Der Wille Deutschlands Energiewende durch genossenschaftliches Engagement voranzutreiben ist groß. Im Bild eine Bürgerenergie-Demo in Berlin./ Foto: BBE

17.07.15 Erneuerbare Energie , Anleihen / AIF

Branche besorgt: Bremsen Gesetze Bürgerenergie aus?

Die Gründungswelle bei Energiegenossenschaften in Deutschland ebbt stark ab: Allein 2014 wurden 60 Prozent weniger Energiegenossenschaften gegründet als im Vorjahr. Hauptgrund sollen die energiepolitischen Reformen der jüngeren Vergangenheit sein. Das sind zentrale Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV).

Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebene Einspeisevergütung für Ökostrom soll nach dem Willen der Bundesregierung möglichst bis 2017 abgeschafft und durch ein staatlich gelenktes Ausschreibungsverfahren ersetzt werden. Dazu läuft seit Jahresbeginn 2015 ein Pilotversuch für große Solaranlagen, der von den Ökostrombranchen vielfach kritisch gesehen wird (mehr dazu lesen Sie  hier). „In den vergangenen Jahren boomte die Idee der Bürgerenergie noch, nun stockt die Entwicklung“, sagte Dr. Eckhard Ott, Vorstandsvorsitzender des DGRV bei der Präsentation der Umfrageergebnisse seines Verbandes. „Die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat sich stark bremsend auf die Gründungszahlen ausgewirkt“, so Ott weiter.

Der Umfrage zufolge hielt der Boom bei Energiegenossenschaften nicht lang an. 2014 starteten demnach 54 neue Energiegenossenschaften – 2013 waren es noch 129 gewesen. Doch die energiepolitischen Reformen seien nicht der einzige wichtige Grund für den Einbruch des Booms. Auch die Gesetzesänderungen im Namen des Anlegerschutzes, die zum Teil im Nachgang der spektakulären Insolenz von Prokon auf den Weg gebracht worden waren, hätten dazu beigetragen: Die Einführung des Kapitalanlagegesetzbuchs (KAGB) 2013 habe die Branche verunsichert und so vorrübergehend zu einem millionenschweren Investitionsstau geführt.

Das KAGB erhöht unter anderem den Prüfaufwand durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Weil zeitweise unklar schien, ob damit höhere Kosten für Energiegenossenschaften einhergehen, sei es zu einem 290 Millionen Euro schweren Investitionsstau gekommen, so der DRGV. Dabei brachte die Bürgerenergie die Energiewende der Studie zufolge auch 2014 deutlich voran: Insgesamt haben Energiegenossenschaften demnach nämlich 1,67 Milliarden Euro in Erneuerbare Energien investiert und Kapazitäten mit einer Leistung von 933 Megawatt errichtet.

Energiegenossenschaften wenden sich stärker der Windkraft zu

Ein großer Teil der befragten Energiegenossenschaften sieht seine Zukunft in der Realisierung und dem Betrieb von Windparks: Vier Prozent der Genossenschaften betreiben laut DGRV-Jahresumfrage bereits eigene Windenergieanlagen. Darüber hinaus sind 15 Prozent mit durchschnittlich 544.000 Euro an Windkraftprojekten beteiligt. In den kommenden zwölf Monaten plant gut ein Drittel der Energiegenossenschaften weitere Investitionen in diesen Bereich. Die Windkraft ist die nächste Branche, für die das Ausschreibungsmodell eingeführt werden soll. Dieses Modell kritisierte Ott deutlich: „Das Ergebnis der ersten Ausschreibungsrunde für Photovoltaik-Freiflächenanlagen zeigt, dass eher große Unternehmen zum Zuge kommen. Akteursvielfalt sieht anders aus“, so der DRGV-Funktionär. Daher schlage der DGRV für die Windenergie-Ausschreibungsverfahren eine Preisübertragungsregel vor, die helfen soll das auch kleinere und mittlere Marktakteure wie Energiegenossenschaften bei Ausschreibungen zum Zug kommen (Details zu dem Vorschlag stehen in diesem  DRGV-Positionspapier). Beim DRGV sind aktuell nach eigenen Angaben 800 Energiegenossenschaften organisiert, die mehr als 200.000 Mitglieder zählen.
Foto: Windpark der Genossenschaft Greenpeace Energy aus Hamburg. / Foto: Unternehmen


„Risiken von Ausschreibungen für kleine Akteure kaum zu schultern“

Das Bündnis Bürgerenergie ist ebenfalls ein Sprachrohr der Energiegenossenschaften. Dieser Verband zählt zu den schärfsten Kritikern des Ausschreibungsmodells für den Ausbau Erneuerbarer Energien. Mit einer neuen, eigenen Studie untermauerte dieser Verband jetzt seine Kritik erneut: Dieser Studie zufolge soll das Ausschreibungsmodell speziell für kleinere Marktakteure „unüberbrückbare Hemmnisse“ beinhalten. Die Vorarbeit für ein Windparkvorhaben koste, bevor es überhaupt zur Ausschreibung komme, zwischen 100.000 und 300.000 Euro. Für Solarparkvorhaben bewegten sich diese Kosten „im fünfstelligen Bereich“. Das Risiko, nach einer Vorleistung in solcher Höhe bei der Ausschreibung anschließend leer auszugehen, sei für viele Energiegenossenschaften „kaum zu schultern“, so die Studienautoren.
Zudem sei bei Abgabe des Angebots unklar, wie hoch der Ökostrom der Anlage letztendlich vergütet werde. Zudem erhöhe sich das Risiko, dass Bauvorhaben später als geplant fertig würden, was zusätzliche Unsicherheiten berge. Außerdem erhöhe sich mit dem Ausschreibungsmodell unter anderem der bürokratische Aufwand der Bauherren. „Es ist nicht neu, dass auch  in einer späten Phase der Vorplanung Projekte scheitern oder verspätet in Betrieb gehen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch bislang relativ gering und für Bürger  besser abschätzbar und daher weniger abschreckend“, heißt es in der Studie. Erstellt wurde dieser Report von dem Beratungsunternehmen EnKlip.
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