Nachhaltige Aktien, Meldungen

28.3.2007: Mauerblümchen wird Zierpflanze - Die Finanzbranche hat den Klimaschutz für sich entdeckt

Als nicht-ökonomische Größe spielten Klimaschutzaspekte auf den Finanzmärkten früher kaum eine Rolle. Das hat sich vor allem im letzten Jahr gründlich geändert. Alarmierende Forschungsergebnisse über drohende wirtschaftliche Folgen des Klimawandels haben die Branche hellhörig gemacht. Und mit der Einführung des Emissionshandels bekamen Klimarisiken auch einen Preis. Wir erläutern die Entwicklung in diesem ECOreporter.de- Beitrag, der bei den VDI nachrichten erschienen ist:

Der Start war spektakulär. Kaum 20 Tage nach seinem Start sind dem Klimaschutzfonds der DWS Investment GmbH bereits 70 Millionen Euro zugeflossen. Schon bald werden es 400 bis 500 Millionen Euro sein, zeigt sich DWS-Produktspezialist Oliver Klein zuversichtlich. Der DWS Klimawandel werde in der Anlageberatung der Deutsche Bank mit Vorrang vermarktet. Außer in klimaschonende Technologie und Energieeffizienz investiert der Fonds auch in Unternehmen, die von der Anpassung an die Folgen des Klimawandels profitieren können: Klein nennt als Beispiele etwa den Katastrophenschutz und den Wiederaufbau nach extremen Wetterereignissen. Die durch die Erderwärmung verursachte Zunahme von Wetterextremen wird laut der OECD in den nächsten 20 Jahren bis zu 150 Milliarden Dollar an Infrastrukturinvestitionen erfordern. "Es entsteht ein großer Markt", so der Produktspezialist. Bisher ist der DWS Klimawandel allerdings das einzige Produkt der größten deutschen Investmentgesellschaft, das auf Klimaschutz setzt.

Die Schweizer Privatbank Sarasin & Cie AG zählt zu den Pionieren des so genannten Nachhaltigen Investments. Sie bietet schon seit 1994 Anlageprodukte an, die bei der Portfoliozusammensetzung auch ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. "Das Thema Klimaschutz zieht sich hier durch alle Portfolios", erklärt Erol Bilecen, Marketing Experte bei Sarasin. Besonders dominant sei es bei den Erneuerbare-Energie-Fonds, aber Aspekte wie die Energieeffizienz von Unternehmen seien bei allen breit anlegenden Nachhaltigkeitsfonds wichtig. Die nachhaltigen Geldanlagen profitierten von der aktuellen Klimadebatte, meint Bilecen. Vor zehn Jahren sei der Gedanke, dass nicht-finanzielle Aspekte wie Umweltfragen eine Bedeutung auf die Aktien-Performance haben, noch exotisch gewesen. Zwar habe es insbesondere im Private Banking schon früher eine Nachfrage für Nachhaltigkeitsfonds gegeben, doch der Erklärungsbedarf beim Kunden sei größer gewesen. Die Klimadebatte schaffe Offenheit für den Ansatz des nachhaltigen Investments, öffne Türen und sei eindeutig ein Markttreiber. "Die Kundenbetreuer haben größeres Verständnis für Klimaaspekte, vor allem aufgrund der Medienberichterstattung", stellt der Marketing Experte fest. Und nachdem früher vor allem Privatanleger nachhaltig investieren wollten, stiegen seit etwa einem Jahr verstärkt Institutionelle Investoren ein.

Vor allem bei den Produkten mit Ausrichtung auf erneuerbare Energien seien jetzt "unglaubliche Einflüsse" zu verzeichnen, erklärt Bilecen. Dabei seien noch vor wenigen Jahren solche Produkte mangels Anlagevolumen eingestellt worden. "Wir haben aber an das Thema geglaubt und an unserem Erneuerbare-Energie-Fonds festgehalten", erinnert er sich. Der Erfolg gab der inzwischen mehrheitlich der Rabobank gehörenden Bank Sarasin Recht. So ist das Anlagevolumen des Sarasin New Energy Fund von rund 5 Millionen Euro Anfang 2003 mittlerweile auf 225 Millionen Euro angestiegen. Damit hat es sich seit Ende 2006 mehr als verdoppelt. Überhaupt haben die über 100 in Deutschland zum Handel zugelassenen Nachhaltigkeitsfonds in den letzten beiden Jahren kräftig zugelegt. Allein 2006 wuchs deren Anlagevolumen von 7,51 Milliarden Euro auf 13,4 Milliarden Euro. Das Wachstum der Fonds mit Fokus auf regenerative Energien war noch spektakulärer: es verfünffachte sich in den zwölf Monaten von Ende 2005 bis Ende 2006 von 504 Millionen Euro auf 2,58 Milliarden Euro. Nach Einschätzung von Bilecen ist das Potential der nachhaltigen Geldanlage noch bei weitem nicht ausgeschöpft. "Insgesamt sind vom Potential her 5 bis 10 Prozent Marktanteil möglich", meint der Sarasin-Experte. Gegenwärtig sei erst etwa 1 Prozent erreicht. Er nennt auch den Hauptgrund für den aktuellen Boom der Geldanlage nach Klimaschutzgesichtspunkten: die Einführung des Emissionshandels. Mit dessen Einführung hätten die Finanzmärkte den Klimawandel als Thema entdeckt.

Dieser Einschätzung schließt sich Armin Sandhövel an, Spezialist der Allianz-Tochter Dresdner Bank für Klimafragen und Klimarisiken. "Der Emissionshandel hat dem Klimagas CO2 erstmals einen Preis gegeben: das ist die Sprache, die die Finanzwelt versteht", stellt er fest. Früher seien Klimafragen nur etwas für diejenigen Finanzdienstleister gewesen, die Nischenprodukte anböten. Jetzt aber interessiere sich der Mainstream der Finanzwelt dafür. Zwar sei der Handel mit Emissionszertifikaten nur ein Nischenmarkt und ein zusätzliches Geschäft. Doch er eröffne der Finanzbranche interessante Wachstumschancen. Allerdings müssten noch einige "Kinderkrankheiten" des EU-Emissionshandels überwunden und dieser um Sektoren wie Luftfahrt und Autoverkehr erweitert werden. Aber er sei ein wirksames marktwirtschaftliches Instrument, um den Gefahren des Klimawandels für die Weltwirtschaft zu begegnen. Dies vor allem, wenn immer mehr Länder sich daran beteiligten und die Liquidität des Emissionshandels steige, womit zu rechnen sei. Die Banken spielten bei seiner Umsetzung dieses Instrumentes eine wichtige Vermittlerrolle. Die Dresdner Bank sei hier seit 2003 auf vielfältigste Weise aktiv.

Laut Sandhövel ist der Klimaschutz für das Finanzinstitut sowohl von der Risikoseite her als auch beim Vertrieb ein wichtiges Thema geworden: "Seit 2005 bieten wir systematisch Anlageprodukte etwa mit Schwerpunkt auf den Bereich der erneuerbaren Energien an." Ferner spielten Klimaaspekte wie etwa die Energieeffizienz bei der Kreditvergabe an Unternehmen eine wichtige Rolle. Angestoßen von der starken Entwicklung des Marktes habe auch der Allianz-Konzern, dessen Klimaexpertengruppe Sandhövel leitet, seine Klimaschutzaktivitäten systematisiert. Die Allianz hatte 2005 den Klimawandel öffentlich als wesentlichen strategischen Risikofaktor für ihre Geschäfte erklärt und angekündigt, 500 Millionen Euro in erneuerbare Energien zu investieren. Neben Versicherern würden sich nun verstärkt auch die Banken für den Klimaschutz interessieren. Das zunehmende Wissen über die Schäden infolge des Klimawandels habe die Finanzbranche hellhörig gemacht, erklärt Sandhövel. Er verweist auf den Report von Nicholas Stern, dem ehemaligen Chefökonom der Weltbank, der wie auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor massiven Belastungen der Weltwirtschaft durch die Klimaerwärmung gewarnt hat. Im Beratungsgremium des UN-Umweltprogramms, der United Nations Environment Programme’s Finance Initiative (UNEP FI), tauschten sich inzwischen die 200 größten Finanzdienstleister weltweit über Nachhaltigkeitsaspekte aus. Er selbst leite die UNEP FI Climate Change Group. In dieser Arbeitsgruppe seien mittlerweile die "Top Shots" der Versicherungsbranche und der Bankenwelt vertreten, etwa AXA, Bank of America, HSBC und die Investmentbank der UBS. Sandhövel rechnet damit, dass Institutionelle Investoren insgesamt Klimaschutzaspekte bei ihren Geschäften weiter stärker berücksichtigen werden.

Dafür ist auch der Erfolg des Carbon Disclosure Projekt (CDP) ein Beleg. 280 Institutionelle Investoren mit einem Anlagevermögen von über 40 Billionen Dollar gehören mittlerweile dieser internationalen Vereinigung an. Noch vor fünf Jahren beteiligten sich nicht einmal 40 Investoren an dem Projekt. Die Vereinigung hat im Februar zum fünften Mal Fragebögen an die bedeutendsten börsennotierten Unternehmen der Welt verschickt und sie aufgefordert, über ihre Klimarisiken und Klimastrategien Auskunft zu geben. Nach eigener Darstellung berücksichtigen die Mitglieder des CDP diese Angaben bzw. deren Fehlen bei ihren Anlageentscheidungen. "Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf Schlüsselindustrien wie Landwirtschaft, Tourismus, Energie, Verkehr und Versicherungen sind genau so wichtig wie das Zinsrisiko und das Wechselkursrisiko", erklärte etwa Henri de Castries, CEO des AXA-Konzerns. Die Münchener Rück beteiligte sich von Anfang an der Initiative, die ihre Fragebögen an immer mehr Unternehmen verschickt und inzwischen auch Regionalberichte etwa über Japan und Deutschland veröffentlicht. Laut Jürgen Fischer, bei dem Rückversicherer Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements, schafft das CDP Transparenz über die Klimarisiken von Unternehmen. Der neue Fragebogen des CDP werde noch fokussierter auf Chancen und Risiken eingehen und dadurch qualitativ verbessert. Er bemängelt, dass die Unterstützer des CDP zur Zeit noch zu wenig darüber informieren, welche Konsequenzen die ermittelten Informationen für ihre Anlageentscheidungen haben. Erst dadurch aber könne Handlungsdruck auf die Unternehmen entstehen.

Für die Münchener Rück spielen Klimakriterien bei ihren Investitionsentscheidungen laut Jürgen Fischer eine wichtige Rolle. Für alle Anlageklassen würden Nachhaltigkeitskriterien festgelegt. "Bei Aktien führen wir dies auf Basis eines Vorstandsbeschlusses schon seit 2002 durch", stellt der Nachhaltigkeitsexperte klar. Insbesondere im angloamerikanischen Raum gebe es gegenwärtig ein starkes Engagement von Institutionellen Investoren für Klimaschutzfragen. Hier seien vor allem die Pensionskassen Treiber der Entwicklung. In Deutschland geschehe dagegen noch vergleichsweise wenig. Zwar scheine durch die aktuelle Klimadebatte das Problembewusstsein etwas zuzunehmen. Insgesamt sei es hierzulande aber noch recht gering. Auch könne man von Finanzdienstleistern erwarten, dass sie in solch ein Thema einsteigen, bevor eine breite Medienberichterstattung darüber beginne. Fischer sieht die Finanzbranche erst auf dem Weg, Chancen und Risiken des Klimawandels zu erkennen.

Nach Einschätzung des Sarasin-Experten Erol Bilecen "gibt es die breite Überzeugung, dass sich etwas tun muss. Die Energiebasis muss sich ändern, und die Finanzwirtschaft reagiert." Er vergleicht die gegenwärtige Entwicklung beim Klimaschutz mit der Computerbranche vor etwa 25 Jahren. "Damals konnte man auch schon wissen, dass diese Technologie die Zukunft prägen würde", meint er. Von den Klimatechnologien sei jetzt Ähnliches zu erwarten, zumal der Energiebedarf weiter steigen werde - nicht zuletzt aufgrund der Entwicklung in Regionen wie China und Indien. Ähnlich sieht es Armin Sandhövel: "Das Thema wird uns in Zukunft weiter begleiten. So wie das Thema Arbeitslosigkeit ein Faktor geworden und geblieben ist."

Bildhinweise:
Sitz der Bank Sarasin in Basel / Quelle: Unternehmen;
Banken engagieren sich etwa bei Offshore-Projekten: Windkraftanlagen von Vestas / Quelle: Unternehmen;
Die durch den Klimawandel sich häufenden Wetterextreme belasten die Geschäfte von Versicherungsunternehmen: Hurrikan-Schäden an der Golfküste der USA / Quelle: Unternehmen;
auch Autohersteller müssen Klimastrategien verfolgen: emissionsfreier Smart / Quelle: ECOreporter.de
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