Öl-Plattform von BP. Der Ölkonzern schneidet laut Hodzic bei Best-in-Class-Analysen recht gut ab. / Quelle: Unternehmen

29.04.15 Fonds / ETF

„Bei der Nachhaltigkeit von Unternehmen gibt es beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren.“ – Teil 2 des Interviews mit Nina Hodzic, NN Investment Partners

Die NN Investment Partners, vormals ING Investment Management, verwaltet  Nachhaltigkeitsfonds und -mandate im Umfang von 4,4 Milliarden Euro. Dabei setzt sie auf den Best-in-Class-Ansatz. Wie funktioniert diese Nachhaltigkeitsstrategie konkret? Wie hoch sind die Ansprüche an die Nachhaltigkeit der Unternehmen aus problematischen Branchen wie etwa dem Ölsektor? In der Fortsetzung unseres Interviews mit ihr stellt sich Nina Hodzic, Nachhaltigkeitsexpertin von NN Investment Partners, auch diesen Fragen.  Hier  gelangen Sie zum ersten Teil des Interviews.

ECOreporter.de: Auf welche Nachhaltigkeitsstrategie setzen ihre nachhaltigen Aktienfonds? Welche Ausschlusskriterien gelten für diese Fonds? Warum arbeiten Sie mit Toleranzschwellen?

Hodzic:  Wir kombinieren einen Best-in-Class-Ansatz mit einer Reihe absoluter Ausschlusskriterien. Dabei kommen zum einen relative Kriterien zum Einsatz (Best-in-Class). Hiermit filtern wir diejenigen Unternehmen heraus, die aufgrund ihrer Nachhaltigkeitsleistungen zu den besten ihres Sektors zählen. Wir bewerten über 150 ESG-bezogene allgemeine und sektorspezifische Kriterien. Unternehmen, die über ihrem Branchendurchschnitt abschneiden, qualifizieren sich schon allein aus diesem Grund für unser nachhaltiges Universum.
Über absolute Ausschlusskriterien schließen wir Unternehmen aus, deren Geschäftstätigkeit gegen allgemeine Werte und Prinzipien verstößt, wie beispielsweise die Verletzung internationaler Sozialgesetze, umweltrechtlicher Vereinbarungen und Konventionen. Weitere Ausschlusskriterien beziehen sich auf die eigentliche Tätigkeit des Unternehmens, soll heißen: Hersteller von Tabakwaren, Waffen und Pelzwaren, Kernkraftbetreiber sowie Anbieter von Glückspiel und Pornografie werden herausgefiltert.  
Dabei arbeiten wir allerdings mit Toleranzschwellen, denn wir wollen nicht alle Einzelhandelsunternehmen, die u.a. auch Tabakwaren verkaufen, bestrafen. Wir wollen Tabakproduzenten ausschließen, nicht die Einzelhändler, von deren Absatz/Umsatz nur ein geringer Teil auf diesen Bereich entfällt.

ECOreporter.de: Wer stellt für diese Fonds das nachhaltige Anlageuniversum zusammen? Setzen sie dafür auch externe Dienstleister ein? Nimmt ein Anlagebeirat Einfluss?

Hodzic:  Das nachhaltige Anlageuniversum besteht aus rund 3.000 Unternehmen. Dabei handelt es sich weitgehend um Unternehmen, die im MSCI World vertreten sind. Wir verfolgen hier eine globale sektorale Ausrichtung. Bei diesem Teil des Prozesses greift NN IP auf Sustainalytics zurück, einen führenden Anbieter von Nachhaltigkeits-Research. Auf Basis der Kriterien, die in der Antwort zur vorangegangenen Frage erwähnt wurden, filtern wir anhand eines webbasierten Tools von Sustainalytics geeignete Unternehmen heraus.
ECOreporter.de: Inwiefern unterscheidet sich der Auswahlprozess der nachhaltigen Aktienfonds von dem für Ihren nachhaltigen Rentenfonds?

Hodzic:  Bei unseren Sustainable Equity-Fonds nutzen wir sowohl einen Best-in-Class-Ansatz als auch ein Negativscreening (Ausschluss bestimmter Aktivitäten und umstrittener Praktiken). Beim Euro Credit Sustainable Fund ist das investierbare Universum sehr viel kleiner. Um unseren Kunden hier ein ausgewogenes und gut diversifiziertes Portfolio anzubieten, konzentrieren wir uns bei diesem Fonds auf die Ausschlusskriterien, wenden aber nicht den Best-in-Class-Ansatz an.

ECOreporter.de: In welchen Abständen wird der nachhaltige Auswahlprozess überarbeitet? Können Sie Beispiel dafür nennen, dass Ihre Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Unternehmen in den letzten Jahren gestiegen sind?

Hodzic:  Durch unseren Best-in-Class-Ansatz stellen wir sicher, dass unsere Anforderungen an Nachhaltigkeit im Laufe der Jahre steigen. Da Unternehmen Nachhaltigkeitsfaktoren im Schnitt mehr Aufmerksamkeit schenken, müssen höhere Nachhaltigkeitswerte „best in class“ sein, damit die betreffenden Unternehmen für unser Fondsuniversum infrage kommen. Als engagierter Aktionär treten wir mit Unternehmen zu den Themen in den Dialog, wo wir Verbesserungen sehen möchten. Als Beispiel aus jüngerer Zeit wäre hier die Vergütung von Geschäftsführungen zu nennen.

ECOreporter.de: Wie wird kontrolliert, ob das Fondsmanagement sich an das nachhaltige Anlageuniversum hält? In welchen Abständen werden die Nachhaltigkeitsanalysen aktualisiert?


Hodzic:  Wir sind der festen Überzeugung, dass wir durch Konzentration unserer Investments auf Unternehmen in unserem nachhaltigen Anlageuniversum einen Fonds mit besseren Risiko-Rendite-Merkmalen anbieten können. Insofern ist die Versuchung, in Unternehmen außerhalb dieses Universums zu investieren, sehr gering. Zudem verfügen wir bei NN Investment Partners über ein System wechselseitiger Kontrollen, wie zum Beispiel automatische Compliance-Prüfungen vor Abschlüssen sowie umfassende monatliche Portfolioanalysen zu ESG-Werten und -Kontroversen, die den betreffenden Geschäftsführungen kommuniziert werden.

Bildhinweis: Nina Hodzic / Quelle: NN Investment Partners

ECOreporter.de: Beim Best-in-class-Ansatz kommen alle Branchen für ein Investment in Frage. Werden bei Ihren Fonds Mindestanforderungen an Unternehmen aus problematischen Branchen wie Öl oder Bergbau gestellt?

Hodzic:  Wir schließen grundsätzlich keine Branche völlig aus. Wir gehen vielmehr so vor, dass wir für Unternehmen in allen Sektoren strikte Mindestanforderungen im Hinblick auf ökologische und soziale Faktoren sowie den Umgang mit Beschäftigten festlegen.

ECOreporter.de: In welchen Branchen werden bei Ihren Analysen die besten Nachhaltigkeitswerte festgestellt? Gibt es deutliche Unterschiede bei Fortschritten hin zu mehr Nachhaltigkeit zwischen den einzelnen Sektoren?

Hodzic:  Es gibt in der Tat beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren, was zum Teil an ihren jeweiligen Wirtschaftstätigkeiten liegt. Der IT-Sektor ist seinem Wesen nach sehr viel „sauberer“ als der Bergbau und schneidet daher im Hinblick auf ökologische Kontroversen generell besser ab. Bei Governance-Fragen sind die beiden Sektoren dagegen eher vergleichbar.
Doch wir stellen fest, dass Unternehmen aller Sektoren erhebliche Fortschritte bei ihren Nachhaltigkeitswerten machen. Als Großanleger können wir hier eine wichtige Rolle spielen, indem wir den Dialog mit den Unternehmen zu diesen Themen anstoßen.
Die Bereiche Haushaltsartikel & Körperpflegeprodukte, Versorger und Chemie schneiden in puncto Transparenz am besten ab. Bei diesen Unternehmen bestehen Umweltmanagementsysteme und -richtlinien und sie halten sich, was die Nachhaltigkeit betrifft, an internationale Initiativen.

ECOreporter.de: Inwiefern können Nachhaltigkeitsfonds mit dem Best-in-class-Ansatz dazu beitragen, dass Konzerne nachhaltiger werden? Halten sie in dieser Hinsicht Erfolge Ihrer Fonds nach?

Hodzic:  Mit Unterstützung unserer externen Datenanbieter Sustainalytics und GMI Rating/MSCI Research erhalten wir regelmäßige Updates zu den Fortschritten, die über 3.000 Unternehmen weltweit bei der Nachhaltigkeit machen. Darüber hinaus finden jährlich rund 1.800 Treffen mit Geschäftsführungen statt, an denen Aktienanalysten, ESG-Spezialisten sowie Vertreter unseres nachhaltigen Aktienfonds teilnehmen. Dies ist eine gute Gelegenheit, die Fortschritte zu zentralen Nachhaltigkeitsfaktoren zu überprüfen.
Darüber hinaus machen wir potenziellen Kunden klar, dass man keine Branchen ausschließen sollte, wenn man besser als führende Indizes wie der MSCI sein will. Bei Ausschlüssen sind die Abweichungen zu groß und in einigen Ländern kann es zum Verstoß gegen gewisse gesetzliche Regularien zum Beispiel für Versicherer kommen.
Darum versuchen wir, solche Interessenten zu überzeugen, anders zu investieren. Unser Ansatz ist, die Leistungen von Unternehmen zu verbessern, indem wir in solche investieren, die weniger kontrovers wirtschaften als Wettbewerber. Dabei ist Raum für den Ausschluss unethischer Produkte sowie stark kontroverser Geschäftstätigkeiten, etwa Menschenrechtsverstößen. Normalerweise lassen sich potenzielle Kunden überzeugen. Wir erläutern ihnen auch, dass es sinnvoller ist, mit Unternehmen zu reden, um bessere Nachhaltigkeitsleistungen zu fordern.
Wir betrachten ein Unternehmen dann als nachhaltig, wenn es transparent ist, sich anspruchsvolle Nachhaltigkeitsziele setzt (soweit diese seine Geschäftstätigkeit betreffen), effektive Managementsysteme bestehen und sein tatsächliches Verhalten den selbst gesetzten Vorgaben entspricht.
BP ist zum Beispiel ein Unternehmen, das aus Best-in-Class-Perspektive recht gut abschneidet (d.h. auf dem Papier sind Transparenz, Richtlinien und Systeme allesamt ok). Der Konzern wird aber seit Jahrzehnten von Kontroversen geplagt.
Wir fragen jedes Mal: Treten Probleme bzw. Kontroversen bei Unternehmen nur vereinzelt auf unterer Ebene auf oder handelt es sich hier um strukturimmanente verbreitete Schwächen? Hier könnte durchaus der Ruf der Geschäftsführung auf dem Spiel stehen.

ECOreporter.de: Setzen Sie auf Engagement? In welcher Form? Erstatten Sie darüber Bericht?

Hodzic:  Ja, das tun wir. Bei NN Investment Partners sind wir der Überzeugung, dass auch die Ausübung unserer Rechte als Anteilseigner der Unternehmen, in die wir investieren, zu optimalen Erträgen für unsere Kunden beiträgt. Im Mittelpunkt unserer Richtlinien und Aktivitäten zum Thema verantwortungsvolle Unternehmensführung steht die Wahrung des wirtschaftlichen Wertes der Unternehmen, in die wir für unsere Kunden investieren. In erster Linie nutzen wir Stimmrechtsvollmachten, um unsere Aktionärsrechte sowie Einfluss bei den jeweiligen Beteiligungsunternehmen auszuüben. Eine gute Unternehmensführung ist für eine profitable Geschäftsentwicklung sowie Schutz von Aktionärsinteressen und gerechte Verteilung der Erträge unerlässlich.
Zu den Kunden von NN Investment Partners zählen institutionelle Investoren aller Größen aus allen Regionen rund um den Globus. Dieses breit gefächerte Kundenspektrum steht für eine breite Palette an Überzeugungen und Präferenzen. NN In-vestment Partners stützt seine Richtlinien für die Stimmrechtsvertretung daher auf allgemein anerkannte Best Practices in der Unternehmensführung. Diese Best Practices spiegeln u. a. die Grundsätze der OECD Principles of Corporate Governance und the Global Corporate Governance Principles (neu gefasst 2009) des International Corporate Governance Network (ICGN) wider. Die Richtlinien für die Stimmrechtsvertretung von NN Investment Partners bilden den Rahmen für die Ausübung bestehender Stimmrechte bei Hauptversammlungen in der ganzen Welt. Wenn auch bestimmte Prinzipien der Corporate Governance rund um den Erdball gelten, so unterscheidet sich doch die Praxis in ihrer konkreten Ausprägung von Land zu Land.

ECOreporter.de: Setzen Sie auf Engagement? In welcher Form? Erstatten Sie darüber Bericht?

Hodzic:  Wir veröffentlichen jeweils auf unserer Website, wie wir für die Anlagen unserer Kunden, die wir in holländischen Publikumsfonds, belgischen Fonds und Luxemburger SICAVs verwalten, sowie für unsere eigenen Anlagen abstimmen. Auf die entsprechenden Informationen können Sie über diesen  Link  zugreifen. Die Seite wird regelmäßig aktualisiert.

ECOreporter.de: Frau Hodzic, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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