31.10.03 Nachhaltige Aktien , Meldungen

31.10.2003: "Viele Ideen brauchen einen wesentlich längeren Atem" - ECOreporter.de Interview mit Jürgen K. Herrmannsdörfer, Vorstand der HerMerlin AG

Nach Buchwertverlusten von 250.000 Euro im Geschäftsjahr 2001 hat die ökologische Beteiligungsgesellschaft HerMerlin auch 2002 Verlust ausgewiesen. Abschreibungen auf verschiedene Beteiligungen in Höhe von 430.000 Euro trugen wesentlich dazu bei, dass das Unternehmen einen Fehlbetrag von 454.000 Euro ausweisen musste. Gleichzeitig regt sich Widerspruch zur Geschäftspolitik: Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Krüger wollte anlässlich der HerMerlin-Hauptversamlung Ende August gewichtige Vorwürfe "auf den Tisch legen". ECOreporter.de sprach mit HerMerlin-Vorstand Jürgen K. Herrmannsdörfer.

ECOreporter.de: Herr Herrmannsdörfer, Nachrichten zur wirtschaftlichen Lage der HerMerlin AG flossen in den letzten Monaten nur spärlich. Ihr ehemaliger Aufsichtsratvorsitzender Klaus Krüger machte allerdings mit einem Affront gegen die Gesellschaft im ECOreporter.de-Forum von sich reden. In Langenaltheim, bei der Hauptversammlung der HerMerlin, wollte Klaus Krüger die Vorwürfe " auf den Tisch legen". Wie ist die Versammlung verlaufen und was wirft Ihnen Ihr ausgeschiedener Mitstreiter konkret vor?
Jürgen K. Herrmannsdörfer: Bei unserer diesjährigen Hauptversammlung waren die wesentlichen Kritikpunkte: die in diesem Jahr schon zweimal ausgefallenen Telekommunikationsanlagen und die fehlenden positiven Ergebnisse der Beteiligungsgesellschaften. Der Hauptvorwurf von Herrn Krüger betraf letztlich Aufsichtsratstantiemen, die er nach seinem Ausscheiden auch für seine Tätigkeit bei den HerMerlin-Tochtergesellschaften für sich reklamierte. Hierfür wollte er die Bilanzen der Unternehmen überprüft sehen, da keine Rückstellungen gebildet wurden. Grundlage dafür war aber eine Vereinbarung der HerMerlin Aufsichtsräte, die besagt, dass ein Aufsichtsrat der HerMerlin nicht zusätzlich Tantiemen für die Aufsichtsratstätigkeit bei den Töchtern erhält. Mit der Prüfung wurden Gesellschafter beauftragt.
Nach vier Stunden Diskussion fand die Abstimmung über die vorliegenden Tagesordnungspunkte statt. Alle Tagesordnungspunkte wurden mit großer Mehrheit entsprechend der Vorschläge von Aufsichtsrat und Vorstand beschlossen. Herr Krüger wurde übrigens als einziges Aufsichtsratsmitglied nicht durch die Hauptversammlung entlastet!

ECOreporter.de: Aus verschiedenen Beteiligungsunternehmen der HerMerlin AG kamen katastrophale Meldungen, z.B. aus der B.A.U.M. AG und der Janosch Film & Medien AG. Aber auch die HempAge hat ihre Prognosen wiederholt nicht erfüllen können. Wie steht Ihr Unternehmen da, nachdem diese wichtigen Projekte gescheitert sind? Wie profitabel sind die anderen Gesellschaften, an denen die HerMerlin beteiligt ist?
Herrmannsdörfer: Mit dem fehlgeschlagenen Börsengang konnten die ursprünglichen Pläne für die B.A.U.M. AG nicht mehr umgesetzt werden. Die daraus erwachsenen finanziellen Verpflichtungen waren enorm. Vorstand und Aufsichtsrat mussten einen anderen Weg einschlagen. Um die finanziellen Verpflichtungen schnell zu verringern, wurde von der B.A.U.M. AG die große Beteiligung an der Janosch film & medien AG veräußert. Noch anlässlich der Sachkapitalerhöhung der Gesellschaft vor einem Jahr attestierten gerichtsbestellte Wirtschaftsprüfer diesem Aktienpaket einen immensen Wert. Bei der diesjährigen Wirtschaftsprüfung korrigierten die Wirtschaftsprüfern diese Zahl dann erheblich nach unten.

Die HempAge war in den letzten Jahren durch eine nicht enden wollende Insolvenzwelle bei Großversendern und damit ihrer Großkunden betroffen. Das ist ein wesentlicher Grund, warum die HempAge ihre Prognosen nicht einhalten konnte. Der Umsatzeinbruch war nicht zu kompensieren. Da aber die Produktqualität stimmte, wurde die HempAge jetzt bei verschiedenen reaktivierten Versendern wieder gelistet. Von einem Großversender erhielt die HempAge sogar die Aussage, bei Neuware nur noch Produkte der HempAge AG zu ordern. Derzeit sind die Auftragsbücher voll. Mit weiterem Potenzial rechnen wir durch neue Produkte. Wenn es uns gelingt, das nötige Kapital einzuwerben, werden wir Mischgewebe mit kbA-Baumwolle aus chinesischer Produktion auf den Markt bringen.
Trotz der positiven Auftragsentwicklung bei der HempAge haben wir unser finanzielles Engagement abgewertet. Auf Grund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation, der Kapitalmarktentwicklung und der Kursentwicklung der B.A.U.M. AG haben wir außerdem nach kaufmännischen Vorsichtsprinzipien Wertberichtigungen für unseren Aktienbestand an der B.A.U.M. AG und unsere Positionen bei der Janosch Film & Medien AG vorgenommen. In Summe ergaben sich daher Abschreibungen in Höhe von rund 430.000 Euro.

ECOreporter.de: Ist Ihr Konzept, ein Netzwerk unterschiedlichster Unternehmen mit ökologischem Profil aufzubauen, gescheitert?
Herrmannsdörfer: Die HerMerlin ist angetreten, um sich an nachhaltigen Ideen zu beteiligen und sie zu befördern. Es war uns bewusst, dass die Engagements langfristig zu betrachten sind. Das ist einer der Gründe, warum wir seit dem Jahr 2000 keine Neuengagements mehr eingegangen sind. Viele Ideen brauchen einen wesentlich längeren Atem, als wir noch vor ein paar Jahren angenommen haben.
Das Problem liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die Aktionäre ihr Kapital für eine Idee "hergeben", aber zu selten die Produkte kaufen. Das ist, als würde ich mich an einer Bäckerei beteiligen, aber die Brötchen beim Nachbarn kaufen und mich dann darüber wundern, dass der eigene Laden nicht läuft.

ECOreporter.de: Gibt es auch positive Nachrichten aus dem Firmennetzwerk der HerMerlin? Wie entwickeln sich die Geschäfte der Solantis Energy AG, der pro future capital AG und der WindStar?
Herrmannsdörfer: Der Solantis Energy AG hat die Europäische Union die Aufgabe übertragen, Wasserstoffspeicherung und Wiederverstromung im kommerziellen Bereich zu realisieren. Dabei arbeitet die Solantis in einem Konsortium mit großen Unternehmen wie beispielsweise der spanischen Endesa zusammen.
Für die WindStar AG gehen wir, aufgrund der laufenden Projektierungen, von einem positiven Abschluss 2003 aus.
In absehbarer Zeit wird unsere Tochtergesellschaft pro-future-capital ag ein erstes praktisches Beispiel einer neuen Konzeption unter dem Namen "Cent des Merlin" vorstellen. Schwerpunkt dieses Konzeptes wird die Einbeziehung des Käufers in die Produktion sein. Mehr dazu in Kürze.

ECOreporter.de: Viele junge grüne Firmen leiden unter chronischen Finanzierungsproblemen. Haben die Unternehmen der HerMerlin-Gruppe genügend Reserven, um die aktuelle Schwächephase des Aktienmarktes zu überstehen?
Herrmannsdörfer: Ohne Kapitalzufuhr geht es bei Entwicklungsgesellschaften schlicht weg nicht, das habe ich schon immer vertreten. Deshalb hat die HerMerlin in der Vergangenheit jeweils für die nächsten Entwicklungsschritte Kapitalerhöhungen durchgeführt. Um die Emissions- und Vermittlungskosten niedrig zu halten, immer über die Muttergesellschaft HerMerlin AG. Für die Umsetzung unserer nachhaltigen Ideen brauchen wir auch in Zukunft weiteres Kapital. Hierfür planen wir eine 10. Kapitalerhöhung und hoffen auf die Unterstützung durch unsere Gesellschafter. Die Ideen brauchen Menschen, die "mittun".
Der Kapitalbedarf der einzelnen Gesellschaften liegt zwischen 50- und 200.000 Euro. Die HempAge beispielsweise will aufgrund steigender Nachfrage 100.000 Euro investieren, um ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen. Es wird weniger Unterbrechungen in der Belieferung geben, in der Folge wird sich die Rentabilität entscheidend verbessern.

ECOreporter.de: Die Umsätze im ausserbörslichen Aktienhandel sind massiv eingebrochen. Lohnt sich der Aufwand überhaupt noch, den Ihre Tochtergesellschaft Merlinbroker zur Aufrechterhaltung der Handelserlaubnis betreiben muss?
Herrmannsdörfer: Die Handelsaktivitäten sind nach dem 11. September 2001 tatsächlich sehr zurück gegangen. Auf Grund der niedrigen Kosten der MerlinBroker AG, die sich im wesentlichen aus der Wirtschaftsprüfung und Gebühren an das BAFin sowie die EDW zusammensetzen, kann aus unserer Sicht aber eine Besserung der Kapitalmarktverhältnisse abgewartet werden.

ECOreporter.de: Mit welcher Strategie wollen Sie Ihre Unternehmensgruppe an die geänderten Marktverhältnisse anpassen?
Herrmannsdörfer: Wir sind aktiv mit der Gestaltung und Durchführung von Infotagen, Infodienst und Vorträgen befasst. Interessierte können sich an unserem Firmensitz von der Wichtigkeit und Richtigkeit des direkten Investments in kleine, nachhaltig wirtschaftende Gesellschaften überzeugen. Mit diesen Angeboten wollen wir die Menschen direkt ansprechen und als Gesellschafter für ein nachhaltiges, krisenfestes Netzwerk gewinnen. Es wird weitere Bausteine für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge geben. Wir entwickeln zur Zeit zum Beispiel Produkte, die auch unter steuerlichen Aspekten attraktiv sein werden.
Schließlich wird die pro-future-capital-ag, wie bereits gesagt, demnächst ein aktives Konzept anbieten, in dem bewusstes "Einkaufen" des Einzelnen honoriert wird. Aus den Einkäufen wird automatisch ein Beitrag zum individuellen, produktiv angelegten Vermögensaufbau und zur Alterssicherung erwachsen.

ECOreporter.de: Herr Herrmannsdörfer, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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