07.08.07 Nachhaltige Aktien , Meldungen

7.8.2007: „Üble Ausbeuter, hoch subventioniert“ – Deutsche Solarfirmen weisen Kritik des „Spiegel“ an der Photovoltaikbranche gegenüber ECOreporter.de zurück - die Argumente im Detail

Er hat es schon wieder getan: Schon vor rund drei Jahren ritt der „Spiegel“ eine große Attacke gegen Erneuerbare Energien. Damals traf es die deutsche Windkraftbranche. Das Hamburger Magazin hatte mit seiner Titelgeschichte "Der Windmühlenwahn" viel Staub aufgewirbelt. Zwei Spiegel-Redakteure hatten sehr kritisch über die Windenergie berichtet. Einer der profiliertesten Journalisten des „Spiegel“ hatte daraufhin nach 18 Jahren Redaktionszugehörigkeit gekündigt. Sein weniger negativer Bericht über die Windkraft war zuvor abgelehnt worden. Er erschien stattdessen in einer Sonderausgabe unseres ECOreporter.de-Magazins zur Windkraft (nachzulesen im ECOreporter.de-Beitrag vom Juni 2004 bzw. im ECOreporter.de-Beitrag vom April 2004).

Nun hat sich der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe die deutsche Solarbranche vorgeknöpft, und wieder fährt er schwere Geschütze auf. „Bei Löhnen weit unter West-Niveau machen die Unternehmen ordentliche Gewinne - auf Kosten von Steuerzahlern und Verbrauchern“, heißt es etwa in der Online-Version im Hinblick darauf, dass die Unternehmen vor allem in Ostdeutschland produzieren. „Trotz üppiger Gewinne gelten viele Solarfirmen als üble Ausbeuter“, fährt das Magazin fort. Auch wird die Branche als „hoch subventioniert“ bezeichnet, sie bediene sich gleich aus mehreren öffentlichen Töpfen. Stefan Dietrich, Pressesprecher der Q-Cells AG aus Thalheim in Sachsen-Anhalt, wies diese Darstellung gegenüber ECOreporter.de zurück. Es sei ärgerlich, „dass Investitionszulagen und EEG in einen Topf geworfen werden, um so eine Unmenge an „Subventionen“ zu konstruieren“. Es entstehe zudem der Eindruck, dass Investitionszulagen für Standorte in den neuen Bundesländern nur an die Solarunternehmen ausgezahlt würden. Dabei stünden die Maßnahmen der Wirtschaftsförderung für Ostdeutschland allen Industrieunternehmen offen. „Auch Bayer produziert Aspirin nicht hier in Bitterfeld-Wolfen, weil die Landschaft so schön ist“, so der Firmensprecher.

Thorsten Vespermann von der Conergy AG, die in Frankfurt an der Oder eine Produktionsstätte für Solarmodule baut, kritisierte im Gespräch mit ECOreporter.de den „Spiegel“-Artikel ebenfalls als „einseitig recherchiert“. So sei sein ebenfalls in Hamburg ansässiges Unternehmen von dem Magazin nicht „vor dem Rundumschlag gegen die gesamte Branche“ angehört worden. Dann hätte der „Spiegel“ laut Vespermann erfahren können, dass viele Faktoren zu dem Entschluss geführt hätten, die Produktion in Frankfurt an der Oder anzusiedeln. Denn dort habe Conergy eine leere Chipfabrik mit vorhandener Infrastruktur und gutem Angebot qualifizierter Arbeitskräfte vorgefunden. Auf die Fördermittel von EU, Bund und Landeshaushalten für Produktionsstätten für Solartechnik im Osten der Republik angesprochen verwies er darauf, dass es solche Förderungen in allen Teilen der Welt gebe. Dies hänge mit dem globalen Wettbewerb der Standorte für Firmenansiedlungen zusammen. Sie seien aber keinesfalls allein ausschlaggebend für die Ansiedlung in Ostdeutschland. "Für den Aufbau unserer neuen Solarfabrik in Frankfurt/Oder investieren wir 250 Millionen Euro und dafür hat die EU rund 40 Millionen Euro Fördermittel genehmigt. Dies entspricht gerade einmal etwa 16 Prozent der Investitionssumme. Für diese im internationalen Vergleich überschaubaren Subventionen schaffen wir mittelfristig über 1.000 Arbeitsplätze", so Vespermann.

Bei seiner kritischen Darstellung der Vergütung von Solarstrom nach dem EEG beruft sich der Spiegel insbesondere auf einen Energieexperten vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „Der ideologische Hintergrund des RWI und die historische Nähe zu den Energieversorgern und der klassischen Ruhrwirtschaft sind kein Geheimnis. Insofern überrascht es nicht, dass dort die Solarenergie nicht sehr beliebt ist“, meint dazu Stefan Dietrich von Q-Cells. Er wies die Darstellung des „Spiegel“ zurück, wonach Regelungen wie das EEG den Solarunternehmen „Milliarden in die Kasse“ spülten. „Wir investieren das Vielfache der Gewinne“, stellte er gegenüber ECOreporter.de klar. Dazu benötige man Überschüsse: „Sonst gibt es kein Fremdkapital; Fabriken und damit Arbeitsplätze fallen nicht vom Himmel“, so Dietrich. Und das EEG diene dazu, mit der Photovoltaik Deutschland eine wichtige Rolle in einer Zukunftsindustrie zu sichern. „Um die massiven Subventionen für die Luftfahrtindustrie wird nicht so ein Getue gemacht“, ärgert sich der Unternehmenssprecher. Vespermann sagt, die Solarfirmen profitierten nicht direkt vom EEG. Das gelte nur für den, der Solaranlagen aufstelle und damit Strom erzeuge. Außerdem „sollte die Rechnung vollständig aufgemacht werden“, forderte der Conergy-Sprecher. Die Kohlekraftwerke und Kernkraftanlagen seien vom Staat schließlich lange gefördert worden. Und es sei weder neu noch ungewöhnlich, dass die Einführung neuer Technologien in den Markt mit staatlichen Mitteln unterstützt werde. Vor allem jedoch mache das EEG volkswirtschaftlich Sinn, der Nutzen durch den Aufbau einer funktionierenden Solarbranche in Deutschland sei höher als die dafür eingesetzten öffentlichen Mittel. So müsse man zum Beispiel auch die Steuereinnahmen gegenrechnen, die Bund und Länder aus erfolgreichen Solarfirmen zuflössen.

Laut dem „Spiegel“ setzen in Ostdeutschland ansässige Solarfirmen auf Billiglöhne, und sie wollen von Tarifverträgen und Betriebsräten nichts wissen. Einige würden nur fünf Euro pro Stunde zahlen. Auch damit konfrontierten wir die Pressesprecher von Q-Cells und Conergy. Thorsten Vespermann kritisierte die „sehr verallgemeinernden Aussagen“ im Artikel des Hamburger Magazins, der keine konkreten Firmennamen nenne - mit Ausnahmen wie der US-amerikanischen First Solar, deren Modell der 12-Stunden-Schichten mit 20 Tagen Jahresurlaub vorgestellt wird, aber ohne Fakten zu den Gehältern (eine Stellungnahme von dem Unternehmen liegt uns noch nicht vor). „Wir zahlen marktgerechte Gehälter“, erklärte Vespermann für die Conergy AG. Sein Unternehmen sehe sich im Wettbewerb um Fachkräfte mit dem dringend benötigten Know how und könne es sich daher gar nicht leisten, zu wenig zu zahlen. Schließlich wolle man „gute Leute“ auch von außerhalb der neuen Bundesländer dafür gewinnen, in der Produktion am Standort nahe der Grenze zu Polen zu arbeiten. “Für unsere vollautomatisierte Produktion brauchen wir zufriedene und motivierte Fachkräfte, für die wir attraktive Arbeitsbedingungen schaffen“, so der Unternehmenssprecher. Deshalb wolle man etwa in Frankfurt auch einen Betriebskindergarten einrichten.

Vespermann räumte zwar ein, dass die Mitarbeiter sich nicht von Gewerkschaften vertreten lassen. Doch das sei eher der Kultur eines solchen jungen Unternehmens geschuldet, in dem die Angestellten sich selbst und in direkter Kommunikation mit der Führung über die Arbeitsbedingungen und Gehälter austauschten. Auch sei das an Frist Solar kritisierte Schicht-Modell nicht so nachteilig wie vom „Spiegel“ dargestellt. Denn schießlich seien vier frei Tage am Stück die positive Kehrseite dieses Modells, woraus sich übers Jahr 65 zusätzliche Tage ohne Arbeit ergäben. „Das gleicht dann auch die rein rechnerisch geringeren Urlaubstage aus“, meinte der Conergy-Sprecher. Zumal auch in vergleichbaren Branchen, etwa bei Chipherstellern wie Infineon, diese 12-Stunden-Schichten üblich seien.

Q-Cells-Sprecher Dietrich räumt ein, dass es in seinem Unternehmen keinen Betriebsrat gebe. „Anscheinend besteht bislang kein Interesse daran“, stellt er gegenüber ECOreporter.de fest. Gewerkschaftliche Aktivitäten im Unternehmen seien ihm nicht bekannt. „Es gibt einen gewählten Betriebsvertretungskreis, der die Interessen der Arbeitnehmer gegenüber dem Vorstand vertritt und von diesem gehört wird“, so Dietrich weiter. Zwar lägen die Löhne in Ostdeutschland in allen Bereichen unter dem West-Niveau, folglich auch bei Q-Cells. Dort kämen „allerdings variable Anteile und Aktienoptionsprogramme für alle Mitarbeiter hinzu, so dass das Lohn- und Gehaltsniveau völlig in Ordnung ist“, erläuterte er weiter.

In weiteren Beiträgen berichten wir über die Stellungnahmen anderer deutscher Solargesellschaften zu den im "Spiegel" erhobenen Vorwürfen berichten. So im ECOreporter.de-Interview mit Hermann Iding, aleo solar AG, und Claus Beneking, Vorstandschef des Erfurter Solarzellenherstellers ErSol Solar Energy AG.

Bildhinweis:
Produktion bei Ever-Q, einem joint venture der Q-Cells AG / Quelle: Unternehmen;
Thorsten Vespermann / Quelle: Conergy AG;
Produktion bei Conergy / Quelle: Unternehmen
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