28.06.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

28.6.2006: Wie fair ist der Handel? - Studie untersucht Nachhaltigkeit von Handelsunternehmen

Wie nachhaltig wirtschaften die weltweit größten Handelsunternehmen? Dieser Frage sind Experten der schweizer Bank Sarasin & Cie AG in einer aktuellen Studie nachgegangen. Diese trägt den Titel: "Den Hebel Richtung Nachhaltigkeit ansetzen - Ökologische und soziale Herausforderungen des Handelssektors". Darin wird festgestellt, dass der Handel die Schnittstelle zwischen der Güterproduktion und den Konsumenten bilde. Durch seine Einkaufsmacht habe er das Potenzial, die Umwelt- und Sozialbedingungen in der Fertigungskette zu beeinflussen. Durch seine Kundennähe könne er Märkte für umwelt- und sozialfreundliche Waren erschließen und deren Anforderungen an die Lieferkette weiterreichen. Diese Möglichkeiten würden beim nur indirekt mit der breiten Konsumentenöffentlichkeit in Kontakt stehenden Groß- und Industriegüterhandel bislang kaum genutzt. Die Studie konzentriert sich daher auf die Verhältnisse im Einzelhandel. Zugrunde liegt die Analyse einer repräsentativen Auswahl von 14 Unternehmen des Lebensmittel-, Kaufhaus- und Fachhandels.

Dort bestimmt gegenwärtig vor allem Preiskonkurrenz die Strategie großer Handelskonzerne. Doch die Unternehmen, die in erster Linie auf Preiskonkurrenz setzen, erhalten von Sarasin die geringste nachhaltige Bewertung. Hierzu gehören die US-Unternehmen Wal-Mart, Kroger Corporation und die britische Supermarktfirma Morrison WM. Führend bei der Nachhaltigkeit sind dagegen laut der Studie diejenigen Unternehmen, die wie Whole Foods Market oder Body Shop Nischenmärkte mit ökologischen Produkten bedienen oder wie Coop Schweiz eine qualitätsorientierte Strategie verfolgen. Und diese Strategie habe sich bereits ausgezahlt: "Die nachhaltig am besten bewerteten Unternehmen zeigen insgesamt über den letzten Konjunkturzyklus betrachtet eine überdurchschnittliche Performance", heißt es in der Untersuchung.

Die Bank hat bei ihrer Analyse die Unternehmen insbesondere auf vier Faktoren untersucht: das Management der Lieferkette, die Mitarbeiterführung, den betrieblichen Umweltschutz und die Sortimentspolitik. Wie die Autoren feststellen, bestimmt der Handel über den Einkauf die Bedingungen der Güterproduktion in der Lieferkette grundsätzlich mit. Allerdings falle auf, dass sich die meist weit verzweigte Lieferkette von Handelsunternehmen nur schwer kontrollieren lässt. Zudem steige der Anteil von Gütern aus kostengünstig liefernden, aber "sozial sensitiven Herkunftsländern", am Import der Industrieländer. Er betrage mittlerweile rund ein Drittel. Dass Lieferbeziehungen in diese Länder ein Risiko darstellen, zeige sich am Beispiel von Wal-Mart.

Der US-amerikanische Einzelhandelsriese wird regelmäßig von Menschenrechtsorganisationen wegen seiner unmenschlichen und ungesetzlichen Arbeitsverhältnisse in Produktionsstätten in Ländern wie China, Bangladesh und Nicaragua kritisiert und wurde daher zum Beispiel kürzlich aus dem Anlageportfolio des Pensionsfonds der norwegischen Regierung ausgeschlossen. Allerdings hat selbst Wal-Mart inzwischen begonnen, die Verhältnisse bei den Lieferanten zu durchleuchten und überdies seine Umweltperformance zu verbessern, stellt Sarasin fest. Der Branchenführer habe im amerikanischen Niedrigpreissegment die Grenzen der Expansion offenbar erreicht und widme seit Herbst 2005 den an Nachhaltigkeit interessierten, kaufkräftigeren Konsumenten neue Aufmerksamkeit. Dies könne als Vorbote einer Verlagerung hin zu vermehrtem Wettbewerb mit Argumenten ökologischer und sozialer Qualität gelten.

"Beispiele wie der Wal-Mart ... deuten auf eine Wende in der Unternehmenspolitik des Handels hin. Sofern sie von Aktionären unterstützt werden, könnte das bislang dominante Geschäftsmodell reiner Preiskonkurrenz langfristig durch vermehrten Wettbewerb mit ökologischer und sozialer Qualität modifiziert werden", erläutert Michaela Collins von Sarasin. Festgestellt wurde, dass mittlerweile etliche Unternehmen einen Lieferantenkodex mit Mindeststandards für Arbeitsbedingungen und zum Teil auch minimalen Umweltanforderungen eingeführt haben. Die Durchsetzung sei jedoch nur selten überzeugend. Als Vorreiter nennt die Studie hierbei den spanische Inditex-Konzern, der unter anderem die Bekleidungskette Zara betreibt. Problematisch seien vielfach auch die Arbeitsbedingungen im eigenen Betrieb, die von Niedriglöhnen und Teilzeitarbeit geprägt sind. Dabei könnten "partizipative Teamstrukturen" und Nebenleistungen die Loyalität und Motivation stark erhöhen. Als Beispiel hierfür nennt Sarasin die Belegschaft von Whole Foods Market. Sie erhalten ein umfangreiches Mitspracherecht, das selbst die Sortimentsgestaltung und die Einstellung neuer Kollegen einschließt.

Wie die Studie ausführt, ist ein Umweltengagement in der Lieferkette der Handelsunternehmen selten, wie überhaupt das Umweltmanagement im Vergleich zu produzierenden Branchen nur wenig formalisiert sei. Die Bemühungen um Verbesserung der Ökoeffizienz im Betrieb der Ladennetze oder im Transportwesen sei vorerst meist nur "partieller Art". Obwohl die Handelsunternehmen mit einer nachhaltigen Sortimentspolitik große Hebelwirkung hätten, werde dieser Einfluss auf Produktion und Verbrauch bisher nur von einzelnen Unternehmen genutzt. Viele Lebensmitteleinzelhändler führten zwar Bioprodukte als Einkaufsalternative, allerdings nur als Kleinsegment mit einem geringen Umsatzanteil. Das Beispiel Coop Schweiz zeige aber das Potenzial von umwelt- und sozialfreundlichen Produkten auf und demonstriere, wie eine gezielte Bewerbung den Markt beflügeln könne.

In ihrem Resümee betont die Sarasin-Studie die wirtschaftliche Bedeutung einer überzeugenden Nachhaltigkeitsstrategie für die Handelsunternehmen. Heute interessiere sich ein Fülle von Anspruchsgruppen für die ökologischen und sozialen Bedingungen des Güterkreislaufes: Verbraucherorganisationen träten für Produktsicherheit, Jugendschutz und Vermeidung von Umweltgiften ein, Hilfswerke und internationale Organisationen klagten Fairness, Arbeitssicherheit und Umweltschutz in der Fertigungs- und Lieferkette kritischer Länder ein, Behörden regulierten den Gesundheitsschutz, die soziale Sicherung und den Umweltschutz. Handelsfirmen, die diesen Ansprüchen nicht gerecht würden, gingen materielle Risiken ein, "die auch den konventionellen Investor wegen ihres Einflusses auf die Rendite interessieren sollten", so die Autoren der Untersuchung.

Bildhinweis:
Sitz der Bank Sarasin in Basel / Quelle: Unternehmen;
Obsttheke in einer Wal-Mart Filiale / Quelle: Unternehmen;
Mit Solarzellen verkleidete Fassade einer Zara-Filiale / Quelle: Solon AG
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