05.04.05 Nachhaltige Aktien , Meldungen

5.4.2005: "Es ist fraglich, ob dieser Hebel wirklich wirksam ist." - ECOreporter.de-Interview mit Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der Bochumer GLS Gemeinschaftsbank, ?ber Nachhaltigkeitsbewertungen nach dem best-in-class Prinzip

Inwiefern kann der best-in-class Ansatz den Anspruch erf?llen, durch die Auswahl der Nachhaltigkeitsbesten für ethisch-?kologische Geldanlagen ein nachhaltigeres Wirtschaften anzusto?en? Bef?rworter sind davon ?berzeugt, Kritiker warnen vor Beliebigkeit. Als Fortf?hrung unserer Gespr?che mit Experten zu diesem Thema befragte ECOreporter.de Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der Bochumer GLS Gemeinschaftsbank, ?ber Nachhaltigkeitsbewertungen nach dem best-in-class Prinzip

ECOreporter.de: Warum bietet die GLS keine best-in-class Nachhaltigkeitsfonds an?
Thomas Jorberg: Die bei uns angelegten Gelder werden nicht an der B?rse, sondern direkt ?ber Kredite bei den ethisch-?kologischen Unternehmen angelegt. Unsere Auswahl richtet sich dabei nach den besten Unternehmen aus. Die Titelselektion nach dem best-in-class Prinzip ist dagegen immer eine Auswahl der am wenigsten "schlimmen" Unternehmen an der B?rse. Bei der GLS verfolgen wir aber einen anderen Ansatz. Wir m?chten vor allem mit Krediten innovative nachhaltige Unternehmen direkt finanziell unterst?tzen.

ECOreporter.de: ?ber das best-in-class Prinzip gelangen Aktien von Unternehmen aus Branchen in Nachhaltigkeitsfonds, deren Produktion die Umwelt sehr stark belasten. Wie bewerten Sie das Argument, diese Auswahl der Nachhaltigkeitsbesten solcher Branchen sto?e einen Wettbewerb um mehr Nachhaltigkeit an?
Jorberg: Ich halte das für ein sehr abstraktes Argument. In der Theorie mag es ?berzeugen, in der Praxis trifft das nicht zu. Man kann doch nur mit kursrelevanten Ums?tzen etwas umsetzen. Von solchen Ums?tzen sind die Nachhaltigkeitsfonds ja leider noch weit entfernt. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Unternehmen der Automobilbranche sich daran orientieren, ob Nachhaltigkeitsfonds ihre Aktien ausw?hlen oder ausschlie?en.

ECOreporter.de: Fondsmanager wollen diversifizieren, um das Risiko des Investments m?glichst breit zu streuen. ?ber das best-in-class Prinzip k?nnen Nachhaltigkeitsfonds aus einem breiten Anlagespektrum ausw?hlen, das dann aber auch bei Natursch?tzern umstrittene Unternehmen wie Dow Chemical, Alcoa, Rio Tinto oder Bayer enth?lt. Wie bewerten Sie das Argument, dass eine weniger strenge Nachhaltigkeitsselektion einen Fonds sicherer macht?
Jorberg: Das stimmt nicht ganz, zumindest l?sst es sich empirisch nicht belegen. Der wesentlich strengere ?kovision etwa ist in der Vergangenheit deutlich weniger abgefallen und hat bessere Zahlen vorgelegt als mancher best-in-class Fonds.
Auf einem h?heren Abstraktionsniveau mag die Annahme zwar zutreffen. Ein Fonds ist umso leichter zu managen, desto mehr Blue Chips er enth?lt. Doch diese Argumentation gilt letztlich für jeden Fonds. Man muss sich fragen, was man bewirken will. Bei der Geldanlage nach dem best-in-class Prinzip geht es letztlich nicht um die Unternehmen, darum, was sie tun oder nicht tun. Es geht vielmehr ums Umschichten im Portfolio, um den Handel zwischen Aktion?ren. Aber ist es nachhaltig, wenn man blo? umschichtet? Ich denke, dass dieser Ansatz der Geldanlage mehr der Gewissensberuhigung dient als dass er wirklich etwas bewegt.

ECOreporter.de: Ein weiteres Argument für die Aktienauswahl für Nachhaltigkeitsfonds nach dem best-in-class Prinzip lautet: Gerade in Industrien mit hoher Belastung von Mensch und Umwelt l?gen die gr??ten Verbesserungspotentiale, daher d?rfe man Unternehmen solcher Branchen nicht generell ausschlie?en. Wie ?u?ern Sie sich dazu?
Jorberg: Global bewirkt es nat?rlich mehr. Zum Beispiel wenn ich nicht nur Naturkostunternehmen als Investment einbeziehe, sondern auch Firmen aus der Chemiebranche. Aber es ist fraglich, ob dieser Hebel wirklich wirksam ist. Ich glaube nicht daran. Man setzt hier doch auf Renditewirkung, versucht also mit Mitteln Probleme zu l?sen, mit denen das Problem etwa der Umweltzerst?rung erzeugt wurde. Meine Meinung ist: Wenn der Sinn nicht vor der Rendite steht, ist ein Investment nicht nachhaltig.

ECOreporter.de: Inwiefern sollten bestimmte Branchen oder Unternehmen für Nachhaltigkeitsfonds tabu sein?
Jorberg: Dies sollte meiner Ansicht nach für Unternehmen gelten, deren Produkte menschen- und umweltzerst?rend sind. Bei Firmen aus Branchen wie R?stung oder Alkohol und dergleichen ist das eindeutig der Fall.

ECOreporter.de: Wie l?sst es sich Ihrer Meinung nach bewerkstelligen, für Nachhaltigkeitsfonds ein ausreichend breites Anlagespektrum festzulegen und zugleich Unternehmen mit mangelnder Nachhaltigkeitsperformance auszuschlie?en?
Jorberg: Das ist gar nicht so schwierig. Zudem muss man festhalten, dass h?heres Risiko auch h?here Chancen bedeutet. Das Risiko, das mit einer strengeren Titelselektion einher geht, l?sst sich auch reduzieren, in dem man die Aktien mit festverzinslichen Wertpapieren mischt. Au?erdem kann man Themenfonds machen, also den Anleger die Mischung machen lassen. Ich bin der Meinung, dass sich der Anspruch auf Nachhaltigkeit erf?llen und zugleich das Risiko im Rahmen halten l?sst.

ECOreporter.de: Herr Jorberg, wir danken Ihnen für das Gespr?ch.


Bild: Thomas Jorberg / Quelle: Katrin Michels, ECOreporter.de
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