07.10.04 Nachhaltige Aktien , Meldungen

7.10.2004: Konzernspitze von Fannie Mae weist Bericht über Bilanzkosmetik zurück, Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe

Das Imperium schlägt zurück. Franklin Raines, CEO des ins Zwielicht geratenen Hypothekenfinanzierers Fannie Mae, hat die Vorwürfe der Bilanzkosmetik zurückgewiesen. Laut einem 200 Seiten langen Untersuchungsbericht der zuständigen US-Regulierungsbehörde Ofheo (Office of Federal Housing Enterprise Oversight) soll das Unternehmen nicht nur Finanzderivate auf fragwürdige Weise verbucht haben. Dem Bericht zufolge wurden über Jahre verborgen stille Reserven in Höhe von insgesamt fünf Milliarden Dollar gebildet, um die ausgewiesenen Gewinne zu glätten. Da der zweitgrößte Finanzdienstleister der USA mehrfach Bilanzierungs-Standards verletzt haben soll, hat die New Yorker Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) eine Untersuchung eingeleitet. Die Justiz ermittelt ebenfalls. Der Fall betrifft auch die Szene des Nachhaltigen Investments. Fannie Mae ist in den Nachhaltigkeitsindices NAI und DJSI World und vielen Nachhaltigkeitsfonds enthalten.

Franklin Raines hat gestern bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Bekanntwerden der Vorwürfe bestritten, dass sein Unternehmen Gewinne manipuliert hat. Wie aus US-Medienberichten hervor geht, bezeichnete er auf einer offiziellen Anhörung die Darstellung des Ofheo als fragwürdig und sachlich falsch. Er habe in dem Bericht keine Fakten finden können, die belegen, dass Gewinne falsch ausgewiesen wurden. Ferner attackierte Unternehmenssprecherin Janice Daue die Darstellungen eines ehemaligen Mitarbeiters von Fannie Mae, der von der Regulierungsbehörde als "Kronzeuge" gegen das Finanzinstitut genannt wurde. Roger Barnes, früher Abteilungsleiter im Controlling von Fannie Mae, wo er von 1992 bis Oktober 2003 beschäftigt war, beschuldigt Franklin Raines und Finanzvorstand Timothy Howard, für Mängel in den Bilanzen verantwortlich zu sein. Er habe sie 2002 in einem Memo auf Mängel bei der Bilanzierung hingewiesen. Doch die hätten nur Zahlen haben wollen, mit denen sie glänzen konnten. Bei Fannie Mae habe eine Atmosphäre und Kultur der Einschüchterung und Niederschlagung abweichender Meinungen geherrscht. Er selbst sei nach seinem Hinweis Schikanen und Einschüchterungen ausgesetzt gewesen. Dagegen erklärte Janice Daue, drei Abteilungen von Fannie Mae seien unabhängig voneinander den Hinweisen von Barnes nachgegangen. Er habe bei seinem Ausscheiden schriftlich erklärt, das Unternehmen habe seine Hinweise "angemessen behandelt." Im Gegensatz zu dessen Darstellung würden die Mitarbeiter von Fannie Mae dazu angeregt, eigene Meinungen zu vertreten.

Wie es wirklich mit der Offenheit und Transparenz von Fannie Mae steht, das wird sich auch daran zeigen, wie die Führung mit den Vorwürfen umgeht. So lautet zumindest die Einschätzung von Alexander Barkawi, den ECOreporter.de zu den Fall befragte. Er ist Managing Director bei der Züricher SAM Indexes GmbH, die das Unternehmen im DJSI World gelistet hat. Er bezeichnete die Vorwürfe als sehr schwerwiegend. Man müsse das weitere Verhalten von Fannie Mae sehr genau beobachten, SAM stehe bereits mit dem Hypothekenfinanzierer in Kontakt. Für eine abschließende Bewertung sei es jedoch noch zu früh. "Wir stehen noch im Prozess der Bewertung", so Bakarwi.

Die Vorwürfe gegen Fannie Mae wiegen besonders schwer, nachdem im Vorjahr bereits beim kleineren Schwesterunternehmen Freddie Mac, ebenfalls eine halbstaatliche Hypothekenbank, Bilanztricks offenbar geworden waren. Das Unternehmen hatte seit Jahren die Gewinne künstlich gedrückt, der Vorstand musste den Hut nehmen. Ähnliches könnte auch Franklin Raines und weiteren Spitzenkräften von Fannie Mae geschehen. Laut dem "Wall Street Journal" wurden deren Verträge bereits dahingehend geändert, dass sie bei einer Entlassung keine hohen Ablösezahlungen beanspruchen können. Zwar richten sich die Vorwürfe des Ofheo vor allem gegen Finanzvorstand Howard, der CEO aber zeichnet für die Geschäftsberichte auch strafrechtlich verantwortlich. Doch seit seinem Aufstieg innerhalb der Clinton-Administration verfügt Raines in Washington über ausgezeichnete Kontakte, was bei der engen Anbindung von Fannie Mae an den Staat von großer Bedeutung ist.

Im vergangenen Jahr hatte sich Raines weit aus dem Fenster gelehnt, als er ausschloss, das Vorgänge wie bei Freddie Mac in seinem Haus möglich seien. Nun muss die Hypotheken-Agentur strengere Regulierungsvorschriften akzeptieren, die ihr bisher starkes Wachstum bremsen dürften. Dies hatte unter anderem Notenbankchef Alan Greenspan gefordert. Fannie Mae muss sein Eigenkapital in den nächsten neun Monaten um 30 Prozent erhöhen, Aktienrückkäufe und Dividendenerhöhungen künftig mit der Regulierungsbehörde absprechen, sich beim Handel mit Derrivaten besser absichern. So soll verhindert werden, dass die aktuellen Probleme sich zu einer ernsthaften Unternehmenskrise auswachsen. Schließlich hält oder garantiert der Hypothekenfinanzierer zusammen mit Freddie Mac knapp die Hälfte aller Hypotheken-Darlehen in den USA. Aber der Riese steht auf tönernen Füßen. Die Gesellschaft ist hoch verschuldet, steht mit 940 Milliarden Dollar vor allem bei Banken in den USA und Asien in der Kreide. Und nach Jahren des kräftigen Aufschwungs droht eine Abkühlung des Immobilienmarktes in den Vereinigten Staaten. An der Börse ist bereits viel Vertrauen verloren gegangen. Die Aktie von Fannie Mae verlor seit dem Ofheo-Bericht über 10 Dollar an Wert, auch wenn der Kurs nach dem gestrigen Auftritt von Raines um 2,2 Prozent auf 67,45 Dollar anstieg.

Fannie Mae: ISIN US3135861090 / WKN 856099
Freddie Mac: ISIN US3134003017 / WKN 876872

Bildhinweis: Franklin Raines, CEO von Fannie Mae / Quelle: Unternehmen
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