09.12.04 Erneuerbare Energie

9.12.2004: Wagnisfinanzierer können sich an Erneuerbaren Energien leicht die Finger verbrennen - ECOreporter.de-Interview mit Christofer Dittmar, Mitglied des Vorstands der Accera Venture Partners

Die MVV Innovationsportfolio AG & Co. KGaA ist ein Venture Capital Fonds des Mannheimer Energie- und Wasserversorgers MVV Energie AG. Der Fonds wird durch die Accera Venture Partners AG verwaltet, eine unabhängige, eigentümergeführte Managementgesellschaft. Er verfügt über ein Eigenkapital in Höhe von 40 Millionen Euro und investiert in die Bereiche Dezentrale und erneuerbare Energien, Versorgung, Umwelt, Entsorgung und Wasser. ECOreporter.de sprach mit Christofer Dittmar, Mitglied des Vorstands der Accera Venture Partners, unter anderem über die Engagements des Fonds im Bereich der erneuerbaren Energien und die Besonderheiten des Venture Capital Geschäfts.


ECOreporter.de: Herr Dittmar, wie ist die Struktur der MVV Innovationsportfolio AG, liegt der Schwerpunkt mehr im Bereich Venture Capital Beteiligungen oder bei Private Equity? Wie stark sind Sie im Bereich der Erneuerbaren Energien engagiert?

Christofer Dittmar: Wir sind auf den Bereich Venture Capital (VC) spezialisiert, zu Deutsch: Finanzierung junger Technologieunternehmen. Das wird in der Praxis oft mit Private Equity vermischt, dabei haben beide Bereiche sehr unterschiedliche Chancen-RisikoProfile. Projektfinanzierungen beispielsweise haben mit Venture Capital rein gar nichts zu tun.
Das Volumen unseres Fonds beläuft sich auf 40 Millionen Euro. Mit der Ausrichtung auf Nachhaltige Technologien investieren wir in fünf Themenschwerpunkten: Dezentrale und erneuerbare Energie, Energieverteilung und -speicherung, IT / Telekommunikation und Services, Umwelt und Entsorgung sowie Wasser. Wir managen also ein relativ klassisches Technologieportfolio für den Bereich Energie- und Versorgungstechnologien.

Eindeutig dem Bereich der Erneuerbaren Energien können zwei unserer Beteiligungen zugerechnet werden. Die Berliner enginion AG entwickelt eine sogenannte "Steamcell", das ist ein kompaktes, emissionsarmes Minidampfkraftwerk. Es soll für die dezentrale Wärme- und Stromversorgung von Immobilien verwendet werden, aber auch als Hilfsaggregat im Fahrzeugbereich. Der Brennstoff kann zum Beispiel Gas sein. Das zweite Unternehmen ist die EPV Energy Photovoltaics, Inc., eine US-amerikanische Firma, die sowohl Solarmodule als auch komplette Fertigungsanlagen zur Herstellung von Dünnschicht-Photovoltaik- Modulen entwickelt und vertreibt.

Vor einiger Zeit waren wir außerdem an dem Lübecker Windanlagenbauer DeWind beteiligt. Das Unternehmen entwickelte sich aber so gut, das wir unsere Anteile verkauft haben. Für das weitere Wachstum waren umfangreichere Mittel erforderlich, das hätte unsere Möglichkeiten als VC-Finanzierer überfordert.

Insgesamt haben wir aktuell neun Beteiligungen in unserem Fonds, damit sind alle Themenbereiche abgedeckt mit Ausnahme von Umwelt und Entsorgung.


ECOreporter.de: Wie stark ist der Fonds investiert und wie viel Geld steckt in Ihren Engagements in Erneuerbaren Energien?

Dittmar: Wir haben aktuell ungefähr zwei Drittel unserer Mittel investiert: Cirka sechs Millionen Euro sind in den beiden Erneuerbare Energien Beteiligungen gebunden.


ECOreporter.de: Ist die Branche der Erneuerbaren Energien aus Ihrer Sicht ein aussichtsreiches Geschäftsfeld für Venture Capital Engagements?

Dittmar: Natürlich, sonst hätten wir den Fokus des Fonds nicht so formuliert. Aber einige Parameter für VC müssen sehr sorgfältig beachtet werden! Wo ist der "customer pain" für einen Kunden im Bereich der Erneuerbaren Energien? Sprich: Gibt es einen echten Bedarf für das Produkt? Mit Blick auf die Erneuerbaren Energien ist es nicht unproblematisch, wie sehr die Entwicklung von der Regulierung abhängt. In Entwicklungs- und Schwellenländern sind zwar die Einsatzbedingungen meist ideal, doch fehlt es oft an Investitionsmitteln. Die Rahmenbedingungen haben also einen entscheidenden Einfluss auf den Geschäftserfolg.

Ein anderes Problem hängt mit der Zeit zusammen. VC ist eigentlich immer kurzfristig "gestrickt"; wir orientieren uns an Quartalen. In der Energiebranche dagegen, denkt man in Dekaden. Es ist eine echte Herausforderung das zu integrieren! Schließlich sind erhebliche Mittel nötig, bis so eine neue Technologie einmal steht. Dazu braucht man Konsortien von Investoren. Auf diese Weise wird das Risiko verteilt und die Ressourcen werden gebündelt. Die Börsen - zumindest die in Deutschland - funktionieren zur Zeit noch nicht wieder als Kapitalsammelstelle. Das Geld muss also aus anderen Töpfen kommen. Fazit: Wir halten Investments in Erneuerbare Energie für aussichtsreich, wenn man sich wirklich auf den Bereich fokussiert hat und weiß, was man tut. Das ist nichts für Fonds, denen das Spezialwissen fehlt.


ECOreporter.de: Was für eine zeitliche Perspektive veranschlagen Sie für Ihre Investments im Bereich der Erneuerbaren Energien?

Dittmar: Fünf Jahre; unser Fonds läuft zehn Jahre mit der Option, um zwei Jahre zu verlängern. Ein klassischer VC kann sich in dem Bereich leicht die Finger verbrennen, wenn er auf einen zu kurzfristigen Erfolg setzt. Nehmen Sie zum Beispiel die enginion AG. Die Entwicklung kommt ursprünglich aus dem VW Konzern. Mit ganz erheblichem Kapitaleinsatz wird daran schon seit einigen Jahren gearbeitet. Jetzt sind sieben internationale branchenerfahrene VC-Investoren an dem Unternehmen beteiligt.


ECOreporter.de: Ein Weltkonzern wie Volkswagen hätte die Finanzkraft, so ein Projekt aus eigener Kraft zu finanzieren. Weshalb fällt diese Aufgabe den viel kleineren VC-Gesellschaften zu?

Dittmar: Die großen Konzerne halten sich da ganz gern heraus. Heute ist es ja "in" sich auf das sogenannte "Kerngeschäft" zu konzentrieren. Aber es hat auch gut nachvollziehbare psychologische Gründe: Man will nicht zu früh die Kultur eines Großunternehmens dort hineintransferieren. Oft sind es sehr junge Teams, die an den neuen Techniken arbeiten und genügend Freiraum brauchen. Indem die Finanzierung über Netzwerke von VC-Gesellschaften geleistet wird, können im Idealfall beide Welten zusammen gebracht werden: Innovationsstärke und Finanzkraft. Wenn es im nächsten Schritt dann um die Realisierung in der Praxis geht, macht sich die Nähe mancher VC"s zu großen Konzernmüttern bezahlt. Wenn ein Industrieunternehmen in einen VC investiert hat - wie bei uns - bezeichnet man das als Corporate Venture Capital. So hat zum Bespiel die MVV Energie AG wichtige Erfahrungswerte für die Konzeption von Blockheizkraftwerken bei enginion eingebracht - das ist echtes Insiderwissen.


ECOreporter.de: In welchen Bereichen und Technologien sehen Sie das größte Potenzial?

Dittmar: Die Brennstoffzelle ist sehr komplex in der Technik. Wir haben uns sehr intensiv mit der Technik beschäftigt; bis die Brennstoffzelle wirklich das leistet, was man erhofft, kann noch eine Dekade ins Land gehen. Sie ist einfach noch nicht praxistauglich. Als VC-Investment ist sie aus unserer Sicht nicht geeignet. Aus der Windkraft haben wir uns zurückgezogen, das sagte ich bereits. Am attraktivsten finden wir derzeit die Photovoltaik. Die funktioniert zuverlässig, dennoch hat sie noch großes Verbesserungspotential. Außerdem ist das eine beherrschbare Technik, sowohl in der Produktion als auch im Betrieb. Und für die Photovoltaik gibt es weltweit ein sehr großes Potential, vielleicht sogar das größte im Energiemix. Dies bedeutet gleichzeitig auch das größte Wachstum.

Grundsätzlich halten wir den Energiemix für entscheidend. Für jede Situation die richtige Lösung zu finden, darauf kommt es an. Nehmen Sie als Beispiel die Erfordernisse eines Aluminiumkraftwerks im Vergleich zu der ländlichen Elektrifizierung eines Entwicklungslandes - da brauchen Sie vollkommen unterschiedliche Systeme. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass ein wichtiger Schlüssel für eine zukünftige dezentrale Energieversorgung in der Systemtechnologie liegt. Auch in diesem Bereich haben wir investiert: Unsere Beteiligung "Pentadyne" stellt Schwungmassenspeicher für die unterbrechungsfreie Stromversorgung hochsensibler Verbraucher her. Und mit der "Powerline"-Technik zur Datenübertragung über das Stromnetz können schon heute Lasten im Versorgungsnetz managen. Diese Technik kann noch sehr wichtig für die Versorger werden. Das System eignet sich aber auch für Dienste wie die Fernabrechnung, als DSL-Alternative für den breitbandigen Internetzugang und zum Telefonieren (IP-Telefonie).


ECOreporter.de: Welche Auswahlkriterien muss ein Unternehmen der Neue Energie Branche erfüllen, an dem sich MVV Innovationsportfolio beteiligt?

Dittmar: Neben einigen Besonderheiten im Energiebereich stellen wir als erstes die Frage: Was kann das Produkt Besonderes leisten? Gibt es ein relevantes Alleinstellungsmerkmal? Warum soll ich gerade hier investieren? Als nächstes schauen wir uns den Entwicklungsstand an: Wie weit ist das Produkt? Als VC-Investoren streben wir eine Wachstumsfinanzierung an. Im Bereich der Erneuerbaren Energien ist das gar nicht so einfach. Man muss den richtigen Punkt für den Einstieg finden. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von "beta units" und "engineering units". Engineering units haben meist schon das Äußere und die Leistung der Endgeräte, nicht aber die nötige Standfestigkeit und sie sind meist noch zu teuer. Beta units sind die ersten Geräte, die für echte Feldversuche ausgeliefert werden, damit werden erste Erfahrungen gesammelt. Erst dann folgt die erste Generation kommerzieller Geräte, die aber schon zuverlässig laufen müssen, sonst droht ein Imageschaden, von dem sich kein junges Unternehmen so schnell wieder erholt. Richtig Geld verdient wird dann eigentlich oft erst mit der zweiten Generation.
Um es zusammen zu fassen: Als VC-Investoren haben wir das Ziel, in einem vertretbaren Zeitraum zu kommerziellen Umsätzen und einem positiven Cashflow zu kommen.

Andere Fragen, die eine zentrale Rolle spielen, sind: Welche Marge kann das Produkt generieren? Ist das Unternehmen mit der geplanten Finanzierung durchfinanziert? Wie ist die Qualität des Managements im Hinblick auf Fachkompetenz, Erfahrung und Teamzusammensetzung?


ECOreporter.de: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen der MVV Innovationsportfolio AG und den Gesellschaften, an denen Sie sich beteiligen konkret? Sind Sie über die Bereitstellung der Mittel hinaus beratend tätig. In weit sind Sie über das aktuelle operative Geschäft der Unternehmen informiert?

Dittmar: Wenn wir investieren, dann sind wir wirklich zu 100 Prozent überzeugt. Und natürlich sitzen Vertreter unseres Unternehmens normalerweise im Aufsichtsrat oder dem Board of Directors bei den Beteiligungen. Darüber hinaus stehen wir in permanentem Kontakt zu den Managern der Gesellschaften und zu den anderen beteiligten VC-Investoren. Mit den Kollegen gibt es oft eine sehr intensive Zusammenarbeit, man tauscht sich aus, man schmiedet Allianzen. Wir besprechen auch regelrechte Aufgabenteilungen; das praktizieren wir auch international sehr erfolgreich zum Beispiel mit SAM in der Schweiz oder mit North Power in den USA. Da herrscht nicht etwa Futterneid, wie man das möglicherweise von außen vermuten würde. Im Gegenteil, alle wissen: Wir sitzen im selben Boot.

Für den Kontakt zum Unternehmen gilt als erste Regel, dass es ohne Vertrauen nicht geht. Dazu gehört letztlich auch, dass man sich um ein persönliches Verhältnis zu seinen Partnern in den Beteiligungen und bei den Mitinvestoren bemüht. So können dann auch Krisen besser gemeinsam durchgestanden werden - und die gehören im VC-Geschäft einfach mit dazu.


ECOreporter.de: Herr Dittmar, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Bild: Christofer Dittmar
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