06.08.03 Fonds / ETF

6.8.2003: "Der Klimawandel trifft auch den Aktienmarkt" - Claudia Volk, WestLB Equity Markets, über Umweltrisiken und ihre Folgen

Von Martin Hesse. Der Klimawandel beschäftigt längst nicht mehr nur Umweltschützer. Die Investmentbank WestLB Panmure hat die möglichen Folgen für Wirtschaft und Börse untersucht. ECOreporter.de sprach mit der Analystin und Autorin der Studie Claudia Volk darüber, welche Branchen besonders betroffen sind und wie sie damit umgehen.

ECOreporter.de: Warum sollten sich Anleger für den Klimawandel interessieren?

Volk: Auf den ersten Blick haben Klimawandel und Aktienmarkt wenig miteinander zu tun. Klimatische Veränderungen werden erst über mehrere Jahrzehnte sichtbar, Börsianer haben häufig einen Zeithorizont von Tagen oder Monaten. Der Klimawandel kann Volkswirtschaften und Unternehmen jedoch großen Schaden zufügen und ist damit auch bedeutsam für den Aktienmarkt.

ECOreporter.de: Wie hoch schätzen Sie den möglichen wirtschaftlichen Schaden?

Volk: Die Folgen des Klimawandels sind sehr schwer abzuschätzen. Das UN-Expertengremium Intergovernmental Panel on Climate Change schätzt, dass das Bruttosozialprodukt der Welt bis zum Jahr 2050 durchschnittlich um ein bis vier Prozent gemindert werden könnte. Wir haben diese Zahlen auf den Aktienmarkt heruntergebrochen und ermittelt, dass der Klimawandel den Marktwert der börsennotierten Unternehmen um 192 bis 915 Milliarden Dollar schmälern könnte.

ECOreporter.de: Wie bekommen Unternehmen die Folgen des Klimawandels zu spüren?

Volk: Unternehmen können beispielsweise direkt von Flutschäden betroffen sein, wie vergangenen Sommer in Ostdeutschland. Dazu kommen indirekte Effekte, beispielsweise regulatorische Eingriffe. Der Handel von Emissionsrechten etwa bürdet den Unternehmen Kosten auf. Das Risiko von Schadenersatzprozessen nimmt zu. In die Diskussion um die Corporate Governance werden Umweltfragen künftig ebenfalls stärker einfließen. Schließlich werden auch die Ratingagenturen wie Moody"s das Thema Klimawandel aufgreifen. Hängt die Kreditwürdigkeit von Unternehmen auch davon ab, wie sie mit Umweltherausforderungen umgehen, bekommen sie dies in Form höherer Zinskosten unmittelbar zu spüren.

ECOreporter.de: Welche Branchen könnten besonders
von klimatischen Veränderungen betroffen sein?


Volk: Die Risiken für den Tourismus sind offensichtlich. So könnten etwa Skigebiete oder sensitive Ökosysteme wie Korallenriffe infolge der Klimaerwärmung verschwinden. Ähnliches gilt für den Agrar- und Transportsektor, die etwa unmittelbar von der Zunahme extremer Wettereignisse wie Stürme oder Flutkatastrophen betroffen sein werden. Für die Versicherungsbranche haben Klimarisiken zwei Seiten: Einerseits könnten höhere Schadensbelastungen auf sie zukommen. Andererseits eröffnen sich für die Versicherer neue Märkte. Regulierungsmaßnahmen werden vor allem Industrien treffen, die energie- und kohlenstoffintensiv sind. Das wären beispielsweise Energie- und Chemiekonzerne, Versorger, Transportunternehmen sowie die verarbeitende Industrie.

ECOreporter.de: Gibt es Branchen, die vom Klimawandel sogar profitieren könnten?

Volk: Die Bauindustrie könnte Aufträge für den Bau von Dämmen oder den Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur bekommen. Indirekt profitieren Firmen, die sich früh auf den Wandel einstellen und so Wettbewerbsvorteile erlangen.

ECOreporter.de: Welche Branchen stellen sich bereits auf den klimatischen Wandel ein?

Volk: Unternehmen aus Branchen, die einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, tun mehr als andere, um diese Risiken zu mindern. Allerdings gibt es innerhalb der Branchen große Unterschiede. So schaffen die europäischen Energiekonzerne BP und Royal Dutch/Shell mittlerweile mehr Transparenz, wie sie mit Umweltfragen umgehen, und investieren beispielsweise auch in regenerative Energien. Die amerikanische Konkurrenz engagiert sich deutlich weniger. Die europäischen, japanischen und koreanischen Autohersteller haben sich verpflichtet, bei Neuwagen den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren.

ECOreporter.de: Lässt sich an den Aktienkursen bereits ablesen, dass der Klimawandel und der Umgang damit die Wertentwicklung beeinflusst?

Volk: Wir haben die Kursentwicklung seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 untersucht. In diesem Zeitraum haben sich Branchen, die bedingt durch den Klimawandel einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, nicht erkennbar schlechter entwickelt als andere. Allerdings ist das Bewertungsniveau von stark exponierten Branchen sehr wohl niedriger als das von Industrien, die dem Klimawandel weniger ausgesetzt sind. Dagegen lässt sich nicht nachweisen, dass ein gutes Umweltmanagement sich seit 1992 positiv in den Kursen niedergeschlagen hat. Das spricht dafür, dass die Marktteilnehmer noch nicht in der Lage sind, systematisch zwischen gut und schlecht gemanagten Unternehmen zu unterscheiden.

ECOreporter.de: Es fehlt also an Transparenz?

Volk: Ja. Das liegt unter anderem daran, dass der Begriff der Nachhaltigkeit schwer verständlich zu machen und noch schwerer in der Bilanz zu fassen ist. Ich glaube aber, dass Umweltaspekte stärker in die Finanzanalyse eingehen werden. Noch besteht aber ein Problem darin, dass Anleger einen Konflikt in Ökologie und Ökonomie sehen.

ECOreporter.de: Frau Volk, wir danken für dieses Gespräch!

Bild: Claudia Volk, Quelle: Unternehmen
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