30.04.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

30.4.2004: Windkraft: "Die Branche denkt heute nicht mehr zweistellig." - ECOreporter.de-Interview mit Nordex-Finanzvorstand Thomas Richterich, Teil 2

Die Nordex AG befindet sich seit Monaten in einer umfassenden Restrukturierung. In Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung Roland Berger versucht das Unternehmen Schwachstellen in den Geschäftsprozessen aufzudecken und zu beheben. Oberstes Ziel: Nordex will möglichst bald wieder Gewinn machen. Wie weit der norddeutsche Windanlagenbauer dabei gekommen ist, erfahren Sie in Teil 2 des ECOreporter.de.de Interviews mit Thomas Richterich, Finanzvorstand der Nordex AG


ECOreporter.de: Herr Richterich, Ihr Unternehmen will im Geschäftsjahr 2004/05 erstmals wieder einen Gewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) erwirtschaften. Worauf stützt sich Ihre Hoffnung auf Besserung nach den Verlusten des vergangenen Jahres?
Richterich: Die Verluste des Vorjahres sind nur zum Teil im operativen Bereich entstanden. Die so genannten Sonderaufwendungen betreffen vor allem Rückstellungen für Risiken aus Altprojekten und Wertberichtigungen in Bilanzpositionen, die nicht wiederholt auftreten.
An der Beseitigung der operativen Verlustursachen haben wir im Rahmen unserer Restrukturierung seit Sommer 2003 gearbeitet. Bei der Umsetzung der insgesamt rund 1600 Einzelmaßnahmen sind wir gut im Plan. Heute sind fast 70 Prozent der Maßnahmen umgesetzt. Auch die ersten Ergebnisse lassen sich inzwischen messen. So ging die Materialquote im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres um 4,6 Prozent zurück, der Personalaufwand reduzierte sich um 17 Prozent und die sonstigen Betrieblichen Aufwendungen sogar um 49 Prozent. Hierdurch hat sich der Quartalsverlust fast halbiert. Positiv ist weiterhin, dass wir seit zwei Quartalen wieder einen Zufluss an Liquidität verzeichnen. Damit stehen wir unter den Herstellern vergleichsweise gut da.

ECOreporter.de: In welchen Bereichen des Unternehmens haben Sie im Rahmen der Restrukturierung Personal abgebaut? War auch der Bereich Forschung und Entwicklung von den Einsparungen betroffen?
Richterich: Neben der Optimierung unserer Geschäftsprozesse haben wir im Rahmen der Restrukturierung ein umfassendes Kostensenkungsprogramm umgesetzt. Durch die Konzentration von Funktionen in den Bereichen Produktion, Service und Vertrieb konnten wir eine Reihe von Stellen einsparen, ohne die Qualität unserer Arbeit zu beeinträchtigen. So haben wir unsere europäische Produktion und die Fernüberwachung in Rostock konzentriert. Auch in den Abteilungen, die durch das niedrigere Geschäftsvolumen nicht mehr voll ausgelastet waren, haben wir Personal abgebaut. Das betraf zum Beispiel unsere Errichtungsteams. Das Engineering war hiervon definitiv nicht betroffen. Im Rahmen der Restrukturierung sind unsere Ingenieure besonders gefordert. Denn eine wesentliche Aufgabe besteht darin, unsere Turbinen weiter zu optimieren.

ECOreporter.de: Sie haben neue Vertriebsrichtlinien für die Nordex beschlossen. Sind diese bereits für das gesamte aktuelle Auftragsvolumen relevant?
Richterich: Im Zusammenhang mit der Restrukturierung haben wir alle Geschäftsprozesse überarbeitet, um die Schwachstellen der Vergangenheit zu beseitigen. Das beginnt beim Angebotsprozess und zieht sich durch die Projektabwicklung bis hin zum Service. Die Umsetzung dieser Maßnahmen werden wir zum Jahresende 2004 abschließen. In Folge dessen befinden sich im aktuellen Auftragsbestand noch ältere Projekte, die vor der Einführung der neuen Richtlinien unterzeichnet wurden. Die Logik unserer Planung lautet: Die volle Ergebniswirkung der Restrukturierung ist für den Zeitpunkt geplant, wenn alle Projekte durch die neuen Prozesse gelaufen sind - also für das Geschäftsjahr 2004/05.

ECOreporter.de: In Branchenkreisen galt Nordex als margenschwach. Welche Marge wollen Sie in Zukunft erreichen?
Richterich: Das ist eine Diskussion von gestern beziehungsweise für übermorgen. Zunächst geht es für uns darum, wieder profitabel zu werden. Aber natürlich kann man sich darüber unterhalten, welche Marge in der Branche erzielbar ist. Doch wie sieht unsere Benchmark derzeit aus? Der Weltmarktführer Vestas hat im letzten Jahr einen massiven Verfall der EBIT-Marge auf 4,5 Prozent verzeichnen müssen. Ähnlich ging es der Firma Repower mit heute 4,3 Prozent. Das ist etwa die Größenordnung, die Nordex früher erzielt hat. Noch härter hat es NEG Micon, heute ein Teil von Vestas, getroffen. Aufgrund von Verlusten in Höhe von 67 Millionen Euro war die Marge von NEG im Jahr 2003 negativ. Die neue Vestas kommt damit auf eine Marge von 1,2 Prozent. Die Branche denkt heute nicht mehr zweistellig.

ECOreporter.de: Eines der Ziele Ihrer Restrukturierung ist der Ausbau des Co-Developments und der Projektentwicklung. Wer sind Ihre Partner?
Richterich: Auch in der Vergangenheit waren wir im Bereich der so genannten Flächensicherung - Sie können auch sagen Projektentwicklung - tätig. Nur die Vermarktung haben wir nicht selbst übernommen. Das ist Sache unserer Kunden. Insbesondere in Deutschland, Spanien und Frankreich haben wir hiermit gute Erfahrungen gesammelt. Allein in Frankreich haben wir in diesem Zusammenhang eine Reihe von Projektentwicklungsgesellschaften gegründet. Hier entwickeln wir momentan auch zusammen mit unserem französischen Partner Alternative Technologique (ALTECH) für den Energieversorger REVe mehrere Windparks mit einer Leistung von zusammen 55 Megawatt.

ECOreporter.de: Sie haben sich das Ziel gesetzt, Ihre Auftraggeber strenger zu prüfen. Unter anderem wollen sie nur noch an Kunden liefern, die die Finanzierungszusage einer Bank vorweisen können. In welcher Weise wurde die Bonität der Auftraggeber in der Vergangenheit geprüft?
Richterich: Seit Januar 2003 legen wir strengere Kriterien für den Auftrageingang bei fremdfinanzierten Projekten zugrunde. Hintergrund hierfür ist die angespannte Finanzlage vieler Unternehmen, darunter auch einiger unserer Kunden. Deshalb haben wir allein im letzten Geschäftsjahr in unserer Bilanz Zahlungsausfallrisiken in Höhe von 13,3 Mio. Euro als Wertberichtigung berücksichtigt. Das soll sich nicht wiederholen.

Auch in der Vergangenheit hat Nordex bei der Auftragsannahme den Nachweis einer gesicherten Finanzierung verlangt. Neben der ersten Anzahlung war hierfür oft die Einsichtnahme in den Kreditvertrag ausreichend. Heute ist jedoch eine unwiderrufliche Finanzierungszusage der Kundenbank oder eine Absicherung über Bürgschaften notwendig. Auch in unseren Finanzveröffentlichungen setzten wir diese strengen Maßstäbe für das Neugeschäft und den Auftragsbestand an, deshalb sind diese Kennziffern nicht mit denen der meisten unserer Wettbewerber vergleichbar.

ECOreporter.de: Herr Richterich, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Nordex AG: ISIN DE0005873574 / WKN 587357

Bildnachweis: Windpark mit Anlagen der Nordex AG im japanischen Tomae; Thomas Richterich / Quelle: Unternehmen
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x