02.08.07 Nachhaltige Aktien , Meldungen

2.8.2007: Kommentar, frei lesbar: Lull, lull – alles wird grün und gut, Welt und Klima sind fast gerettet – außer wenn Nestle die Maske fallen lässt

Alles wird gut. Wenn man sich nur in der richtigen Welt bewegt. Denn es tut sich was. Die Öl-Multis setzen auf Erneuerbare Energie. BP, Shell – eigentlich sind sie die Treiber der sauberen Energie-Technologie. Öl? Wieso Öl? Und die Sache mit den Autos? Toyota verkauft anscheinend nur noch Hybrid-Fahrzeuge. VW hat einen Schwerpunkt bei „bluemotion“-Sparmobilen. BMW setzt auf Energie-Effizienz. Kleidung? Eigentlich nur noch aus Öko-Baumwolle, auch bei H&M. Dass die Geldanlage, quasi die ganze Finanzbranche „grün“ ist, versteht sich mittlerweile fast von selbst. DWS-Leute machen in deutsche Umwelttechnologie, die Deutsche Börse berechnet den Öko-Dax. Wer sagt es denn? Der Paradigmenwechsel, vor 15 Jahren publizistisch eingeläutet, überspült alle Branchen mit grüner Soße. Dem Klimawandel sei Dank. Endlich, endlich ist die Welt gerettet. Das ganze Bild hat nur einen Fehler: Es ist gemalt in der Welt der Werbung und der PR, es ist ein Medien-Bild, und zwar derjenigen Medien, die bei ihren Lesern Betroffenheit durch Klimawandel erwarten. Im Visier sind die Menschen, von denen die Unternehmen glauben, sie interessierten sich für „corporate social responsibility“. Die finden in der Zeit, im Spiegel, in der Brigitte und vielen anderen Besserverdienenden-Zeitschriften nun eine Werbung und PR, die eine schöne neue Welt skizziert: Besser. Kleiner. Vernünftiger. Smarter. Sanfter. Kinderlieb und vorausschauender, mit einem Wort: verantwortlicher. Ach, toll!

Ja, und was ist nun daran wieder falsch? Muss schon wieder einer in Deutschland meckern, wenn"s endlich mal bergauf geht – und sei es mit dem Umweltschutz. Nein. Aber nehmen wir das Beispiel Auto, in Form von Toyotas Hybrid-Mobilen. Etwa den Prius. Der gilt den Grünen schon als Status-Symbol. Denn ätschibätsch, die Japaner haben es mal wieder viel besser verstanden als die doofen deutschen Auto-PS-Protzer mit Stern oder BMW-Niere. Die Japaner bauen kleine Wagen, intelligent, mit neuer Technologie. So ist das grüne Auto-Bild. Korrekt? Nein, nur politisch korrekt. Sachlich….na ja, ein Hybrid-Toyota wiegt fast doppelt so viel wie ein alter Polo von VW aus den 80er Jahren, und er verbraucht auch noch mehr. Von wegen Fortschritt. Fortschritt ist das, was man glauben will. Und fortschrittlich ist der, wer die schönste Werbung macht. Beispielsweise Toyota mit den Hybrid-Fahrzeugen der Luxus- und Geländewagenmarke Lexus.

Nun ja. Aber ehrlich gesagt ist ein Geländewagen mit 12 Litern Verbrauch noch besser als einer, der 17 Liter schluckt. Kleine Schritte im Umweltschutz – warum darüber also beschweren?

Weil die Mediendebatte über den Klimawandel das so genannte „greenwashing“ fördert. Lull lull, alles wird gut, jedes Produkt wird nur noch anhand der Umwelteigenschaften beworben – zumindest in den Medien, die entsprechende Zielgruppen erwarten lassen.

Dabei stimmt es ja, dass viele Produkte umweltschonender geworden sind. Man muss also differenzieren. Die Welt ist nicht mehr schwarz und weiß, sondern grau-grau bzw. grün-grün. Atomkraft und Kohle stellen den Strom sicher, aber die Erneuerbaren Energien sind auf dem Vormarsch. Das ist der ersehnte, der „wahre“ Fortschritt, oder? Nur lässt dieses ganze Werbegetrommel derzeit gerne vergessen, wie dieser Fortschritt zustande gekommen ist: Mit sehr viel Kampf, nicht mit Sanftheit. Bei den Erneuerbaren Energien beispielsweise: Jeder einzelne Zentimeter Fortschritt ist hart erkämpft, jedes Kabel zu jeder Windkraftanlage ein Hauen und Stechen. Und so ist es überall: Wo wirklich etwas im Umweltschutz entsteht, geht es hart zur Sache: In der Politik, in der Wirtschaft, in der Finanzierung, im Bewusstsein. Da kämpfen Leute, die meist sehr aufrecht gehen. Sie schreiten fort, nicht die PR-Kriecher, die jetzt den Rahm ablöffeln möchten, deren seicht-sanftes Getue nur darüber wegtäuschen soll, wie verdeckt die Gräben sind. Verdecken ist aber nicht zuschütten. Die Gräben sind da. Immer noch.

Auch in der Finanzbranche. Die so viele neue grüne Zertifikate hat. Und so viele neue Umweltfonds. Darüber soll man sich nicht beschweren. Auch wenn mancher einwendet, nur geschlossene Erneuerbare-Energie-Fonds würden direkt dazu beitragen, alte Kraftwerke zu ersetzen. Beim Handel nachhaltiger Aktien dagegen verkaufe ein Aktionär seine Aktie einem anderen - wo soll da der Klimaeffekt sein? Doch, er ist da. Fonds und Zertifikate sind Finanzinstrumente, sie tragen dazu bei, den Finanzmarkt in Schwung zu halten. Sie sorgen dafür, dass Unternehmen sich an der Börse finanzieren können, und die zahlreichen „grünen“ Börsengänge dieses Jahres beweisen es. Ohne nachhaltige Fonds und ihr Wachstum wären diese Börsengänge auch möglich, aber schwieriger. Und es kommt auf jeden kleinen Schritt an. Ja. Ja. Und doch: Die Anbieter, die in diesem Monat noch schnell auf den Nachhaltigkeits-Zug springen, die haben nicht notwenig das Know-how. In einer Boom-Phase wie jetzt können sie kaum etwas falsch machen – wenn alles vom Klimawandel redet, steigen Umwelttechnologie-Aktien fast automatisch. Und wenn die Medien in den nächsten Monaten den nächsten Trend lostreten? „Wird nicht passieren, Klimawandel ist ein Megathema“, heißt es allerorten. Ach, ja. Wenn nur der Faktor Mensch nicht wäre. Der vergisst gerne die Bedrohung und verdrängt sie, und wenn alles auf dem richtigen Weg ist....irgendwann ist man das Gerede über den Klimawandel halt leid. Und dann? Dann wollen wir mal sehen, ob die Trittbrettfahrer schlau genug sind. So schlau wie die Anbieter und Öko-Fonds-Manager, die schon seit zehn Jahren am Markt sind und ihre Anleger durch manche Krise gelotst haben. Recht erfolgreich und meist aufrichtig.

Das sind dann für mich echte „Grüne“. Nicht im politischen Sinn, sondern im sachlichen. Nicht grün gewaschene. Für sie gilt immer noch, dass sie in den Unternehmen die Leute zu stützen versuchen, die Nachhaltigkeit wollen und dafür kämpfen – gegen diejenigen, die lieber im alten Trott bleiben. Und dieses grüne Werbe-Geseiere mit Lull-Faktor 100, das an einem hängt wie Mozzarella-Fäden an der heißen Pizza, das können eigentlich nur die abreißen, die es selbst produzieren und sogar gut dafür zahlen: Die Konzernführer. Wenn sie ihre Maske fallen lassen.

Nehmen Sie den Nestlé-Konzern. In seinen Unternehmensgrundsätzen heißt es: „Schon seit ihren frühen Tagen hat sich Nestlé zur Umweltverträglichkeit ihrer weltweiten Geschäftspraktiken verpflichtet und tätigt weiterhin beträchtliche Investitionen in den Umweltschutz. Auf diese Weise trägt Nestlé zu einer nachhaltigen Entwicklung bei, indem sie gegenwärtige Bedürfnisse erfüllt, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zur Erfüllung ihrer jeweiligen Bedürfnisse zu gefährden.“ – Jaaaaa… so wollten wir es immer haben. Endlich zeigt ein Konzern Einsicht. Und die Einsicht ist ja verankert in den Köpfen der Unternehmensspitze. Denn unterschrieben sind die Unternehmensgrundsätze von einem Herrn Peter Brabeck-Letmathe. So viel also zum Thema „niemand wäscht verantwortungsvoller grün“. Und da ist es doch schön, wenn der grüne Schleier einmal für einen Moment fällt und das wahre Gesicht deutlich wird... Denn was sagt der Chef des größten Nahrungsmittelproduzenten der Welt, also Nestlé-Boss Peter Brabeck-Letmathe im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Capital? "Der deutsche Romantizismus! ….An Genprodukten ist noch keiner gestorben, an Bioprodukten schon." Der Chef des Schweizer Konzerns betonte weiter, er finde es falsch, "eine Technologie zu verurteilen, nur weil sie ein Risiko birgt. Der Konsument wird die Vorteile der Gentechnik noch schätzen lernen."

Gut gebrüllt und nicht gelullt. Und irgendwie traditionell. In Nestle-Tradition. Die hatte schon immer auf innovative Ernährungsmethoden gesetzt, auch bei der Baby-Nahrung für die dritte Welt. Danke, Brabeck-Letmathe, dass Sie der Wahrheitsfindung dienten!

Bildhinweise:
Der Toyota Prius ist gut für das Image des japanischen Autobauers, der aber weitaus mehr Geländewagen mit hoher Klimabelastung verkauft / Quelle: Unternehmen;
Das Solargeschäft ist für den Mineralölkonzern weiter nur ein Nebengeschäft: Installation von Modulen der BP-Solar / Quelle: Unternehmen;
Dieser Kommentar stammt von Jörg Weber, Chefredakteur von ECOreporter.de / Quelle: Unternehmen
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