28.04.05

28.4.2005: Nichts wie raus aus Staatsanleihen mit einer Laufzeit von mehr als drei bis vier Jahren!

Rudolf Reil war Vorstand bei der Deutschen ?rzte- und Apothekerbank, gewann etliche Wettbewerbe als Anlagefachmann, erreichte eine Millionenleserschaft mit seinen Anlage-Kolumnen und ist viel gefragter Berater, wenn es um Investments geht. Sein Spezialgebiet sind Rentenpapiere, Anleihen also. Ab jetzt wird er ECOreporter.de-Leser regelm??ig ausf?hrlich seine Strategien darlegen und ganz konkrete Anlagetipps geben. Begleitend wird die Redaktion immer wieder auf die Rentenpapiere hinweisen, die als nachhaltig gelten, seien es Staats- oder Unternehmensanleihen.

Von Rudolf Reil
W?rden Sie jemanden Geld leihen, der nach allen Regeln der Betriebswirtschaft l?ngst pleite w?re, w?rde er ?hnlich strengen Beurteilungskriterien unterworfen, wie ein Kleinunternehmenr? Ich w?rde es nicht tun! Aber offensichtlich steht der Schreiber dieser Zeilen mit dieser Ansicht ziemlich alleine, da, trotz im historischen Vergleich extrem hoher Kurse bzw. entsprechend niedriger Renditen an den Bondm?rkten sich insbesondere institutionelle Anleger geradezu um "erstklassige" Staatsanleihen rei?en.Die Frage ist zu stellen: Was wird auf lange Sicht aus solchen Papieren, wenn klar wird, dass selbst die wohlhabenden Staaten dieser Welt ihre Schulden niemals wirklich tilgen, sondern durch Ausgabe immer neuer Anleihen refinanzieren werden? Wie sagte Napoleon? "Der Staat geht niemals pleite, pleite geht nur der Gl?ubiger!"
Vor kurzem sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass Frankreich eine Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 50 Jahren auf den Markt bringen wolle. Zun?chst herrschte eine gewisse Skepsis an den Rentenm?rkten. Es handelte sich immerhin um den mit Abstand "l?ngsten" Bond, den jemals eine bedeutende Industrienation ausgeben wollte.Aber die Anleger rissen der franz?sischen Finanzagentur schlie?lich das Papier geradezu aus den H?nden. Das urspr?ngliche Ausgabevolumen von 3 Milliarden Euro wurde aufgrund der Nachfrage auf 6 Milliarden verdoppelt. Insgesamt waren Kaufw?nsche für 19 Milliarden Euro eingegangen. "Na und?", k?nnte man sagen. Staaten geben ja schlie?lich laufend neue Obligationen heraus, und wenn dann mal eine mit extrem langer Laufzeit dabei ist, was will das schon hei?en? Es hei?t eine Menge - vor allem, wenn man sich die Anleihekonditionen n?her anschaut. Die Anleihe ist mit einem Zins von 4 Prozent ausgestattet und rentiert gerade mal ca. 0,5 Prozent mehr als eine vergleichbare Anleihe mit 10 Jahren Laufzeit. Dies, obwohl der K?ufer 40 Jahre l?nger warten muss, bis er (bzw. seine Erben) sein Kapital zur?ckerstattet bekommt. Der Superlangl?ufer notiert zur Zeit bei 99 Prozent, was einer Rendite von 4,01 Prozent entspricht. Wer das Papier heute kauft, erh?lt bei einem Nennwert von 100 Euro j?hrlich 4 Euro Zinsen, und der Nennwert wird auch zur?ck gezahlt am 25. April 2055.
In der Wirtschaftspresse konnte man lesen, die Anleihe sei vor allem von institutionellen Anlegern wie Versicherungen und Pensionskassen gekauft worden. Diese m?ssen langfristig kalkulieren und auf Grund aufsichtsrechtlicher Vorschriften die Laufzeiten ihrer Verm?genswerte den F?lligkeitsterminen ihrer Verbindlichkeiten anpassen. Schlie?lich verwalten solche Institutionen fremdes Geld. Deshalb kann es ihnen aus diesem Grunde auch v?llig egal sein, welche Kaufkraft 100 Euro im April 2055 haben werden. Das wird das Problem der Versicherten und Anspruchsberechtigten sein, deren Beitr?ge heute in solche Papiere investiert werden. Was sich im ersten Moment als vern?nftig anh?rt, ist eigentlich zum Verzweifeln. Die Manager gro?er institutioneller Verm?gen machen den selben Fehler wie Ende der 90er Jahre, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Sie verhalten sich wieder pro zyklisch. Damals erh?hten z.B. die deutschen Versicherungsunternehmen ihre traditionell niedrigen Aktienquoten. Und zwar kr?ftig. Nat?rlich zum schlechtesten Zeitpunkt, denn sie rauschten mit ihren für ihre Verh?ltnisse randvollen Aktienbest?nden in die schlimmste Baisse seit dem gro?en Crash von 1929. Dann bauten sie 2002/2003 ihre Aktienbest?nde ab - zu Tiefstkursen und zum Schaden der Versicherten. Und jetzt legen sie die Gelder der Sparer und zuk?nftigen Pension?re in Staatspapieren an, die
1. im langfristigen Vergleich extrem teuer sind
2. extreme Verlustrisiken aufweisen und
3. deren Bonit?t immer schlechter wird.
Die Punkte 1 und 2 h?ngen logisch zusammen. Denn je tiefer der Zins, desto h?her die Kurse der Anleihen. Doch sollten die Zinsen wieder steigen, wie bereits in den USA, dann fallen auch die Kurse der Obligationen entsprechend. Deshalb sollte ein Obligationenk?ufer immer die Faustregel beherzigen: "Je tiefer der Zins, desto k?rzer muss die Laufzeit der Anleihe sein." Damit vermeide ich bzw. mildere ich Kursverluste bei einem Zinsanstieg ab.
Warum werden gerade jetzt so extrem langfristige Anleihen emittiert? Ein h?chst wichtiger, in den Finanzmedien meist ?bergangener Punkt: Staatsregierungen k?nnen nicht mit Geld umgehen. Das mag damit zusammenh?ngen, dass sie nicht ihr eigenes Geld verwalten, zweitens nicht in l?ngeren Zeitr?umen, sondern allenfalls in Legislaturperioden denken, sowie drittens demzufolge stets auf W?hlerstimmen schielen und Wohltaten verteilen m?ssen, deren Finanzierung bzw. lasten sp?teren Generationen aufgehalst wird. Eines aber kann man ihnen nicht absprechen: Staatsregierungen, sei es nun die USA, in Europa oder in Asien, haben schon immer ein feines N?schen daf?r gehabt, wann es an der Zeit und opportun war, langfristige Schuldverschreibungen zu emittieren. Ein solcher Zeitpunkt ist immer dann gegeben, wenn das allgemeine Zinsniveau sehr niedrig ist und bald steigen wird. Das war 1986 so, als die Bundesrepublik ihre ersten 30j?hrigen Bonds emittierte. Das war, mit umgekehrten Vorzeichen, 1995 so, als man wegen hoher Zinsen die Ausgabe solcher Titel einstellte. Und jetzt denkt die Bundesregierung laut dar?ber nach, dem Beispiel Frankreichs zu folgen und ebenfalls Anleihen mit 50j?hriger Laufzeit zu begeben. Warum ausgerechnet jetzt?
1. Weil die Zinsen auf ein im historischen Vergleich extrem niedriges Niveau gefallen sind
2. Weil dadurch einen Neuverschuldung und/oder die Abl?sung von Altschulden zu extrem g?nstigen Konditionen m?glich ist
3. Weil ein Zinsanstieg absehbar ist, denn sonst w?rde man es, ebenso wie Frankreich, nicht ausgerechnet jetzt tun, sondern eventuell noch g?nstigere Konditionen abwarten.
Punkt 3 l?sst aber für Privatanleger nur einen Schluss zu: Nichts wie raus aus Staatsanleihen! Zumindest aus solchen mit einer Laufzeit von mehr als drei bis vier Jahren. Wer als Privatanleger zu den aktuellen Verzinsungskonditionen eine 30- oder 50-j?hrige Staatsanleihe kauft, handelt nicht vern?nftig und kauft sich fast sichere Kursverluste ein. Es gibt n?mlich ein ehernes Gesetz an den Zinsm?rkten: "Je l?nger die Laufzeit, desto st?rker die Reaktion auf Zins?nderungen." Sollte es also zu einem deutlichen Zinsanstieg kommen - der vom aktuell niedrigen Niveau aus als wahrscheinlich bezeichnet werden kann -, sind bei lang laufenden Anleihen Kursverluste von 20 % und mehr jederzeit m?glich.
Fazit: Meiden Sie Anleihen mit langer Laufzeit oder verkaufen sie solche Titel zu den derzeit extrem hohen Kursen, falls Sie sie bereits im Depot haben. Schichten sie den Teil Ihrer Kapitalanlagen, den Sie in Anleihen investieren m?chten, in Kurzl?ufer um oder parken Sie diese Mittel in Geldmarktfonds. Der damit verbundene Zinsverzicht ist im langj?hrigen Vergleich minimal, und Sie sichern sich auf diese Weise preiswert gegen Verlustrisiken ab. In zwei bis drei Jahren kann es schon ganz anders aussehen, und h?chstwahrscheinlich werden Sie dann eine deutlich attraktivere Verzinsung erzielen k?nnen als heute.

Bildhinweis: Wasserfall in Norwegen - Studien bewerten regelm?ssig Norwegen und Schweden als besonders nachhaltig / Quelle: www.norwegen.no
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