31.07.02 Nachhaltige Aktien , Meldungen

31.07.2002: Sind Coltan-Verwender "nachhaltige" Aktiengesellschaften?

Ausbeutung des Rohstoffs bringt Kongo Bügerkrieg und Grubenunglück.
(MF) Welche Aktie ist nachhaltig? Jede, die in einem
Nachhaltigkeitsindex oder -fonds aufgeführt ist. Aber
wie bewerten Fondsmanager das? ECOreporter.de
zeigt an einer eigenen Recherche in einem Einzelfall,
wie schwierig die Klärung von Details ist.

Am 8. Januar 2002 sind bei einem Gruben-Unglück in
der Nähe der Stadt Goma in der Demokratischen Republik
Kongo mindestens 33 Menschen ums Leben
gekommen. Der Unfall ereignete sich in einem Steinbruch,
in dem der Rohstoff Columbit-Tantalit (kurz:
Coltan) gewonnen wird. Aus Coltan wird Tantalum
produziert. Es kann große Mengen Energie auf kleinstem
Platz speichern. Diese Eigenschaft hat Tantalum
seit 1998 zu einem der interessantesten Rohstoffe
des Weltmarktes gemacht. Einer Studie der UN zufolge
erreichten Erze mit 30prozentigem Tantalum-Gehalt
um die Jahreswende 2000/2001 auf dem Weltmarkt
einen Rekordpreis von über 300 US-Dollar je
Pfund. Der Durchschnittspreis in den Jahren davor lag
lediglich bei 30 bis 40 US-Dollar.

Ein Großteil der Coltan-Minen im Kongo wird von Rebellengruppen
kontrolliert. Internationale Friedensorganisationen,
darunter auch der belgische "Internationale
Friedensinformationsdienst" (IPIS), gehen davon
aus, dass durch den Handel des kongolesischen
Coltans der Bürgerkrieg mitfinanziert wird.

Basis für Mikroprozessor-Energiespeicher

Aus dem abgebauten Coltan wird meist direkt vor Ort
das Tantalum gewonnen. Für die technische Großindustrie
ist das Erz allerdings nur in Pulverform verwendbar.
Die Weiterverarbeitung zu Tantalpulver
übernehmen vor allem europäische Unternehmen.
Sie produzieren Tantalkondensatoren, die als Energiespeicher
für Mikroprozessoren genutzt werden.
Tantalkondensatoren kommen hauptsächlich in Handys
zum Einsatz. Man findet sie aber auch in Steuerungsprozessoren für Mittelstreckenraketen.

Im vergangenen Jahr wurden Siemens und Nokia -
zwei Firmen, die von verschiedenen Analysten als
"nachhaltig" eingestuft werden - von verschiedenen
Friedensorganisationen kritisiert. Den Unternehmen
wurde vorgeworfen, in ihren Handys Tantalum-Mikroprozessoren
zu verwenden, die aus kongolesischem
Coltan hergestellt worden seien. Die Pressereferentin
der Nokia GmbH Deutschland, Nina Lenders, sagte:
"Wir haben erst aus den Medien davon erfahren." Zur
Herkunft des verarbeiteten Coltans erklärte sie: "Wir
können nicht sagen, woher es stammt. Unsere Lieferanten sind dafür verantwortlich." Die Lieferanten
wollte Lenders gegenüber ECOreporter.de allerdings
nicht nennen. Nokia habe seine Lieferanten bezüglich
der Coltan-Problematik "sensibilisiert". Auch Siemens-
Sprecher Gröbmeier verwies auf die Lieferanten:
"Wir beziehen nur Bauelemente für Handys, auf
die Herkunft des Coltans haben wir keinen direkten
Einfluß, es geht vorher durch zu viele Hände." Bei
Siemens sei die Problematik ebenfalls erst durch
Medienberichte bekannt geworden. Siemens habe
von seinem Lieferanten Epcos Ehrenerklärungen
über die Herkunft des Coltans eingefordert.

Ehrenerklärungen von Lieferanten

Das wiederum hat auch Epcos getan. "Unsere
Lieferanten versichern uns, dass das Coltan-Erz nicht
aus dem Kongo stammt", berichtet Epcos-Pressereferent
Dr. Kahlert. Die Versicherungen seien allerdings
"nicht kontrollierbar".

Nokia und Siemens sind in mehreren Umweltfonds
vertreten, zum Beispiel im Fairway One-Universal-
Fonds (WKN 984878). "Nokia hat die nachhaltigen
Kriterien der sozialen, ökologischen und ökonomischen
Verantwortung erfüllt und ist somit im Dow
Jones Sustainability Group Index (DJSGI) enthalten",
erklärt Mattias Wendel, Vorstand der für die Beratung
des Fonds zuständigen Fairway AG in Freiburg. Würden
Vorwürfe wie die um Coltan bekannt, werde Nokia
zuerst um eine Stellungnahme gebeten. "Sollte ein
Unternehmen erhobene Vorwürfe nicht entkräften
können, dann ist durchaus denkbar, dass der entsprechende
Titel ausgetauscht wird", so Wendel.

Auch die schweizer UBS sah Pressesprecher Plutarch
Chiotopulos zufolge "keinen Handlungsbedarf".
Nokia ist im UBS (LUX) Equity Fund Eco Performance
(WKN 987076) vertreten. "Das Unternehmen hat uns
ausreichende und nachprüfbare Erklärungen abgegeben
und es hat ausreichende und nachprüfbare
Maßnahmen zur Lösung des Problems eingeleitet",
so Chiotopulos. "Die Herkunft des Coltans ist für die
Unternehmen schwer nachprüfbar."

Die Einhaltung der Nachhaltigkeits-Kriterien werde
bei brisanten Titeln, zum Beispiel aus der Chemieindustrie,
"an Hand einer detaillierten Plausibilitätsprüfung
einmal jährlich verifiziert". Routinekontrollen
oder Überprüfungen von Hinweisen fänden durch ein
"kontinuierliches Monitoring der Firmen durch Sektorenanalysten" statt, erklärt Chiotopulos.

ECOreporter.de hat mit weiteren Analysten, die nicht
nicht namentlich genannt werden wollen, über die Einhaltung
der Nachhaltigkeitskriterien durch die genannten
Unternehmen gesprochen. Sie sprachen von regelmäßigen
Überprüfungen, denen die Titel unterzogen
würden. Ihnen zufolge hatten die Vorwürfe des
Coltan-Imports aus dem Bürgerkriegsgebiet Kongo
zwischenzeitlich zu Überlegungen geführt, Nokia und
Siemens nicht mehr als "nachhaltig" einzustufen.
Geschehen ist dies aber bis heute nicht.

Vor allem europäische Coltan-Importeure sollen in
den Handel verstrickt sein. Die UN hat sich mit dem
Vorwurf der indirekten Kriegsförderung durch den
Coltanhandel befasst. Eine Expertenkommission
legte am 12. April 2001 ihren Abschlussbericht vor, in
dem keiner der Vorwürfe bewiesen werden konnte. Da
man zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen
war, wurde eine Folgekommission mit weiteren
Nachforschungen beauftragt. Deren Bericht soll noch
in diesem Jahr fertig sein. Auch die Forderung nach
einem Handelsembargo gegen Coltan aus dem
Kongo blieb bis jetzt unerfüllt. Der UN-Sicherheitsrat
wollte im Dezember 2001 darüber abstimmen, hat
sich jedoch auf unbestimmte Zeit vertagt.

Rebellen im Kongo brauchen schnelles Geld

Coltanvorkommen gibt es in Kanada, Australien, China
und Brasilien. Oder eben auch im Kongo. Die Vorteile
des Abbaus im Kongo scheinen auf der Hand zu
liegen: In den übrigen Abbaugebieten der Welt gibt es
fast ausschließlich Minen, die den großen Unternehmen
des Coltan-Weltmarktes gehören. Preisstabilität
und konstante Produktionskosten halten den Markt im
Gleichgewicht. Im Kongo aber sind es kleine Minen,
die nach anderen Kriterien produzieren. Zum einen
versuchen die im kongolesischen Coltanabbaugebiet
herrschenden Rebellengruppen durch die erzielten
Exporterlöse ihren Krieg zu finanzieren, brauchen
also so viel Geld wie möglich so schnell es geht. Zum
anderen sind die Produktionskosten durch die sozialen
Umstände ungleich geringer als andernorts.
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