29.05.08 Nachhaltige Aktien , Meldungen

„Bei den sozialen und den Umweltstandards chinesischer Solarunternehmen gibt es Riesenunterschiede“ - ECOreporter.de-Interview mit Matthias Fawer, Bank Sarasin





ECOreporter.de: Wie bewerten Sie die Bedeutung chinesischer Solarunternehmen für den weltweiten Photovoltaikmarkt?

Matthias Fawer: Es ist schon enorm, wie die chinesischen Solarunternehmen aufholen. Dass sie in der Lage sind, gleich mit mehreren Firmen unter die Top 10 der Solarzellenhersteller zu kommen und etwa die japanische Sharp zu überholen. Unter den chinesischen Solarunternehmen werden zwar auf Dauer einige auf der Strecke beleiben, etwa von anderen übernommen werden. Andere aber werden sich international eine führende Position erobern. Es hängt davon ab, wie das jeweilige Unternehmen es schafft, das enorme Wachstum zu stemmen.


ECOreporter.de: Inwiefern ist bei Solarprodukten aus China im Vergleich zu europäischen Herstellern mit Qualitätseinbußen zu rechnen?

Matthias Fawer: Die Unternehmen in China benutzen ja auch modernes Equipment, zum Beispiel neueste Maschinen von Manz oder Roth&Rau. Beim Personal können sie auf Rückwanderer etwa aus den USA oder aus Australien setzen, die sie verstärkt anzuwerben suchen.


ECOreporter.de: Welche Rolle spielen chinesische Solarunternehmen im deutschen Photovoltaikmarkt?

Matthias Fawer: Vor allem als Lieferanten von Solarwafern und –zellen sind chinesische Unternehmen von großer Bedeutung für deutsche Solarunternehmen. Deutsche Solarfirmen, die weiter wachsen wollen, sind aufgrund der Engpässe bei Wafern und Zellen auf Lieferungen aus China angewiesen.

Führende deutsche Unternehmen wie Q-Cells werden sicher gut prüfen, unter welchen Bedingungen ihre chinesischen Zulieferer produzieren und eigene Qualitätsstandards einfordern. Die Zulieferer selbst streben ja an, ein hohes Qualitätsniveau der Produktion zu erreichen, um so ihre Exportchancen zu verbessern.


ECOreporter.de: Wie bewerten Sie die sozialen und den Umweltstandards chinesischer Solarunternehmen?

Matthias Fawer: Bei den sozialen und den Umweltstandards chinesischer Solarunternehmen gibt es Riesenunterschiede. Etliche Firmen erfüllen europäische Standards, aber es gibt sicherlich auch schwarze Schafe. Man kann halt extrem Kosten sparen, wenn man Standards unterschreitet, wie jener bekannt gewordene Fall einer Siliziumproduzentin zeigt. LINK Und es gibt in China mehr Möglichkeiten, zu tricksen. Deshalb muss die Branche in China aufpassen, dass daraus kein Bumerang wird und die Branche als ganzes in Verruf gerät. In dieser Hinsicht sitzen die chinesischen Solarfirmen alle in einem Boot und müssen aufpassen, nicht für die schwarzen Schafe mit zu haften.


ECOreporter.de: Was können Kunden aus Deutschland tun, um bei Herstellern von Solarprodukten aus China soziale und ökologische Mindeststandards durchzusetzen?

Matthias Fawer: Es bedarf seitens der deutschen Kunden von chinesischen Solarunternehmen einer wirksamen Kontrolle der Zulieferer und der Zulieferketten. Sie können in dieser Hinsicht von anderen Branchen lernen, die wie etwa die Textilbranche ja schon Erfahrungen damit gemacht haben, wie negativ sich Skandale im Zulieferbereich auf die Auftraggeber auswirken können und die daher Kontrollsysteme aufgebaut haben. Und man muss gewillt sein, für solche Standards eben auch ein paar Dollar mehr zu zahlen. Die Kunden haben den Druck und auch die Macht, solches zu tun.

Man hat sich schon von der Zusammenarbeit westlicher Unternehmen aus anderen Branchen wie etwa Auto und sonstigen Technologien mit chinesischen Firmen positive Auswirkungen auf die sozialen, ökologischen und politischen Bedingungen in dem Land erhofft, aber bislang ist davon nur wenig zu sehen. Doch die großen Solarunternehmen des Landes, die ja Kunden im Westen haben und auch dort börsennotiert sind, können sich schlimme Verstöße gar nicht leisten. Vielmehr können sie im Land einen Beitrag dazu leisten, das Durchschnittsniveau zu heben.


ECOreporter.de: Die chinesische Solarbranche produziert bislang fast nur für den Export. Warum existiert in dem Riesenland mit seinem großen Energiebedarf noch kein nennenswerter Photovoltaikmarkt?

Matthias Fawer:
Was den einheimischen Photovoltaikmarkt angeht, so zeigt die Zentralregierung in Peking noch eine abwartende Haltung. Es gibt hier noch keinen richtigen Markt, nur gewisse langfristige Ziele hinsichtlich Photovoltaik. Im Moment ist sie wohl einfach noch zu teuer, im Gegensatz zur Solarthermie, die sich als günstige Variante durchgesetzt hat, und das ohne Förderung. Indem man vielleicht einzelne Module für den individuellen Nutzer zur Verfügung stellt, könnte sich aber bei der Photovoltaik in China eine ähnliche Entwicklung vollziehen. Bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden ließen sich da schnell einige Millionen Module absetzen.


ECOreporter.de: Herr Fawer, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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