11.07.12 Nachhaltige Aktien , Meldungen

Am Boden - centrotherm photovoltaics AG stellt Insolvenzantrag

Es geht Schlag auf Schlag. Mit der centrotherm photovoltaics AG aus Blaubeuren ist jetzt ein weiteres prominentes Solarunternehmen aus Deutschland insolvent. Wie die ebenfalls börsennotierten Solon und Q-Cells gehörte centrotherm lange zu den Vorzeigeunternehmen der deutschen Solarbranche. Doch bei ihnen handelt es sich um Solarhersteller, die durch den massiven Preisverfall bei Solarkomponenten und die erdrückende Billigkonkurrenz aus Fernost in Schieflage geraten waren. Die centrotherm photovoltaics AG stellt aber keine Solarkomponenten her, sie stattet die Hersteller mit Maschinen und Fertigungslinien aus, um Solarkomponenten zu produzieren. Ihr Geschäftsmodell ist nicht nur ganz anders ausgerichtet. Es hat auch gute Marktchancen.

Denn die deutschen Photovoltaikausrüster beherrschen den Weltmarkt, haben laut dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) einen Weltmarktanteil von 46 Prozent. Allerdings verbuchten auch sie seit etwa neun Monaten eine deutliche Abkühlung der Umsatzlage, da die Solarhersteller Überkapazitäten aufgebaut hatten und weniger in ihre Anlagen investierten. Gerade die Auftragseingänge aus dem traditionell starken Asiengeschäft waren in den letzten Monaten eingebrochen. Weltweit war der Gesamtumsatz im Bereich Solarausrüstung im ersten Quartal auf 1,75 Milliarden US-Dollar gesunken und damit auf den niedrigsten Wert seit zehn Quartalen. Gegenüber dem Vorjahresquartal hatte er sich damit  halbiert.

Und centrotherm konnte zuletzt schon bei guten Umsätzen keinen Gewinn mehr erwirtschaften. 2011 hatte das Unternehmen zwar den Gesamtjahresumsatz um zwölf Prozent auf 698,5 Millionen Euro gesteigert. Dennoch war das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) massiv eingebrochen. Nach 75,4 Millionen Euro Gewinn vor Zinsen und Steuern im Vorjahr verbuchte der Solarausrüster fast 20 Millionen Euro Verlust. centrotherm-Finanzvorstand Thomas Riegler hatte dies im Frühjahr vor allem mit dem Preisverfall am Photovoltaikmarkt begründet. Dieser habe dazu geführt, dass das Unternehmen den Wert seiner Lagerbestände nach unten korrigieren musste. Zudem habe es Anpassungen bei einzelnen Großprojekten gegeben. ECOreporter.de hatte damals einen Opens external link in new windowAktientipp mit einer Verkaufsempfehlung für die Aktie von centrotherm veröffentlicht.

Riegler hatte im März 2012 einen harten Restrukturierungskurs mit starkem Stellenabbau angekündigt. Doch er hatte dann Anfang Mai auch für das erste Quartal einen massiven Verlust und auch eine Halbierung des Umsatzes bekanntgeben müssen. Hinzu kam seine Warnung, dass im Rechtstreit mit einem Kunden aus dem Wafer-Segment ein erhöhtes Risiko der Stornierung eines Großauftrags bestünde. Der mögliche Fehlbetrag liege im dreistelligen Millionenbereich.  Der Finanzvorstand stellte damals klar: "Für das erste Halbjahr 2012 sehen wir keine Verbesserung der aktuellen Situation. Die Branche befindet sich in der bisher schwersten Krise, die Konsolidierung ist im vollen Gange. Daher arbeiten wir mit Hochdruck an der Umsetzung unseres Restrukturierungsprogramms."

Im Juni wurde die Luft für den Solarausrüster dann immer dünner. Es wurde bekannt, dass wegen der schwierigen Finanzsituation des kriselnden Unternehmens Warenkreditversicherer ihre Versicherungen für Lieferungen von centrotherm gekündigt hatten. Noch lauter klingelten die Alarmglocken, als die Gesellschaft einräumen musste, dass es auch keinen Zugriff mehr auf die offene Kredit- und Avallinien ihrer Banken habe. Was damit erklärt wurde, dass ein Sanierungsgutachten in Auftrag gegeben worden sei, das als Grundlage für weitere Gespräche mit den Gläubigern der centrotherm photovoltaics AG über ein neues Finanzkonzept dienen solle. Wegen dieser „laufenden Finanzierungsgespräche mit den Banken könne man die Kreditlinien derzeit nicht nutzen." Eine Anfrage von ECOreporter.de hierzu hat das Unternehmen nicht beantwortet.

Nun hat der Solarausrüster „beim zuständigen Amtsgericht Ulm Antrag auf Einleitung eines Schutzschirmverfahrens (gemäß ESUG bzw. § 270b InsO.) und in Zusammenhang damit Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt“, wie er bekannt gab. Der Antrag schließe die Tochtergesellschaften centrotherm thermal solutions GmbH & Co. KG und die centrotherm SiTec GmbH ein. Die Aktivitäten der Gesellschaften centrotherm management services GmbH & Co. KG und centrotherm cell & module GmbH sollen im Zuge der Sanierung voraussichtlich in der AG gebündelt werden. Alle anderen in- und ausländischen Tochtergesellschaften würden nicht am Schutzschirmverfahren teilnehmen.

Das so genannte Schutzschirmverfahren gemäß Paragraph 270b InsO hat der Gesetzgeber erst im März 2012 eingeführt. Anders bei einem gewöhnlichen Insolvenzverfahren behält die Unternehmensspitze hier bei der Restrukturierung die Entscheidungskompetenzen weitgehend in eigener Hand. Der Prozess wird nicht von einem Insolvenzverwalter gelenkt, sondern durch einen so genannten Sachwalter begleitet und überwacht. Die Phase dieses "Schutzschirms" ist auf drei Monate befristet. Bis Anfang Oktober ist centrotherm damit vor Vollstreckungen und Zwangsmaßnahmen der Gläubiger geschützt.

Der Solarausrüster kündigte an, dieser Zeit zu nutzen, um die eingeleitete Sanierung voran zu treiben. Er hatte bereits im Juni den Sanierungsexperte Jan von Schuckmann in den Vorstand berufen. Als Chief Restructuring Officer verantwortet er die Sanierungsmaßnahmen und begleitet die laufenden Bankengespräche des Unternehmens. Zudem hat es jetzt, wie in der Meldung zum Insolvenzantrag mitgeteilt wurde, mit Tobias Hoefer ein Fachanwalt für Insolvenzrecht und weiterer Sanierungsexperte in den Vorstand berufen.

Experten machten Hoffnung darauf, dass es mit centrotherm wieder aufwärts geht. Eine Studie des Zentrums für Solarmarktforschung, die im  Mai 2012 veröffentlicht wurde, schreibt dem Unternehmen eine weltweite Spitzenposition zu. NPD Solarbuzz, eine US-amerikanische Marktforschungsgesellschaft mit Schwerpunkt auf der weltweiten Photovoltaikindustrie, sagt dem Sektor der Solarausrüster zwar ein schwieriges Jahr voraus. Sie prognostiziert aber auch, dass diese zu den Gewinnern der Marktbereinigung in der Solarbranche gehören werden. Denn etliche Solarhersteller würden mitsamt ihrer Produktionslinien vom Markt verschwinden, so dass wieder Raum für neue Anlagen entstehe. Schon in der zweiten Jahreshälfte 2012 sei daher mit einem verstärkten Auftragseingang bei den Solarausrüstern zu rechnen.

Davon wird centrotherm aber nur profitieren können, wenn es dem Unternehmen gelingt, seine Kosten in den Griff zu bekommen und die Verluste deutlich zu verringern. Entscheidend wird auch sein, das Vertrauen der Kunden zu erhalten. Dass diese weiter sehr interessiert an den Qualitätsprodukten des Solarausrüsters sind, zeigte der hohe Auftragsbestand zum Ende des ersten Quartals. Gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres 2011 waren die Aufträge zum 31. März 2012 von 403 auf 508,2 Millionen Euro angestiegen. Am 9. August 2012 will das Unternehmen seine Halbjahresbilanz vorlegen. Erst dann wird sich zeigen, inwiefern sich die verschärfte Krise von centrotherm auf die Kundenachfrage ausgewirkt hat. Dies dürfte ebenso wichtig sein wie die Angaben darüber, wie hoch die Verluste mittlerweile sind und wie das Unternehmen wieder solvent werden soll.

"Es ist eine sehr kritische Phase für das Unternehmen", stellt hierzu Frank Neumann fest, Analyst beim Bankhaus Lampe. Seine Einschätzung: "centrotherm wird aus unserer Sicht den Turn-around nur schaffen, wenn sich der Auftragseingang, der in den vergangenen Quartalen recht schwach war, in den kommenden Monaten stabilisiert".

centrotherm photovoltaics AG: ISIN DE000A0JMMN2 / WKN A0JMMN
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