24.06.03 Nachhaltige Aktien , Meldungen

24.6.2003: ECOreporter.de-Interview mit oekom research-Vorstand Matthias Bönning: "Grundlage eines Ratings ist die Schaffung eines Gesamtbildes."

Die Münchener oekom research AG hat die Ergebnisse ihres aktuellen Länder-Ratings veröffentlicht (Meldung auf ecoreporter.de vom 19. Juni). Die Rating- Agentur bewertet die 30 OECD-Staaten und Russland nach 150 ökologischen und sozialen Indikatoren. ECOreporter.de sprach mit Matthias Bönning, oekom research-Vorstand, über die oekom-Bewertungsgesichtspunkte und praktische Auswirkungen des Länderratings für den Anleger.


ECOreporter.de: Staatsanleihen sind gerade für ökologisch oder nachhaltig orientierte Anleger aufgrund der Börsenkrise interessant geworden. Sie haben nun untersucht, wie nachhaltig einzelne Länder sind. Kann der Anleger nachhaltig investieren, wenn er Anleihen der fünf Länder kauft, die bei Ihnen am besten abgeschnitten haben?
Bönning: Mit dem Country Rating der oekom research AG identifizieren wir diejenigen Länder, die im Bereich ökologischer und sozialer Fragen die besten Leistungen erzielen. Dies geschieht nach zwei grundlegenden Ansätzen:

Erstens nach dem Best in Class-Ansatz, mit Hilfe dessen die einzelnen Länder auf Basis ihres Abschneidens im Rating zueinander ins Verhältnis gesetzt werden können. Dieser Ansatz beruht also nicht auf einer Aussage über die absolute Performance eines Landes - Norwegen, unser Spitzenreiter im Rating, erreicht lediglich 82,02 Prozent der zu vergebenen Punkte (entspricht der Note A- auf einer Skala von A+ bis D-), sondern über den relativen Vergleich der Länder zueinander. Zweitens haben wir ein umfangreiches Set von kundenindividuell festzulegenden Ausschlußkriterien definiert, die es unseren Kunden ermöglichen, ein Land unabhängig vom Best in Class-Ansatz vom Investment auszuschließen. Dabei handelt es sich beispielsweise um Kriterien wie die Todesstrafe, schwere Korruption oder Menschenrechtsverletzungen oder aber Widerstand gegen das Kyoto-Protokoll. Der Kunde kann durch derartige Ausschlußkriterien das Best in Class-Ranking entsprechend seiner individuellen Wertvorstellungen beeinflussen.

Empfehlungen orientieren sich also immer auch an den Wertvorstellungen unserer Kunden und können daher nicht pauschal getroffen werden. Auf der Basis unserer Bewertung zeigen aber die von Ihnen erwähnten fünf Länder in der Tat eine deutlich überdurchschnittliche Nachhaltigkeitsleistung und können daher grundsätzlich für eine Anlage empfohlen werden.

ECOreporter.de: Dänemark hat nun eine "Rechtsaußen"-Regierung, betreibt eine sehr harte Asylpolitik, die einstmals als vorbildliche gelobte Förderung der Erneuerbaren Energie wurde nahezu abgeschafft. Statt Offshore-Windkraft aufzubauen, will das Land Emissionsrechte kaufen und mehr Strom aus Kohle herstellen. Zudem hat Dänemark sich mit eigenen Truppen am Irak-Krieg beteiligt. Warum landet Dänemark in Ihrer Untersuchung dennoch auf einem der vorderen Plätze?
Bönning: In unserem aktuellen Rating hat Dänemark den vierten Platz erreicht und sich damit seit der letzten Untersuchung vor einem Jahr um zwei Plätze verschlechtert. Absolut gesehen erreicht das Land eine Gesamtbewertung von A- oder 79,62 Prozent der möglichen Punkte. Trotz der von Ihnen aufgeführten Aspekte sehen wir Dänemark noch immer als vergleichsweise vorbildliches Land bezüglich relevanter sozialer und ökologischer Fragestellungen an. Besonders positiv sind beispielsweise die weitreichende Einhaltung von Grundrechten, die fortschrittliche Gleichstellung von Frauen in Beruf und Politik, hohe Entwicklungshilfeausgaben, geringe Korruption, der Verzicht auf eigene Atomkraftwerke sowie der effiziente Umgang mit natürlichen Ressourcen aufgefallen.

Selbstverständlich wird man in jedem zu untersuchenden Land auch Aspekte finden, die kritisiert werden können. Grundlage eines Ratings ist aber gerade die Schaffung eines Gesamtbildes, welches sich aus vielen Einzelindikatoren zusammensetzt.

ECOreporter.de: Norwegen ist Spitzenreiter bei Ihrer Untersuchung. Aber das Land ist einer der führenden Erdöl-Exporteure, und es betreibt eine von allen Umweltorganisationen kritisierte Walfang-Politik....
Bönning: Natürlich ist es möglich, bei einem so komplexen Gebilde wie einem Staat Bereiche zu identifizieren, die aus Nachhaltigkeitssicht unbefriedigend sind. Insofern gibt es bei Norwegen � wie auch bei allen anderen Ländern � Untersuchungsfelder, die von uns nicht gut bewertet wurden. Um ein realistisches Gesamtbild zu erhalten, dürfen diese Bereiche allerdings auch nicht überbewertet werden, sondern müssen in einer angemessenen Art und Weise im Rahmen der 150 Indikatoren in die Analyse integriert werden.

Norwegen überzeugt insgesamt auf ähnlichen Gebieten wie Dänemark. Vor allem die hohen Sozialstandards, die hervorragende Sozial-Infrastruktur, der Verzicht auf eigene Atomkraftwerke sowie der sehr hohe Anteil regenerativer Energien bei der nationalen Energieerzeugung haben zu dieser Spitzenposition geführt.

ECOreporter.de: Kommt es für Anleger, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, in Frage, deutsche Bundesanleihen zu zeichnen?
Bönning: Im Gesamtrating hat Deutschland den zehnten Rang erreicht, im Vergleich zu Platz 12 vom Vorjahr. Damit dürfte Deutschland in der Regel für ein Investment aus Nachhaltigkeitssicht in Frage kommen.

ECOreporter.de: Herr Bönning, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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