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8.2.2007: Der Klimawandel als Unternehmensrisiko - Teil 4: Großinvestoren verlangen von börsennotierten Unternehmen weltweit Informationen über Klimarisiken

Die Liste ist imposant: Deutsche Bank, Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), WestLB Asset Management (WestAM), UBS Global Asset Management (Deutschland) GmbH, DWS Investment GmbH, Union Investment, Delta Lloyd Investment Managers GmbH, Franklin Templeton Investment Services Gmbh, Activest Investmentgesellschaft mbH, Deka Investment GmbH und Deka FundMaster Investmentgesellschaft mbH, Meag Munich Ergo Kapitalanlagegesellschaft mbH; sie alle haben sich dem Carbon Disclosure Project (CDP) angeschlossen, um ausreichende Information über die Klimarisiken von Unternehmen zu erhalten. Diese Vereinigung von Großinvestoren fordert von den 500 bedeutendsten börsennotierten Unternehmen der Welt, über Treibhausgasemissionen, Klimarisiken und Klimastrategien Auskunft zu geben. Mit ihren Anfragen zielen sie zugleich darauf ab, die Unternehmensmanager auf Bedenken der Aktionäre hinsichtlich der möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf Unternehmenswerte hinzuweisen. Sie sehen darin auch eine unterstützende Maßnahme, die es den Unternehmen erleichtern soll, die für sie relevanten Aspekte des Klimawandels besser zu managen. 280 institutionelle Investoren gehören mittlerweile diesem internationalen Projekt an, darunter 32 aus Deutschland. Zusammen verfügen sie über ein Anlagevermögen von 41 Billionen US-Dollar. Das CDP wurde Ende 2000 gegründet und hat vor wenigen Tagen zum fünften mal seine Fragebögen an die bedeutendsten börsennotierten Unternehmen der Welt verschickt und sie aufgefordert, in ihren Antworten über Klimarisiken und Klimastrategien zu informieren. Nach eigener Darstellung berücksichtigen die Mitglieder des CDP diese Angaben bzw. deren Fehlen bei ihren Anlageentscheidungen. "Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf Schlüsselindustrien wie Landwirtschaft, Tourismus, Energie, Verkehr und Versicherungen sind genau so wichtig wie das Zinsrisiko und das Wechselkursrisiko", erklärte etwa Henri de Castries, CEO des AXA-Konzerns.

Seine erste Umfrage startete das CDP im Mai 2002. Damals beteiligten sich erst 35 institutionelle Investoren an dem Projekt, befragt wurden die nach Marktkapitalisierung 500 größten börsennotierten Unternehmen weltweit. Immerhin 71 Prozent dieser Gesellschaften reagierten auf die Anfrage, fast jede dritte ignorierte sie einfach. Mit 45 Prozent schickte nicht einmal die Hälfte Antworten zurück. Dennoch betrachteten die Initiatoren dies damals als gelungenen Auftakt; die weitere erfolgreiche Entwicklung gab ihnen Recht. Bis zur vierten Fragerunde (CDP4), die 2006 veröffentlicht wurde, stieg die Antwortquote kontinuierlich. Beim CDP4 wurden mittlerweile 2.180 Unternehmen weltweit befragt, die Ergebnisse auch gesondert für einzelne Regionen der Welt zusammengetragen. Von den 500 größten börsennotierten Unternehmen reagierten diesmal 91 Prozent. Mit 72 Prozent beantworteten davon fast drei Viertel die gestellten Fragen. Die Mehrheit davon war zudem damit einverstanden, dass ihre Angaben frei zugänglich auf der Homepage des CDP veröffentlicht werden. Die Anfrage beantwortet haben auch 18 deutsche Unternehmen, von denen allerdings 6 zu der Minderheit gehörte, die eine Publikation im Internet ablehnten: die Commerzbank, DaimlerChrysler, MAN Group, Deutsche Post, Thyssen Krupp und SAP. Diese informierten auch in ihrem Geschäftsbericht 2006 ihre Aktionäre nur wenig oder gar nicht über Klimarisiken (wir berichteten im Teil 3 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko": Den meisten DAX 30 sind Klimarisiken in ihren Geschäftsberichten nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt ). Die anderen 12 deutschen Firmen unter den Top 500 weltweit stellten ihre Auskünfte frei zur Verfügung: Allianz, Bayer, BASF, BMW, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, E.ON, Metro, Münchener Rück, RWE, Siemens, Volkswagen.

Diese Gesellschaften werden auch im Deutschlandbericht des CDP genannt, den die Vereinigung bei der letzten Umfrage zeitgleich mit den übrigen Auswertungen vorlegte. Solche Länderreports wurden unter anderem auch für Frankreich und Japan vorgelegt, wo fast die Hälfte bzw. knapp zwei Drittel der Unternehmen die Fragen beantworteten. In Deutschland beantworteten dagegen nur 63 der 200 befragten Firmen die Fragen des CDP, also knapp ein Drittel. 10 Gesellschaften gaben Auskünfte in beschränktem Umfang. 67 Unternehmen ignorierten die Anfrage und 60 lehnten es ab, zu antworten. Explizit nicht auskunftsbereit waren etwa Aixtron AG, Degussa AG, Bilfinger Berger AG, die DAX30-Unternehmen Fresenius Medical Care und Altana AG. Bemerkenswerter Weise verweigerte auch die Solarfirma Centrotec Sustainable AG Antworten; die auf Erneuerbare Energie spezialisierte Conergy AG ignorierte die Frage ebenso wie der Reifenhersteller Continental. Der Solarzellenhersteller Ersol gab sich dagegen ebenso auskunftsfreudig wie etwa Beiersdorf, die Deutsche Lufthansa und Fraport AG.

Laut dem Deutschlandbericht des CDP leugnete keines der antwortenden Unternehmen die Bedeutung des Klimwandels. Es sei jedoch offenbar geworden, dass diese nicht immer die Art und Weise verstehen, "in denen Klimawandel und Klimaschutz ihr Geschäft zukünftig betreffen werden". Für das Management zukünftiger geschäftlicher Risiken und die Erschließung neuer Geschäftsmöglichkeiten sei für alle Unternehmen ein tieferes Verständnis zum einen für ihre Belastung des Weltklimas erforderlich. Zum anderen müssten sie erfassen, welche direkten und indirekten Auswirkungen der Erderwärmung auf das eigene Unternehmen, die Kunden und Zulieferer absehbar seien. Über die Hälfte (57 Prozent) der antwortenden Unternehmen habe bereits die Auffassung vertreten, dass sie von den Risiken und/oder Chancen im Zusammenhang mit dem Klimawandel direkt betroffen sind. Eine Reihe von Betrieben habe festgestellt, dass es zwar möglicherweise keine signifikanten direkten Auswirkungen auf ihre Unternehmen gäbe. Indirekte Auswirkungen wie eine Dämpfung der Wirtschaftslage und verringerte Nachfrage am Markt für Produkte/Dienstleistungen könnten jedoch die zukünftige Geschäftsergebnisse beeinträchtigen. Von den mit dem Klimawandel einhergehenden regulatorischen Risiken, die sich aus Veränderungen der Gesetzgebung und anderer politischer Rahmenbedingungen ergeben, seien weniger Unternehmen betroffen als von den umfassenderen geschäftlichen Risiken. Ungefähr 40 Prozent der antwortenden Unternehmen meinten laut den Erhebungen, dass sich aus zukünftig restriktiveren Gesetzesvorgaben direkte Auswirkungen für ihre Unternehmen ergeben werden. Von Land zu Land unterschiedliche klimapolitische Ansätze mit entsprechend verschiedenen Erfüllungskosten könnten für global agierende Unternehmen Wettbewerbsbeeinträchtigungen bedeuten, hieß es weiter. Die Ungewissheit angesichts der zukünftigen politischen Rahmenbedingungen und gesetzlicher Vorgaben stellen laut dem deutschen CDP-Report für langfristige Investitionen ein potenzielles Risiko dar.

Zu den antwortenden deutschen Unternehmen gehörte unter anderem die Düsseldorfer Henkel KGaA. Sie stellte gegenüber dem CDP fest: "Das größte potenzielle Risiko würde für unser Unternehmen in einer Situation entstehen, in der die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels oder der politischen Reaktion darauf die Kaufkraft unserer Kunden gefährden. Wir verfolgen mit großem Interesse, in welchem Grade die gesellschaftlichen Besorgnisse in Bezug auf die globale Erwärmung sich in den Kaufentscheidungen unserer Kunden niederschlagen und ob die Kunden energieeffizientere Produkte auswählen und das verantwortungsvolle Verhalten von Unternehmen belohnen." Die Deutsche Bank legte unter anderem folgendes dar: " Sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen ist es von hoher Bedeutung, den Energieverbrauch drastisch zu reduzieren. Um die Energieeffizienz der von der Deutschen Bank genutzten Gebäude zu erhöhen, wird die Gebäudetechnik kontinuierlich optimiert.[...]Obwohl ein internationales Unternehmen wie die Deutsche Bank nicht ohne ein gewisses Maß an Reiseaktivitäten geführt werden kann, streben wir an, die durch Reisen entstehenden Treibhausgasemissionen möglichst gering zu halten. So sind alle Mitarbeiter dazu verpflichtet, zunächst Kommunikationsformen wie Telefon- und Videokonferenzen zu nutzen. Zur Verringerung von Kurzstreckenflügen erhalten Mitarbeiter, die geschäftlich viel reisen, eine BahnCard." Sponsor des CDP4-Berichts für Deutschland war der BVI Bundesverband Investment und Asset Management e.V. Dessen Mitglieder betreuen Anlagen von rund 1,4 Billionen Euro in Investmentfonds und Finanzportfolioverwaltung. Der BVI und seine Mitglieder sehen laut eigener Darstellung im CDP "einen wichtigen Schritt des laufenden Investmentresearchs bezüglich der Auswirkungen des Klimawandels auf die Finanzsituation aller börsennotierten Aktiengesellschaften sowie auf die deutsche Volkswirtschaft insgesamt."

Das CDP ist das bislang wirkungsmächtigste Beispiel für eine Fülle von Aktionärsinitiativen, die von börsennotierten Unternehmen Auskunft über Klimarisiken und Klimastrategien verlangen. Zwar ging dieser Trend zunächst vom angelsächsischen Bereich aus, wo etwa die Pensionsfonds mit ihrem langfristig ausgerichteten Anlagehorizont das Thema schon länger verfolgen. Ein Beispiel dafür ist Ceres (Coalition for Environmentally Responsible Economies), eine im US-amerikanischen Boston ansässige Vereinigung von 80 Investoren, Finanzberater und Analysten, die zusammen über 300 Milliarden Dollar Investitionskapital verwalten. Im Verbund mit Umweltorganisationen wie dem WWF hat sie unter anderem die Klimastrategien internationaler Konzerne ermittelt und ein Scoring für einzelne Industriesektoren durchgeführt (wir berichteten im ECOreporter.de-Beitrag vom März 2006). Doch dieser Trend umfasst zunehmend die gesamte Finanzbranche weltweit. Die bislang zu großen Teilen wenig auskunftsbereiten oder -fähigen deutschen Aktienunternehmen werden sich darauf einstellen müssen. Inwiefern sie auch durch regulatorische Maßnahmen dazu gedrängt werden, umfassend über Klimarisken und Klimastrategien zu informieren, berichten wir in der Fortsetzung unserer Reihe über den "Klimawandel als Unternehmensrisiko".

Per Mausklick gelangen Sie zum Teil 1 unserer Reihe "Der Klimawandel als Unternehmensrisiko": Sturmwarnung für die Weltwirtschaft .
Ebenfalls per Mausklick gelangen Sie zum Teil 2 der Reihe: Mangelndes Tempo beim Klimaschutz schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autobauer.

Bildhinweis: Hauptsitz der Deutschen Bank; Containerverladen bei der Deutschen Post; Ulrich Lehner, Vorstandsvorsitzender von Henkel / Quelle jeweils: Unternehmen
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