05.01.04 Fonds / ETF

5.1.2004: Grübeln über Gute Aktien - Protokoll einer Ethikausschuss-Sitzung für die Prime Value Fonds

(CL) Das Schweizer Unternehmen mit seinen weltweit 1200 Standorten könnte stolz sein: "Seit 1999 gibt es vier ethische Grundelemente in der Unternehmenskultur", argumentieren die Befürworter. "Aber", entgegnen die Skeptiker, "blieb dem Unternehmen eine andere Wahl, nachdem Bestechungsskandale für Schlagzeilen sorgten?" Immerhin gebe es inzwischen eine eigene Norm für ethisches Verhalten, antwortet die Gegenseite. Die Skeptiker überzeugt das nicht: "Ein Unternehmen, das keinen Umweltbericht veröffentlicht, hat in unseren Fonds nichts zu suchen", halten sie dagegen. Nicht einmal der Geschäftsbericht enthalte Aussagen zur Umweltpolitik!

Sollen die Prime Value Fonds der Züricher Dr. Höller Vermögensverwaltung die Aktie der Schweizer SGS Surveillance kaufen, von der hier die Rede ist? Die 1878 gegründete SGS mit Sitz in Genf beschäftigt sich an weltweit 1200 Standorten mit Verifikation, Überprüfung und Zertifikation. Konkret: SGS überwacht beispielsweise im Auftrag von Regierungen oder internationalen Institutionen die Qualität von Waren wie Agrarprodukten, aber auch Mineralien oder Petroleum.

Die acht Mitglieder des "Prime Value-Ethikkomitees", die im September in einem Sitzungssaal des ehemaligen Industriekonzerns Sulzer zusammensitzen, diskutieren über die Stärken und Schwächen des Kandidaten. Bei ihnen liegt die Entscheidung: Können die Prime Value Fonds Aktien von SGS kaufen oder nicht? Neben monatlichen Telefonkonferenzen treffen sich die acht zwei- bis dreimal im Jahr. Titel, die das Ethikkomitee ablehnt, werden nicht in die Fonds aufgenommen; sind sie schon drin, werden sie umgehend verkauft, d.h. so zügig, wie dies unter Performanceüberlegungen möglich ist.

Interdisziplinäres Komitee
Das unabhängige Ethikkomitee sei im Laufe der beiden ersten Jahre nach dem Fondsstart Ende 1995 zusammengestellt worden, sagt Elisabeth Höller, Chefin der Dr. Höller Vermögensverwaltung, Initiatorin und Fondsmanagerin. Nach einem Gespräch mit Komitee- Gründungsmitglied Prof. Dr. Hans Ruh, ehemals Professor für systematische Theologie mit Schwerpunkt Sozialethik an der Universität Zürich, habe sich der Kontakt mit den anderen Komiteemitgliedern von Jahr zu Jahr gefestigt. Das Ergebnis: Gebündelte Fachkompetenz und Erfahrung in Umwelt-, Ethik-, Technik- und Finanzfragen. Dem Gremium gehören Wissenschaftler wie der Karlsruher Professor und Geschäftsführer des Technologiezentrum Wasser Wolfgang Kühn ebenso an wie der Mitherausgeber der Süddeutschen Zeitung, Christoph Schwingenstein. Aspekte der Medizinethik trägt Gisela Bockenheimer- Lucius in den Kreis, die Ärztin lehrt an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität. Der Jurist Walter Dawid ist von Anfang an dabei; er sitzt auch im Aufsichtsrat der Wiener Bank Gutmannn, die das administrative Dach (Depotbank und KAG) für die Prime Value Fonds bietet. Als Umweltfachmann hat Elisabeth Höller den Hamburger Uni-Professor Michael Braungart für den Expertenkreis gewonnen - diesmal vertreten durch Inge Pott, Projekt-Koordinatorin bei Braungarts EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency).

Was ist gut und passt zum Fonds?
Das Ethikkomitee der Prime Value Fonds hat für die Klassifizierung der Unternehmen, die es zu besprechen gilt, eigene Qualitätsstufen entwickelt: Als "ethisch vertretbar" werden Firmen eingestuft, die die Mindeststandards erfüllen. Überdurchschnittliche Qualität zeigt der Titel "ethisch positiv" an, die höchste Auszeichnung, die das Ethikkomitee vergibt, lautet "ethisch hochwertig". Erhält ein Unternehmen dagegen die Bewertung "fondspolitisch nicht zielkonform" (mangelnde ethisch/ökologische proaktive Qualität) oder noch schlimmer "ethisch nicht vertretbar" (Ausschlusskriterien verletzt), dann kommt es für Investitionen der Prime Value Fonds nicht in Frage. Im Fonds "Prime Value mix", der sowohl in Dividendentitel als auch Rentenpapiere investiert, waren zum Stichtag 30.9.2003 31,8 Prozent der Papiere als ethisch vertretbar, 49,2 Prozent als ethisch positiv eingestuft und 19 Prozent der Titel des Fondsvermögens lagen in Wertpapieren, die das Ethikkomitee als ethisch hochwertig einschätzt. Drei ethisch und nachhaltig anlegende Investmentfonds hat Elisabeth Höller mit ihrem Team entwickelt und in Kooperation mit der Wiener Bank Gutmannn AG aufgelegt: Den Mischfonds Prime Value mix, den Aktienfonds Prime Value Aktien Europa und den Rentenfonds Prime Value Bond Paneuropa

Stakeholder-Analyse
Die Prime Value Fonds werden vorläufig keine Aktien der SGS Surveillance (Société Générale de Surveillance Holding SA) kaufen. Die Mitglieder des Ethikkomitees bemängeln vor allem die ungenügende Kommunikation des Schweizer Weltkonzerns. Es seien kaum Informationen über die Ausgestaltung der Beziehungen des Unternehmens zu seinen Stakeholdern zu bekommen, sagt Reinhard Friesenbichler, Unternehmensberater von nachhaltigkeitsorientierten Unternehmen und als freier Ethik-Analyst tätig. "Stakeholder" sind zum Beispiel die Kunden eines Unternehmens, aber auch die Mitarbeiter, die Umwelt, die Lieferanten, die Investoren und ganz allgemein die Öffentlichkeit. "Die Stakeholder-Untersuchung ist nach der Prüfung, ob die Ausschlusskriterien tangiert werden, Dreh- und Angelpunkt in der Arbeit unseres Ethik-Researchteams", betont Elisabeth Höller. Dem Komitee sei die ganzheitliche Betrachtungsweise besonders wichtig.

Ein Urteil über SGS
Analyst Friesenbichler ist gemäss seinen Recherchen mit der SGS-Unternehmenskommunikation ganz und gar nicht zufrieden. Er erinnert in der Diskussion an die früheren Skandale um SGS. Seit der "Bhutto- Affäre" seien erst wenige Jahre vergangen, wird zu Bedenken gegeben. Die frühere pakistanische Ministerpräsidentin Benazir Bhutto war 1999 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil sie und ihr Mann neun Millionen US-Dollar Schmiergeld von SGS angenommen hatten. "Diese und andere gleichartige Angelegenheiten sind noch nicht bewältigt und überwunden", meint Höller. "Gute Vorsätze, wie sie in der unternehmenseigenen Ethiknorm zum Ausdruck kommen, sind zwar etwas Schönes; es muss sich aber noch zeigen, ob und wie SGS das auch konkret in Taten umsetzen kann."

Aufwendige Vorbereitungen
Das interdisziplinär besetzte Höller Ethik-Researchteam bereitet die Entscheidungen des Ethikkomitees jeweils zu zweit vor. Die acht Analysten, sechs sind Angestellte der Dr. Höller Vermögensverwaltung, zwei sind freie Mitarbeiter, bewerten das ethische, soziale und ökologische Profil von Unternehmen sowie von Emittenten von Anleihen. Neben dem Betriebswirtschaftler Friesenbichler, der Umwelttechnikerin und Elektro-Ingenieurin Doris Hauser und dem Geographen Colin Skinner arbeiten unter Leitung von Elisabeth Höller eine Wirtschaftsingenieurin und Diplomierte Biologin, ein Theologe und ein Betriebsökonom in dem Gremium mit. Durchgängiges Arbeitsprinzip ist die so genannte "Co-Analyse". Ein Teammitglied bearbeitet das Profil des zu bewertenden Unternehmens; das Ergebnis wird einem der Kollegen vorgelegt, der sich ein eigenes Urteil bildet. Der nimmt vielleicht Ergänzungen vor, führt neue Aspekte ein, gewichtet Schwächen und Stärken der Firma anders. Gemeinsam verantworten Analyst und Co-Analyst dann das Endresultat vor dem Ethikkomitee. Die Entscheidung, in welche Titel die Höller-Fonds letztlich investieren können, liegt jedoch ausschließlich bei den acht Mitgliedern des unabhängigen Gremiums.

Vergleich mit der Peer Group
Unter den neun Unternehmen, die das Ethikkomitee auf seiner Sitzung im September behandelt, findet sich auch einer der größten Halbleiterhersteller der Welt: ST Microelectronics (STM). Die Höller-Analystin Doris Hauser hat eine umfangreiche Studie über das Unternehmen erstellt. Das Urteil lautet "ethisch positiv". Die Ingenieurin stellt die Stärken und Schwächen des Halbleiterspezialisten heraus, der schon in früheren Jahren in den Prime Value Fonds enthalten war und kürzlich erneut gekauft wurde. Nach Durchführung einer Peer-Group-Analyse - dabei wird das Unternehmen mit börsennotierten Mitbewerbern verglichen - sei die bisherige Einstufung dieser amerikanisch- französischen Firma als "ethisch hochwertig" nicht mehr aufrecht zu erhalten, resümiert Hauser. Der Peer-Group-Vergleich sei für die Entscheidungsfindung im Ethikresearch von zentraler Bedeutung, erklärt Elisabeth Höller: "Wir versuchen damit die Firmen herauszufiltern, die sich in ihren Stakeholderbeziehungen proaktiv verhalten; das heißt, sie tun aus eigenem Antrieb mehr als der Branchendurchschnitt."

Bergbau-Aktien nicht per se tabu
Bergbauunternehmen sind für die Prime Value Fonds kein Tabuthema. Colin Skinner, Diplom Geograph und Ethik-Analyst bei Dr. Höller, hat sich die britische Anglo American Plc näher angesehen. Der unter anderem in Südafrika, Kolumbien und Russland tätige Konzern fördert Gold, Platin, Diamanten, Kohle und Eisen. Was hat das Unternehmen in einem Ökofonds zu suchen? Skinner erklärt: "Anglo American hat eine vollständig ausformulierte Ethik-Strategie. Die Firma hat sich verpflichtet, ihre Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Stakeholder gewissenhaft wahrzunehmen." Hehre Worte? Der Bergbaukonzern Anglo Amer American habe sich anerkennenswerte Ziele gesetzt, ist sich die Runde einig. Es bleibe abzuwarten, wie viel davon in die Tat umgesetzt werden könne.

Anglo American verbraucht zu viel Energie
Für die Einstufung "ethisch unakzeptabel" geben Fakten den Ausschlag. Durch die enormen Mengen an Energie, gewonnen vornehmlich aus fossilen Quellen, die bei der Förderung von Gold und Diamanten benötigt würden, werde das Ausschlusskriterium "ökologisch gefährliche Produkte, Technologien und Dienstleistungen" verletzt, referiert Colin Skinner. Außerdem handle es sich bei Gold und Diamanten um reine Luxusgüter, die in diesen Mengen nicht für die industrielle Produktion benötigt würden. Fazit: Als Bergbaukonzern verletzt das Unternehmen die Nachhaltigkeitspflichten vielfach, nicht nur im Bereich fossile Brennstoffe. Die Prime Value Fonds werden keine Aktien von Anglo American kaufen. Man wird aber auch in Zukunft wieder prüfen, ob das Unternehmen "ethisch/ökologische Innovationskraft, zum Beispiel in Form von namhaften Engagements im Recycling oder im Alternativenergie-Bereich" entwickelt. Neun Unternehmen haben die Ethikanalysten der Vermögensverwaltung dem Ethikkomitee vorgestellt. Zwei Mal gibt es die Wertung "ethisch nicht vertretbar", ein Mal lautet das Urteil "fondspolitisch nicht zielkonform". In Aktien der sechs mit "ethisch vertretbar", "positiv" oder "hochwertig" klassifizierten Unternehmen können die Prime Value Fonds jetzt investieren. Sie können. Die Entscheidung, ob Geld fließt, liegt nun bei den Assetmanagern des Züricher Investmenthauses. Sie prüfen in erster Linie die wirtschaftlichen Chancen eines Engagements.

Ethik plus Erfolgsorientierung
"Unsere erste Pflicht ist es, eine bestmögliche risikominimierte Performance für die Anleger zu erreichen", sagt Elisabeth Höller: "Letztlich zählt der wirtschaftliche Erfolg!" Ethikanalysen hätten sich immer mehr als erstklassige Hilfsinstrumente der Finanzanalyse erwiesen. Beim Start des ersten Prime Value Fonds habe man als Renditeziel noch eine "nach Möglichkeit gleich gute Performance wie für einen normalen Fonds" angestrebt. "Inzwischen wissen wir, dass wir sowohl im Bullmarkt und erst recht in rückläufigen Börsenphasen mit dem Ethikfilter bessere Performance- Chancen haben als Fonds ohne einen solchen Filter. Unsere Performance ist deshalb eindrucksvoll, weil wir die Priorität der Finanzkriterien bei der Anlageauswahl ernst nehmen und die Ethik-Kriterien als unerlässliche Filter-Instrumente einsetzen."

Bild: Sitzung des Prime Value-Ethikkomitees in Zürich / Quelle: ECOreporter.de
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