08.08.07 Nachhaltige Aktien , Meldungen

8.8.2007: „Der Vorwurf ist ungeheuerlich“ – ECOreporter.de-Interview mit Ersol-Vostand Claus Beneking zur ‚Spiegel’-Kritik an der deutschen Solarbranche

Der ‚Spiegel’ hat in seiner aktuellen Ausgabe die deutsche Solarbranche harsch kritisiert, sie sei hochsubventioniert und viele Solarfirmen seien üble Ausbeuter. Wir berichteten darüber und über erste Reaktionen von Q-Cells und Conergy, Sie gelangen zu dem Beitrag per Mausklick. Mit Hermann Iding, Leiter der Unternehmenskommunikation der aleo solar AG, führten wir dazu ein ECOreporter.de-Interview durch. Ferner befragten wir Claus Beneking, Vorstandschef des Erfurter Solarzellenherstellers ErSol Solar Energy AG, zu den Vorwürfen des Magazins, zu den Gehältern und Arbeitsbedingungen in seinem Unternehmen:


ECOreporter.de: Wie beurteilen Sie die Vorhaltungen des Magazins, die ostdeutschen Solarfirmen würden üppige Gewinne auf Kosten der Steuerzahler erzielen?
Claus Beneking: Die deutschen Solarfirmen fahren keine überhöhten Gewinne ein. Unabhängige Studien zeigen, dass diese im Mittel unter den Gewinnen der herkömmlichen Energiebranche liegen. Die Milliarden-Investitionen sind notwendig, um den erforderlichen Umbau des Energiesystems zu realisieren. Das geschieht nicht auf Kosten der Steuerzahler, denn die Einspeisevergütung des EEG ist keine Steuer, sondern eine Umlage, die der Stromkunde bezahlt. Mit der Stromrechnung zahlt jeder einen kleinen finanziellen Beitrag für die Versorgung mit erneuerbaren Energieformen.
Der Vorwurf der Bereicherung durch öffentliche Fördermittel infolge der Standortwahl der PV-Industrie in den neuen Bundesländern diskreditiert die gesamte Aufbau-Ost Politik der Bundesregierung und der EU sowie die dabei engagierten Unternehmen. Fördermittel für die Schaffung industrieller Arbeitsplätze in benachteiligten Regionen stehen fast jeder Industriebranche per Gesetz zu und sind politisch gewollt, um mittelfristig Angleichungseffekte beispielsweise bei der Arbeitslosenquote und dem Lohnniveau zu erreichen. Dies als Abzocke von Subventionen darzustellen, verhöhnt alle, die diesen politisch gewollten Prozess unterstützen und durch hohe eigene Investitionen maßgeblich tragen. Die Förderung der Integration älterer Arbeitsloser – genauso wie von Jugendlichen – ist ebenfalls ein politisch gewollter Prozess, der mittelfristig Aufwendungen für die Finanzierung von Arbeitslosigkeit vermindert, volkswirtschaftliche Ressourcen freisetzt und sozialen Verwerfungen vorbeugt. Die ersol Solar Energy AG ist stolz darauf, an diesem gesellschaftlichen Prozess mitzuwirken. Er ist gut für die Stärkung der Demokratie, auch und gerade in den neuen Bundesländern.

ECOreporter.de: Inwiefern tragen die Verbraucher den gegenwärtigen Boom der Solarbranche?
Claus Beneking: Ja, die Stromverbraucher tragen zu einem bedeutenden Teil über die EEG-Umlage die Kosten des Umbaus unserer Energieversorgung. Die Sicherung der Energieversorgung in Deutschland ist doch im öffentlichen Interesse. Wenn diese nicht gelingt, müssen wir in Zukunft mit einer Abhängigkeit von Energieimporten und stetigen Preissteigerungen für Energie leben. So ist der Solarboom bewusst gesellschaftlich gewollt, so dass auch entsprechend politische Entscheidungen getroffen worden. Im Übrigen hat dieser Boom mittel- und langfristig große volkswirtschaftliche Vorteile.

ECOreporter.de: Was sagen Sie zu der vom „Spiegel“ angesprochenen Berechnung des RWI, die Solarförderung im EEG würde Kosten in Höhe von „real rund 12 Mill. Euro“ ergeben?
Claus Beneking: Die Größenordnung der Kosten durch die Solarförderung mittels EEG ist sicher denkbar. Studien zeigen, dass der volkswirtschaftliche Nutzen die Kosten für die Einführung von erneuerbaren Energien bei weitem übersteigt. Die 12 Milliarden Euro sind notwendige Aufwendungen, um auf Dauer unabhängig von Energieimporten und der Kernenergie – die zukünftig unsicherer und noch teurer werden – zu sein. Das EEG ist ein Instrument, um unsere Energieversorgung entsprechend umzubauen. Nebenbei bemerkt, trägt die deutsche PV-Branche jetzt und in Zukunft durch zahlreiche Industriearbeitsplätze zu einer geringeren Arbeitslosenquote bei.

ECOreporter.de: Das Magazin zitiert einen RWI-Experten: „Es wird Zeit, das diese traumhaften Zustände (für die deutsche Solarbranche, die Red.) beendet werden“. Was sagen Sie dazu?
Claus Beneking: Von „traumhaften Zuständen“ kann überhaupt nicht die Rede sein. Wir befinden uns auf einem im politischen Konsens festgelegten Weg, um die Energieversorgung in Deutschland langfristig und klimagerecht zu sichern. Nur so können wir unser Land nach vorne bringen. Bei einem Abbruch dieser Entwicklung fallen wir zwangsläufig in eine Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energien – mit allen bekannten Problemen und Risiken – zurück. Dies würde langfristig unsere volkswirtschaftliche Entwicklung gefährden.

ECOreporter.de: Viele Solarfirmen würden als „üble Ausbeuter“ gelten, schreibt das Magazin. Wie äußern Sie sich dazu?
Claus Beneking: Zur gesamten Branche können wir uns natürlich nicht äußern. Die von uns gezahlten Löhne sind angemessen und wir weisen jede Art von Ausbeutung zurück. ersol sieht sich als zukunftsorientierten Arbeitgeber in der Region, der seinen Mitarbeitern entsprechende Perspektiven offerieren kann und Verantwortung für seine Belegschaft übernimmt. Eine Industrie im Aufbau muss aber auch ihre Wettbewerbsfähigkeit vor Augen haben. Dieses Ziel lässt sich nur in einem leistungsorientierten Miteinander, gemeinsam mit der Belegschaft, erreichen und in der Zukunft gewährleisten. Im Übrigen sind 8-Stunden-Schichten bei uns üblich und der Jahresurlaub beträgt 25 Tage. Auch erhalten unsere Mitarbeiter Weihnachtsgeld und leistungsbezogene Prämien.

ECOreporter.de: Liegen die Gehälter bei ersol 10 bis 20 Prozent unter dem West-Niveau?
Claus Beneking: Unsere Löhne und Gehälter sind regional- und branchenüblich. Nähere Analysen im Vergleich zum West-Niveau liegen uns nicht vor. Im Industrie-Bereich sind aber allgemein die Löhne und Gehälter in den neuen Bundesländern immer noch unter denen der alten Länder.

ECOreporter.de: Inwiefern nutzt Ihr Unternehmen Mittel, die von der Arbeitsagentur für die Einstellung von schwerer vermittelbaren Arbeitnehmern gezahlt werden, etwa für neue Mitarbeiter jenseits der 50 Jahre?
Claus Beneking: Den Vorwurf im Spiegel-Artikel, die Solarbranche würde damit „Geldschneiderei“ betreiben, finden wir pervers. Wir sind stolz darauf, dass wir auch Mitarbeitern jenseits der 50 Jahre einen sicheren/dauerhaften Arbeitsplatz bieten können. Glauben Sie mir, diese Mitarbeiter sind wirklich dankbar, nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder einen Job zu bekommen. Die Verlagerung des Renteneintrittalters ist politisch gewollt und bedeutet in der Konsequenz, dass auch ältere Arbeitnehmer ihren Platz in einer regulären Beschäftigung finden müssen. Der Vorwurf, dass die Photovoltaik-Unternehmen nur ältere Mitarbeiter einstellen würden, um die öffentliche Förderungen abzukassieren, ist ungeheuerlich. An der Integration älterer Arbeitnehmer in den Arbeitsprozess finden wir nichts Verwerfliches. Auch in anderen Branchen wird zusätzlich auf die Altergruppe „50+“ gesetzt. Die demografische Entwicklung macht es auch bei uns erforderlich, auf einen Altersmix in der Belegschaft zu bauen. So setzen wir eben auch verstärkt Ältere ein, setzen aber insbesondere auf die duale Ausbildung von jungen Leuten. Die Politik hat erkannt, dass schwer vermittelbare Arbeitskräfte, die zum Teil sehr lange aus dem Arbeitsprozess heraus sind, durch geeignete Qualifizierung zurück ins Berufsleben finden können. Dies ist auch für uns als Unternehmen nicht aufwandsneutral. Die zeitintensive praktische Qualifizierung von Umschülern bedeutet für uns einen immensen personellen Aufwand, der neben der laufenden Produktion gestemmt werden muss. Zudem ist nach Abschluss der Umschulung nicht garantiert, dass diese Personen bei uns arbeiten. Mit ihrer Qualifizierung zum Mikrotechnologen besteht die Möglichkeit, auch bei anderen Solarunternehmen anzuheuern.

ECOreporter.de: Inwiefern gibt es bei ersol Betriebsräte?
Claus Beneking: Die ersol Solar Energy AG hat bereits seit 2006 einen Betriebsrat. Auch die Tochtergesellschaft ASi Industries verfügt über eine Belegschaftsvertretung, die eine gute Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber ermöglicht. So finden Einwände von Seiten der Belegschaft Widerhall im Unternehmen.

ECOreporter.de: Herr Beneking, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Bildhinweis:
Claus Beneking, Vorstandschef der ErSol Solar Energy AG / Quelle: Unternehmen;
Solarmodule aus deutscher Produktion im Einsatz / Quelle: ECOreporter.de
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x