04.07.08 Anleihen / AIF

Biogasfonds droht Insolvenz – Vorstand der Initiatorin im Interview mit ECOreporter.de: „Rettung liegt im Entscheidungsbereich der Anleger.“

Karl G. Weber, Mitglied des Vorstands der Initiatorin MTV Capital Invest AG, über die Schwierigkeiten des Fonds „MTV IV BioEnergie“.


ECOreporter.de: Herr Weber, laut Angaben von Anlegern besteht für Ihren Fonds „MTV IV BioEnergie“ die Gefahr der Insolvenz. Wie kam es zu dieser Situation?
Karl G. Weber: Ursprünglich war geplant, dass die MTV IV Biogasanlagen bis Juli 2007 fertig gestellt werden und ab diesem Zeitpunkt bereits Energie erzeugen. Damit wäre es möglich gewesen, bereits im gleichen Jahr zirka sieben Millionen Euro Umsatz zu erzielen. Diese Planung wurde der MTV von dem beauftragten Planer, der Archea - Projektentwicklungs GmbH, vorgelegt und bildete die Basis für alle Wirtschaftlichkeitsberechnungen des Fonds MTV IV.

Aufgrund von fehlerhaften Planungsleistungen der Archea - Projektentwicklungs GmbH sowie durch Verzögerungen in den Genehmigungsverfahren verschoben sich die einzelnen Vorhaben immer weiter nach hinten. Die Archea - Projektenwicklungs GmbH war nicht in der Lage, einen belastbaren Zeitplan mit gesicherten Fertigstellungdaten zu erarbeiten. Gleichzeitig gab es teilweise erhebliche Verzögerungen in der Bauphase, zurückzuführen auf schleppende Ausführung der Bauarbeiten durch den Hauptunternehmer, die Firma Archea - Gesellschaft für umweltschonende Technologien mbH, deren Leistungen oftmals auch noch mangelhaft oder unvollständig war. Mehrfach hatte die Archea - Gesellschaft für umweltschonende Technologien mbH ihre Subunternehmer nicht gezahlt, woraufhin diese die Arbeit einstellten und es zu weiteren Verzögerungen kam.

Ende August, Anfang September musste von Seiten der MTV die Notbremse gezogen werden. Die Planungs- und Ausführungsleistungen der Firmen "Archea" waren mittlerweile so verspätet, dass selbst ein Betriebsbeginn zum Ende des Jahres 2007 unwahrscheinlich wurde.

Im September 2007 wurden die Verträge mit der Archea - Projektentwicklungs GmbH sowie der Archea - Gesellschaft für umweltschonende Technologien fristlos gekündigt. Dieser Schritt wurde von MTV bereits Anfang des Septembers vorbereitet, so dass die notwendigen Planungs- und Bauleitungsmaßnahmen übergangslos im Hause MTV übernommen und koordiniert werden konnten. Die Bauausführungen wurden über die ursprünglichen Subunternehmer der Archea abgedeckt. Durch diesen risikoreichen aber unvermeidlichen Schnitt mit Archea konnten aber viele Zeitverzögerungen nochmals aufgeholt werden. Schlussendlich hat es MTV geschafft, zu Jahresende 25 Anlagen betriebsbereit zu erstellen. Natürlich war es nicht möglich, die durch Archea verursachte Zeitverzögerung von sechs Monaten aufzuholen, so dass der Fonds MTV IV einen bedauerlichen Umsatzverlust von über 6,5 Millionen Euro zu beklagen hatte.

In der Gesamtkalkulation des Fonds bildete der Umsatz 2007 eine maßgebliche Größe zur Wirtschaftlichkeitsdarstellung, welche nunmehr völlig neu erstellt und auf die neuen Gegebenheiten angepasst werden musste. Zu beachten ist, obwohl im Jahr 2007 kein nennenswerter Umsatz erzielt werden konnte, dass die laufenden vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Betreibern im Bezug auf Vergütung und Substratankauf eingehalten werden mussten. Nach den überarbeiteten Berechnungen ergab sich ein zusätzlicher Liquiditätsbedarf von rund drei Millionen Euro.

Aufgrund der zunächst sehr zögerlichen Haltung der finanzierenden Hausbank im Bezug auf eine Nachfinanzierung in Höhe von rund drei Millionen Euro wurde auch über alternative Finanzierungspartner nachgedacht. Erfahrungsgemäß sind Nach- oder Neufinanzierungsgespräche umfangreich und zeitaufwändig, ohne dass man anfänglich bereits von einer 100-prozentigen Zusage ausgehen kann.

Aus Gründen der unternehmerischen Vorsicht stellte sich für die Geschäftsleitung des MTV IV demnach auch die Frage, ob der MTV IV sich nicht nur in einer problematischen Situation sondern evtl. sogar in einer konkreten Insolvenzgefahr befindet. Nach ausgiebiger juristischer und betriebswirtschaftlicher Prüfung und unter Berücksichtigung eines worst-case-Szenario wurde die Entscheidung getroffen, die Anleger über eine mögliche Insolvenzgefahr zu informieren. Diese hätte dann vorgelegen, wenn es dem Unternehmen nicht möglich gewesen wäre, eine Nachfinanzierung sicher zu stellen und damit laufende Zahlungen oder gestundete Forderungen von Lieferanten in einem gewissen Zeitrahmen erledigen zu können.

Zwischenzeitlich gestalteten sich die Gespräche mit möglichen neuen Partnern, aber vor allem mit der Hausbank so positiv, dass die drohende Insolvenzgefahr nicht mehr bestand.

Mit der Hausbank wurde mittlerweile ein Nachfinanzierungsrahmen vereinbart der es ermöglicht, die notwendigen Restarbeiten bei den erstellten Anlagen gesichert und kurzfristig vornehmen zu können. Wir sind optimistisch, dass zum Ende des Jahres 2008, nach Abschluss der Bauleistungen, die Anlagen auf 100 Prozent Leistung fahren.

ECOreporter.de: Können Sie Ihren ehemaligen Vertragspartner für den Schaden haftbar machen?
Weber: Aufgrund der neuen Unternehmensstruktur der Archea - Gruppe ist es nicht einfach Schadenersatzansprüche erfolgreich und zeitnah umzusetzen. Die neu geschaffene strategische Holding der Archea sitzt relativ unangreifbar in den Niederlanden, die Archea Projektentwicklungs GmbH ist eine 100-prozentige Tochter dieses Konstruktes. Schadenersatzansprüche aus fehlerhaften Planungsleistungen werden momentan von Seiten der Archea mit möglichen Honoraransprüchen gegengerechnet. Diese Angelegenheit befindet sich bereits teilweise im gerichtlichen Verfahren.

Der ehemalige Hauptunternehmer, die Archea - Gesellschaft für umweltschonende Technologien mbH wurde in dem neuen Firmengeflecht nicht integriert. Diese Firma hat zwischenzeitlich Namen, Geschäftssitz und Geschäftsführung geändert. Die Firma nennt sich mittlerweile "Archezym", wird durch einen ehemaligen Mitarbeiter der Archea als Geschäftsführer vertreten und sitzt in Berlin. Auch hier wurden bereits umfangreiche Schadenersatzansprüche von Seiten MTV angemeldet. Ob in einem solchen Falle mit der erfolgreichen Durchsetzung von Schadenersatzansprüchen zu rechnen ist, bleibt fraglich.

Ob die Chance besteht, gegen die niederländische Archea n.v. im Rahmen der Konzernhaftung erfolgreich Schadenersatz geltend zu machen wird momentan geprüft. Die MTV bewertet diese Möglichkeit nach erster juristischer Prüfung als nicht aussichtslos.

ECOreporter.de: Wie ist der aktuelle Stand, hinsichtlich der Realisierung der Projekte des Fonds?
Weber: Zum Jahresende 2007 waren 26 Anlagenstandorte betriebsbereit, so dass zumindest bei einem Großteil dieser Anlagen Umsätze erzielt werden konnten. Ein kleiner Teil dieser Anlagen musste für weitere Montage- und Bauleistungen wieder vom Netz genommen werden. Aktuell speisen 21 Anlagen Strom in das Netz ein. Bei vier Anlagen steht die Aufnahme des biologischen Betriebs im Juli / August an.

Bei einem Standort ist der Landwirt in Vermögensverfall geraten, so dass die MTV bis zur Klärung der Grundstücksverhältnisse und damit der weiteren Betriebsfähigkeit die Anlage vom Netz genommen hat.

Damit verbleiben noch vier Standorte, welche von Archea - Projektentwicklung zwar projektiert waren aber aufgrund erheblicher Projektierungsfehler nicht umgesetzt werden können. Für diese Standorte wurden von MTV zwischenzeitlich Ersatzstandorte rekrutiert, so dass es durchaus möglich ist, auch diese Anlagen mittelfristig zu erstellen und zu betreiben.

ECOreporter.de: Was Möglichkeiten sehen Sie, den MTV IV BioEnergie noch zu retten?
Weber: Momentan befindet sich der MTV IV in einer konsolidierten Situation. Dauerhaft ist geplant, die Leistung der Anlagen noch weiter zu erhöhen und zu optimieren. Der MTV IV muss also weniger gerettet als stabilisiert werden. Wie bei jeder unternehmerischen Tätigkeit kann es zwar immer zu unvorhergesehenen Schwierigkeiten oder Problemen kommen. Aktuell wird aber massiv an der Ertragssteigerung der Anlagen gearbeitet.

Maßgebliche Partner zur Stabilisierung des Fonds sind aber die Hausbank der MTV und die Anleger. Aufgrund der erfolgreichen Nachfinanzierung durch die Hausbank besteht für den MTV IV die Chance, die Anlagen fertig zu stellen und dauerhaft betreiben zu können. Natürlich ist diese Nachfinanzierung an bankübliche Auflagen geknüpft. Eine dieser Auflage bedarf allerdings noch der Zustimmung durch die Kommanditisten des MTV IV.

Diese Auflage besagt, dass die Hausbank im Falle eines drohenden Vermögensverfalls des MTV IV berechtigt ist, das ihr übereignete Sicherungsgut, nämlich die Anlagen, zur Schadensbegrenzung verkaufen zu dürfen. Diese Klausel im Kreditvertrag ist nicht ungewöhnlich, vielmehr schützt sie die Bank, aber auch die Anleger vor einer unkontrollierten Zerschlagung und damit einem möglichen Totalverlust der eingesetzten Gelder im Falle einer Insolvenz. Um so unverständlicher ist es, dass diese Klausel von Anlegerseite nicht als Schutz ihres eingelegten Geldes verstanden wird. Im Vorfeld wurden bereits umfangreiche Gespräche mit dem ehemaligen Vertriebspartner der HW HanseInvest GmbH geführt worin von Seiten der MTV versucht wurde, diese Auflage eher als Chance denn als Risiko zu verstehen. Dies war leider nicht von Erfolg gekrönt.

Vielmehr versuchte man bei der stattgefundenen Präsenzveranstaltung persönliche Verantwortlichkeiten zu generieren, beschuldigte abwechselnd die erst seit November 2007 tätige Geschäftsführung und die damals für die Prospekterstellung Verantwortlichen, ohne allerdings auf die konkreten Chancen der Lösung einzugehen. Dies ist umso bedauerlicher, da die momentan handelnde Geschäftsführung erst seit November, also bei bereits bestehender Krise, die Geschicke des Unternehmens übernommen und erfolgreich die Sanierungs- und Konsolidierungsmaßnahmen zur Rettung des MTV IV in die Wege geleitet hat.

Eine Verantwortlichkeit des ehemals leitenden Projektvorstands, der das Unternehmen im November auf eigenen Wunsch verlassen hat kam ebenso wenig zur Sprache, wie die persönlichen Verflechtungen dieses Vorstandes mit der Vertriebsgesellschaft HW HanseInvest GmbH.

Die von der HW HanseInvest initiierte Verunsicherung führte zu einem unbefriedigenden Befragungsergebnis, so dass die Verantwortlichen des MTV IV gezwungen waren, dieses Thema nochmals einer endgültigen Abstimmung zuzuführen. Leider waren aufgrund dieser Verzögerungen nochmals die Baumaßnahmen in Mitleidenschaft gezogen, da die Hausbank die Anlegerentscheidung maßgeblich zur Kreditgewährung voraussetzt.

Demnach liegt die Rettung des MTV IV nicht mehr in den Händen der Geschäftsleitung, sondern vielmehr im Entscheidungsbereich der Anleger. Es bleibt zu hoffen, dass die Anleger sich für den Erhalt und die Sicherung ihrer Anlagegelder entscheiden und nicht auf populistische Stimmungsmache Einzelner hören.

ECOreporter.de: Sind Nachschüsse durch die Anleger erforderlich?
Weber: Nachschüsse von Anlegern sind nicht vorgesehen und stehen nicht zur Debatte. Sollte sich aus dem Kreise der Anleger allerdings der Wunsch ergeben, weiter eigene Gelder dem MTV IV zur Verfügung zu stellen wird dies sicherlich grundsätzlich begrüßt.

ECOreporter.de: Wie würde sich die Novelle des EEG ab 2009 auf den fortgeführten Fonds auswirken?
Weber: Nach den vorliegenden Informationen kann sich die EEG - Novelle ab 2009 durchaus positiv auswirken. Allerdings sollte man die tatsächlichen Umsetzungs- und Übergangsregeln, welche noch nicht abschließend feststehen abwarten, um eine gesichert Aussage treffen zu können. Grundsätzlich wird sich die Novelle nicht negativ auswirken.

ECOreporter.de: Herr Weber, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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