26.04.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

26.4.2006: Solarenergie in Deutschland: "Der Markt für Freiflächenanlagen ist bei den aktuellen Preisen und der gleichzeitig höheren Kostendegression 2006 tot!" - Interview mit Georg Hille

Hat der deutsche Markt für große Photovoltaik-Anlagen seinen Höhepunkt bereits überschritten? ECOreporter.de sprach mit Georg Hille über die derzeitige Marktsituation und die Probleme. Hille ist Geschäftsführer der ecovision GmbH, Gesellschaft für erneuerbare Energien und Umwelt, aus Stuttgart. Hervorgehend aus einem Verein hat die ecovision seit drei Jahren selbst mehrere Solar-Beteiligungsanlagen realisiert und bei Großprojekten beratend mitgewirkt.


ECOreporter.de: Wie entwickelt sich der Markt für größere PV-Anlagen in Deutschland?
Georg Hille: Größere Anlagen beginnen bei rund 100 Kilowatt peak (kWp); bei höheren Leistungen gibt es nur wenige Anlagen, die ein einzelner Investor bezahlt. Eine 100-kWp-Anlage kostet 2006 ziemlich genau 500.000,- Euro netto ohne Gründungskosten; die kommen mit acht bis zehn Prozent noch einmal dazu.

Der Markt für Freiflächenanlagen ist aber bei den aktuellen Preisen und der gleichzeitig höheren Kostendegression 2006 tot!

ECOreporter.de: Was bedeutet die Kostendegression für Freiflächen-Solaranlagen?
Hille: Für Freiflächen-Solaranlagen gilt seit 1. Januar 2006 laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine "Erlösdegression" von 6,5 Prozent für neue Anlagen je Jahr seit der Inbetriebnahme.

Die finanzierenden Banken spüren bereits heute einen deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Finanzierungen bei allen größeren Anlagen, denn es ist derzeit praktisch unmöglich, mit in 2006 gebauten Anlagen seriös gerechnete Projekte mit 5 Prozent Rendite und mehr zu realisieren.

ECOreporter.de: Wo sind die Hindernisse und Hauptprobleme? Wie sind die Modulpreise gestiegen?
Hille: Die Modulpreise sind in 2005 um sieben bis zehn Prozent gestiegen. Der Anteil der Module am Gesamtpreis liegt bei bis zu 70 Prozent. Also sind die Generalunternehmer- Preise um fünf bis sieben Prozent gestiegen. Die Erlössituation ist durch das EEG klar und vorgegeben. Die Preise der Module als wichtigste Komponente sind auch 2006 teilweise gestiegen. Nun ziehen auch die Zinsen für langfristige Kredite an. Damit sind die Renditen in diesem Jahr um mindestens ein Prozent geringer als 2005. Gleichzeitig haben die Anleger aber die attraktiven Renditen von 2004 noch im Kopf.

ECOreporter.de: Inwiefern sind Bürgerbeteiligungsanlagen betroffen, wo liegen hier die Probleme?
Hille: Für die Bürgerbeteiligungsanlagen im Solaranlagenbereich gilt all das zuvor gesagte. Zusätzlich wurden aber durch die seit 1. Juli 2005 gesetzlich vorgeschriebene Prüfung von Prospekten durch das BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) erhebliche zeitliche und inhaltliche Anforderungen an die Prospekterstellung erhoben, die insbesondere kleinere Projekte in der Gründungsfase empfindlich verteuern.

ECOreporter.de: Sind Lösungen in Sicht?
Hille: Zur Zeit leider eher nicht. Solange die Modulhersteller die sinkende Nachfrage nicht spüren, werden sie kaum im Preis nachgeben.

ECOreporter.de: Gibt es auch politische Hemmnisse?
Hille: Die sehe ich zur Zeit weniger - sollte sich aber die Diskussion über die Kernenergie fortsetzen, betrifft das auch die Photovoltaik. Es geht dabei in der Realität weniger um die Frage Erneuerbare oder Kernenergie, sondern um die Frage der künftigen Versorgungsstruktur - und da gehen kaum steuerbare Großkraftwerke wie Atomkraftwerke überhaupt nicht zusammen mit einer sehr dezentralen Energieversorgung mit fluktuierendem Angebot

ECOreporter.de: Wie reagieren die Marktteilnehmer im Bereich Photovoltaik nun?
Hille: Die viel beschworenen neuen Photovoltaik-Märkte in Spanien und Italien sind längst nicht so golden wie sie glänzen sollten; lange Transaktionszeiten sind dort an der Tagesordnung. Dadurch steigen die Lagerbestände. Langfristig planende Modulfabrikanten werden daher versuchen, ihre deutschen Kunden bei der Stange zu halten.
Die Installationsbetriebe sind ziemlich volatil, d.h. sie wechseln schnell ihre Lieferanten. Dies gilt vor allem bei den Modulen, dort entscheidet nur das Preis-/Leistungsverhältnis. Bei Wechselrichtern gibt es noch eine gewisse Produkttreue.

ECOreporter.de: Wie gelingt es den Modulherstellern, die Preise hochzuhalten?
Hille: Die deutschen Modulhersteller versuchen derzeit, sich noch "Speck" für schlechtere Zeiten zuzulegen. Sie spüren aber bereits den Druck der Billiganbieter - vor allem aus China. Das gilt nicht nur für den Megawattbereich der großen Fonds, sondern zunehmend auch im mittleren kWp-Sektor. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die deutschen Hersteller den Bogen der Preissteigerung überspannt haben.

ECOreporter.de: Wie sehen Sie Ihre Situation als Emissionshaus von Bürgerbeteiligungen?
Hille: Wir setzen bewusst auf Module aus Deutschland weil wir in diesem High-Tech Bereich Arbeitsplätze hier halten wollen - womit sonst kann in Deutschland langfristig Arbeit geschaffen werden?
Die Situation ist zur Zeit aber schwierig. Wir sind nicht die Einzigen, die darüber nachdenken, die Realisierung weiterer Bürgerbeteiligungsprojekte für Jahre auf Eis zu legen.

ECOreporter.de: Herr Hille, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Bild: Georg Hille / Quelle: Unternehmen
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