28.04.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

28.4.2004: Windkraftanlagen: "Die Musik spielt eindeutig an Land" - ECOreporter.de-Interview mit Nordex-Finanzvorstand Thomas Richterich, Teil 1

Die Nordex AG meldete Anfang April den Verlust der Hälfte des Grundkapitals. Auch im laufenden Jahr sei mit einem negativen Ergebnis zu rechnen, so Nordex. Dennoch sehen sich die Norderstedter Windanlagenbauer auf dem richtigen Weg. Mit einer umfassenden Restrukturierung des Konzerns will das Management die Gesellschaft wieder profitabel machen. ECOreporter.de sprach mit Thomas Richterich, Finanzvorstand der Nordex AG über die Verluste der Vergangenheit, die aktuelle Lage und die Zukunftsaussichten des Unternehmens.

ECOreporter: Herr Richterich, der Neubau von Windkraftanlagen ist zur Zeit rückläufig. Experten erwarten, dass das auch noch 2-3 Jahre anhält. Wie will sich die Nordex AG in diesem schwierigen Umfeld gegenüber Mitwettbewerbern behaupten?
Richterich: So schlimm steht es mit der Nachfrage zum Glück nicht. Im Jahr 2003 stieg der Absatz neuer Anlagen auf dem Weltmarkt um 15 Prozent. Hier in Deutschland diskutieren wir die Situation zu häufig innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Das ist verständlich, da Deutschland mit rund 32 Prozent der weltweit größte Einzelmarkt ist. Zudem erreichen die deutschen Hersteller im Durchschnitt nur eine Exportquote von 23 Prozent. In diesem Punkt ist Nordex ein Stück voraus: Etwa jede zweite unserer Anlagen geht ins Ausland.

Glauben wir der aktuellen Studie der Beratungsagentur BTM Consult, dann wird die Nachfrage im Jahr 2004 - aufgrund des Nachfrageeinbruchs in den USA - einmalig um rund 4 Prozent zurückgehen, ehe sich der Markt ab 2005 wieder belebt. Die Wachstumsimpulse kommen mittelfristig wesentlich aus dem europäischen Ausland und aus Fernost, wo Nordex gut positioniert ist. Deutschland wird einer der Hauptmärkte bleiben, sich jedoch bis zum Ende dieses Jahrzehnts rückläufig entwickeln. Unsere Strategie ist hier ganz klar: Wir konzentrieren uns auf die attraktiven internationalen Kernmärkte, in denen wir unseren Kunden sowohl die geeigneten Anlagen als auch die entsprechenden regionalen Kompetenzen im Projektmanagement und im Service anbieten können. Teilweise gehen wir weiter und unterstützen unsere Kunden in der technischen Windparkentwicklung. Übrigens überzeugt das auch wieder unsere deutschen Kunden: Seit zwei Quartalen gewinnen wir hier Marktanteile zurück.


ECOreporter: Ihr deutscher Konkurrent Repower arbeitet an einer 5 MW-Anlage für den Offshoreeinsatz. Wie weit sind Sie in der Entwicklung einer Offshoreanlage?
Richterich: Ursprünglich haben wir die Entwicklung mit Repower zusammen gestartet. Aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen haben wir uns aber getrennt. Das betrifft einerseits das technische Konzept, andererseits den angestrebten Zeitplan. Nordex ist nicht der Ansicht, dass die Märkte für eine 5 MW-Anlage kurzfristig reif sind. Natürlich gibt es eine Reihe von projektierten Offshoreparks, die diese Anlagenklasse erforderlich machen. Für den Großteil dieser Projekte sind jedoch weder die Genehmigungen noch die kommerzielle Realisierbarkeit vor Ablauf dieses Jahrzehnts zu erwarten. Deshalb nehmen wir uns die Zeit, um das Anlagenkonzept zu überarbeiten. Aus unserer Sicht ist ein konventionelles Konzept in dieser Leistungsklasse nicht tragfähig. Die neuen Ansätze bei zentralen Systemgruppen werden wir zunächst in Leistungsklassen erproben, die Nordex schon heute sicher beherrscht. Unsere 2,5 MW-Baureihe bleibt damit der Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung in Richtung 4 bis 6 MW.


ECOreporter: Setzen Sie besonders auf Anlagen für das Binnenland mit weniger attraktiven Windstandorten?
Richterich: Kurz- bis mittelfristig spielt die Musik eindeutig an Land. So erwartet BTM Consult, dass von den 55.000 MW Leistung, die in den nächsten 5 Jahren weltweit neu ans Netz gehen sollen, rund 84 Prozent Onshore entstehen. Dabei ist der Trend ins Binnenland in den Volumenmärkten Deutschland und Spanien ungebrochen. Hier kommt es vor allem darauf an, effiziente Großanlagen im Angebot zu haben, die in günstigen Höhenlagen zwischen 60 und 150 Metern das vorhandene Windangebot optimal in elektrische Energie umwandeln. In diesem Bereich sind wir mit der Nordex N90/2.300 MW hervorragend aufgestellt.


ECOreporter: Neben den Offshoreparks ist das Auslandsgeschäft für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Windturbinenbauer von entscheidender Bedeutung. Wie ist Ihr Unternehmen in den attraktiven europäischen Märkten Spanien, Frankreich, UK, Portugal und Griechenland positioniert? Welche Exportziele sind für Nordex von Bedeutung?
Richterich: Im europäischen Ausland sind wir gut vertreten. Vor Jahren haben wir unsere Exportinitiative gestartet. Als Tochter eines international agierenden Kraftwerksherstellers hatten wir es damals relativ leicht, in neuen Märkten Zugang zu finden. Heute gehören wir in vielen Wachstumsmärkten zu den führenden Anbietern. Im letzten Jahr ist uns das beispielsweise wiederholt in Frankreich, Großbritannien, Irland und Portugal gelungen. Spanien ist wegen der Dominanz nationaler Anbieter ein besonderer Markt. Langfristig wollen wir unsere Exportquote weiter in Richtung 70 Prozent erhöhen. Das ist eine Herausforderung: Wir müssen in Märkten wie Nordamerika und Indien verstärkt aktiv werden. Vor allem in diesen Regionen streben wir deshalb eine Vertriebspartnerschaft an, wie wir sie bereits in Japan und China umgesetzt haben.


ECOreporter: Ein Teil der aktuellen Probleme der Nordex sei auf Schwachstellen in den Strukturen und Prozessen zurückzuführen, heißt es in Ihrem Geschäftsbericht. Ist ihre ehemalige Muttergesellschaft dafür mitverantwortlich?
Richterich: So weit würde ich nicht gehen. Natürlich hat der Mutterkonzern vor der Trennung viele Aufgaben für die Nordex Gruppe mit übernommen. Deshalb hatte der ehemalige Vorstand nach dem Börsengang nicht nur das starke Wachstum der Gruppe zu managen, sondern auch Dienstleistungen des Konzerns zu ersetzen. Das ist offensichtlich nicht hinreichend gelungen. Aber diese Hausaufgaben haben wir jetzt erledigt. In der Schule heißt so etwas "nachsitzen". Das macht gewöhnlich keinen Spaß, kann aber sehr wohl zum Erfolg führen, wenn man die Aufgabe ernst nimmt.


ECOreporter: In Branchenkreisen kursieren Gerüchte über eine Übernahme der Nordex AG durch die spanische Gamesa. Wollen Sie sich gegen eine mögliche Übernahme zur Wehr setzen oder hoffen Sie auf einen starken Partner?
Richterich: Nordex wird in Finanzkreisen seit geraumer Zeit als Übernahmekandidat gehandelt. Wir haben solche Gerüchte nie kommentiert. Wie wenig Substanz diese Veröffentlichungen hatten, zeigt die Entwicklung. Nordex ist nach wie vor eigenständig.


"Die Branche denkt heute nicht mehr zweistellig."
Lesen Sie am Donnerstag in Teil 2 des Interviews mit Thomas Richterich, wie und wann die Nordex AG wieder Gewinn machen will und wie sich das Unternehmen im Vergleich zu seinen Mitbewerbern einschätzt.


Nordex AG: ISIN DE0005873574 / WKN 587357

Bildnachweis: Thomas Richterich / Quelle: Unternehmen
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