24.01.07 Nachhaltige Aktien , Meldungen

24.1.2006: Der Klimawandel als Unternehmensrisiko - Teil 1: Sturmwarnung für die Weltwirtschaft

Szenen wie zum Ende der vergangenen Woche, als das Sturmtief "Kyrill" nicht nur den Bahnverkehr lahm legte und in Deutschland versicherte Schäden von voraussichtlich rund 1 Milliarde Euro verursachte, dürften sich in den nächsten Jahren häufen. Davon gehen zumindest die Klimaforscher aus. Sie warnen vor einer Häufung von Wetterextremen infolge des Klimawandels. In der kommenden Woche will das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), eine von der World Meteorological Organization (WMO) und dem United Nations Environment Programme (UNEP) gegründete Expertenrunde aus 2.500 Wissenschaftlern weltweit den neuesten UN-Bericht zum Klimawandel veröffentlichen. Laut Informationen der New York Times wird das Wissenschaftler-Gremium IPCC weitere Belege dafür vorlegen, dass der Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent die Erderwärmung verursacht. Die Auswirkungen des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur sind vielfältig: So sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts 60 Prozent des Gletschereises in den Alpen weggetaut, in der Arktis betrug der Schwund allein in den letzten 30 Jahren rund 40 Prozent der Eismasse.
Die 1990er Jahre waren das wärmste Jahrzehnt im vergangenen Jahrtausend, die vier Jahre von 2001 bis 2004 zählen zu den fünf wärmsten Jahren seit 1861. Gleichzeitig hat die Anzahl ungewöhnlich starker Stürme wie "Kyrill" oder dem Hurrikan "Katrina", der 2005 die Karibik und den Süden der USA verwüstete, enorm zugenommen. Eine Folge: für die Versicherungswirtschaft war 2004 das teuerste Naturkatastrophenjahr aller Zeiten.

Doch nicht nur der Versicherungsbranche drohen starke wirtschaftliche Belastungen durch den Klimawandel. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat errechnet, dass bereits bei einer globalen Temperaturänderung um 1 °C weltweit volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von bis zu 2 Billionen US-Dollar im Jahre 2050 möglich sind. Das IPCC prognostizierte in den Szenarien seines letzten Berichtes einen Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 um mindestens 1,4 °C. Wie in der vom DIW vorgelegten Studie ausgeführt wird, treffen klimabedingte Naturkatastrophen die Wirtschaft und damit die Kapitalmärkte in vielfältiger Weise. Verlorene Rohstoffe, zerstörte Produktionsstätten, Ausfälle bei Zulieferern und Betriebsunterbrechungen wirkten sich auf den Erfolg von Unternehmen und damit auf ihre Aktienkurse aus. Größere Zerstörungen minderten die Leistungsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften. Kurz- bis mittelfristig verringere sich ihr Wachstum, Absatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen sänken und die Börsen tendierten nach unten. Auch Anleihemärkte würden beeinflusst, da ein geringeres Wirtschaftswachstum in der Regel mit einem geringeren Zinsniveau einhergehe. Gerade in besonders betroffenen Branchen wie dem Energie- oder dem Automobilsektor habe der Umgang der Unternehmen mit den Herausforderungen des Klimawandels daher unmittelbaren Einfluss auf deren wirtschaftlichen Erfolg.

In dasselbe Horn, aber mit weitaus größerem Widerhall, stieß der so genannte Stern-Report, der vor wenigen Monaten nicht nur die Finanzbranche aufschreckte. Der vom ehemaligen Chefökonom der Weltbank Nicholas Stern verantwortete Bericht stellte fest, dass ein ungehemmter Klimawandel die Weltwirtschaft in eine Krise wie in den dreißiger Jahren stürzen würde. Die Folgen des Klimawandels könnten laut seinen Berechnungen zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts verschlingen. Rechtzeitig ergriffene Maßnahmen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, würden dagegen jährlich nur etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten. Der Stern-Report bezeichnete den Klimawandel als den "größten Fall von Marktversagen, den die Welt je gesehen hat", und er stehe in Wechselwirkung zu anderen Marktdefiziten. Er fordert, die Emission von Treibhausgasen mit einem Preis zu belegen, Innovationen und den Einsatz kohlenstoffarmer Energietechnologien zu fördern und mit politischen Initiativen den Weg zu einer effizienten Energienutzung zu ebnen. Es sei durchaus möglich, das Wirtschaftswachstum von den Treibhausgasemissionen abzukoppeln. Wenn man jedoch den Klimawandel ignoriere, schade man letztlich sogar dem Wirtschaftwachstum. Denn Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels würden der Wirtschaft beträchtliche neue Chancen bieten, da neue Märkte für kohlenstoffarme Energietechnologien und andere emissionsarme Güter und Dienstleistungen entstünden und diese Märkte auf einen Wert von Hunderten Millionen Dollar jährlich anwachsen könnten.

Auch die möglichen Auswirkungen auf das Börsengeschehen sind bereits untersucht worden. So hat die auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierte Trucost die Bedeutung der Treibhausgasemissionen für den britischen Anlagemarkt analysiert. Ihr zufolge sind die 100 größten an der Financial Times Stock Exchange (FTSE) gelisteten Aktienunternehmen allein für 1,6 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Trucost kommt zu dem Ergebnis, dass 12 Prozent des Gewinns vor Zinsen und Steuern und Abschreibungen (EBITA) der FTSE 100 von Klimarisken bedroht sei. Bei einigen Unternehmen liege dieses Risiko sogar bei einem Wert von über 50 Prozent.

Das Bewusstsein für die mit dem Klimawandel einher gehenden Unternehmensrisiken ist in Deutschland offenbar noch nicht ausreichend geschärft. Laut Berthold R. Metzger, Partner und Leiter der Climate Change Services der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, werden die mit hohen Treibhausgasemissionen einher gehenden Risiken noch immer unterschätzt. Das erklärte er gegenüber ECOreporter.de auf einer Konferenz in Frankfurt. Nach Metzgers Einschätzung können zögerliche Reaktionen der Unternehmen auf Klimarisiken zu vielfältigen Schäden führen. Auch könne sich daraus beispielsweise eine Anspruchsgrundlage für Aktionärsklagen ergeben, warnte er.

Am Beispiel der Automobilbranche konkretisieren wir im zweiten Teil unserer Reihe über den "Klimawandel als Unternehmensrisiko" , warum die globale Erwärmung schon jetzt ein wichtiges Thema für börsennotierte Unternehmen und ihre Investoren ist. Per Mausklick gelangen Sie zu dem Artikel Mangelndes Tempo beim Klimaschutz schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autobauer. In weiteren Beiträgen von ECOreporter.de stehen dann unter anderem die DAX30-Titel im Fokus unserer Berichterstattung.

Bildhinweis:
Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur / Quelle: Hadley Centre for Climate Prediction and Research;
etliche Unternehmen verbessern ihre Klimabilanz bereits durch Investitionen in Erneuerbare Energie / Quelle: NEG Micon
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