30.06.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

30.6.2006: Der drastische Kurseinbruch in der Solarbranche ist vorläufig gestoppt - Zeit für den Neueinstieg? ECOreporter.de sprach darüber mit Branchenkennern und Analysten

Nach ihrem steilen Aufstieg zu Jahresbeginn standen die Kurse der börsennotierten deutschen Solarunternehmen zuletzt stark unter Druck. Seit Anfang Mai verlor das Bonner Branchenschwergewicht SolarWorld AG zwischenzeitlich 40 Prozent an Wert, die Marktkapitalisierung stürzte von 980 bis auf 616 Millionen Euro. Die Herstellerin von Solarzellen und Wechselrichtern, Sunways AG, büßte gegenüber ihrem Höchststand 2006 sogar mehr als 60 Prozent ein; seitdem hat sich die Aktie ein wenig erholt und notiert mit gut zehn Euro auf dem Stand vom März 2005. Sind durch den kräftigen Kurseinbruch nun wieder Kaufkurse für Solarwerte erreicht?


Am Markt hat sich wenig geändert

Dr. Josef Auer, Volkswirt bei der Deutschen Bank Research und Autor der Studie "Energieperspektiven nach dem Ölzeitalter" warnt vor Panikstimmung nach dem Kurseinbruch: "Am Markt hat sich wenig geändert. Mit dem Anstieg des Ölpreises sind die Werte nach oben geschossen, jetzt haben wir eine Korrektur." Der Preis für Rohöl der Marke "North See Brent" war von 59 US-Dollar je Barrel Anfang 2006 auf bis zu 74 Dollar geklettert, im Mai ging er bis auf 68 Dollar zurück. Der Kursverfall der Solarwerte zeige, dass viele Marktteilnehmer wenig Kenntnis vom Solarmarkt hätten, sagt Auer: "In Deutschland haben wir das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) mit garantierten Stromeinspeisepreisen, das ändert sich nicht mit dem Ölpreis."

Das Ende einer Übertreibungsphase konstatiert Patrick Hummel, Wertpapieranalyst bei der Landesbank Baden-Württemnberg (LBBW). Zudem herrsche Unsicherheit an den Kapitalmärkten, erklärt Hummel: "Solange das so bleibt, werden wir auch bei den Solarwerten keine steigenden Kurse sehen. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) 2007 sind aber auf rund 20 gesunken. Es besteht keine allgemeine Überbewertung mehr."
Theo Kitz, Analyst bei der Bank Merck Finck & Co. in München, zitiert mit Blick auf den Absturz der Solarwerte die alte Börsenweisheit "Sell in may and go away". Bei den Unternehmen habe sich nichts geändert, viele Anleger hätten aber auf hohen Kursgewinnen gesessen. Das funktioniere dann ganz praktisch: "Die Aktien werden vor der Urlaubssaison verkauft, weil man dann nicht auf die Kurse achten kann."


"Kritische Größe" als Schlüssel zum internationalen Erfolg - Analysten sehen die Schwergewichte vorn

Als "komplett übertrieben" charakterisiert Stephan Wulf vom Equity Research Utilities der Frankfurter Oppenheim Research GmbH den Höhenflug der Solartitel seit Jahresbeginn, der dem jüngsten Kurssturz vorausging. Der Frankfurter Wertpapierfachmann empfiehlt den Solarzellenhersteller ErSol Solar Energy AG als "sicheren Hafen", der faire Wert der Aktie liege bei 84 Euro. Zweiter Favorit des Analysten ist die SolarWorld AG, dort sei das "Rückschlagspotenzial limitiert"; den faire Wert taxiert Wulf auf 89,33 Euro. Die Thalheimer Q-Cells AG hält Wulf für deutlich überbewertet. "Mittelfristig kann es zu einem Abschlag bis auf 50 Euro kommen." Alle drei Firmen sind zusammen mit der Hamburger Conergy AG im TecDAX der deutschen Börse vertreten.

Branchenexperte Hilmar Platz, von der Münchener Kayenburg AG, kritisiert den Projektierer von Solarkraftwerken S.A.G Solarstrom AG. Das Freiburger Unternehmen habe mit der Geschäftsentwicklung 2005 enttäuscht. Durch allgemein gestiegene Zinsen sei es zunehmend schwieriger, Beteiligungen an Solarprojekten zu verkaufen. "Anleihen werden eine echte Anlagealternative", so Platz. Skeptisch ist der Münchener auch bei der Konstanzer Sunways AG und der Solar-Fabrik AG aus Freiburg, beiden fehle es an der notwendigen Größe und Einkaufsmacht. Der Münchener betont, im weltweiten Wettbewerb komme es auf Internationalität und genügend "strategische Masse" an. Beides sieht er bei SolarWorld, Q-Cells und Conergy, eingeschränkt bei ErSol. Die SolarWorld AG sei das "wohl beste Unternehmen der Branche" lobt auch Kitz von Merck Finck & Co. Sie verfüge als einziges Unternehmen über eigene Siliziumquellen und eigenes Recycling. Das KGV für 2007 sieht er bei 32.

Der Stuttgarter Hummel empfiehlt SolarWorld und Q-Cells zum Kauf. Die Kursziele der LBBW innerhalb von bis zu sechs Monaten lauten für Q-Cells 80 Euro und für SolarWorld 67,50 Euro. Die Bank hat laut dem Analysten Q-Cells mit an die Börse gebracht. Hummel traut derzeit nur dem "Dreigestirn am deutschen Solarhimmel", SolarWorld, Q-Cells und Conergy zu, sich langfristig auch weltweit zu etablieren. "Besonders die Produzenten SolarWorld und Q-Cells können Skaleneffekte realisieren. Viele andere Firmen sind zu stark vom deutschen Markt abhängig."
Ein norwegisches Unternehmen, das erst seit Mai an der Börse notiert ist, empfiehlt Solaraktienanalyst Platz. Der Produzent von Solarsilizium und von multikristallinen Siliziumwafern Renewable Energy Corporation ASA (REC) arbeite an einem Verfahren zur Herstellung metallurgischen Siliziums, das möglicherweise schon in den kommenden Quartalen industriell umgesetzt werde, so Platz.


Was tut die Politik?

Die Experten sind sich einig: Der weitere Erfolg der Solarindustrie hängt stark von der Unterstützung durch die Politik ab. Laut Auer von der Deutschen Bank wird das EEG zurzeit überprüft. Das Bundesumweltministerium müsse bis Ende 2006 einen Bericht vorlegen, wie sich die letzte Novelle des Gesetzes vom Herbst 2004 ausgewirkt hat. "Wahrscheinlich geht es in die Richtung, die schon beim Energiegipfel erkennbar wurde", meint der Analyst. Im Anschluss an das Treffen von Branchenvertretern bei Bundeskanzlerin Merkel im April hatten Unternehmen der Erneuerbaren Energien Investitionen in Höhe von 70 Milliarden Euro bis 2012 angekündigt. Davon sollen 40 Milliarden auf den Strombereich und 30 Milliarden auf den Bereich Wärme und Kraftstoffe entfallen. Bis 2020 wollen die Firmen das Investitionsvolumen auf insgesamt 200 Milliarden Euro steigern. Das es zu einem Rückschlag für die Solarindustrie kommen wird, glaubt Auer nicht: "Deutschland hat inzwischen das Image: Wir liefern die Technik für die Energiewirtschaft der Zukunft."

LBBW-Analyst Hummel rechnet mit "moderaten Anpassungen beim Vergütungssatz oder beim Degressionsfaktor". Er glaube aber nicht, dass es zu so großen Rückschritten kommt, dass die Industrie hinterher am Boden liegt. "Die Politik kann nicht eine Branche großziehen und sie anschließend am ausgestreckten Arm verhungern lassen", so Hummel.

Conergy AG: ISIN DE0006040025 / WKN 604002
ErSol Solar Energy AG: ISIN DE0006627532 / WKN 662753
Q-Cells AG: ISIN DE0005558662 / WKN 555866
Renewable Energy Corporation ASA (REC): ISIN NO0010112675 / A0BKK5
S.A.G. Solarstrom AG: ISIN DE0007021008 / WKN 702100
SolarWorld AG: ISIN DE0005108401 / WKN 510840
Sunways AG: ISIN DE0007332207 / WKN 733220

Bilder: Solarzellen der Sunways AG an einem Parkhaus in Ravensburg; Solarmodul "E6-Blue Power" der ErSol Solar Energy AG; Produktion im Joint Venture von Q-Cells, Evergreen Solar und REC Everq / Quelle: Unternehmen
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x