12.12.12 Erneuerbare Energie

Aufgebläht oder zu eng bemessen? – Netzausbauplan der Bundesregierung im Realitätscheck

Der Um- und Ausbau der Stromnetze für die Energiewende bis 2030 könnte bis zu 42,5 Millionen Euro kosten. Das besagt eine aktuelle dena-Studie. Die von der Bundesnetzagentur rechtlich festgelegten Renditen der vier großen Stromnetzbetreiber sollen damit zu niedrig sein. Dabei soll das neue Stromnetz offenbar so groß und stark werden, das es neben Grün- vor allem weiter Braunkohlestrom transportieren kann. Darauf weisen Umweltschützer und Erneuerbare-Energie-Branchenverbände hin.

Umgebaute und neue Stromnetze sollen Deutschland den Weg zur Energiewende ebnen. Der aktuelle Netzentwicklungsplan (NEP) der Bundesnetzagentur sieht vor, dass bis 2030 neue Stromtrassen mit 135.000 Kilometern Länge durch das gesamte Bundesgebiet verlegt werden müssen. Unter anderem, um den Windstrom von Hochsee-Windrädern von Nord nach Süd zu transportieren. Zusätzlich dazu müssten 25.000 Kilometer der bestehenden Stromnetze umgerüstet werden. Davon geht ein aktueller Report der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) aus.

Die dazu notwendigen Investitionen beziffern die Studienautoren auf 27,5 Milliarden Euro. Die einzelnen Bundesländer haben jeweils eigene Ausbauziele für Erneuerbare-Energie-Anlagen bis 2030, die die des NEP deutlich übersteigen. Aufwand und Kosten für dieses Ausbauszenario soll laut dena bei 42,5 Milliarden Euro für 193.000 Kilometer Neuverkabelung und 21.000 Kilometer Umbau. Komme es so, seien die von der Bundesnetzagentur gesetzlich geregelten Renditen für die vier großen Stromnetzbetreiber TenneT, 50HertzTransmission (ehemals Vattenfall), der EnBW-Tochter TransnetBW und Amprion zu niedrig bemessen, urteilen die Studienautoren.

Allerdings, so die Studienmacher weiter, berge die Erforschung und Nutzung modernster Effizienztechnologie Einsparpotenziale, weil so der Netzausbau insgesamt reduziert werden könne. Dazu zählen der Analyse zufolge beispielsweise Wechselrichter, die unerwünschte Spannungsspitzen- oder -einbrüche bei der Einspeisung von Solarstrom ausgleichen. Eine Technik, die übrigens seit 2012 für zahlreiche Photovoltaikanlagen Pflicht in Deutschland ist.

Umweltschützer und Grünstrom-Branchenverbände gehen noch einen Schritt weiter: In einer Sendung des ZDF-Magazins Frontal 21 äußert Torben Becker vom BUND harsche Kritik am NEP. Dieser sehe einen deutlich überdimensionierten Stromnetzausbau vor. Dessen Ziel sei es, das Netz stark genug zu machen, um auch im Falle von Windstromspitzen die bestehenden Braunkohlekraftwerke von RWE- und Vattenfall bei Volllast für den Export produzieren lassen zu können. Die Bundesnetzagentur weist dies in dem Beitrag mit Hinweis auf den im Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) festgeschriebenen Einspeise- Vorrang für Grünstrom zurück.

Auf konkretes Einsparpotenzial weisen auch Solar- und Windenergie-Branchenverbände hin. „Angesichts steigender Strompreise wird der Eigenverbrauch des Sonnenstroms immer attraktiver. Deshalb rechnen wir mit einer stärkeren Konzentration neuer Anlagen lastnah in Städten und Vorstädten, wo ein hoher Strombedarf besteht und wo die Netze ohnehin noch größere Mengen Solarstrom aufnehmen können. Dieser Trend wird den Ertüchtigungsbedarf der Netze weiter reduzieren, wurde aber in der dena-Studie noch nicht berücksichtigt“, erläutert Jörg Mayer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft.

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie, erklärte gegenüber dem ZDF, er könne sich vorstellen, dass die Windenergiebranche die Einspeisung im Falle von Stromspitzen drosseln und so auf Einnahmen verzichten könne, „wenn alle anderen Maßnahmen der Netzoptimierung von den Netzbetreibern umgesetzt werden.“ Laut Frontal 21 könnte der Netzausbau um 30 Prozent geringer ausfallen, wenn die Windbranche bei Starkwind auf ein bis zwei Prozent seiner Einspeisung verzichtet.
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