25.08.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

25.8.2004: "Das Zauberwort heißt Bürgercontracting" - Klimaschutz als Kapitalanlage

Gelsenkirchen, Emmerich oder Engelskirchen, auf den Dächern von Schulen in Nordrhein-Westfalen entstehen Solarkraftwerke. Gebaut werden die Anlagen von örtlichen Betreibergesellschaften wie der "Solar&Spar Contract GmbH & Co. KG Gesamtschule Berger Feld". Die Idee kommt aus Wuppertal. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH hat ein Projekt mit dem Titel "Solar und Spar" ins Leben gerufen. Das Modell: eine Kombination von solarer Stromerzeugung und Energieeinsparung im Rahmen eines Investitionsmodells. ECOreporter.de sprach mit Dr. Kurt Berlo, Projektleiter für Solar und Spar am Wuppertal Institut, über die Resonanz auf das Projekt bei den Schulen, die mögliche Rendite und die Beteiligungsangebote.


ECOreporter.de: Herr Berlo, Sie schreiben, dass Ihr Projekt "Solar und Spar" durch die Nordrhein-Westfälische Landesregierung unterstützt wird. Wie genau sieht diese Unterstützung aus?
Kurt Berlo: Die Solar- und Sparprojekte werden im Rahmen der "100.000 Watt-Solar-Initiative für Schulen in NRW - EnergieSchule 2000+" umgesetzt. Das ist ein Leitprojekt der Landesinitiative Zukunftsenergien NRW. Das Konzept haben wir am Wuppertal Institut gemeinsam mit unserem Partner Dieter Seifried (Ing.-Büro ö-quadrat) aus Freiburg entwickelt. Für die Erstellung des Konzeptes und für die wissenschaftliche Begleitstudie erhält unser Institut finanzielle Mittel vom Ministerium für Verkehr, Energie und Landesplanung des Landes NRW.

ECOreporter.de: Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern und Großeltern sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger der jeweiligen Gemeinde könnten sich kapitalmäßig (als stille Gesellschafter) an den Maßnahmen beteiligen, heißt es auf Ihrer Internetseite. Wie ist die Resonanz auf das Angebot?
Berlo: Die Bereitschaft bei den Menschen, sich an unseren Solar- und Sparprojekten zu beteiligen, ist sehr groß,. Das zeigen nicht zuletzt die bereits abgeschlossenen Beteiligungsprojekte in Engelskirchen und Emmerich am Rhein. Dort konnten wir das benötigte Bürgerkapital in Höhe von 190.000 bzw. 380.000 Euro jeweils innerhalb von 16 Wochen komplett einwerben. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass die angestrebten Bürgerbeteiligungen jetzt auch in Gelsenkirchen und Köln (600.000 bzw. 800.000 Euro) gezeichnet werden.

ECOreporter.de: Welche der genannten Gruppen engagieren sich am fleißigsten, woher kommen die größten Summen?
Berlo: Bislang haben wir es geschafft, jeweils rund die Hälfte der Bürgerbeteiligungen in der betreffenden Region zu akquirieren. Die stillen Gesellschafter an unseren Projekten kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Großeltern sind ebenso beteiligt wie viele umweltbewegte Bürgerinnen und Bürger, die mit den betreffenden Schulen nicht direkt etwas zu tun haben. Offensichtlich wächst die Bereitschaft bei den Kapitalanlegern, sich gezielt an ethischen Projekten zu beteiligen, die jenseits von bekannten und aufwendig beworbenen Fondsgesellschaften auftreten.

ECOreporter.de: Können auch Außenstehende Anteile an den Projekten zeichnen? Wie gelangen sie an entsprechende Angebote?
Berlo: Wie schon angeklungen ist, können wir für unsere Projekte keine teuren Anzeigen in Zeitungen, Zeitschriften etc. schalten. Wir verfügen aber über gedruckte Beteiligungsprospekte, in denen all das ausführlich dargestellt wird, was ein potenzieller Anleger wissen muss. Interessenten können die Unterlagen telefonisch, per Fax oder E-Mail bei uns anfordern. Außerdem gibt es unsere Internetseite www.solarundspar.de. Auch der sind alle notwendigen Infos zu entnehmen, die Beteiligungs-Unterlagen stehen zum Download bereit

ECOreporter.de: Wie hoch prognostizieren Sie die Rendite und von welchen Faktoren ist sie abhängig?
Berlo: Die Rendite bei unseren Solar- und Sparprojekten liegt zwischen fünf und sechs Prozent. Dabei sind die durchschnittlichen Solarerträge und die Vergütungen nach dem EEG für die gesamte Laufzeit der Projekte bekannt. Bei den realisierten Maßnahmen zur Energieeinsparung kommt es darauf an, dass unsere Planungen stimmen und die dabei vorgesehenen Kilowattstunden auch tatsächlich eingespart werden. Die ersten zwei vollständigen Betriebsjahre am Aggertal-Gymnasium in Engelskirchen zeigen, dass wir die Einsparerfolge im praktischen Betrieb wirklich realisieren. Letztlich ist auch die künftige Energiepreisentwicklung für unseren Ertrag wichtig. Bei steigenden Strom- und Gaspreisen können sich unsere Gesellschafter freuen.

ECOreporter.de: Was ist die Laufzeit der Beteiligungen? Können sie während der Laufzeit veräußert werden?
Berlo: In der Regel haben wir eine Laufzeit von 20 Jahren. Kürzere Laufzeiten sind aber denk- und machbar. Bei unserem Kölner Projekt können wir beispielsweise den Contractingvertrag schon nach 14 Jahren beenden und dabei dennoch die anvisierte Rendite erwirtschaften. Falls ein stiller Gesellschafter seinen Anteil vorzeitig veräußern will, organisieren wir als Projektträgergesellschaft diesen Verkauf. Rein rechtlich gesehen hat er keinen Anspruch auf den Verkauf seiner Beteiligung. Bislang ist allerdings noch niemand mit einem Verkaufswunsch an uns herangetreten.

ECOreporter.de: Was für Beleuchtungssysteme verwenden Sie, um die gewünschten 50 Watt je Schüler Lichtstrom einzusparen?
Berlo: Wir setzen moderne Beleuchtungssysteme mit elektronischen Vorschaltgeräten ein. Damit erzielen wir eine deutlich höhere Effizienz bei gleichzeitiger Verbesserung der Beleuchtungsqualität. Außerdem bauen wir überall dort, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist, tageslichtabhängige Regelungen oder Bewegungsmelder ein. So können wir bei der Beleuchtung der Schulen regelmäßig rund fünfzig Prozent bei der Leistung und Arbeit einsparen. Um die 50 Watt-Leistung Strom pro Schüler einzusparen, ergänzen wir unsere Aktivitäten zum Beispiel mit Sanierungen der Lüftungsanlagen. Oder wir tauschen die alten Heizungsumwälzpumpen aus. Mit Optimierungen der Heizungsregelung und –steuerung runden wir unsere Maßnahmen ab.

ECOreporter.de: Mit welchem Herstellern arbeiten Sie bei dem Projekt zusammen?
Berlo: Beim Einbau moderner und effizienter Einspartechnik sind wir nicht auf bestimmte Produkthersteller fixiert. Wir schreiben alle Leistungen aus und richten uns bei den eingehenden Angeboten nach den vorliegenden Kalkulationen. Um die Wirtschaftlichkeit der Projekte zu gewährleisten, wählen wir das für uns günstigste Angebot aus, so wie das ein rational handelnder Ökonom auch tut. Und wir legen großen Wert auf die Qualität der Ausschreibung und die Auswertung der eingehenden Angebote. Auch das zahlt sich aus.

ECOreporter.de: Gibt es bei dem Projekt auch ein pädagogisches Begleitprogramm? Wie werden die Schüler integriert?
Berlo: Wir versuchen an jeder Schule in Zusammenarbeit mit der Schulleitung eine projektbegleitende Schülergruppe zusammenzustellen. Mit Führungen, Fachvorträgen etc. wollen wir den Jugendlichen die neuen Techniken näher bringen. Ergänzt wird das in der Regel durch engagierte Fachlehrer, die unsere Maßnahmen als Anschauungsbeispiele z.B. in den Physikunterricht integrieren. Es kommt auch vor, dass das Engagement von den Schülern selbst ausgeht. Die halten dann zum Beispiel ein freiwilliges Referat über Photovoltaik am Beispiel der neuen PV-Anlage auf dem Schuldach.

ECOreporter.de: Wie haben Sie die derzeit an dem Projekt beteiligten Schulen ausgesucht? Können weitere interessierte Schulen aufgenommen werden?
Berlo: Uns lagen anfangs rund 40 Anfragen von interessierten Schulen aus Nordrhein-Westfalen vor. Nach zahlreichen Vor-Ort-Begehungen und der Auswertung eines kleinen Fragenkatalogs - den mussten die Schulen beantworten - haben wir uns dann aufgrund des bestehenden Sanierungsbedarfs die fünf Schulen ausgesucht, die für die vorgesehenen Solar- und Sparmaßnahmen die besten Voraussetzungen hatten. Es spricht nichts dagegen, wenn Schulen, Gemeinden oder private Contractingunternehmen unsere Initiative aufgreifen und auf der Grundlage der gemachten Erfahrungen eigene Solar- und Sparprojekt mit Hilfe von Bürgerkapital umsetzen. Vereinbartes Projektziel mit dem Energieministerium in NRW ist es, Impulse und Hilfestellungen für solche Projekte zu geben. Dieser Aufgabe werden wir uns gerne stellen.

ECOreporter.de: Herr Berlo, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Bilder: Kurt Berlo; Solarkraftwerk auf dem dach des Willibrord-Gymnasiums in Emmerich
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