28.06.05 Erneuerbare Energie

28.6.2005: "Erneuerbare Energien haben im Bereich Wind, Photovoltaik und Biomasse die Nische verlassen und werden global fester Bestandteil eines Energiemixes" - Teil 2 des ECOreporter.de-Interviews mit Frank Trauboth, Gesch?ftsf?hrer

Erneuerbare Energien gewinnen weltweit immer mehr an Bedeutung. Das erkl?rt Frank Trauboth, Gesch?ftsf?hrer der M?nchener Envisory GmbH. Im zweiten Teil seines Interviews mit ECOreporter.de geht es au?erdem unter anderem um folgende Fragen: Wo liegen die wesentlichen Gr?nde für den zunehmenden globalen Erfolg der Regenerativen Energien? Wie reagieren die Kapitalm?rkte darauf, wer finanziert die wachsende Zahl von Projekten ? Und: Was treibt die M?rkte im Ausland an?


ECOreporter.de: In Deutschland werden Erneuerbare Energie Projekte oft ?ber Beteiligungsfonds finanziert. Wie sieht das in den wichtigsten Auslandsm?rkten aus?
Trauboth: Private Beteiligungsfonds wie wir sie in Deutschland kennen (z.B. Kapitalanlagemodelle) spielen im Ausland keine vergleichbare Rolle. Obwohl z.B. Frankreich und Indien steuerliche Anreize für die Abschreibung von Windkraftanlagen geschaffen haben, w?rde es mich dennoch wundern, dort in naher Zukunft einen Markt zu sehen, der auch nur ann?hernd die Tiefe des Beteilungsmarktes h?tte, wie wir ihn in Deutschland in den Neunzigern bis 2003 hatten. Deutschland ist hier ein einmaliger Markt.


ECOreporter.de: Welche gro?en Trends sehen Sie zur Zeit im Bereich der Erneuerbaren Energien (EE)? In welchen Bereichen bietet sich das gr??te Potential für deutsche Unternehmen?
Trauboth: EE haben im Bereich Wind, PV und Biomasse die Nische verlassen und werden global fester Bestandteil eines Energiemixes. Daf?r gibt es drei wichtige Gr?nde. Erstens: Die heute verbauten Technologien sind weitestgehend erprobt. Zweitens: Die Projekte sind gr??tenteils wirtschaftlich. Drittens: Die Kosten für die erzeugte kWh Strom aus EE wird bei neuen Projekten in den n?chsten Jahren sinken, wegen der economy of scale (Anm. d.R. :Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion) und Erh?hung der Energieausbeute durch verbesserte Technik. Damit einhergehend nimmt das Interesse des Kapitalmarktes und die Investitionsneigung zugunsten der EE weiter zu. Mit der Folge, dass immer mehr gro?e Industrieunternehmen und Dienstleister Teile der Wertsch?pfungskette aus den EE in ihre Gesch?ftsbereiche integrieren werden.

Das Thema dezentrale Energieversorgung spielt in der Dritten Welt neben der Frage nach dem Zugang zu Wasser und Information eine entscheidende Rolle. Ich sehe ein beachtliches Potential im Bereich der privaten Solarthermie und der durch Photovoltaik (PV) gest?tzten Stromversorgung in l?ndlichen Regionen, wie auch in der Integration der EE in die St?dtebauplanung in gro?en Teilen von Afrika und Asien. Bei Pilotanlagen, die oft mit viel gutem Willen und mit F?rdermitteln aus Industriestaaten auf der gr?nen Wiese erstellt wurden, fehlt es nach der Inbetriebnahme oft an Identifikation und Verantwortung in der Bev?lkerung. Hinzu kommt der Mangel an qualifiziertem Wartungspersonal und Ersatzteilen. Die internationale Mikrofinanzierung wird deshalb bei k?nftigen Projekten neben dem nationalen Willen zur nachhaltigen F?rderung der EE der Schl?ssel für die erfolgreiche Befriedigung des immensen Bedarfs sein.

Ein weiterer Trend geht stark zum integrierten Produkt. Das betrifft nicht nur "Rund-um-sorglos-Pakete" mit umfassenden Wartungs- und Garantieleistungen sowie standardisierte Kredite im Bereich Solarthermie und PV sondern auch den Handel von Standortrechten. Diese werden heute schon wie eine Ware betrachtet mit Marktpreisen für Euro per Megawatt Entwicklungsrechte. Das fertige Projekt wird zielgerecht aufbereitet und am Kapitalmarkt professionell vermarktet.

Die absehbare Knappheit an endlichen Rohstoffen, die Internalisierung von Klimafolgekosten und der Trend zur dezentralen Energieversorgung setzen die deutschen, aber auch europ?ischen Energieversorger strategisch unter Druck: Gas oder Kohlekraftwerke? Ersatzinvestitionen sind in der n?chsten Dekade unvermeidbar. Wo geht die Reise hin? Heute neu geplante Kraftwerke m?ssen auch noch in 20 Jahren die Chance haben wettbewerbsf?hig zu sein. Versorgungssicherheit ist ein wichtiges Qualit?tsmerkmal für Strom, keiner will bei Windflaute regionale Ausf?lle haben. Aber die heutige Kraftwerkeinsatzplanung zum Beispiel in Norddeutschland ist so professionell, dass ein effizientes Nebeneinander von Wind und Gaskraftwerken t?glich erfolgreich gemanagt wird.

Die Angstszenarien, die entworfen werden, sind daher politisch zu verstehen. Alle vier nationalen gro?en Stromversorger ziehen sich in Deutschland mit cleveren Imagekampagnen den "gr?nen Mantel" an, wie gro? ist aber der Anteil, den sie selbst etwa durch Windkraft in Deutschland produzieren?

US-Amerikanische, spanische und italienische Energieversorger sind schon weiter: Sie bauen aktiv aus, ?brigens mit viel Lob von den Ratingagenturen und den Aktion?ren. Energieversorger mit eigenen Windparks in Deutschland findet man sehr selten, da im Ausland die Verg?tungss?tze - zumindest teilweise - attraktiver sind.

Der Trend für die Positionierung der deutschen Stromversorger wird deshalb lauten:

- Versuche eine Laufzeitverl?ngerung der bestehenden Atomkraftwerke politisch durchzusetzen, mit der damit einhergehenden zeitlichen Verschiebung der Ersatzinvestitionen in Deutschland.

- Versuche die eigene Vormachtstellung durch die Ver?nderung oder Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetz zu sichern, um neuen externen Betreibern die ohnehin knappe Rentabilit?t zu beschneiden und aus dem Markt zu dr?ngen.

- Und schlie?lich: Investition nur im Rahmen des Notwendigen in EE, dabei aber vorwiegend international, und zwar dort wo man verpflichtet ist (Gro?britannien oder Italien) oder es sich besser rechnet.

Unter den k?nftigen K?ufern im Bereich der EE werden wir noch h?ufiger Kapitalsammelstellen finden, als dies schon heute der Fall ist. Dazu z?hle ich unter anderem Private Equity, Institutionelle Fonds, zweckgebundene Fonds (Pensionsfonds oder Industriefonds, Sustainable Fonds), aber auch Family Offices
(A. d. Red.: private Verm?gensverwaltungen ausschlie?lich im Dienst für die Familienmitglieder und verbundene Unternehmen eines Mandanten). Das derzeit historisch niedrige Zinsniveau verbunden mit hoher freier Liquidit?t in Westeuropa f?hrt freies Eigenkapital zu interessanten Assets (A. d. Red.: Investitionsg?ter) und damit auch in Bereich der EE. Dies geschieht sehr h?ufig mit dem Ziel, als Eigent?mer von Kraftwerken mit einer Laufzeit zwischen 5 und 20 Jahren t?tig zu sein. Auch Adressen aus dem gewerblichen Immobiliensektor stellen fest, dass das Risikoprofil eines Windparks oder eines PV Kraftwerks in Europa durchaus ?hnlichkeit mit dem Eigentum und dem Bestand von Industrie- oder Gewerbeimmobilien hat.

Global stehen wir erst ganz am Anfang einer nachhaltigen positiven Entwicklung hin zur privaten dezentralen Energieversorgung mit W?rme und Strom. Durch die Marktdurchdringung von Passivhaus oder Nullenergiehaus, Holzpelletsheizungen, Solarthermie, Photovoltaik, oder in zehn oder mehr Jahren die Brennstoffzellentechnologie im eigenen Heizungskeller wird die leitungsgebundene Abh?ngigkeit vom Strom- und W?rmeversorger in den n?chsten Jahrzehnten langsam aber stetig abnehmen. An den Endverbraucher weitergereichte Gaspreissteigerungen oder hohe ?lpreise beschleunigen diesen Prozess. Die heute noch zentrale Rolle der Netzbetreiber r?ckt damit immer mehr in den Hintergrund. Die Bedeutung der Kommunen bei der dezentralen Stromversorgung wird zunehmen. Mit der wachsenden regionalen, bedarfsgerechten Kraftwerksplanung unter Einbindung der Energie aus PV, Biomasse und Wind werden sie mehr Spielraum und Chancen gewinnen.


ECOreporter.de: In Deutschland wurde die Entwicklung der Erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren ma?geblich durch das Erneuerbare Energien Gesetz gef?rdert. Was treibt die M?rkte im Ausland an?
Trauboth: L?nder mit dem Quotenmodell haben sich meines Erachtens als gutes Beispiel daf?r entwickelt, wie man es nicht machen sollte. Im Ausland sehe ich drei Haupttreiber:

- Das EEG, aber auch der erfolgreiche Ansatz eines RPS (A. d. Red.: Renewable Portfolio Standards, Zielvorgaben des Gesetzgebers für EE-Anteil am Energieverbrauch mit Strafzahlungen bei Nichterreichung) sind exzellente politische Treiber für nachhaltige Investments und damit für Projektentwickler und Hersteller
- Bei Rohstoffmangel oder Versorgungsengp?ssen von Strom k?nnen Biomassekraftwerke oder Windparks mit einer kurzen Planungs- und Bauphase schnell Abhilfe schaffen
- Am Ende ist der Haupttreiber jedes Projektes der Eigent?mer des Eigenkapitals.


ECOreporter.de: Besonders für die Realisierung von Offshore-Windparks werden in den n?chsten Jahren gro?e Mengen an Kapital ben?tigt. Welche Finanzierungsformen zeichnen sich in diesem Bereich ab? Ist das ein "Spiel" bei dem nur noch Gro?unternehmen mithalten k?nnen?
Trauboth: Die k?nftigen K?ufer und Entwickler von Offshore-Projekten werden mehrheitlich aus dem Sektor der Energieversorger kommen. Vor allem im Ausland spielt hier die Musik. In Gro?britannien beispielsweise bekommt ein Investor derzeit cirka 20 Prozent mehr Verg?tung als in Deutschland. Die j?ngsten positiven Beispiele von Vattenfall in Schweden und EON in UK zeigen, warum die "Offshore"-Projekte so attraktiv sind: Es kann sehr schnell ein gro?es Portfolio aufgebaut werden. Die Refinanzierung f?llt diesen Investorengruppen naturgem?? leichter als dem B?rgerwindpark von nebenan. Gro?e Projekte erfordern gro?e Player. Aber in der Gr??e von Offshore Projekten mit mehreren hundert oder 1000 Megawatt liegt auch ein gro?es Risiko für die Branche:
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Stromversorger sind die professionellsten Verhandlungspartner bei den Kauf- und Wartungsvertr?gen. Damit entsteht Druck auf die dringend ben?tigten Margen der Hersteller deren Bilanzen heute noch keine R?ckstellungen für Offshore Projekte verkraften.

- Ein Hersteller wird sehr genau kalkulieren, ob er einen Windpark in den genannten Gr??enordungen alleine best?cken soll (Klumpenrisiko); zudem muss die Offshore-Technologie erst einmal ihre Praxistauglichkeit unter Beweis stellen. Meer ist nicht gleich Meer. Die Nordsee hat einen h?heren Salzgehalt und oft einen h?heren Wellengang als die Ostsee. In der Ostsee m?ssen die Konstrukteure wiederum mit treibenden Eisschollen rechnen.

Offshore ist also nicht gleich Offshore. In der Praxis wird es Differenzierungen in der Konstruktion geben, die sich auch im Preis wiederspiegeln werden. Ein Serien- Kfz baut man für die Strasse, ein Passagierflugzeug für die Luft , aber eine Windkraftanlage für eine spezifische Standortklasse. Wenn das für Offshore-Projekte technisch gut gel?st wird - wovon ich ausgehe - wenn sich dann auch das Eigenkapital des k?nftigen Investors angemessen verzinst, wenn schlie?lich die Risiken zwischen Hersteller, Versicherer und Investor fair verteilt wurden, dann wird die Finanzierung weniger problematisch sein als heute allgemein bef?rchtet. Dann steht am Kapitalmarkt die gesamte Breite (inklusive Bondemissionen) der Instrumente zur Verf?gung. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt sollen erst einmal die Projektentwickler und Hersteller in Ruhe Ihre Hausaufgaben machen. Das wird am Ende allen Beteiligten gut tun.


ECOreporter.de: Herr Trauboth, wir danken Ihnen für das Gespr?ch!



Zur Envisory GmbH:

Die M?nchener Unternehmensberatung ber?t Firmen im Bereich der Erneuerbaren Energien auf verschiedenen Ebenen: Market Intelligence (*1), Markteintritt sowie Strukturierung und Beschaffung von Eigen- und Fremdkapital. Dar?ber hinaus begleitet Envisory die Unternehmen aktiv bei der Realisierung von Erneuerbare Energie Projekten. Firmengr?nder und gesch?ftsf?hrender Gesellschafter ist Frank Trauboth, 40, Ex-Banker, mit langj?hriger internationaler Beratungs- und F?hrungserfahrung. Trauboth ist verheiratet und Vater von 2 Kindern.

*1 - Der Begriff "Market Intelligence" beinhaltet nach Definition von Frank Trauboth die Analyse von M?rkten und Branchen unter dem Gesichtspunkten des Auftraggebers, sowie das Vernetzen von Informationen aus diversen Quellen und Ebenen zum Erhalt eines ganzheitlichen "Bildes" als Grundlage für Unternehmensentscheidungen.


Bild: Frank Trauboth / Quelle: Unternehmen


Den ersten Teil des Interviews mit Frank Trauboth vom 24.6.2005 finden Sie hier.
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