27.12.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

27.12.2006: "Ein wirkungsvolles Instrument zur Vorbeugung eines möglichen Image- oder Wertverlusts" - ECOreporter.de-Interview über die Zertifizierung von Ethik-Managementsystemen

Nicht erst seit dem Korruptionsskandal bei Siemens ist die Bedeutung von Ethik-Management für das Ansehen und den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen deutlich geworden. Seit kurzem bietet die TÜV NORD Gruppe in Zusammenarbeit mit dem Ethikverband der Deutschen Wirtschaft die Zertifizierung von Ethik-Managementsystemen an. ECOreporter.de hat dazu Dr.-Ing. Klaus Oberste-Lehn befragt, stellvertretender Abteilungsleiter QM-Systeme bei TÜV NORD CERT.


ECOreporter.de: Was ist unter "Ethik-Management" überhaupt konkret zu verstehen? Können Sie Beispiel für die Inhalte eines solchen Ethik-Managementsystems nennen?

Klaus Oberste-Lehn: Die in einem Unternehmen gelebte "Wertekultur" muss als eine unternehmensspezifische Ableitung der in einem Kulturkreis vorherrschenden Werthaltungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Branche verstanden werden, denen sich die individuellen Werte und moralischen Überzeugungen der Führungskräfte und Mitarbeiter des Unternehmens überlagern. Letztere sind die entscheidenden Grundpfeiler, weil so direkt die Qualität der Führung eines Unternehmens beeinflusst wird. Damit die Wertekultur eines Unternehmens von allen Beteiligten im Tagesgeschäft umfassend gelebt werden kann, bedarf es einer institutionellen Unterstützung durch eine moralische Qualität des Unternehmens als Organisation, seiner Abläufe, Anreize und Kontrollmechanismen, also eines Werte- oder Ethik-Managementsystems (EMS). Darin eingebunden werden müssen alle Instrumente, die darauf ausgerichtet sind, die Wertekultur eines Unternehmens festzulegen, in das Unternehmen einzuführen und in der täglichen Praxis mit Leben zu erfüllen.

ECOreporter.de: Wie funktioniert die Zertifizierung konkret? Was muss ein Unternehmen leisten bzw. anstreben, um erfolgreich eine solche Zertifizierung zu durchlaufen?

Klaus Oberste-Lehn: Unternehmen, welche die Vorteile einer zertifizierten, wirtschaftsethischen Unternehmensführung nutzen wollen, sollten über ein bestehendes Ethik-Managementsystem in ihrem Unternehmen verfügen oder bereit sein, ein solches aufzubauen. Das Spektrum der Prüfinhalte ist vielfältig und variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Ausschlaggebend sind die im Auftaktgespräch mit dem zuständigen Ethikbeauftragten festgelegten Kriterien. Grundsätzlich geprüft wird aber immer, ob die Bedürfnisse und Erwartungen der Stakeholder ermittelt und festgelegt wurden. Auch die personellen und finanziellen Voraussetzungen für die Einführung, Aufrechterhaltung und Verbesserung des Ethik-Managmentsystems werden begutachtet. Weitere wichtige Prüfbestandteile im Rahmen der Zertifizierung sind Kommunikation, Training, Erfolgsmessung und strategische Weiterentwicklung: Wie wurde das Ethik-Managementsystems im Unternehmen eingeführt, welche Schulungen gibt es dazu, wie wird der Erfolg und die Nachhaltigkeit gemessen, und welche Pläne und Prozesse gibt es, um die Abläufe weiter zu verbessern? Erst wenn auf all diese Fragen befriedigende Antworten gefunden wurden, die unter anderem im Gespräch mit Führungskräften, Mitarbeitern, Betriebsräten, Aufsichtsgremien, Kunden, Lieferanten oder anderen relevanten Interessensgruppen gesucht werden, kann eine Zertifizierung erfolgen. Noch am Tag des Abschlusses der Begutachtung bekommt das Unternehmen die Ergebnisse in zusammengefasster Form präsentiert. Danach wird das Zertifikat unter Einbeziehung des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft in detaillierter Form freigegeben - sofern das Assessment bestanden wurde.

ECOreporter.de: Inwiefern versteht nicht jeder unter Ethik etwas anderes und ist es daher überhaupt möglich, Standards für "Ethik-Management" festzulegen? Woran orientieren Sie sich mit Ihren Standards?

Klaus Oberste-Lehn: Da es keine allgemein konsensfähige Ethikauffassung und überall gleichermaßen anerkannte Werte gibt, baut solch ein Ethik-Managmentsystem immer auf vorhandenen unternehmensspezifischen Grundsätzen, Wertvorstellungen oder Managementsytemen auf. Diese wurden mit den Richtlinien-Empfehlungen des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft abgeglichen. Voraussetzung für eine Zertifizierung ist, dass alle Systemfaktoren nachvollziehbar und überprüfbar sind.

ECOreporter.de: Welchen Sinn macht "Ethik-Management" und dessen Zertifizierung für Unternehmen? Inwiefern lohnt es sich für Unternehmen, darin zu investieren?

Klaus Oberste-Lehn: Ein sich ständig verschärfender globaler Wettbewerb, zunehmender Innovationsdruck und steigende Anforderungen im Sinne des Shareholder Values prägen heutzutage das Wirtschaftsleben. Im harten Kampf um Kundenaufträge und Marktanteile scheint nichts mehr unmöglich. Noch nie zuvor waren die Märkte so in Bewegung und unternehmerischer Gestaltungsmöglichkeiten freier und flexibler. Aber je freier der Markt, desto größer auch die Gefahr, dass Marktteilnehmer sich nicht rechtschaffen darin bewegen. In der jüngsten Vergangenheit sind immer wieder Unternehmen durch unlauteres Verhalten gegenüber Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern oder Anteilseignern in die Kritik geraten. Ganze Branchen und Wirtschaftszweige mussten durch das unethische Verhalten einzelner Führungskräfte schwere Imageverluste und herbe wirtschaftliche Einbußen hinnehmen. Dem kann man vorbeugen. Die Einführung eine Ethik-Managementsystems ist der erste Schritt.

ECOreporter.de: Welchen Nutzen haben die Anleger des Unternehmens davon?

Klaus Oberste-Lehn: Der Ruf nach wirtschaftsethischer Unternehmensführung ist angesichts diverser nationaler und internationaler Wirtschaftsskandale in jüngster Zeit immer lauter geworden. Insbesondere Anteilseigner und Aktionäre, aber auch andere Interessenspartner fordern vom Unternehmensmanagement ein wirkungsvolles Instrument zur Vorbeugung eines möglichen Image- oder Wertverlusts. Es bringt Unternehmen auch strategisch und wirtschaftlich voran, indem es hilft, Führungsverantwortung auszuprägen und weiterzuentwickeln, die Integrität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu stärken und die Leistungskultur aller Mitarbeiter zu fördern.

ECOreporter.de: Welche Unternehmen wollen Sie mit diesem Angebot ansprechen?

Klaus Oberste-Lehn: Hier zeigt sich schon aus dem Ansatz heraus keine Einschränkung auf besondere Unternehmen oder Branchengruppen. Wichtige Voraussetzung ist, dass das Ethik-Managementsystem eingeführt und insbesondere durch die Führungskräfte vorgelebt und den Mitarbeitern getragen wird.

ECOreporter.de: Wie wird Ihr Angebot bislang angenommen, haben bereits Unternehmen diese Zertifizierung erfolgreich durchlaufen?

Klaus Oberste-Lehn: TÜV NORD CERT ist das erste Unternehmen in Deutschland, das eine Zertifizierung wirtschaftsethischer Unternehmensführung in Kooperation mit dem Ethikverband der deutschen Wirtschaft anbietet. Schon frühzeitig haben Unternehmen ihr Interesse bekundet, mit TÜV NORD CERT in die Diskussion einzusteigen und erste Schritte im Hinblick auf die Zertifizierung zu unternehmen.

ECOreporter.de: Laut den Angaben von TÜV NORD CERT muss das Ethik-Managementsystem jährlich ein Assessment durchlaufen. Was ist damit gemeint, wer führt es durch?

Klaus Oberste-Lehn: Die Bereitschaft zur jährlichen Überprüfung des Systems durch die Zertifizierungsstelle und zur Weiterentwicklung des Ethik-Managementsystems gehört ebenfalls zu den Grundvoraussetzungen einer Zertifizierung; denn wie alle Prozesse im Wirtschaftsleben muss sich auch die ethische Unternehmensführung ständig neuen Gegebenheiten und Anforderungen stellen und anpassen.

ECOreporter.de: Was gab den Anreiz für Ihr Unternehmen, dieses Angebot zu entwickeln?

Klaus Oberste-Lehn: Der Ansatz kam aus der Unternehmensführung der TÜV NORD Gruppe. Es wurde schon frühzeitig mit der Einführung von Leitwerten und deren Kodifizierung begonnen. Diese Vorgehensweise wurde durch das oberste Führungsgremium der TÜV NORD Gruppe unterstützt und nachhaltig die Umsetzung im Unternehmen gefördert.

Weiterhin kamen Impulse vom Ethikverband der deutschen Wirtschaft, der wiederholt mit seinem Ruf nach wirtschaftsethischer Unternehmensführung angesichts diverser Wirtschaftsskandale die Einführung und Umsetzung von Unternehmenswerten fordert.

Nur durch die regelmäßige Überprüfung durch eine unabhängige Institution kann auch hier die Nachhaltigkeit gewährleistet werden. Eine erfolgreiche Zertifizierung ist eine Verpflichtung für das Management und ein Ansporn für die Mitarbeiter, das festgelegte ethische Prinzipien und Verhaltensweisen gelebt und in de Praxis umgesetzt werden.

ECOreporter.de: Herr Oberste-Lehn, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Bildhinweis: Dr.-Ing. Klaus Oberste-Lehn ist stellvertretender Abteilungsleiter QM-Systeme bei TÜV NORD CERT. / Quelle: Unternehmen
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