04.05.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

5.5.2004: "Den neutralen Investor gibt es nicht" - ECOreporter.de-Interview mit Kaspar Müller, Vizepräsident des ethos-Stiftungsrates

Die Schweizer Anlagestiftung ethos hat sich neben der Berücksichtigung nachhaltiger Entwicklung zwei weitere Kernziele gesetzt: Sie will zum einen die Aktionärsstimmrechte möglichst aktiv und verantwortungsbewusst ausüben. Zum anderen sucht sie nach eigenen Angaben den konstruktiven Dialog mit den Unternehmen. ECOreporter.de sprach mit Kaspar Müller, Vizepräsident des Stiftungsrates von ethos, über das Spannungsfeld zwischen Corporate Governance und Shareholder Value und die weitreichenden Folgen verantwortungsbewussten Investierens.

ECOreporter.de: Herr Müller, der Begriff "Corporate Governance" wird im Zusammenhang mit nachhaltigen Anlageformen sehr häufig ins Spiel gebracht. Warum eigentlich?
Kaspar Müller: Weil es um Themen geht, die entscheidend den langfristigen Erfolg eines Unternehmens für seine Aktionäre und alle anderen Anspruchsgruppen mitgestalten. Corporate Governance umfasst die Debatte über die zweckmäßigen Leitungs- und Kontrollstrukturen eines Unternehmens sowie die Spielregeln der Machtverteilung zwischen den Eigentümern, dem Verwaltungsrat, dem Management, den Revisoren aber auch - und nicht zuletzt - anderen Anspruchsgruppen.

ECOreporter.de: Das tönt stark nach Anliegen, die aus der Shareholder Value Debatte bekannt sind. Wie grenzt sich denn Corporate Governance vom Begriff Shareholder Value ab?
Müller: Mit dem Einbezug von anderen Anspruchsgruppen wie z.B. den Mitarbeitenden, Lieferanten, Kunden und ganz allgemein auch der Öffentlichkeit. Die langfristige Wertsteigerung der Unternehmung für in erster Linie ihre Aktionäre ist in der Tat kein neues Ziel, und auch die Erkenntnis ist nicht neu, dass es Kontrollstrukturen braucht, um die Manager auf Aktionärslinie zu bringen. Diese beiden Aspekte gehören zu den Kernpostulaten der Shareholder-Value-Philosophie. Würde man unter Corporate Governance also nur die Spielregeln der Machtverteilung zwischen den Eigentümern und dem Management verstehen, wäre die Verwandtschaft zwischen Shareholder Value und Corporate Governance sehr eng. Dem ist jedoch dann nicht so, wenn Corporate Governance weiter greift und auch die Schnittstellen zwischen den Unternehmen und anderen Anspruchsgruppen mit einbezieht und somit den Ausgleich zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen und individuellen Zielsetzungen institutionalisiert.

ECOreporter.de: Und warum ist dies in den letzten Jahren für Investoren so wichtig geworden?
Müller: Aktionäre haben Rechte, insbesondere Stimmrechte. Durch die Ausübung der Stimmrechte nehmen Investoren Einfluss auf wichtige strategische Themen wie dem Verbessern der Veröffentlichung wichtiger Informationen, dem Schützen von Aktionärsrechten, dem Fördern des Interessenausgleichs zwischen Managern, Aktionären und anderen Anspruchsgruppen, der Wahl der Aufsichtsräte, der Unabhängigkeit des Aufsichtsrates (Verwaltungsrates), der internen Kontrolle (Ausschüsse des Aufsichtsrates), der Funktion der Revision und der Entschädigungspolitik von Managern. Wenn viele Aktionäre ihre Stimmrechte nicht ausüben und somit ihre Ziele und Anliegen nicht vertreten, überlassen sie das Feld einer Minderheit. Auch wer nicht abstimmt, stimmt mit. Den neutralen Investor gibt es schlicht und einfach nicht. Alle institutionellen Anleger mit treuhänderischer Verantwortung sollten die Stimmrechte ausüben.

ECOreporter.de: Und wo liegt hier der Bezug zum nachhaltigen Investment?
Müller: Heute gibt es viele nachhaltige Aktienportfolios. Diese enthalten Aktien, die aufgrund von Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt und im Portfolio basierend auf den erarbeiteten Ratings gewichtet werden. Dies ist sehr wichtig, aber es genügt nicht. Nachhaltiges Investieren erfordert auch das aktive Ausüben der Aktionärsrechte sowie einen aktiven und konstruktiven Dialog mit den Unternehmen. Aktionäre können nicht nur abstimmen, sie können auch aktiv Anträge zu wichtigen sozialen und ökologischen Themen einbringen. Dies ist ein wichtiges und wirksames Instrument um nachvollziehbare Ergebnisse zu erzielen.
Solche Anträge intensivieren den Dialog und geben dem Unternehmen auch Signale von Aktionärsgruppen, die Umwelt- und Sozialanliegen ebenso ernst nehmen wie finanzielle. In den letzten Jahren haben solche Anträge an den Jahresversammlungen oft Stimmenanteile von 10 Prozent und mehr erhalten. Dies entspricht oft einem Börsenwert von mehreren Milliarden Euro. Die Wirkung ist messbar, weil das Management als Reaktion die Anliegen der Investoren oft umsetzt.

ECOreporter.de: Dazu braucht es aber Strukturen und Instrumente
Müller: Ja, es braucht zum Beispiel Stimmrechtsrichtlinien, die genau festlegen, wann wie und warum gestimmt wird. Zudem braucht es eine Charta, die die Ziele festschreibt. Und nicht zu unterschätzen ist die Unabhängigkeit. Viele Anbieter wie z.B. Banken beschränken sich oft auf die Portfoliogestaltung, weil sie bei der Ausübung der Stimmrechte schnell in Zielkonflikte hineinschlittern werden.

ECOreporter.de: Diesen Dialog nennt man auch Engagement.
Müller: Ja, es geht darum die Unternehmen für die nachhaltige Entwicklung und eine moderne Corporate Governance zu sensibilisieren.

ECOreporter.de: Sie vertreten dezidiert die Ansicht, dass verantwortungsbewusstes Handeln von Investoren eine Grundvoraussetzung für die Globalisierung ist?
Müller: Auf jeden Fall. Verantwortungsbewussten Investoren ist klar, dass ihr Handeln enorme Wirkungen auf viele verschiedene Anspruchsgruppen haben kann. Entscheidend ist nämlich nicht nur die Verteilung der finanziellen Wertschöpfung, sondern auch, wie die finanzielle Wertschöpfung entsteht. Verantwortungsbewusste Investoren analysieren deshalb im Rahmen des Anlageprozesses die Wirkungszusammenhänge ihres geplanten Investments sehr sorgfältig: Ist mit dem gewünschten und möglichen Ansteigen des Börsenwertes eines Unternehmens in einem Land eine stoßende Verletzung von Menschenrechten verknüpft? Werden die Gebote der Arbeitssicherheit verletzt? Ist ein ökologisch nicht vertretbares Risiko wie z. B. Atomabfälle entstanden? Wird ein gesundheitliches Risiko durch Gewässerverschmutzung geschaffen? Oder sind nicht faire Handelsbeziehungen Grundlage des Erfolges?
In andern Worten: Investoren, die aktiv ihre Verantwortung in den Globalisierungsprozess mit einbringen, erkennen und anerkennen auch die Anliegen anderer Anspruchsgruppen als langfristigen Werttreiber. Dazu gehört auch die Bevölkerung eines Landes. Eine langfristige Sicherung des Unternehmenswertes für den Eigentümer ist nicht möglich, wenn der (vorübergehende) Erfolg auf Kosten anderer Anspruchsgruppen erzielt wird.

ECOreporter.de: Und hier genügt analysieren allein nicht?
Müller: Richtig, verantwortungsbewusste Investoren analysieren solche Zusammenhänge nicht nur, sondern sie wirken auch aktiv und konstruktiv auf eine Verbesserung hin, wo dies geboten scheint. Eine moderne Corporate Governance von Investoren unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen ist eine wichtige Voraussetzung, um eine Wirtschaft dauerhaft in ein globales Umfeld zu integrieren, das auf fairen Regeln beruht. Corporate Governance durchdringt somit das wirtschaftliche Wirken der Unternehmer und Investoren überall und sprengt bei weitem den engen betriebswirtschaftlichen Rahmen, auf den es gewisse Kreise reduzieren wollen.

ECOreporter.de: Aber das tun heute nur wenige Investoren.
Müller: Wenn Investoren nur den kurzfristigen Erfolg im Auge haben, und es gibt sehr viele Investoren dieser Art, wird die Öffnung der Finanzmärkte eines Landes - und das gilt sowohl für Entwicklungs- oder Schwellenländer wie für Industrieländer - lediglich die Plünderung dieses Landes durch kurzfristig orientierte Investoren zur Folge haben. Als Resultat wird das Land mit einer höheren Verschuldung, gesunkener Kreditwürdigkeit und akzentuierten sozialen Problemen stecken bleiben. Kurzfristig orientierte Investoren sind sich ihrer Verantwortung oft nicht bewusst. Die Auswirkungen ihres Engagements auf eine Volkswirtschaft und Gesellschaft sind für sie keine Kriterien. Es braucht keine forensischen Fähigkeiten, um der Globalisierung Schiffbruch vorauszusagen, falls sich dieses Szenario durchsetzen sollte.

ECOreporter.de: Herr Müller, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Bildnachweis: Kaspar Müller / Quelle: ethos Anlagestiftung
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