24.03.05 Fonds / ETF

24.3.2005: "Letztendlich muss der Anleger entscheiden" - ECOreporter.de-Interview ?ber Nachhaltigkeitsbewertungen nach dem best-in-class Prinzip

Das best-in-class Prinzip baut darauf, dass durch die Auswahl der Nachhaltigkeitsbesten in Branchen mit hoher Umweltbelastung eine Art Wettbewerb darum angesto?en wird, nachhaltiger als die Konkurrenz zu wirtschaften. Kritiker monieren, dass dieser Ansatz der Titelauswahl für Nachhaltigkeitsfonds die Abgrenzung von nachhaltigen Unternehmen zu Umwelts?ndern aufgeweicht wird (wir berichteten ?ber das Beispiel Alcoa im ECOreporter.de-Beitrag vom 17. M?rz). Prof. Dr. Stefan Schaltegger ist seit Januar 1999 Leiter des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Umweltmanagement an der Universit?t L?neburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem ?kologieorientiertes Management und Umwelt?konomie. Im ECOreporter.de-Interview ?u?erte er sich unter anderem zu Vor- und Nachteile des best-in-class Ansatzes und zur Nachhaltigkeit von Unternehmen.

ECOreporter.de: Worin unterscheidet sich nach Ihrer Einsch?tzung das nachhaltige Investment von konventionellen Anlageprodukten? Was muss etwa ein Fonds erf?llen, um zu Recht als nachhaltig zu firmieren?
Schaltegger: Bei Nachhaltigen Investments handelt es sich um themenbezogene Finanzanlagen. Nachhaltigkeitsfonds sind Themenfonds, im Unterschied zu den meisten konventionellen Anlagefonds, die sich auf einen Marktindex, ein Land oder eine Branche ausrichten. Bei den Nachhaltigkeitsfonds kommt der zus?tzlichen Nachhaltigkeitsanalyse eine zentrale Bedeutung zu. Diese muss seri?s und glaubw?rdig sein. Nachhaltiges Investment ohne eine differenzierte Nachhaltigkeitsanalyse ist kein Nachhaltiges Investment. Das Know-how daf?r muss man allerdings ?ber Jahre aufbauen, wie bei der Finanzanalyse, das ist ganz wichtig.

ECOreporter.de: Inwiefern kann das Nachhaltige Investment nachweisbar den Anspruch erf?llen, soziale und ?kologische Fortschritte anzusto?en, die ?ber das hinaus gehen, was ohnehin geschehen w?rde?
Schaltegger: Die Auswirkungen lassen sich nicht in Heller und Pfennig oder in Tonnen messen. Aber wir sehen, dass durch nachhaltige Investments und Nachhaltigkeitsanalysen beobachtbare Prozesse angesto?en werden. Zum Beispiel reagieren immer mehr Unternehmensvertreter in immer h?heren Funktionen darauf, ob ihr Unternehmen in Nachhaltigkeitsindices und -fonds vertreten ist. Feststellen l?sst sich auch, dass Projekte, Task Forces und Nachhaltigkeitsprogramme in Unternehmen angesto?en werden, um in solche Indices und Fonds zu kommen. Die in Sachen Nachhaltigkeit f?hrenden Unternehmen, die Leader, erhalten hiermit eine Best?tigung. Dar?ber hinaus erhalten die bereits eingerichteten Nachhaltigkeitsabteilungen und die Bef?rworter von Bem?hungen um mehr Nachhaltigkeit in den Unternehmen Auftrieb. Ihre Position wird durch die mit Nachhaltigen Investments einhergehenden Prozesse gest?rkt.
Es ist auch zu beobachten, dass Unternehmen anhand der von Analysten verwendeten Nachhaltigkeitskriterien intern einen Selbstscheck durchf?hren, sich benchmarken und einen Vergleich zur Konkurrenz anstellen. Damit werden wieder Impulse für weitere Verbesserungen gegeben. Dass mittlerweile Finanzakteure auf Nachhaltigkeitsthemen achten, hat in den F?hrungsetagen Denkprozesse angesto?en, die sich auch in den Unternehmensstrategien, der Produktgestaltung, dem Risikomanagement und der Kommunikation wiederspiegeln.

ECOreporter.de: Mit welchen Ma?nahmen k?nnen Unternehmen sicherstellen, ihr Nachhaltigkeitspotential wirksam zu entfalten? Ab wann sind solche Bem?hungen mehr als nur ein Feigenblatt? Wie lassen sich Entwicklungen messen und vergleichen?
Schaltegger: Seri?ses, systematisches Nachhaltigkeitsmanagement zeichnet sich im Idealfall durch die Verbindung von Umwelt- und Sozialma?nahmen mit dem Kerngesch?ft aus, anstatt das eine Parallelorganisation aufgebaut wird, die das eigentliche Gesch?ft im Nachhinein versucht etwas "sauberer" zu machen oder darzustellen. Dazu geh?rt mehr, als einen Nachhaltigkeitsbericht herauszugeben und Philanthropie zu betreiben.
Im Umweltbereich stehen einem Indikatoren wie etwa die messbaren Emissionen oder die Abfalldaten zur Verf?gung. Im sozialen Bereich wird es schon schwieriger, Ergebnisse zu messen. Dennoch gibt es inzwischen eine gewisse Konvergenz in den Ans?tzen, unternehmerische Nachhaltigkeitsleistungen zu erfassen

ECOreporter.de: Wer vermittelt daf?r das Know-how, woher bekommen die Unternehmen mit welchem Aufwand die "Manpower", um eine Nachhaltigkeitsstrategie auch umsetzen zu k?nnen?
Schaltegger: Es gibt fast keine grundst?ndigen Studieng?nge, die solches Know-how vermitteln. Im Studium der Betriebswirtschaftslehre etwa wird an fortschrittlicheren Universit?ten allenfalls Umweltmanagement als Wahlpflichtveranstaltung angeboten. Dies ist begr??enswert, reicht aber für eine fundierte Ausbildung zu Nachhaltigkeitsmanagement bei weitem nicht aus. Daher haben wir den MBA Sustainability Management an der Universit?t L?neburg (www.sustainament.de) ins Leben gerufen, den ersten universit?ren Master of Business Administration für Nachhaltigkeitsmanagement. Damit sto?en wir auf sehr gro?es Interesse, aus allen Branchen, sowohl von gro?en als auch kleineren Unternehmen. Der E-learning gest?tzte Fernstudienlehrgang richtet sich an Berufst?tige. In Vollzeit dauert er ein Jahr, in Teilzeit berufsbegleitend zwei Jahre.


ECOreporter.de: Viele Nachhaltigkeitsfonds orientieren sich an dem von der Z?richer Ratingagentur SAM ausgew?hlten Anlageuniversum des DJSI. So werden DJS-Indizes laut dem Index-Anbieter von Verm?gens-Managern der Deutschen Postbank, der DWS, DZ Bank, von Gerling Investment, von der HypoVereinsbank, Invesco, Oppenheim, State Street Global Advisors, Union Investment und WestLB verwendet. Wie bewerten Sie Einsch?tzungen, wonach die Dominanz dieser einen Ratingagentur und ihrer Auswahlkriterien problematisch ist?
Schaltegger: Es ist ein v?llig normaler Marktvorgang, dass die Nachfolger der Pioniere, in diesem Fall also Finanzinstitute, die ihr Angebot um einen oder mehrere Nachhaltigkeitsfonds erg?nzen m?chten, ihre Kosten niedrig halten wollen und das Research oder gar das Portfoliomanagement einkaufen. Dieser Umstand dokumentiert ja, dass die Entwicklung aus der engen Nische heraus in den Massenmarkt dr?ngt. Darum bieten jetzt auch gro?e Spieler unter den Fondsanbietern Nachhaltigkeitsfonds an. Sie wollen ihre Portfolio "vollst?ndig haben", wollen damit auch auf die Nachfragen von Kunden und Medien reagieren. Ob dies schlecht oder gut ist, das h?ngt von der Qualit?t des eingekauften Research ab. Dadurch wird erst einmal nur die gro?e Multiplikatorrolle und die gro?e Verantwortung von SAM deutlich. Dies er?ffnet Chancen und Gefahren. Bei aller Visibilit?t des DJSI d?rfen wir nicht vergessen, dass es volumenm??ig gr??ere Anbieter von Nachhaltigen Finanzprodukten und Research Leistungen gibt als SAM.
Die Leader im Markt haben fr?h mit einem eigenem Research begonnen, da sie sich damals kein Research kaufen konnten, sondern ein eigenes entwickeln mussten. Die ?ber die Jahre erarbeiteten Analyseerfahrungen begr?nden heute einen Wettbewerbsvorteil.

ECOreporter.de: Droht bei einem breiten Anlageuniversum eine Beliebigkeit der Einstufung als nachhaltiges Unternehmen? Inwiefern w?re eine rigidere Selektion konstruktiv?
Schaltegger: Es kommt auf das Investment-Ziel an. Wenn man ?ber ein bestimmtes Anlagevolumen verf?gt, kann man auf die Kunden zugeschneiderte Anlageprodukte anbieten. Leader mit eigenem Research k?nnen solch ein "Customizing" vornehmen. Follower, also Nachz?gler, k?nnen dagegen nur standardisierte Produkte anbieten. Wer als Anleger auf eine rigide Titelselektion setzen will, der kann ein solches Produkt bekommen. Eine rigide Selektion ist jedoch nicht unbedingt konstruktiv. Damit k?nnen zwar Signale gesetzt werden, es l?sst sich zeigen, dass Nachhaltiges Investment einen Strukturwandel erfordert. Aber das Risiko eines Scheiterns und der Rufsch?digung des Nachhaltigen Investments als solches ist gro?. Es muss abgewogen werden, man kann sowohl zu lasch als auch zu rigide sein. Im ?brigen kann ein best-in-class Ansatz in mehr Branchen Anreize für eine nachhaltige Entwicklung setzen.

ECOreporter.de: Wo liegen nach Ihrer Einsch?tzung die Vorteile des best-in-class Ansatzes, wo die Nachteile?
Schaltegger: Portfoliomanager wollen Ertr?ge steigern, das Risiko reduzieren und deshalb die Investments diversifizieren. Das best-in-class Prinzip er?ffnet M?glichkeiten, zu diversifizieren und folgt dem Wunsch, die "Besten", also ertragsstarke, nachhaltige Unternehmen in verschiedenen Branchen, auszuw?hlen. Ein weiterer Aspekt ist die Marktkapitalisierung der Unternehmen. In Deutschland sind zum Beispiel die Automobilhersteller in dieser Hinsicht eine so dominante Gr??e, dass man sie als Portfoliomanager nicht ignorieren m?chte. Das ist von Region zu Region unterschiedlich. Was hier die Automobilindustrie, ist etwa in der Schweiz die Finanz- und Pharmabranche.
Durch den best-in-class Ansatz l?sst sich mit der Auswahl der Nachhaltigkeitsbesten ein Anreiz daf?r geben, dass sich eine Branche voran bewegt. Durch die Brancheneinteilung ist auch eine bessere Vergleichbarkeit der Unternehmen gegeben. Die direkten Nachhaltigkeitswirkungen eines Finanz- oder Beratungsinstituts k?nnen ja nicht mit denen eines Industriekonzerns verglichen werden. Die Brancheneinteilung erm?glicht einen faireren Vergleich zwischen Unternehmen, besonders gegen?ber Problembranchen. Zu bedenken ist ferner, dass gerade in Branchen, wie die Energie-, Automobil-, Chemie- oder ?lbranche, das gr??te Potential liegt, die meisten Nachhaltigkeitsfortschritte zu erzielen.
Der gro?e Nachteil des best-in-class Ansatzes ist nat?rlich, dass auch ein Unternehmen mit gro?er Umwelt- und Sozialbelastung das nachhaltigkeitsbeste Unternehmen seiner Branche sein kann. Das ist insbesondere aus rein ?kologischer Sicht oft nur schwer nachzuvollziehen.
Es gibt auch bestimmte Unternehmen oder Branchen, die zu weit von einer nachhaltigen Entwicklung entfernt sind. Diese sollten - zumindest solange keine nennenswerten Fortschritte erzielt werden - von einem nachhaltigen Investment ausgeschlossen werden. Entscheidend ist deshalb, wie das best-in-class Prinzip mit bestimmten Ausschlusskriterien kombiniert wird. Dabei kann man zu dem Ergebnis kommen, das der Nachhaltigkeitsbeste noch immer zu schlecht ist, um ausgew?hlt zu werden. Diese Ansicht vertreten zum Beispiel viele für die Automobilbranche.
Letztendlich muss der Anleger entscheiden, ob ihn die jeweilige Kombination ?berzeugt. So gibt es zum Beispiel aus meiner Sicht keine nachhaltige R?stung. Aber es gibt auch Anleger, die R?stungsfirmen akzeptieren, etwa weil sie ihrer Meinung nach einem Staat die Verteidigung und Friedenssicherung erm?glichen. In diesem Bereich kann sich meines Erachtens nur ein Friedensinstitut für ein nachhaltiges Investment qualifizieren, das mit einem guten Gesch?ftsmodell ?konomisch erfolgreich ist.

ECOreporter.de: Herr Schaltegger, wir danken Ihnen für das Gespr?ch.


Bildhinweis:
Stefan Schaltegger / Quelle: Uni L?neburg
Nach dem best-in-class Prinzip ist Bayer eine Nachhaltigkeitsaktie: Laborarbeiten im Papiertechnikum des Chemiekonzerns / Quelle: Unternehmen
Shell ist ebenfalls als Nachhaltigkeitsaktie umstritten: Tankstelle in ?gypten / Quelle: Unternehmen
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