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25.4.2007: "Der Zertifizierungsprozess steht kurz vor der Fertigstellung" - ECOreporter.de-Interview mit Markus Radday, Referent Tropenwald beim WWF Deutschland, über Nachhaltigkeit in der Palmölproduktion

Die Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) hat sich im Rahmen einer Studie mit der Energiebilanz von Palmöl beschäftigt. Das vor allem in Asien hergestellte Pflanzenöl wird in der Nahrungsmittelindustrie und zur Herstellung von Waschmitteln eingesetzt. Interessant ist der nachwachsende Rohstoff auch als Rohstoff für die Biokraftstofferzeugung und Energieträger für die Produktion von Strom und Wärme. ECOreporter.de sprach mit Markus Radday, Referent Tropenwald beim WWF Deutschland über die Produktionsbedingungen von Palmöl und die Bemühungen um Nachhaltigkeit bei den Erzeugern.

ECOreporter.de: Welche Unternehmen bemühen sich um die nachhaltige Produktion von Palmöl?
Markus Radday :Die Mitglieder des sogenannten "Roundtable on Sustainable Palm Oil" (RSPO). Das ist eine Organisation nach Schweizer Recht, die sich aus Produzenten ,Verarbeitern und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) aus dem Umwelt- und Sozialbereich zusammen setzt. Gemeinsam haben die Mitglieder des RSPO Kriterien und Richtlinien für die Palmölproduktion erstellt. Dazu gehören sowohl ökologische als auch soziale Aspekte wie zum Beispiel das Verbot der Kinderarbeit oder die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten. Aus ökologischer Sicht hält der WWF besonders das Verbot der Umwandlung von hochwertigem Regenwald in Plantagenflächen für wichtig.

ECOreporter.de: Wie weit ist der RSPO denn bei seinem Bemühen um Zertifizierung?
Radday :Ein erster wichtiger Schritt in Richtung nachhaltiger Palmölproduktion ist schon gemacht: Kein Betrieb kann in Zukunft zertifiziert werden, der nach November 2005 begonnen hat, Naturwald zu roden. Ausnahmen von dieser Regel wird es nur über ein aufwendiges Prüfverfahren geben. Im Rahmen eines solchen Verfahrens wird es unter anderem eine ökologische Bewertung von Wald geben, und die Gemeinden vor Ort müssen in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Der Zertifizierungsprozess steht kurz vor der Fertigstellung. Wir erwarten für Herbst 2007 einen vorläufigen Abschluss der Verhandlungen und das Inkrafttreten der Zertifizierung. Die Zertifizierung wurde im Rahmen eines Stakeholderprozesses entwickelt, in den die betroffenen Firmen einbezogen sind. Damit ist gewährleistet, dass sie dem Verfahren zugestimmt haben. Das Palmöl aus diesem nachhaltigen Anbau können wir als WWF akzeptieren.


ECOreporter.de: Wie sinnvoll ist aus Ihrer Sicht die Verwendung des Palmöls als Energieträger?
Radday :Obwohl die Nachfrage boomt, wurde noch nicht geprüft, inwiefern sich Palmöl als Energieträger eignet. Welche Treibhausgasbilanz hat das Palmöl? Auch wenn das Öl zertifiziert wird, kann es unter Umständen bei der Herstellung mehr Treibhausgase freisetzen, als beim Verbrauch eingespart werden. Das hängt vor allem von den Böden ab, auf denen die Palmen angebaut werden. Wenn Torfstandorte für den Anbau von Ölpalmen genutzt werden, werden oft über Jahre hinweg große Mengen an Treibhausgasen frei. Durch Brände in Trockenzeiten kann dies sogar innerhalb weniger Wochen geschehen. Hier muss der RSPO auch noch Lösungen finden.


ECOreporter.de: Welche Länder sind glaubhaft aktiv für eine nachhaltige Produktion?
Radday :Zumindest technologisch gesehen liegt Malaysia vorn. Indonesien ist demgegenüber ein Negativbeispiel und dort ist der Regenwald noch mehr gefährdet. In Ghana hat sich eine Plantage als weltweit erste verpflichtet, nach den Round-Table-Kriterien zu arbeiten. 85 Prozent des weltweiten Palmölanbaus liegen allerdings in Malaysia und Indonesien.


ECOreporter.de: Wo liegen die Schwierigkeiten beim Aufbau nachhaltiger Bewirtschaftungsstrukturen?
Radday :Nehmen wir das Beispiel Indonesien: Dort gibt es ein Zusammenspiel der Regierung mit großen indonesischen und oder in Singapur registrierten Firmen. Die verschleudern den Wald dort als Ressource regelrecht. Der Bevölkerung vor Ort kommt das kaum zugute. Und die großen europäischen Abnehmer - das sind ein gutes Dutzend Firmen, darunter Nestle, Henkel und Unilever - wissen meist gar nicht so genau, wo das Öl herkommt, das sie über den Rotterdamer Spotmarkt zukaufen.

Noch ist es schwierig, wirksam Einfluss auszuüben; die Firmen vor Ort fühlen sich nicht genug unter Druck gesetzt, es gibt reichlich Ausweichmöglichkeiten. Wir erwarten aber, dass sich die Situation durch den zukünftigen hohen Bedarf der EU-Länder nach zertifiziertem Öl, besonders als Energieträger, ändern wird.


ECOreporter.de: Profitieren die Menschen in der Region von der Palmölerzeugung?
Radday :Ja, über eine Million Menschen arbeiten in Indonesien für den Ölpalmensektor. Die Arbeitsbedingungen sind oft menschenunwürdig und wo Wald gerodet wird, kommt es häufig zu heftigen Landrechtskonflikten. Eine künftige nachhaltige Bewirtschaftung würde vor allem dafür sorgen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Zum Beispiel würden Pestizide nicht mehr so unkontrolliert eingesetzt.

ECOreporter.de: Herr Radday, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Lesen Sie zum Thema "Palmöl" auch unsere Berichte

- vom 13.10.2006: Fragwürdiger Biodiesel-Boom an der Börse

- vom 17.1.2007 Bundesumweltministerium skeptisch beim Einsatz von Palmöl zur Stromerzeugung).

- vom 23.4.2007 Bilanz des Umweltverbandes WWF zu Palmöl).


Tropenwald / Quelle: Precious Woods Holding AG
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