23.09.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

23.9.2004: Pleiten, Zwangsversteigerung und Streit unter alten Freunden - ist die HerMerlin AG noch zu retten? - Ein ECOreporter.de Interview mit HerMerlin-Vorstand Jürgen K. Herrmannsdörfer

Um die HerMerlin Öko-Beteiligungs AG mit Sitz in Langenaltheim ist es
ruhig geworden. Was nicht heißen soll, dass die Aktionäre der Gesellschaft ruhig schlafen können, denn die HerMerlin steckt in Schwierigkeiten. Noch immer ist ihr Geschäftsbericht 2003 nicht erschienen. Mehrere Beteiligungen mussten aufgeben: der Windprojektierer WindStar AG und dessen 100-prozentige Tochter WindStar GmbH meldeten Insolvenz an, die rumänische Hanfschwinge SC Carin wurde zwangsversteigert, bei dem börsennotierten Medien- und Beratungsunternehmen B.A.U.M. AG läuft zur Zeit das Insolvenzverfahren, der Hanftextilienhersteller HempAge AG verlor zwischenzeitlich den größten Teil seines Eigenkapitals. ECOreporter.de fragte Jürgen K. Herrmannsdörfer zu den Ausmaßen der Krise.

ECOreporter.de: Herr Herrmannsdörfer, in Ihrem Brief an die Aktionäre der HerMerlin AG schreiben Sie, es bestünden "Forderungen der HerMerlin gegen verschiedene Gesellschaften". Welches sind die höchsten Forderungen, an welche Gesellschaften bestehen die? Wie groß sind die Chancen auf Zahlung?
Herrmannsdörfer: Das meiste ist aus der Bilanz 2002 ersichtlich. Als größte Positionen sind unit energy europe AG und HempAge AG zu nennen. Dazu kommen ausstehende Aufsichtsratsvergütungen und Forderungen an Privatpersonen, die uns mit der Emission der HempAge beauftragt hatten. Die Gesamtforderungen belaufen sich auf rund 500.000 Euro.
Unsere Forderungen an unit energy resultieren aus einem Vertrag über die Rechte an dem Windpark "Vila do Bispo 2". Weitere Ansprüche im Wert von 112.000 Euro gegen unit energy entstehen aus unseren Anteilen am georgischen Wasserkraftwerk Sioni. Die sollten eigentlich schon längst auf die HerMerlin AG übertragen werden.
(Anmerkung der Redaktion: Laut Geschäftsbericht 2002 der Gesellschaft wurden an die HempAge AG Darlehen im Volumen von 119.000 Euro ausgereicht.)

ECOreporter.de: Bestehen neben den Ansprüchen gegen andere Unternehmen auch
Forderungen der HerMerlin AG oder einer ihrer Töchter gegen Einzelpersonen? Es soll beispielweise ein Darlehen an einen Grafen Faber-Castell gegeben haben.

Herrmannsdörfer: Nein. Das Darlehen, das Sie ansprechen, wurde von der Solantis Energy AG vergeben. Die Solantis ist keine Tochter der HerMerlin.

ECOreporter.de: Wie hoch sind die aktuellen Verbindlichkeiten Ihres Unternehmens?
Herrmannsdörfer: Die Verbindlichkeiten sind ebenfalls aus der Bilanz ersichtlich. Das ist aus heutiger Sicht im wesentlichen die noch offene Wandelanleihe im Volumen von rund 250.000 Euro. Darüber hinaus bestehen derzeit noch sonstige Verbindlichkeiten in Höhe von rund 70.000 Euro

ECOreporter.de: Ein Darlehen Ihrer Lebensgefährtin Doris Henke an die HerMerlin in Höhe von 46.000 Euro wurde mit Aktien der HempAge AG befriedigt. Würden Sie uns das genauer erklären?
Herrmannsdörfer: Ein Teil des Darlehens von Frau Henke wurde mit Aktien der HempAge befriedigt. Die Aktien der HempAge mussten von der HerMerlin in 2002 auf den Erinnerungswert abgeschrieben werden.
Der hauptsächliche Grund: Das Eigenkapital der HempAge war von rund 650.000 Euro auf rund 33.000 Euro gesunken, damit war ein bilanzieller Verlust in Höhe von rund 95 Prozent eingetreten. Schon daraus erklärt sich, dass wir bei dem alternativen Verkauf - anstelle von Kapitalhingabe an die Gläubigerin - nur einen Bruchteil der ursprünglichen Investition ehrlicher Weise erzielen haben können.
Gleichzeitig wurde der HerMerlin aber das Recht eingeräumt, die Aktienanteile zurück zu kaufen, wenn unsere Forderungen eingehen.

Übrigens das Angebot "Aktien an Stelle von Kapital" haben wir auch den anderen Gläubigern unterbreitet.

ECOreporter.de: Wie hoch sind die liquiden Mittel?
Herrmannsdörfer: Diese liegen derzeit in einem Bereich, in dem wir die geschäftswichtigen Ausgaben damit gut bestreiten können.

ECOreporter.de: Über wie viel Eigenkapital verfügt die HerMerlin aktuell noch?
Herrmannsdörfer: Mit den notwendigen Abschreibungen Windstar und Carin S.A. beläuft sich das Grundkapital noch auf mehr als die Hälfte.

ECOreporter.de: Wie ist die Situation bei der Solantis AG? Im letzten Aktionärsbrief schilderten Sie die Lage als dramatisch (Insolvenzgefahr).
Herrmannsdörfer: Der Vorstand ist mit Investoren über eine größere Beteiligung am Unternehmen in Verhandlung. Durch den Einstieg dieser Investoren wären die Projekte der Solantis in der Entwicklung für mein Dafürhalten gesichert. Genaueres müssten Sie allerdings schon den Vorstand der Solantis Energy AG fragen.
(Anmerkung der Redaktion: Die Solantis Energy AG wurde 1998 unter dem Namen "Vita Plus AG" gegründet. Die HerMerlin AG hielt 255.000 von 520.000 Aktien, HerMerlin-Vorstand Herrmannsdörfer ist seit Gründung der Gesellschaft deren Aufsichtsratsvorsitzender.)

ECOreporter.de: Die Rundbriefe der pro future capital ag sind schon seit einigen Monaten nicht mehr verschickt worden. Hat sich aus den vielen Ideen für Produkte zur Altersvorsorge konkretes Geschäft entwickelt? Wenn ja, mit wem und in welchem Volumen?
Herrmannsdörfer: Erst einmal ist der Infobrief ein Infobrief. Er hat sich in verschiedenen Ausgaben unter anderem mit der Riesterrente, der Zinswirtschaft und dem Cent des Merlin beschäftigt. Leider musste ich die Herausgabe des Infobriefes vernachlässigen, da die HerMerlin und die pro future capital derzeit keine Mitarbeiter außer dem Vorstand beschäftigen.

Das konkrete Modell, das derzeit "läuft" ist der "Cent des Merlin", mittlerweile haben wir in dieser Einkaufs- und Produktionsgemeinschaft rund 400 Mitglieder. Ein weiteres Projekt ist der Aufbau eines auf der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft basierenden Fonds. Die pro-future-capital ag befindet sich bei den Projekten mit einzelnen Faktoren daraus schon in der praktischen Pilotphase. Mit einem Ertrag aus den derzeitigen Projekten rechne ich ab 2006.

ECOreporter.de: Sie berichten von den chronischen Defiziten der HempAge AG. War es nicht Ihre Pflicht als Aufsichtsratschef und Vorstand des Großaktionärs, dem frühzeitiger entgegenzuwirken? Noch im Aktionärsbrief vom Juli 2003 bezeichnen Sie das Unternehmen als "erfolgsversprechende Beteiligungschance" und kündigen an, eine Kapitalerhöhung vorschlagen zu wollen.
Herrmannsdörfer: Ich habe die HempAge mit den damaligen Vorgaben als aussichtsreich betrachtet. Die Vorschläge des Vorstandes wurden in einem Projektbusinessplan zwischen Vorstand, Wirtschaftsprüfer und mir bis in den Herbst 2002 ausgearbeitet und ergaben durchaus ertragreiche Perspektiven.

Eine Kapitalerhöhung zur Liquiditätsverbesserung sollte die HempAge aus meiner Sicht in die Lage versetzen, in größeren Stückzahlen und damit kostengünstiger produzieren zu können. Eine Kapitalerhöhung braucht aber für mein Dafürhalten einen internen Plan über die Mittelverwendung, die zukünftige Liquiditätsplanung und einen Plan für den Abbau der bestehenden Verbindlichkeiten.
Leider liegen mir diese - trotz mehrfacher Anmahnung - bis heute nicht vor.

Die Verluste, die anfielen, gehen in wesentlichen Teilen auf mehrere Abschreibungen im Warenlager und Fehlkalkulationen in der Produktion zurück. Auf Anraten unserer Wirtschaftsprüfer musste ich deshalb für die Bilanz 2002 der HerMerlin eine Abschreibung der Beteiligung an der HempAge auf den Erinnerungswert vornehmen.

Die Abschreibungen waren nach Ansicht von Robert Hertel notwendig, da diese "Stücke" seinen Ausführungen entsprechend nicht mehr zu den normalen Preisen veräußerbar waren. Allerdings habe ich mit der Initiative L.A. Hemp einen Laden in unserem Tagungshaus geschaffen, in dem ursprünglich hauptsächlich Kleidung von HempAge den Besuchern vorgestellt und angeboten wurde.

Bedenken Sie bitte auch, dass in den vergangenen Jahren eine Vielzahl der Großkunden der HempAge entweder in die Insolvenz gehen mussten oder aber den Gürtel so eng geschnallt haben, dass weniger Bestellungen bei der HempAge die Folge waren. Nach Aussage von Robert Hertel auf der Hauptversammlung 2004 ist aber ein spürbarer Auftragsanstieg zu verzeichnen.

Allerdings sind mir im Vorfeld die von mir angeforderten, schriftlichen Unterlagen zur Bilanzprüfung 2003 nicht ausgehändigt oder die Einsicht ermöglicht worden, so dass ich die Bilanz 2003 nicht bestätigen konnte. In der Folge wurde vom Vorstand meine Nichtentlastung als Votum der Verwaltung in die Tagesordnung aufgenommen. Zudem wurde die Bilanz dann von der HV - ohne Einsichtnahme - festgestellt.

Da ist also wenig Raum zur Kontrolle für den Aufsichtsratsvorsitzenden. Dies ist der wesentliche Grund, warum ich den Vorsitz im Aufsichtsrat niedergelegt habe.

ECOreporter.de: Könnten wir eine aktuelle Vermögensaufstellung der HerMerlin AG erhalten?
Herrmannsdörfer: Die Vermögensaufstellung der HerMerlin wird gerade erstellt (Bilanz 2003). Das wird leider noch etwas dauern. Durch das Ausbleiben der eingeforderten Beträge bei unseren Schuldnern sind die liquiden Mittel derzeit begrenzt. Das eingehende Kapital wird für die Tilgung der Verbindlichkeiten eingesetzt. Aus Kostengründen wird die Bilanz mit allen erforderlichen Unterlagen nach Absprache mit den Aufsichtsräten von mir zusammen gestellt und erst dann den Wirtschaftsprüfern vorgelegt.

Ich hoffe, dass ich den Gesellschaftern bald die Zahlen vorlegen kann.

ECOreporter.de: Herr Herrmannsdörfer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Bild: Logo der HerMerlin AG; Jürgen K. Herrmannsdörfer
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