09.05.06 Anleihen / AIF

9.5.2006: Anlagecheck zu einem Biomasse-Projekt: Beteiligung an der Europäische Bio-Raffinerie GmbH & Co. KG - zeichnen oder nicht?

Anleger können sich derzeit an der Europäischen Bio-Raffinerie GmbH & Co. KG beteiligen. Die Mindesteinlage beläuft sich auf 15.000 Euro, die Laufzeit der Beteiligung geht bis zum Jahr 2020. Die Anleger haben dabei eine komplizierte Misch-Stellung als Kommanditisten und Darlehensgeber. 15 Prozent durchschnittliche jährliche Ausschüttungen will die EBR für die Investoren erwirtschaften, die Rendite nach dem Internen Zinsfuß (IRR) gibt das Unternehmen mit 17,6 Prozent an. ECOreporter.de hat das Angebot für Sie geprüft und Erstaunliches vorgefunden.

Für das Projekt unter Federführung des Göttinger Biochemikers Dr. Waldemar Neumüller sollen bei Anlegern insgesamt 76,5 Millionen Euro eingesammelt werden. Die Bio-Raffinerie will ein vorbildliches Öko-Projekt sein. Alle Energie, die die Bio-Raffinerie für die Produktion und das Werk benötige, werde sie selbst erzeugen, so die EBR. Die Anlage werde im laufenden Betrieb ohne fossile Energie auskommen, sie solle voraussichtlich bis Ende 2007 im sächsischen Torgau errichtet werden. Aus 150 - 200.000 Tonnen Weizen wollen die Initiatoren eine ganze Palette von Produkten herstellen: Keimöl, Protein, Glutamin-paptide, Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Stärke, Bioethanol und Strom. Die Technologie sei in "20 Ländern patentgeschützt". Für alle Produkte bestehe ein aufnahmebereiter Markt. Aus der erzeugten Produktpalette von Bioenergie und "Functional Food" wirtschafte allein die durch Zielvorgaben der Europäischen Gemeinschaft im Absatz gesicherte Bioethanol-Produktion das Investitionsvolumen wieder herein, so der Emissionsprospekt der EBR. Der Rest sei Gewinn.

Waldemar Neumüller, Ideengeber und Geschäftsführer des Projekts, hält den Angaben zufolge mehr als 20 Patente zur Verarbeitung von nachwachsenden Rohstoffen. Der 51jährige habe bis 1994 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck Institut gearbeitet, heißt es, sein Spezialgebiet sei die industrielle Gewinnung von Proteinen und Zusatzstoffen.


Auf den ersten Blick: blendende Aussichten - auf den zweiten: Zweifel

Auf den ersten Blick verspricht das EBR-Projekt blendende Aussichten für Investoren - auf den zweiten regen sich Zweifel. Weshalb findet sich an keiner Stelle im 100 Seiten starken Prospekt eine ganz genaue Beschreibung dessen, was mit den Anlegermillionen gebaut werden soll? Wie viel Erfahrung hat der Initiator mit Vorhaben dieser Größenordnung? Hartmut Lowack, Geschäftsführer der M.E.D.-Lowack Gruppe, die für den Vertrieb des EBR-Fonds zuständig ist, sagt gegenüber ECOreporter.de: "Wir konnten das Projekt nicht genauer beschreiben, weil wir die Patente auf die vollständig neuartige Technologie der EBR schützen müssen."

Mit Neumüllers Kompetenz steht und fällt das Vorhaben. Ein Blick in den Emissionsprospekt verrät: Der Göttinger Biochemiker besitzt die Patente, er ist gleichzeitig Lizenzgeber und -nehmer, er fungiert nicht nur als Initiator und Geschäftsführer, sondern auch als Platzierungsgarant für den EBR-Fonds. Das lässt sich der Wissenschaftler fürstlich bezahlen. Sein Gehalt als Geschäftsführer beläuft sich laut dem Verkaufsprospekt auf monatlich 25.000 Euro, hinzu kommen bis zu 160.000 Euro an Tantiemen jährlich, dazu eine Dienstwohnung und ein Dienstwagen. Pikantes Detail: Den Geschäftsführervertrag schließt Neumüller als alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer der EBR mit Neumüller als eine Art Arbeitnehmer.


60 Prozent Gewinnausschüttung

Ab 2010 soll sich der Chemiker zusätzlich zu seinen Einkünften an prognostizierten Lizenzeinnahmen von fünf Millionen Euro jährlich erfreuen können. Diese Einkünfte darf er laut dem Emissionsprospekt verwenden, um seine Kapitaleinlage im Volumen von 37,5 Millionen Euro aufzufüllen. Zum Start des Projektes bringt Neumüller nur seine Patente in die EBR ein. Auf die millionenschwere nachträglich eingezahlte Einlage steht ihm laut Prospekt eine Gewinnausschüttung von sage und schreibe 60 Prozent zu.

Schriftliche Genehmigungen von Behörden für die mögliche Umsetzung des Projektes liegen noch nicht vor. "Die Anträge werden erst gestellt, wenn 49 Millionen Euro des Kapitals eingesammelt sind", erläutert Lowack. "Der aktuelle Zeichnungsstand liegt bei knapp 30 Millionen Euro." 50 private Vertriebsfirmen hat Lowack eigenen Angaben zufolge bereits "unter Vertrag" um die noch fehlenden 46 Millionen Euro einzuwerben. Geplant sei der Ausbau des Netzes auf 100 bis 150 Vertragspartner, sagt er.


Fazit

Anleger gehen mit einer Beteiligung an der Europäische Bio-Raffinerie GmbH & Co. KG ein hohes Risiko ein. Streng genommen handelt es sich bei diesem Angebot um klassisches "Venture Capital" (Risikokapital). Und obwohl sie das Kapital aufbringen sollen, werden die Anleger lediglich mit 40 Prozent am Erfolg des Projektes beteiligt. Hinzu kommt: Es gibt weder einen exakten, verbindlichen Zeitplan noch genügend detaillierte Angaben zum Bauobjekt und zu den technischen Anlagen. ECOreporter.de empfiehlt: Nicht zeichnen!



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