24.05.05 Nachhaltige Aktien , Meldungen

24.5.2005: Gr?ne Fischst?bchen? Die Fischbratlinge werden jetzt aus nachhaltigem Fischfang produziert - ECOreporter.de-Interview mit Dierk Peters, Manager für Sustainability der iglo-Mutter Unilever

Der Nahrungs- und Genussmittelhersteller Unilever bem?ht sich seit vielen Jahren um eine nachhaltige Gesch?ftspolitik. Als eines der nachhaltigsten Unternehmen seiner Branche ist Unilever in zahlreichen Nachhaltigkeitsindices und -fonds vertreten. Zu den vielen Marken der Gesellschaft geh?rt auch die Tochter "Iglo", die Fischprodukte herstellt. Iglo-Fischst?bchen wird es bald nur noch mit Fisch aus umweltvertr?glichem und nachhaltigem Fischfang gem?? Marine Stewardship Council (MSC) geben. Wie gro? ist das Interesse der Verbraucher an nachhaltigem Fischfang? Woher kommt der Fisch und welche Bedeutung hat der MSC für den Erhalt der weltweiten Fischbest?nde? ECOreporter.de sprach ?ber diese und weitere Fragen mit Dierk Peters, Manager für Sustainability bei Unilever.

Rund 700 Mio. Euro setzt Unilever j?hrlich mit tiefgek?hltem Fisch um, damit z?hlt die Gesellschaft zu den f?nf gr??ten Verk?ufern weltweit. Die Tochter Iglo ist mit 80 Millionen Euro deutscher Marktf?hrer. Rund 40 Prozent der Erl?se stammen aus dem im Interview erw?hnten Alaska Pollock in Fischst?bchen.
Die weltweit t?tige Unilever hat die Hauptsitze in Rotterdam und London. In Deutschland residiert Unilever in Hamburg. Die Aktie ist an verschiednen B?rsen weltweit notiert. Darunter die Finanzpl?tze Amsterdam (Unilever NV -CVA; ISIN NL0000009348 WKN 860028) und London (Unilever PLC; ISIN GB0005748735 WKN 920301).

Die Unilever-Aktie ist in verschiedenen Nachhaltigkeitsfonds enthalten. Zu erw?hnen sind insbesondere die Fonds der Swisscanto Fondsleitung AG, Z?rich, und der Julius B?r MI-Fonds ECO. Die Z?richer schlie?en in ihren Anlagerrichtlinien Investments in Unternehmen aus, die "Fischfang ohne Marine Stewardship Council (MSC) - Zertifizierung betreiben". Noch genauer nimmt es der Julius B?r MI-Fonds ECO, der dar?ber hinaus nicht in Unternehmen investiert, die "an Unternehmen beteiligt sind, die Fischfang ohne Marine Stewardship Council (MSC) - Zertifizierung betreiben". Weitere Fonds, die Unilever-Aktien halten, sind laut unserer Datenbank ECOfondsreporter der ?ko Trend Stocks Europe und der SAM Sustainable European Equity Fund. Die Aktie ist dar?ber hinaus in zahlreichen Nachhaltigkeitsindices enthalten, darunter der DJSI World und der FTSE4GOOD Global.


ECOreporter.de: Herr Peters, für die Marke "iglo" verwendet Ihr Tochterunternehmen Langnese-iglo GmbH zu 40 Prozent Fisch aus umweltvertr?glichem und nachhaltigem Fischfang gem?? Marine Stewardship Council (MSC). Ihr bekanntestes iglo-Produkt, die Fischst?bchen, wird jetzt mit MSC zertifizierter Rohware angeboten. Gibt es jetzt nur noch Fischst?bchen mit MSC-Fisch oder parallel dazu rein konventionelle Ware?
Dierk Peters: Unsere Fischst?bchen werden ab dem laufenden Monat zu 100 Prozent aus MSC-zertifiziertem Alaska Pollock hergestellt. Wenn wir mehr MSC-Fisch haben, als wir für dieses Produkt ben?tigen, gehen Mehrmengen in andere Produkte ein.


ECOreporter.de: Wie ist die Resonanz auf die MSC-Produkte bei Ihren Kunden?
Peters: Um dazu etwas zu sagen, ist es noch zu fr?h. Es wird noch etliche Wochen dauern, bis die Ware in den M?rkten ist. Wir werden die Umstellung erst in der zweiten Jahresh?lfte mehr kommunizieren. Au?erdem haben wir auch bisher schon Fisch aus MSC-Fischerei für die Fischst?bchen verarbeitet, es wird also aus Sicht der Kunden einen gleitenden ?bergang geben.


ECOreporter.de: Sind nachhaltige Fischprodukte teurer als herk?mmliche?
Peters: Darauf m?chte ich mit Nachdruck antworten: Nein! Es wird bei uns keine Preiserh?hung durch die MSC-Zertifizierung geben. Der Verbraucher erwartet einfach, dass sich f?hrende Marken wie "iglo" dieses Themas annehmen. Wir sehen uns im ?brigen bereits am oberen Ende der Preisskala.


ECOreporter.de: Woher kommt der nachhaltig gefangene Fisch, den Sie für Ihre Produkte verarbeiten? Welche L?nder sind in Fragen des nachhaltigen Fischfangs besonders kooperativ?
Peters: Die gr??te Menge an MSC-zertifiziertem Fisch stellt der Alaska Pollock . In Deutschland wird dieser Fisch "Alaska Seelachs" genannt, in ?sterreich ?brigens "Polardorsch". Er stammt aus den Gew?ssern im Nordpazifik zwischen den USA und Russland. In beiden L?ndern gibt es bedeutende Fischereiflotten, aber nur in den USA ist die Fischerei des Alaska Pollock inzwischen zertifiziert.

Der Marine Stewardship Council ist mit dem Anspruch ins Leben gerufen worden, globale Wirkung zu entfalten. Das wird auch zunehmend sichtbar. Inzwischen wird zum Beispiel das MSC-Siegel allgemein als globales ?kolabel für Wild Fisch anerkannt. Die Zertifizierung einer Fischerei ist ?brigens nicht an die Gr??e gekoppelt: Die Alaska Pollock Fischerei ist nat?rlich sehr gro?, aber auch die im Vergleich damit winzige Hering-Fischerei auf der Themse wurde zertifiziert.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die aktuelle Diskussion innerhalb des MSC ?ber das Problem der kulturellen Unterschiede bei kleinen Fischereien, sogenannten Artisanals. Ist es zwingend notwendig, dass diese kleinen Fischereien heute einen hohen technischen Standard hat, oder k?nnen traditionelle Formen von Knowhow integriert werden?

Das ber?hrt nat?rlich unmittelbar die Frage nach der Zertifizierung des Fischfangs in ?rmeren L?ndern zum Beispiel in Asien oder Afrika. Auch dort gibt es bereits MSC-Fischereien z.B. in Mexiko, und S?dafrika . Ausserdem ist Neuseeland zu nennen.

Wichtig ist: Der MSC war von Anfang an kein "Club of the Perfect" sondern arbeitet mehr nach dem Ansatz Best In Class. Die Fischereien bem?hen sich permanent um eine Verbesserung ihrer Arbeit. Das funktioniert ganz konkret und nachvollziehbar: Sie bekommen so genannte "corrective actions" - man k?nnte sagen Hausaufgaben - die sie abarbeiten m?ssen. Man k?nnte zusammenfassend sagen: Das Ziel des MSC ist das Bem?hen um stetige Verbesserung auf h?chstem Niveau. Schwer wiegende M?ngel in der Fischerei d?rfen MSC-Fischereien nat?rlich nicht haben!


ECOreporter.de: Was für Fischarten werden derzeit nachhaltig befischt?
Peters: Die gr??te Bedeutung der MSC zertifizierten Fischereien hat der Alaska Pollock. An zweiter Stelle steht derzeit der wildgefangene Alaska Wildlachs, dann folgt der blaue Seehecht aus Neuseeland und schlie?lich der s?dafrikanische Seehecht. Allein vom Pollock werden j?hrlich 1,4 Millionen Tonnen gefangen. Es folgen weitere sieben kleinere Fischereien


ECOreporter.de: Wie gro? ist die Menge an MSC-Fisch im Vergleich zum herk?mmlichen Fischfang?
Peters: Inzwischen ist zumindest beim Pollock das verf?gbare Volumen des nachhaltigen Fangs leicht h?her als das des Konventionellen. Bei Unilever haben wir das Verh?ltnis komplett umgekehrt : fr?her bezogen wir ungef?hr zwei Drittel des Alaska Pollocks aus Russland. Jetzt kommt das Meiste aus den USA. Die Best?nde in den russischen Gew?ssern sind stark zur?ckgegangen.

Wir kaufen ?brigens bewusst weiterhin in Russland ein. Wir wollen den gesch?ftlichen Kontakt halten und versuchen Anregung zu geben, damit sich auch dort andere Methoden durchsetzen. ?hnlich gehen wir auch in anderen Teilen der Erde vor, zum Beispiel in Argentinien, dort kaufen wir Seehecht.

Ganz zur?ck gezogen haben wir uns allerdings aus dem Bezug des Kabeljaus in der Nordsee. Die Best?nde dort sind bedroht, weil seit Jahren zu viel gefangen wird.


ECOreporter.de: Wie begegnet MSC steigender Nachfrage?
Peters: Daf?r gibt es Fischerei-Managementsysteme. Die haben die Aufgabe, daf?r zu sorgen, dass die maximale Menge die gefischt wird, ein vern?nftiges Ma? nicht ?bersteigt, also keine ?berfischung stattfindet. Das muss wissenschaftlich fundiert sein.
Daf?r braucht es nat?rlich unter anderem eine funktionierende staatliche Aufsicht. In Europa gibt es allerdings eine Reihe von Defiziten im Fischerei-Management


ECOreporter.de: Die Meere sind offen, wie kann verhindert werden, dass Fischer von MSC profitieren, die sich selbst nicht an dem Programm beteiligen?
Peters: Auch das z?hlt zu den Aufgaben des Fischereimanagements: Piratenfischerei muss sofort dingfest gemacht werden. Effiziente Monitoring- und Controllingsysteme sind unverzichtbar für eine nachhaltige Fischerei, ohne die geht es nicht.
Bei der Zertifizierung wird das nat?rlich sehr sorgf?ltig gepr?ft. Deshalb dauert so eine Zertifizierung auch zumindest einige Monate wenn nicht Jahre, wie zum Beispiel im Fall des Alaska Pollock.


ECOreporter.de: Beinhaltet die Fischerei nach MSC auch soziale Gesichtspunkte?
Peters: Nat?rlich spielen soziale ?berlegungen in der Methodik des MSC eine Rolle. Die Grundausrichtung ist aber sehr stark problemorientiert; es geht um die Erhaltung des Fischbestands, ?kologische Gesichtspunkte stehen stark im Vordergrund.

Als Institution ist der MSC aber so organisiert, dass alle relevanten Anspruchsgruppen integriert wurden. Dazu geh?ren nat?rlich auch die Besch?ftigten im Fischfang, sie sind mit dem World Forum of Fish Harvesters and Fish Workers im Stakeholder Council des MSC vertreten.
Man kann sagen, dass die Integration breiter Interessengruppen von Beginn an ein Grundprinzip des MSC war. Er w?rde nicht funktionieren und k?nnte sich nicht weiter entwickeln, wenn nicht alle Beteiligten gleichberechtigt eingebunden w?ren.
Unilever, zusammen mit dem WWF die Initiatoren des MSC , haben keine bevorzugte Stellung im MSC. Schauen sie auf dem Vorstand: dort ist unsere Konkurrenz vertreten, nicht wir. MSC geh?rt nicht Unilever!

Wenn Sie sich die Struktur des Councils genauer anschauen, werden Sie entdecken, dass da so etwas wie die "UNO des Fisches" entstanden ist. Der MSC ist h?lftig besetzt mit Vertretern ?ffentlicher Interessen und Vertretern der Industrie. Es ging immer darum, m?glichst viele Stakeholder in den Prozess der Weiterentwicklung zu integrieren.


ECOreporter.de: Herr Peters, wir danken Ihnen für das Gespr?ch!


Bilder: Dierk Peters; Fischst?bchen / Quelle: Unternehmen
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