28.04.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

28.4.2006: Was ist die Umweltleistung von europäischen Konzernen wert? - Studie ermittelt deren Ökoeffezienz in Euro: BMW und Schering topp; Volkswagen, BP und Shell flopp

Es lässt sich nun in Geld messen, wie gut oder wie schlecht die Umweltleistung von Industrieunternehmen ist. Das ist die Quintessenz einer nun veröffentlichten EU-Studie über die Umweltperformance von 65 europäischen Industrieuntennehmen. Über einen so genannten Sustainable-Value-Ansatz wendet sie die Bewertungslogik der Finanzmärkte auf den Einsatz ökologischer Ressourcen an. Denn "Wert schafft ein Unternehmen nur, wenn es eine ökologische Ressource effizienter als die Vergleichsgruppe einsetzt", stellen die Autoren der als ADVANCE-Studie betitelten Untersuchung fest. Das treffe etwa für den Automobilbauer BMW zu, der seine Umweltressourcen siebenmal effizienter einsetze als FIAT. Im Jahr 2003 erlangte BMW laut der Studie einen Sustainable Value von rund 9,5 Milliarden Euro. Damit setzte der Konzern seine Umweltressourcen fast viermal effizienter ein als die EU 15 im Durchschnitt. Volkswagen dagegen wirtschaftete nur knapp öko-effizienter als der EU-15-Durchschnitt und landet damit VW innerhalb des Automobilsektors auf dem vorletzten Platz.

Solche klaren monetären Aussagen über die Umweltleistung von Industrieunternehmen ermöglicht ein Verfahren, das der Umweltwissenschaftler Tobias Hahn vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin und der Ökonom Frank Figge Sustainable Development Research Centre (SDRC) im schottischen Forres entwickelt haben. Beide beteiligten sich an der von der EU kofinanzierte ADVANCE-Studie, die außer von ihren Instituten von vier europäischen Öko-Rating Agenturen durchgeführt wurde. Die grundlegende Logik des von Hahn und Figge entwickelten Sustainable-Value-Ansatzes ist einfach: "Ein Unternehmen schafft mit einer ökologischen Ressource, wie z.B. Wasser, nur dann Wert, wenn es mit der eingesetzten Ressourcenmenge mehr Ertrag erzielt als andere Unternehmen", erläutert der Umweltwissenschaftler Tobias Hahn. Ein Beispiel: Henkel setzte im Jahr 2003 rund 9,3 Millionen m³ Wasser ein und erzielte damit eine Bruttowertschöpfung von rund 2,9 Milliarden Euro. Unternehmen der EU 15 im Durchschnitt hätten mit dieser Menge Wasser nur eine Bruttowertschöpfung von rund 380 Millionen Euro erzielt. Im Vergleich zum EU-15-Durchschnitt schafft Henkel daher einen Mehrwert von rund 2,5 Milliarden Euro.

Axel Wilhelm, Geschäftsführer der am Projekt beteiligten Nachhaltigkeits-Rating-Agentur scoris aus Hannover, ist von dem Verfahren überzeugt: "Der Sustainable-Value-Ansatz ist ein ganz wichtiger methodischer Schritt. Wir zeigen damit, dass wir unsere Ratingergebnisse auch mit Euro-Größen untermauern können. Aus unserer Sicht ist der Sustainable-Value-Ansatz ein Meilenstein in der Verknüpfung von ökologischer Unternehmensbewertung und Finanzmarkt", so Wilhelm. Das Verfahren rückt allerdings auch Unternehmen in ein anderes licht, die bislang als klassische Nachhaltigkeitswerte galten. Die Mineralölkonzerne BP und Shell, häufig als Nachhaltigkeitsbeste ihrer Branche gelobt, erreichen der ADVANCE-Studie zufolge nicht einmal ein Fünftel der Effizienz, mit der die Umweltressourcen in den 15 alten EU-Mitgliedsstaaten (EU 15) durchschnittlich eingesetzt werden. Oder anders ausgedrückt: Mit den Umweltressourcen von BP oder Shell würden selbst durchschnittlich öko-effiziente Unternehmen in der EU 15 jedes Jahr über 100 Milliarden Euro mehr Bruttoinlandsprodukt erzielen.

Unter den 65 im Rahmen der Untersuchung bewerteten Unternehmen sind 11 deutsche Unternehmen. Dabei schnitt nicht nur die als öko-effizientester Automobilhersteller Europas eingestufte BMW AG recht gut ab. Wie festgestellt wurde, setzt etwa Schering seinen ökologischen Ressourcen fast viermal effizienter ein als der EU-15-Durchschnitt. Die Heidelberger Druckmaschinen AG liegt an der Spitze der untersuchten Maschinenbauunternehmen. Aber auch die MAN AG erzielt ein positives Ergebnis, da sie im Jahr 2003 mit ihren Umweltressourcen einen positiven Sustainable Value von rund 2,9 Milliarden Euro schaffte. Es erbringen jedoch nicht alle untersuchten deutschen Unternehmen einen positiven Sustainable Value. BASF erzielte im Jahr 2003 zum Beispiel einen negativen Sustainable Value von minus 13,9 Milliarden Euro und setzte seine Umweltressourcen nur etwa halb so effizient ein wie der EU-15-Durchschnitt. Hier schlägt sich nieder, dass die Chemiebranche sehr ressourcenintensiv ist. Im Vergleich mit BASF stehen andere europäische Chemieunternehmen wie z.B. die deutsche Celanese AG oder Kemira aus Finnland noch deutlich schlechter da. Das Unternehmen, das insgesamt seine Umweltressourcen im Jahr 2003 am effizientesten einsetzte, ist Airbus - nämlich viereinhalb mal effizienter als die EU 15 im Durchschnitt. Dies betrifft jedoch nur die Herstellung und nicht die Nutzung von Flugzeugen. Die schlechtesten Ergebnisse erzielen durchweg Unternehmen aus den Bereichen Energieversorgung und Öl & Gas, wie die bereits erwähnten Konzerne BP und Shell.

Die ADVANCE-Untersuchung basiert insgesamt auf sieben Umweltkennzahlen, welche viele Unternehmen heute schon auf freiwilliger Basis veröffentlichen: Wasserverbrauch, Gesamtabfallmenge und Emissionen von Kohlendioxid, Stickstoffoxiden, Schwefeloxiden sowie von flüchtigen organischen Verbindungen und Methan. Ökonom Frank Figge betont: "Die Ergebnisse der Studie sind nach einem transparenten Verfahren zustande gekommen und zeigen deutlich, welche Unternehmen unsere knappen Umweltressourcen so einsetzen, dass aus der Umweltbelastung möglichst viel Wirtschaftsleistung erzielt werden kann. Die beträchtlichen Unterschiede innerhalb der Branchen machen offenkundig, welche Unternehmen beim Umgang mit ökologischen Ressourcen großen Nachholbedarf haben." Die Autoren der Studie stellten überdies ein weiteres Manko fest. Dazu Tobias Hahn: "Die Zahl der europäischen Industrieunternehmen, die überhaupt verlässliche Umweltzahlen veröffentlichen, ist immer noch erschreckend gering."

Die Studie - Kurzfassung auf deutsch, die Langfassung auf englisch - steht im Internet zum kostenlosen Download bereit unter: ADVANCE

Bildhinweis:
Axel Wilhelm / Quelle: scoris GmbH;
BASF schneidet in der Studie schlecht ab: Industrieanlage des Konzerns / Quelle: Unternehmen
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