Angebaut wird die Ölpalme heute hauptsächlich in Indonesien und Malaysia,was häufig mit Rodungen von Regenwald verbunden ist. / Foto: Robin Wood

25.11.15

„Beim Einsatz von Palmöl gehen die Ziele von Henkel über branchenübliche Mindeststandards hinaus“ – Interview mit Malte Kolb, oekom research AG

Kein Pflanzenöl wird weltweit häufiger verwendet als Palmöl. Unternehmen setzen es auf verschiedenste Weise ein, etwa für Lebensmittel oder für Körperpflegeprodukte. Dazu gehört auch der deutsche Henkel-Konzern. Er steht wie andere Nutzer von Palmöl in der Kritik, weil die große Nachfrage auf dem Weltmarkt dazu führt, dass für Palmölplantagen in großem Stil tropische Wälder gerodet werden. Wie bewerten Nachhaltigkeitsexperten den Einsatz von Palmöl durch Henkel und andere Konzerne, in die nachhaltige Investoren investiert sind? Wir haben dazu Malte Kolb befragt, Senior Analyst bei der Nachhaltigkeitsrating-Agentur oekom research aus München.

ECOreporter.de: Ist der Umgang mit Palmöl in der Lieferkette Bestandteil des Rating-Prozesses für Firmen im Bereich Lebensmittels und Konsumgüter?

Malte Kolb:  Ja, es wird abgefragt, wie Unternehmen der Branche den nachhaltigen Bezug von Agrarrohstoffen - inklusive Palmöl - sicherstellen.

ECOreporter.de: Hat oekom research Mindestkriterien für den Einsatz von Palmöl von Firmen im Bereich Lebensmittel und Konsumgüter, damit diese einen Prime Status erreichen, der für nachhaltiges Investment qualifiziert?

Malte Kolb: 
Der Prime Status wird bei oekom research über die Gesamtnote des Ratings erreicht. Die Performance beim Thema Palmöl spielt hier mit hinein, es gibt aber keine Mindestnote, die bei dem Thema erreicht werden muss, um insgesamt Prime zu werden. Ist ein Unternehmen jedoch in schwerwiegende Kontroversen im Bereich Palmöl involviert, werden verschiedene Ratingbereiche deutlich abgewertet, was dazu führt, dass der Prime Status im Grunde nicht zu erreichen ist.
Aber: Auch ein Prime-Unternehmen ist für Anleger nicht mehr investierbar, wenn es gegen von ihnen definierte Ausschlusskriterien (wie etwa Umwelt oder Menschenrechte) verstößt.

ECOreporter.de: Was sind die Kriterien?

Malte Kolb:  Im aktuellen Update der Branche „Household & Personal Products“ werden zwei spezielle Indikatoren zu Palmöl eingeführt. oekom research erfasst damit:
1. Die Policy des Unternehmens, die für eine Bestnote folgende Anforderungen erfüllen muss:
◦    Ausschluss der Verwendung von Palmöl, welches nicht den Standards des RSPO (Roundtable of Sustainable Palm Oil) genügt
◦    Ausschluss der Verwendung von Palmöl, für dessen Anbau Torfmoore trockengelegt wurden
◦    Ausschluss der Verwendung von Palmöl, für dessen Anbau sog. “high carbon stocks areas” gerodet wurden
2. Den Prozentsatz des nach RSPO, ISCC oder RSB zertifiziertem Palmöl, wobei es auch je nach Zertifizierungsform (Identity preserveed, segragated, mass balance oder book&claim) unterschiedliche Noten gibt.

Bildhinweis: Aus den Früchten am Palmölbaum wird Pflanzenöl gewonnen.

ECOreporter.de: Inwiefern gehören Einschätzungen von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie z.B. dem WWF zu Ihren Quellen bei der Bewertung des Umgangs mit Palmöl ?

Malte Kolb:  NGO-Berichte sind eine wichtige Quelle bei der Bewertung von Palmölkontroversen in den Bereichen Umwelt, Menschen- und Arbeitsrechte, die zur Aktivierung der entsprechenden Ausschlusskriterien und einer Abwertung im Rating führen können.

ECOreporter.de: Können Kunden bei Ihnen den Umgang mit Palmöl als Nachhaltigkeitskriterium oder gar Ausschlusskriterium festlegen? Geschieht das auch oder ist das bei Ihren Kunden gar kein Thema?

Malte Kolb:  Es gibt bisher kein Ausschlusskriterium für Palmölproduktion/-verwendung per se. Entsprechende Kontroversen können jedoch zur Aktivierung von Ausschlusskriterien wie Umwelt, Menschen- und Arbeitsrechte führen, die von vielen Kunden genutzt werden.

ECOreporter.de: Inwiefern erfüllt Henkel Ihre Ansprüche im Umgang mit Palmöl ausreichend, um ein Prime Rating zu erreichen?

Malte Kolb:  Wie bereits beschrieben setzt sich das Ratingresultat mit der Prime Status Feststellung aus verschiedenen Kriterien bzw. der guten Performance darin  zusammen. Insofern ist der Bereich Palmöl nur bedingt ein Prime-relevanter Faktor, da selbst eine extrem schlechte Bewertung hier durch die gute Performance auf anderen Gebieten ausgeglichen werden kann.
Unsere Einschätzung zu Henkel:
Henkel hatte bisher das Ziel, seine Produkte mit Palmölbestandteilen abzudecken, die jeweils über "book&claim"-Zertifikate verfügen. Diese Zielsetzung wurde inzwischen ersetzt durch das Bestreben, bis 2020 eine sogenannte "zero net deforestation"zu erreichen, also eine Neutralität des Verbrauches von Waldflächen, sowie bei Palmöl eine vollständige "mass balance"-Zertifizierung. Bereits bis Ende 2015 sollen mindestens ein Drittel des Palmöl-Bedarfs nach „mass balance“-Richtlinien abgedeckt sein. Henkel arbeitet mit seinen Partnern zusammen, um bis 2020 die vollständige Rückverfolgbarkeit des Palm- und Palmkernöls, das in Inhaltsstoffen für Produkte verwendet wird, sicherzustellen.
Das Thema Palmöl ist für ein Unternehmen wie Henkel eine besondere Herausforderung, da es zumeist nicht direkt bezogen wird, sondern in zugekauften Inhaltsstoffen enthalten ist. Hier ist also eine enge Kooperation mit den Herstellern dieser Inhaltsstoffe nötig, damit diese zertifiziertes Palmöl in ihren Produkten verwenden, welche von Henkel weiter verarbeitet werden können.
Die Ziele von Henkel sind insgesamt als recht gut einzustufen, da sie über die branchenüblichen Mindeststandards hinausgehen und zentrale Schwächen der RSPO-Zertifizierung (Torfmoore und „high carbon stocks“) angehen. Das Unternehmen berichtet jedoch nicht detailliert über den aktuellen Stand bzgl. der Ziele, insbesondere bleibt in den öffentlich verfügbaren Infos unklar, wieviel des genutzten Palmöls derzeit bereits zertifiziert ist. Hier könnte ein noch detaillierterer Action-Plan entworfen werden, der z.B. auch Zwischenziele beinhaltet.
Auch wenn Henkel angibt, dass der überwiegende Teil des Palmöls indirekt in Inhaltstoffen enthalten ist, bleibt zudem unklar, ob das Unternehmen strengere Ansprüche an direkt gekauftes Palmöl hat (z.B. nach dem "Identity preserved"-Modell) hat.

ECOreporter.de: Herr Kolb, wir danken Ihnen für die Antworten.
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