09.11.06 Nachhaltige Aktien , Meldungen

9.11.2006: Nach dem Kursabsturz - Obwohl für Whole Foods Market die Luft rauer wird, kann sich ein Einstieg jetzt lohnen

Auf den ersten Blick hat die US-Bio-Supermarktkette Whole Foods Market in der letzten Woche hervorragende Zahlen für das 4. Geschäftsquartal 2006 vorgelegt. Ein Umsatzanstieg um 16 Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar und ein auf 40 Millionen Dollar vervierfachter Gewinn erfüllten auch die Erwartungen der Analysten. Zudem wurde die Dividende angehoben: statt 0,15 US-Dollar werden im Januar 2007 an die Aktionäre 0,18 US-Dollar je Aktie ausgeschüttet. Trotzdem stürzte der Kurs des Wertpapiers nach Bekanntgabe der Zahlen um über 20 Prozent nach unten und erreichte ein Zwei-Jahrestief. Was aber löste eine derartige Schreckreaktion unter den Anteilseignern des Unternehmens aus, dessen Aktien zu 81 Prozent von Fonds gehalten werden? Die Experten sind sich über die Antwort einig: vor allem die vergleichsweise niedrige Prognose für das Geschäftsjahr 2006/07. In den letzten fünf Jahren hatte Whole Foods Market die Investoren mit einem durchschnittlichen Wachstum von 20 Prozent verwöhnt. Nun stellte Vorstandschef und Firmengründer John Mackey lediglich ein Umsatzplus von nur noch 13 bis 17 Prozent in Aussicht. Bereinigt um die erst noch entstehende Verkaufsfläche dürften sich der Zuwachs sogar nur auf sechs bis acht Prozent belaufen.

Ernüchtert stuften viele Analysten die Aktie der größten Bio-Supermarktkette der USA herab. Die Bank of America senkte das Kursziel der an der NASDAQ gelisteten Aktien von 77,50 auf 43,00 Dollar herab, Standard&Poor"s von 65 auf 48 Dollar, HSBC gar von 58 auf 33 Dollar. Bei dem recht anspruchsvollen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 30 erscheinen ihnen die Renditeaussichten nun zu gering. Laut Robert Plaza, Analyst bei Zacks Equity Research, hat Whole Foods Market beim Wachstum seinen Zenit überschritten. Die von ihm erwarteten Gewinne von 1,54 Dollar je Aktie in 2007 und 1,73 Dollar je Aktie in 2008 seien beim derzeitigen Börsenkurs von rund 48 Dollar einfach zu gering. Vor allem wenn man berücksichtige, dass das KGV im Branchendurchschnitt bei 22 liege.

Firmenchef John Mackey, der das im texanischen Austin ansässige Unternehmen 1980 gegründet hat, bat auf der Investorenkonferenz aus Anlass der Quartalsergebnisse um Geduld. Zwar konnte er nicht eine Fortsetzung der spektakulären Erfolgsgeschichte der Aktie von Whole Foods Market versprechen, die seit ihrem Börsenstart vor 14 Jahren ihren Wert vereinundzwanzigfacht hat - mit einem Allzeithoch von knapp 80 Dollar Ende 2005. Er bezeichnete das Geschäftsjahr 2007 als ein Jahr des Übergangs, in dem umfassende Investitionen zwar das Ergebnis von 2007 belasten, aber auch die Grundlage für das weitere Wachstum legen würden. Er bekräftigte die Umsatzprognose der Gesellschaft von 12 Milliarden Dollar in 2010. 2006 war der Jahresumsatz ihrer über 180 Bio-Supermärkte (171 in den USA, die übrigen in Kanada und Großbritannien) um 19 Prozent auf 5,6 Milliarden Dollar gestiegen. In 2007 will CEO Mackey 18 bis 20 neue Läden eröffnen, rund 50 Prozent mehr als in 2006. Zwar hat er jüngst selbst "Kannibalisierungseffekte" durch zu viele neue Filialen eingeräumt. Doch unter anderem Innovationen bei der Ausgestaltung der Läden und eine Verbreiterung des Angebots etwa durch Lifestyle-Artikel, Spiel- und Haushaltswaren sollen dies abmildern.

Bei der Investorenkonferenz kam Mackey selbst darauf zu sprechen, dass Whole Foods Market inzwischen verstärktem Konkurrenzdruck ausgesetzt ist. Neben den angekündigten Investitionen schmälere insbesondere der verschärfte Wettbewerb auf dem attraktiven US-Markt für Bio-Lebensmittel die kurzfristigen Gewinnaussichten seines Unternehmens. Dabei sind es nicht nur Nischenanbieter, die mit Spezialangeboten dem Generalisten aus Texas zu schaffen machen, dessen Filialen mit durchschnittlich 2.900 m² Ladenfläche ein Riesenangebot bereit halten. Viel schwerer wiegt, dass nun Einzelhandelsriesen wie Safeway und vor allem Wal-Mart das Geschäft mit Bio-Lebensmittel für sich entdeckt haben. Das hat zwischenzeitlich auch die Bioladenkette Wild Oats Markets beklagt, bislang der größte Konkurrent von Whole Foods Market (wir berichteten: ECOreporter.de-Beitrag vom 9. November). Wie Mackey in seinem Online-Blog erläutert hat, haben die herkömmlichen Einzelhändler viele Angebote von Whole Foods Market kopiert und damit das Geschäft des bisherigen Platzhirsches im US-Sektor für Bio-Lebensmittel erschwert. So bietet Wal-Mart inzwischen eine umfassende Palette an Bio-Lebensmitteln an, darunter "fair" gehandelten Kaffee und Fisch, der nachweislich den Nachhaltigkeitsstandards des Marine Stewardship Council genügt. Der Konzern, der umsatzstärkste Einzelhändler der Welt und das zweitgrößte Unternehmen weltweit überhaupt, hat vor kurzem eine ehrgeizige Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt (wir berichteten: ECOreporter.de-Beitrag vom 4. Oktober). Nach Darstellung der wegen ihrer rigiden Personalpolitik umstrittene Konzernführung will sie unter anderem eine zukunftsfähige Produktpalette aufbauen und mit umweltfreundlichen Angeboten neue Käuferkreise für sich gewinnen.

John Mackey hat auf der Investorenkonferenz erläutert, wie er dem verschärften Konkurrenzdruck begegnen will. Er setzt auf die Strategie, mit der er Whole Foods Market zum unumstrittenen Marktführer gemacht und durch alle bisherigen Krisen geführt hat: Expansion. Gerade der Gigant Wal-Mart hat vorgemacht, wie man über den konsequenten Aufbau immer größerer Filialen und das Aufkaufen kleinerer Konkurrenten zum Erfolg kommt. Diesem nun als Konkurrenten auftretenden Konzern hat Whole Foods voraus, sich im Bio-Lebensmittelmarkt bereits fest als Anbieter etabliert zu haben und nicht gegen einen schlechten Ruf ankämpfen zu müssen. Auch hebt sich Mackey"s Unternehmen durch seine Markenpolitik vom Discounter-Modell ab, das für Wal-Mart kennzeichnend ist. Ein Beispiel dafür, dass der CEO von Whole Foods Market seine Firma geschickt als Gegenmodell zu der neuen Konkurrenz zu inszenieren versteht, hat er erst vor wenigen Tagen gegeben: bei der Ankündigung, die Vorstandsgehälter trotz der abgeschwächten Prognose deutlich anzuheben. Dies war offenbar notwenig geworden, um Abwerbungsversuchen der Wettbewerber entgegen zu wirken. Die Führungskräfte verdienen fortan 19 mal mehr als ein durchschnittlicher Vollzeitmitarbeiter des Unternehmens. Bei der Ankündigung wurde nicht nur betont, dass es sich erst um die dritte Anhebung in 20 Jahren handelt. Mackey nahm jeder Kritik den Wind dadurch aus den Segeln, das er erklärte, selbst nur noch mit einem symbolischen Dollar entlohnt zu werden. Er wolle nicht länger für Geld arbeiten, sondern nur noch zum Vergnügen, meinte der Firmengründer, dem rund 600.000 Aktien des Unternehmens gehören.

Doch auch wenn mit solchen Maßnahmen der Imagevorteil von Whole Foods Market gegenüber Konkurrenten wie Wal-Mart gewahrt bleibt. Allein in den letzten 12 Monaten ist die Aktie des Unternehmens drei Mal eingebrochen, und nach jeder Erholung erfolgt ein noch stärkerer Einbruch. Das lässt auf ein erschüttertes Vertrauen zumindest der eher kurzfristig orientierten Börsianer schließen. Langfristig orientierten Anlegern bietet sich jedoch gerade jetzt eine günstige Gelegenheit zum Einstieg. Einige scheinen sie schon wahrgenommen zu haben. Denn auf dem Frankfurter Parkett legt die Aktie bereits wieder zu, sie hat sich nach dem Absturz von rund 50 Euro auf etwas über 36 Euro mittlerweile auf aktuell 38,40 Euro verbessert (10:52 Uhr). Die nach wie vor dominante Marktposition von Whole Foods Market spricht ebenso für gute Perspektiven der Aktie wie die Unternehmensstrategie, mit starken Marken zunehmend auf die Gruppe der Besserverdienenden zu setzen. Denn gerade bei Ihnen verstärkt sich in Nordamerika der Trend zu bewusster Ernährung, ist das Wachstumspotential noch bei weitem nicht ausgereizt. Bei einem längeren Anlagehorizont kann der Anleger auch die Kurseinbrüche aussitzen, für die das Papier anfällig ist. Die Zeiten der spektakulären Kurszuwächse scheinen nach der nun eingetretenen Ernüchterung allerdings vorbei zu sein.

Whole Foods Market Inc.: ISIN US9668371068 / WKN 886391

Bildhinweis: Ladenschild einer Filiale von Whole Foods Market in New York / Quelle: ECOreporter.de; Theke mit Bio-Lebensmitteln bei Wal-Mart / Quelle: Unternehmen
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