27.10.06 Erneuerbare Energie

27.10.2006: Nachwachsende Rohstoffe - Trojanisches Pferd für die Gentech- Industrie?

Das ökologische Image nachwachsender Rohstoffe könnte auch gentechnisch veränderten (GV) Energiepflanzen zum Durchbruch verhelfen. Die Folgen für die Umwelt wären jedoch dieselben wie beim Anbau von gentechnisch veränderten Lebens- oder Futtermitteln: Ein Beitrag von Annemarie Volling, mit freundlicher Genehmigung des oekom verlags

Im Jahr 2005 wurden in Deutschland bereits auf etwa 1,4 Millionen Hektar Energiepflanzen angebaut, das entspricht etwa elf Prozent der deutschen Ackerfläche. Einen großen Anteil daran haben Raps für die Herstellung von Biodiesel mit einer Anbaufläche von etwa 800000 Hektar sowie Mais für den Einsatz in Biogasanlagen mit einer Anbaufläche von etwa 67000 Hektar. 2004 gingen 60 Prozent der Rapsernte in die Biodieselherstellung. 2005 wurden bereits gut fünf Prozent der Silomaisernte für die Erzeugung von Strom und Wärme verwendet. Ein Ende ist nicht abzusehen. Der Fachverband Biogas erwartet, dass der Biogasanteil an der gesamten Stromerzeugung in Deutschland bis 2020 von derzeit 0,5 Prozent auf 17 Prozent steigen wird (Fachverband Biogas, 2006).

Wenn es um nachwachsende Rohstoffe geht, dauert es meist nicht lange, bis die Rede auf Gentechnik kommt - auf gentechnisch veränderten Mais, der nicht ins Essen, sondern in die Biogasanlage wandern soll, auf GV-Raps, der nicht für den Teller, sondern für den Tank bestimmt ist. Insbesondere die Spitze des Bauernverbandes betont immer wieder: Auch wenn der Verbraucher in absehbarer Zeit keine Produkte der Agro-Gentechnik in seiner Nahrung wolle - die Option auf den Anbau transgener nachwachsender Rohstoffe müsse man sich auf jeden Fall offen halten. Auch für die Saatgutfirmen, die in Deutschland seit über einem Jahrzehnt vergeblich Märkte für ihre GV-Pflanzen suchen, sind sie ein neuer Hoffnungsträger. Entsprechend vollmundig kommen die Ankündigungen daher. Zunächst gentechnisch veränderte Energiepflanzen, trockenresistente Pflanzen, Kartoffeln mit verändertem Stärkehaushalt für die Papierherstellung oder Holz mit reduziertem Ligningehalt für die Zellstoffproduktion, schließlich Pharmapflanzen, die Medikamente bilden - sie sollen der Agro-Gentechnik zu dem verhelfen, was ihr bisher fehlt: zu Akzeptanz bei Bauern und Verbrauchern. Wenn transgene Sorten erstmals großflächig Einzug auf deutschen Äckern halten sollten, so das Kalkül der Gentechnik-Konzerne, dann vermutlich nicht als Lebens- oder Futtermittel, sondern am ehesten als nachwachsende Rohstoffe. Aus Sicht von Monsanto, BASF, Syngenta & Co sind die Voraussetzungen dafür vergleichsweise gut. Nachwachsende Rohstoffe sind nicht zum Verzehr bestimmt, Verbraucher kommen mit ihnen nicht direkt in Berührung und das ökologische Image, das ihnen insgesamt anhaftet, färbt womöglich auf die transgenen Energiepflanzen ab. Einzig bei Pharmapflanzen stellt sich die Lage teilweise anders dar: In dem Moment, in dem sie in Lebens- und Futtermitteln zum Einsatz kommen, also mit der Nahrung aufgenommen werden, gilt auch für sie die Kennzeichnungspflicht.

Solange dies jedoch nicht der Fall ist und sie als Medikamente oder in Medikamenten verwendet werden, bleibt ihr gentechnischer Ursprung intransparent - so wie der aller anderen nachwachsenden Rohstoffe auch. Abgrenzung von Lebensmittelproduktion nicht möglich Bei der Jahrestagung des Biogas-Fachverbandes im Januar 2006 äußerte sich Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), positiv über die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen im Bereich nachwachsender Rohstoffe und forderte den Fachverband Biogas in Hannover auf, die Option Gentechnik nicht völlig auszuschlagen. Gerade in der Rohstofferzeugung böte die Gentechnik große Möglichkeiten. Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben seien dabei interessante Ackerfrüchte. Aus Sicht des DBV-Präsidenten bietet die Gentechnik große Chancen, um mehr Energie auf dem Acker zu gewinnen (Ernährungsdienst, 2006). Dies fachte auf der Fachverbandssitzung die Diskussionen an - das Meinungsbild war eindeutig: Das Präsidium des Fachverbandes Biogas e.V. rät seinen Mitgliedern dringend vom Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen ab (Biogas Journal, 2006). Zum einen müsse neben der weiter ungeklärten Haftungsfrage die ablehnende Haltung der Verbraucher berücksichtigt werden. Zum anderen sei - um in der Energiepflanzenzüchtung einen raschen Zuchtfortschritt zu erreichen - der Einsatz von Gentechnik auch für die Pflanzenzuchtunternehmen selbst nicht interessant, weil sie auch mit konventionellen Züchtungsmethoden schnelle Erfolge erzielten. Zudem könne der Anbau von Pflanzen für die Energiegewinnung in Biogasanlagen nicht von der Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft abgegrenzt werden, da die Gärreste in jedem Fall auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht würden, die später zur Erzeugung von Lebensmitteln benötigt würden, begründet der Geschäftsführer Claudius da Costa Gomez die klare Positionierung des Biogas-Fachverbandes.

Noch mehr Maismonokulturen? Biogas aus GV-Mais und "Super-Biomasse-Pflanzen"? Mais, vergoren zu Silage, führt nach Berechnungen des Bund Naturschutz in Bayern zur mit Abstand höchsten Hektarausbeute bei der Biogaserzeugung: Ein Hektar Maissilage ergibt etwa 8600 Kubikmeter Biogas (Bauernstimme, 2005). Hier könnte sich ein Einfallstor für die Gentechnik auftun, insbesondere beim Betrieb von Biogasanlagen in industriellem Maßstab, etwa wenn sich Landwirte über langfristige Verträge mit Energieunternehmen zur Lieferung vorgegebener Energiemengen verpflichtet haben und so eine neue Form der Vertragslandwirtschaft eingegangen sind. Mögliche Folgen sind noch stärkere Tendenzen zu großen Maismonokulturen ohne Fruchtfolge und pfluglose Bodenbearbeitung, um Arbeitskräfte und Treibstoff zu sparen - beste Bedingungen, um einen starken Befall mit dem wichtigsten Maisschädling, dem Maiszünsler, herbeizuführen. Und dort, wo der Maiszünsler die Biomasseproduktion schmälert, könnte die gentechnische Lösung des Problems, der Anbau von insektengiftigem Bt-Mais, ins Spiel kommen. Seit Winter 2005 verfügen fünf Sorten des gentechnisch veränderten Bt-Maises MON810 über einen Eintrag in den deutschen Sortenkatalog und dürfen somit in Deutschland angebaut werden. Konventionelle Züchtungen erfolgreich In Podiumsdiskussionen werben Monsanto & Co mit Pflanzen der sogenannten zweiten und dritten Generation. Monsanto setzt unter anderem auf trockenresistenten Mais, der in sechs bis acht Jahren marktreif sein soll. Immer wieder wird auch mit erhöhtem Biomasseertrag durch Gentechnik geworben. Diesem Versprechen steht entgegen, dass die Biomasseerzeugung auf Gentechnik getrost verzichten kann. Zum einen verfolgt die konventionelle Züchtung überaus erfolgreiche Strategien, um Biomasse- und Energieleistungen - insbesondere bei Mais - zu steigern. So nutzt etwa die KWS Saat AG als führendes Unternehmen auf diesem Gebiet die genetische Variabilität von Maispflanzen aus Südamerika und Europa - Energiemaissorten mit kinderarmdicken Stängeln, fünf Meter hoch und von so schnellem Wuchs, dass jeder Bauer sein Feld zweimal im Jahr abernten kann. Sie sollen in absehbarer Zeit auf den Markt kommen. Zum anderen lässt sich der Biomasseertrag durch die optimale Abstimmung von Fruchtfolgen beziehungsweise den gleichzeitigen Anbau verschiedener Energiepflanzen - dem sogenannten Multicropping - steigern und mit einem wirksamen Schädlingsmanagement kombinieren. Dazu forscht neben der KWS beispielsweise auch die Universität Kassel-Witzenhausen (Schmidt, 2006). Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) e.V. fördert einen dreijährigen bundesweiten Versuch zum Energiepflanzenanbau mit über acht Millionen Euro. Dabei werden in sechs Teilprojekten konkrete Empfehlungen für den Energiepflanzenanbau erarbeitet. Erste Ergebnisse zeigen: Die Mischung macht’s - Hirse, Sudangras und Getreide sind interessante Alternativen zu Mais oder Raps (Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, 2006).

Der Einsatz genveränderter Pflanzen für die Erzeugung von Bioenergie sei generell nicht notwendig, so André Faij von der Universität Utrecht auf der Tagung Bioenergie im Juli 2006 an der Universität Kassel. Die heutige Vielfalt möglicher Energiepflanzen reiche vollkommen aus. Diese Aussage unterstützte auch der Kasseler Agrarwissenschaftler Konrad Scheffer: "Die Züchtung von Maissorten für die Biomasseproduktion macht auch ohne Gentechnik große Fortschritte." Gleichzeitig mahnt er die fortwährende Effizienzsteigerung von Biogasanlagen an: Zurzeit boomten die Biogasanlagen. Es sei jedoch wichtig, sie so auszulegen, dass sie auch die anfallende Wärmeenergie nutzen könnten. Passiere das nicht, seien Gewinne nur in den ersten zehn Jahren zu erwarten, anschließend könnten Preissteigerungen bei den nachwachsenden Rohstoffen zahlreiche Betreiber von Biogasanlagen in den Konkurs treiben (Universität Kassel, 2006). Fest steht: Ob GV-Pflanzen als Lebens- oder Futtermittel oder als nachwachsende Rohstoffe auf den Acker gelangen, spielt im Hinblick auf ihre Umweltauswirkungen und ihre Koexistenzfähigkeit keine Rolle. Gentechnisch veränderte Energie-, Industrie- und Pharmapflanzen sind mindestens genauso problematisch für die Umwelt wie zu Nahrungszwecken angebaute GVSaaten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Vermischungen mit Produkten aus konventioneller und biologischer Landwirtschaft kommt, ist genauso groß. Und eine Garantie, dass sie nicht in der menschlichen und tierischen Nahrungskette auftauchen, wird keiner ihrer Nutzer abgeben wollen. Beispielsweise kreuzte im Jahr 2001 in den USA ein Pharma-Mais, der einen Schweineimpfstoff produziert, in Nachbarfelder ein und trat in Folgekulturen auf, was Schadenersatzforderungen in Höhe von mehreren Millionen Dollar nach sich zog (Gillis, 2002; Sauter, 2005). Dieser Fall bietet einen Vorgeschmack darauf, was passieren kann, wenn der Anbau transgener nachwachsender Rohstoffe aus dem Ruder läuft. Genveränderte nachwachsende Rohstoffe sind ein weiterer Versuch, der Agro-Gentechnik aus ihrer Akzeptanz- und Legitimitätskrise herauszuhelfen und genveränderte Pflanzen auf Deutschlands Äcker zu bringen.

Der Text ist eine Zusammenfassung und Ergänzung des Hintergrundpapiers "Nachwachsende Rohstoffe - Einfallstor für die Gentechnik in der Landwirtschaft" (www.abl-ev.de/gentechnik/pdf/nachrohstoffe.pdf) des Projektes Gentechnikfreie Regionen in Deutschland (www.gentechnikfreieregionen. de),durchgeführt vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND),dem Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW) und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).

Bildhinweis: Mais ist eine der Pflanzen, mit denen sich die Gentechnik intensiv befasst / Quelle: Raiffeisen
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