durch die Erwärmung des Weltklimas drohenden und zum Teil bereits ganz realen Gefahren geht häufig unter, dass der Kampf gegen den Klimawandel große wirtschaftliche Wachstumsmöglichkeiten eröffnet. Das wurde etwa auch in dem von Nicholas Stern verantworteten Bericht, dem so genannten Stern-Report, hervorgehoben. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank warnte in dem Report nicht nur eindringlich vor den ökonomischen Risiken der Erderwärmung, sondern sah auch neue Märkte für kohlenstoffarme Energietechnologien und andere emissionsarme Güter und Dienstleistungen entstehen. Diese Märkte könnten laut dem Bericht auf einen Wert von Hunderten Millionen Dollar jährlich anwachsen. Die Welt müsse sich keineswegs zwischen der Verhütung des Klimawandels und der Förderung von Wachstum und Entwicklung entscheiden. Dank innovativer Energietechnologien und veränderter volkswirtschaftlicher Strukturen sei es schon jetzt möglich, in den reichen wie in den armen Ländern das Wirtschaftswachstum von den Treibhausgasemissionen abzukoppeln. Die Bekämpfung des Klimawandels sei eine wachstumsfreundliche Strategie für die langfristige Zukunft.

Unter den DAX-30-Unternehmen hat dies zum Beispiel der Allianz-Konzern erkannt. "Nach Abschluss einer Studie über Chancen und Risiken des Klimawandels für die Finanzdienstleistungsbranche, die wir zusammen mit dem Worldwide Fund for Nature (WWF) erstellt hatten, bildeten wir im Berichtsjahr eine Projektgruppe, die sich vertiefend mit diesen Klimaauswirkungen beschäftigt. Risiken werden bewertet und neue Geschäftsmöglichkeiten ausgelotet, beispielsweise mit dem Handel von Emissionsrechten und im Bereich Erneuerbare Energien", erläutert das Unternehmen in seinem Geschäftsbericht 2006. Aufgrund der Analyse von internationalen Trends gehe man davon aus, dass der Klimawandel, der Handel mit Emissionsrechten sowie die Förderung regenerativer Energien die Nachfrage nach alternativen Versicherungs- und Finanzierungsformen ankurbeln werden. Das DAX-Schwergewicht kündigte an, bis 2010 mehrere Hundert Millionen Euro in Windparks und Windtechnologie zu investieren. Damit stockte die Allianz ihr Engagement im Bereich der Erneuerbaren Energien auf insgesamt 500 Millionen Euro auf. Für diese Private-Equity-Investitionen wurde ein eigenes Tochterunternehmen aufgebaut, die Allianz Specialized Investments.

Auch andere DAX-30-Unternehmen engagieren sich als Investoren im Bereich der Erneuerbaren Energien. Dazu zählt etwa die Commerzbank, deren Competence Center Renewable Energies (COC) 2006 bereits drei Milliarden Euro in Erneuerbare-Energie-Projekte investiert hatte, zum größten Teil in Deutschland. Doch im Geschäftsbericht des Finanzinstituts erfahren die Investoren darüber bemerkenswerter Weise nichts. Das gilt auch die die Deutsche Bank, die lediglich in ihrem Nachhaltigkeitsbericht auf ihr Engagement im Bereich der Nachhaltigkeitsfonds hinweist. Auch andere der 30 Börsenschwergewichte setzen bereits in großem Stil als Investoren auf klimaentlastende Technologien. Dazu zählen insbesondere die Energiekonzerne RWE und E.on, auch wenn sie darauf in ihrem 2006 vorgelegten Geschäftsbericht nur beiläufig eingehen. Vor allem die britische Tochtergesellschaft von E.on engagiert sich in den Bereichen Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Brennstoffzellen, Wasserkraft, Biogas, Biomasse, Wellenkraft und Windkraft, hier mit Schwerpunkt auf Windparks offshore, also auf See. Ebenfalls werden im Geschäftsbericht die Forschungen im Bereich umweltschonender Stromerzeugung, emissionsärmerem Brennstoffverbrauch und Kohleablagerung erwähnt. Der Konzern unterstreicht aber, dass er weiter vorrangig auf Kernenergie und fossile Brennstoffe setzt. Dies gilt auch für die RWE AG, deren Vorstandchef im Geschäftsbericht 2005 betont, der Ausbau der Erneuerbaren Energie müsse "mit Augenmaß" geschehen. Diese seien zwar "ein fester Bestandteil unseres Stromerzeugungsportfolios", wird weit hinten im Geschäftsbericht ausgeführt. Bei seinen Klimaschutzzielen will der Essener Konzern aber vor allem auf Atomkraft und neue Kohlekraftwerken mit höherem Wirkungsgrad setzen.

Ausführlich stellt die Münchener Siemens AG im Geschäftsbericht 2005 ihre Technologien vor, die helfen, das Klima zu entlasten. Das Unternehmen hat sich nicht zuletzt durch die Übernahmen des dänischen Windkraftanlagenbauers Bonus Energy und des britischen Wellenkraftunternehmens Wavegen als wichtiger Akteur im Bereich der Erneuerbaren Energien positioniert. Zudem umfasst das Geschäftsgebiet "Wind Power" der Konzern-Sparte Siemens Power Generation ein Kompetenz-Center für Windkraft-Anlagen in den Niederlanden. Dieses Engagement ist wohl nicht zuletzt durch den Wettstreit mit dem US-Mischkonzern General Electric begründet. Der will im Geschäft mit klimaschonenden Technologien wachsen, hat zum Beispiel aus der Konkursmasse des Pleitiers Enron das Windgeschäft übernommen und die Sparte GE Energy zu einem der größten Windanlagenbauer weltweit entwickelt. Zwar geht Siemens nur im freien Teil ihres Geschäftsberichtes explizit auf die Klimaproblematik ein, bei der Vorstellung der verschiedenen Arbeitsgebiete erläutert der Münchener Konzern dann aber vielfältige Entwicklungen klimafreundlicher Technologien, von der Windkraft- über die Brennstoffzellentechnologie bis zu Motorsteuerungen und Einspritzsystemen, die den Verbrauch und die Abgasemissionen von Fahrzeugen verringern.

Die Autobauer unter den DAX-Unternehmen gehen in ihren 2006 veröffentlichten Geschäftsberichten ausführlich auf ihre Entwicklungen klimaschonender Antriebstechnologien ein. So informiert DaimlerChrysler die Aktionäre darüber im Lagebericht. Insbesondere auf Hybrid-Antriebe und die Brennstoffzelle habe man Schwerpunkte gesetzt, heißt es darin. Für den Umweltschutz seien im Jahre 2005 insgesamt 1,5 Milliarden Euro aufgewendet worden. "Den weitaus größten Teil hiervon setzen wir ein, um den Verbrauch und die Emissionen unserer Fahrzeuge zu verringern", so der Bericht. "Zur weiteren Verringerung der CO2-Emissionen erschließen wir auch die Möglichkeiten der Biokraftstoffe: Hierzu schaffen wir bei unseren Fahrzeugen die technischen Voraussetzungen, um den Beimischungsanteil von Biokraftstoffen zu konventionellen Kraftstoffen von bisher 5 Prozent auf 10 Prozent verdoppeln zu können." Im freien Teil des Geschäftsberichts wird der Anleger über den Versuchsbetrieb von Brennstoffzellenbussen des Stuttgarter Konzerns aufgeklärt und über die Neuordnung der Allianz zwischen DaimlerChrysler, Ballard und Ford zur Weiterentwicklung dieser Technologie. Mit dem F600 HY GENIUS habe man einen großen Schritt hin zur Serienreife des Brennstoffzellenantriebs gemacht. Bei der Hybridtechnologie kooperiert der Autokonzern laut dem Geschäftsbericht mit der General Motors Corporation. Gemeinsam werde im Hybrid-Competence-Center in Troy, Michigan/USA ein Two-Mode-Hybridantriebssystem entwickelt. Die BMW Group habe sich Ende 2005 dieser Allianz gleichberechtigter Partner angeschlossen. Auf dem Gebiet der alternativen Biomass-To-Liquid (BTL)-Kraftstoffe und Biodiesel kooperiere man mit Choren Industries und Volkswagen. Die Volkswagen AG geht auf ihre Entwicklungen bei alternativen Treibstoffen im Lagebericht unter der Überschrift "Wertsteigernde Faktoren" ein. Langfristig setze man jedoch auf die Brennstoffzellentechnologie, die an dieser Stelle ebenfalls vorgestellt wird. Die BMW AG geht zwar nur im freien Teil ihres Geschäftsberichtes auf die Entwicklung klimafreundlicher Technologie ein, dafür aber ebenfalls ausführlich. Langfristig verfolge man das Ziel, fossile Kraftstoffe durch regenerativ erzeugten Wasserstoff zu ersetzen, führt die Führung des Autobauers aus. Die ersten Prototypen mit Motoren auf Wasserstoffbasis werden vorgestellt sowie Techniken zur Verringerung des Verbrauchs herkömmlicher Motoren. Dass man sich der freiwilligen Selbstverpflichtung des europäischen Autoherstellerverbandes angeschlossen und damit verpflichtet hat, bis 2008 den Ausstoß der Neufahrzeuge von Kohlendioxid (CO2) auf 140 Gramm pro Kilometer zu reduzieren, wird von dem Konzern erwähnt. Nicht jedoch, dass man davon so weit entfernt ist, dass das Ziel kaum noch zu erreichen ist.

Was Informationen über Maßnahmen, den steigenden Bedarf an klimaentlastenden Innovationen wirtschaftlich zu nutzen, angeht, sind die übrigen Industrieunternehmen unter den DAX-30 in ihren Geschäftsberichten weitaus zurückhaltender. Dazu zählt etwa ThyssenKrupp, die aber immerhin in ihrem Lagebericht Fortschritte bei der Entwicklung ihrer Brennstoffzellentechnologie für Schiffe erwähnt sowie Innovationen, die Bauteile für Fahrzeuge leichter macht und damit zur Reduktion des CO2-Ausstßes beiträgt. Die Linde AG nutzt den Lagebericht ihres Geschäftsberichtes, um im Kapitel "Forschung und Entwicklung" kurz Technologien zur Emissionsminderung zu erwähnen. Ansonsten informiert sie wie viele andere der DAX-30-Unternehmen über solche Ansätze im Nachhaltigkeits-Kapitel des Geschäftsberichtes. Überhaupt ist festzuhalten, dass das Gros dieser führenden Unternehmen der deutschen Wirtschaft bei der Darstellung ihrer Geschäfte die mit dem Klimawandel verbundenen wirtschaftlichen Chancen offenbar nicht im Blick hat. Statt in den Geschäftsberichten werden sie meist nur in einem angefügten Kapitel über "Nachhaltigkeit" oder "Verantwortung" abgehandelt, oder aber in den separat veröffentlichten Nachhaltigkeitsberichten. Dies ist zumindest ein Hinweis darauf, dass die Wachstumschancen in diesem Bereich von vielen dieser Gesellschaften noch immer unterschätzt werden. Sowohl aufgrund der Klimarisiken als auch aufgrund der sich durch Innovationen bei Klimaschutz eröffnenden Geschäftsmöglichkeiten ist der Klimawandel kein Thema mehr, das von international operierenden Unternehmen unter "ferner liefen" abgehandelt werden kann. Informationen darüber geben vielmehr wichtige Aufschlüsse über die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.


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zum Teil 1 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko": Sturmwarnung für die Weltwirtschaft ,
zum Teil 2 der Reihe: Mangelndes Tempo beim Klimaschutz schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autobauer und
zum Teil 3 der Reihe: Den meisten DAX 30 sind Klimarisiken in ihren Geschäftsberichten nur eine Randnotiz wert ,
zum Teil 4 der Reihe: Großinvestoren verlangen von börsennotierten Unternehmen weltweit Informationen über Klimarisiken,
zum Teil 5 der Reihe: Wo hakt es in der Berichterstattung über Klimarisiken?.


Bildhinweise:
Windkraft-Projekt von Siemens vor der dänischen Küste: Der Münchener Konzern rechnet für die kommenden Jahre im weltweiten Windmarkt mit jährlichen Zuwachsraten von zehn Prozent. / Quelle: Unternehmen;
Toyota Prius: Das schon seit zehn Jahren serienmäßig hergestellte Fahrzeug hat dem japanischen Konzern mit seinem Hybridantrieb einen Wettbewerbsvorteil vor den deutschen Konkurrenten beschert. / Quelle: Unternehmen
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