08.05.07 Nachhaltige Aktien , Meldungen

8.5.2007: Weltweiter Investmentboom für Anbieter klimaschonender Technologien - Studie nennt Zahlen und warnt vor Risiken

Aufgerüttelt durch die Berichte des Weltklimarates der UN und des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern, über die mit dem Klimawandel verbundenen ökonomischen Risiken und Chancen sind Kapitalgeber weltweit auf der Jagd nach Startup-Unternehmen aus dem Bereich der klimaschonenden Technologien. Allerdings werden die zum Teil üppig fließenden Mittel ungleich auf die verschiedenen Sektoren verteilt; eine Investmentblase droht zu entstehen. Das geht aus einem nun in den USA veröffentlichten Report hervor, den die New Yorker Unternehmungsberatung Lux Research erarbeitet hat. Der "Cleantech Report" ist laut Angaben der 2004 aus dem Wagniskapitalgeber Lux Capital hervor gegangenen Gesellschaft der bislang erste umfassende Überblick über die Branche der klimaschonenden Technologien. Der Bericht analysiert den Angaben zufolge das Ausmaß der Investitionen in Forschung und Entwicklung (R&D), das Volumen der Wagniskapitalbeteiligungen und den Umfang von Börsengängen. Er gehe zudem auf die Entwicklung bei Patenten und Technologien ein.

Laut der Untersuchung hat sich die Menge des Wagniskapitals, das 2006 in die Branche der klimaschonenden Technologien investiert wurde, mehr als verdoppelt. Es wuchs von 0,62 Milliarden auf 1,6 Milliarden Dollar. Die Einnahmen der Unternehmen aus Börsengängen stiegen noch stärker, von 1,6 Milliarden auf 4,1 Milliarden Dollar. Matthew Nordan, Präsident von Lux Research, wertet dies als ein Signal dafür, dass eine Blase zu entstehen droht. Dies gelte vor allem für den Energiesektor, dort neben der Photovoltaik insbesondere für den Bereich Biotreibstoffe. Vor dem Hintergrund des Investmentbooms im Bereich Erneuerbarer Energie gehe leicht unter, dass es für Kapitalgeber auch in anderen Bereichen gute Aussichten gebe, wie etwa Wasseraufbereitung, Luftreinigung, Energieeffizienz oder Müllentsorgung. In die letztgenannte Branche zum Beispiel floss laut dem Cleantech Report in 2006 nur vier Prozent des in Umwelttechnologiefirmen investierten Wagniskapitals und nur ein Prozent der Einnahmen aus Börsengängen.

Laut der Untersuchung von Lux Research gibt es weltweit rund 1.500 junge Firmen aus dem Bereich der klimaschonenden Technologien: 930 aus dem Sektor Energie, 45 aus dem Sektor Luft, 90 aus dem Sektor Wasser, 120 aus dem Sektor Entsorgung und 315 aus dem sonstigen Nachhaltigkeitsbereich. Knapp 200 von diesen 1.500 Gesellschaften seien Mittel aus Wagniskapital zugeflossen, also mehr als 13 Prozent. Nordan gibt zu bedenken, dass es üblicherweise höchstens jedes zehnte Startup-Unternehmen schaffe, Wagniskapital einzuwerben. Dabei würden viele dieser Firmen niemals kommerziell erfolgreich. Der Präsident von Lux Research führt als Beispiel für die Risiken die Ethanolproduktion in den USA an. Hier sei die Gewinnmarge pro Gallone von rund einem Dollar auf inzwischen drei Cents eingebrochen. Wie dem Cleantech Report zu entnehmen ist, stieg die Summe der Investments von Wagniskapitalgebern in den Umwelttechnologie-Sektor im vergangenen Jahr weltweit am stärksten in den USA. Dort betrug der Zuwachs 72 Prozent. Auch die Zahl der von solchen Unternehmen angemeldeten Patente stieg mit einem Plus von 46 Prozent in den Vereinigten Staaten mehr als in anderen Regionen.

Bei Börsengängen von Umwelttechnologie-Firmen ist der Studie zufolge Europa führend. In den letzten beiden Jahren stammten demnach 55 Prozent der Börsendebütanten aus dem Bereich der umweltschonenden Technologien aus Europa. In Asien wiederum stiegen die Investitionen in Forschung und Entwicklung in diesem Bereich schneller als andernorts. Dem Cleantech Report zufolge nahmen die Unternehmensinvestitionen in 2006 um 34 Prozent zu, die staatlichen Investitionen um 38 Prozent. Insgesamt seien 2006 weltweit 45 Milliarden Dollar in die Forschung und Entwicklung umweltschonender Technologie gesteckt worden. Dabei stammte die Hälfte aus öffentlichen Geldern, 22 Milliarden Dollar kamen aus der Wirtschaft und rund zwei Milliarden Dollar gaben Wagniskapitalgeber hierfür aus. Dass deren Interesse an Investments in diese Branche trotz der Warnung von Lux Research vor einer möglichen Überhitzung zumindest in einigen Sektoren anhalten oder weiter steigen wird, ist mehr als wahrscheinlich. Die Unternehmensberatung zitiert unter anderem John Doerr von der Risikokapitalgesellschaft Bellwether. Er bezeichnete Umwelttechnologie als "die größte ökonomische Gelegenheit des 21. Jahrhunderts."

Neben Analysen der Geldflüsse und der Sektoren enthält der 600 Seiten umfassende Cleantech Report von Lux Research auch prägnante Portraits von 200 Unternehmen. Dazu zählen etwa "shooting stars" wie die von dem Deutschen Martin Roscheisen gegründete und geführte Nanosolar Inc. Die Spezialistin für Solarstromtechnik aus dem kalifornischen Palo Alto hat laut der Studie bereits 125 Millionen Dollar an Wagniskapital eingeworben, unter anderem von der japanischen Mitsui. Sie will in diesem Jahr mit der Herstellung besonders günstiger Solarzellen beginnen und baut gegenwärtig in Luckenwalde bei Berlin eine Fertigungsstätte auf. Die soll eine Nominalkapazität von 500 Megawatt erreichen. Die Produktion der ersten fünf Quartale ist laut Unternehmensangaben schon ausverkauft. Die Hamburger Conergy AG hat eine langfristige Zusammenarbeit mit Nanosolar Inc. vereinbart. Conergy-Pressesprecher Thorsten Vespermann bezeichnete die technologischen Ansätze des US-Startups gegenüber ECOreporter.de als "viel versprechend". Wie Vespermann erläuterte, agiert sein Unternehmen nicht als Wagniskapitalgeber. Conergy gehe es vor allem darum, mit innovativen Technologiefirmen wie Nanosolar ihre Produkte abzustimmen. Man habe zwar allein im vergangenen Jahr 13 Unternehmen übernommen. Forschung und Entwicklung jedoch führe die Conergy AG selbst durch. Die Hamburger Gesellschaft war vor zehn Jahren selbst noch ein Startup und hieß in ihren Anfängen SunTechnics GmbH. Sie wurde später zur Conergy AG, konnte sich nicht zuletzt durch den Einstieg der Wagniskapitalgeber 4r/5r Private Equity KG und Grazia Equity GmbH im Solarmarkt etablieren und dann in kurzer Zeit zum TecDAX-Unternehmen aufsteigen.

Bildhinweis: Die deutsche Q-Cells AG stieg binnen weniger Jahre vom Startup zum TechDAX-Unternehmen auf: Produktion bei deren Joint Venture EverQ / Quelle: Unternehmen; jungen Unternehmen aus dem Entsorgungsbereich fällt es noch immer eher schwer, Wagniskapitalgeber zu finden: Recycling bei Interseroh. / Quelle: Unternehmen
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