28.01.05

28.1.2005: Frei lesbar! Glosse: Schluss mit den Softie-Managern - wieso für Kinderarbeit entschuldigen? Tiefschneefahrer und Wirtschaftswochen-Chefredakteur wedelt nicht mehr beim Managertreff in Davos

Liebe ECOreporter.de-Leserinnen und -Leser, wir m?ssen Ihnen einen echten Ungl?cksfall erz?hlen: Der Chefredakteur der Zeitschrift WirtschaftsWoche f?hrt nicht mehr zum Managertreff nach Davos! Oh je, warum nur, werden Sie sich jetzt ganz bang fragen? Hier die Antwort, entnommen aus einer Pressemeldung, die der arme arme Mann verbreitet hat: Fr?her sei er dahin gefahren, um die M?chtigen zu beobachten, Kontakte zu kn?pfen und Freundschaften zu schlie?en. Morgens im Hotel konnte er sich fr?her - sagt er - zu Unternehmensf?hrern aus aller Welt an den Fr?hst?ckstisch setzen, Jahr für Jahr. Sch?n, werden die gedacht haben: Ein Journalist zum Fr?hst?ck für die M?chtigen! Baron plaudert weiter, er h?tte sich - fr?her - zwischendurch "spontan zum Tiefschnee fahren" verabreden k?nnen. Ja, huiiiiii! Ein D?sseldorfer, der Tiefschnee wedelt! Alle-alle-Achtung! Doch heute? "Wenn ich mich mit jemandem treffen wollte, musste ich, obwohl inzwischen Mitglied im privilegierten Kreis der "Media Leaders" geworden, geradezu generalstabsm??ig vorgehen." Pfui! Foul! Ein Chefredakteur, Tiefschneewedler, Freund der M?chtigen und Media Leader, der Termine vereinbaren mu?, sich mit dem Fu?volk der Journalisten hintenanstellen muss, das darf doch gar nicht wahr sein!

Doch es kommt sogar noch schlimmer. Hier der wahre Grund, warum Tiefschneefahrer Baron nicht mehr nach Davos f?hrt: "Mehr noch als der ?u?ere st?rte mich der inhaltliche Wandel des Forums: Statt Managementfragen standen bald politische Themen wie Klimawandel, Kinderarbeit, fairer Handel, Schuldenerlass oder der Kampf gegen Aids im Vordergrund." Baron, es sch?ttelt uns! Es muss wirklich furchtbar sein! Da wird einem ja ?be! Und nun? Tiefschneewedler und WirtschaftsWochen-Chef Baron zieht die Konsequenzen: "Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, diesem entweder kleinm?tigen oder verlogenen Schauspiel beizuwohnen, diesem Ja-aber-Kapitalismus die Ehre zu geben, der ?berall Einzug zu halten droht: Ja zu Privateigentum und Marktwirtschaft, aber nur mit den Adjektiven "zivilisiert" oder "gez?hmt" oder "sozial verantwortlich" - als handelte es sich dabei um atavistische, unsoziale oder unmoralische Dinge." Chefredakteur Baron: Es wurde Zeit, dass das mal einer feststellte. Wir jedenfalls ziehen vollinhaltlich mit! Auch wir sind ab jetzt wieder für Klimawandel und Kinderarbeit, au?erdem aber auch noch für Korruption, Tretminen, Steuerhinterziehung und Autobahn-Dr?ngeleien! Nieder mit dem Softie-Kapitalismus, echte M?nner m?ssen wieder ans Ruder! Nie wieder soll diesen Manager-Weicheiern Prostitution, Gl?cksspiel und Drogen oder Schiedsrichter-Bestechung peinlich sein!

Baron sagt also, er werde erst wieder nach Davos hinfahren, wenn er dort wieder mehrheitlich Manager treffe, die sich für das, was sie tun, nicht entschuldigen - und sei es nur, um damit ihre Feinde zu kalmieren. Das aber hat uns nun echt ein wenig nachdenklich gemacht. Erstens: In welchem Jahrhundert hat der Chefredakteur und Tiefschneefahrer Baron das Journalistenhandwerk erlernt? In unserem Rechtschreib- und im Fremdw?rter-Duden haben wir n?mlich nichts zu "kalmieren" gefunden. Vielleicht altdeutsch? Aus einer Zeit, als die Wirtschaftsf?hrer noch ein B?renfell trugen und feindliche ?bernahmen mit Faust und Keule einleiteten, als sie sich verdammt noch mal nicht für Kinderarbeit entschuldigen mussten? Tja, und dann fragen wir uns nat?rlich, mit wem die M?chtigen jetzt fr?hst?cken und tiefschneewedeln. Aber eins m?ssen wir doch sagen, Stefan Baron: Wenn man ?ber die M?chtigen berichten will, dann nicht Dutzidutzi im Tiefschnee machen oder Milchkaffee schl?rfen. Ist pfui für echte Journalisten. Machen nur Softie-Journalisten, die meinen, man w?rde wichtich, wenn man sich mit den M?chtigen anfreundet. Kann man ja tun. Sollte man dann aber nicht Journalist bleiben. Nicht einmal als Chefredakteur und Media Leader, ok? Und wie kommt Stefan Baron aus dem Dilemma heraus? Lesen Sie n?chste Woche....ach nein, wir verraten es schon jetzt: Einfach erst nach Davos fahren, wenn der Gipfel der M?chtigen abgefr?hst?ckt ist. Und immer an der Skijacke das Schildchen "Media-Leader" anheften, da werden die Liftboys aber staunen!

Bild: Tats?chlich: (K)eine Spur von Tiefschneefahrer Stefan Baron / Quelle: Vispix; Fotograph: Peter Wunderlich
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