20.02.12 Erneuerbare Energie , Anleihen / AIF

„Das EEG hat viel gebracht - muss aber weiterentwickelt werden“, Interview mit Dr. Thomas E. Banning, Naturstrom AG



ECOreporter.de: Wie viel Kapital soll über die neue Genussrecht-Tranche eingeworben werden? Und wofür konkret wollen Sie das Genussrechtskapital einsetzen?

Dr. Thomas E. Banning: Wie schon bei der ersten Genussrechte-Emission der Naturstrom AG sollen auch diesmal fünf Millionen Euro eingeworben werden. Dieses Geld wird als Working Capital zum einen für den Bau von neuen Erneuerbare-Energie-Anlagen verwendet und zum anderen für den Stromhandel.
Unser Strom wird mit dem Grüner Strom Label in Gold ausgezeichnet. Dies verpflichtet uns, Strom zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien zu beziehen und 1 Cent netto pro Kilowattstunde für den Bau neuer regenerativer Kraftwerke einzusetzen. Weil wir unser Portfolio an eigenen Erneuerbare-Energieanlagen darüber hinaus deutlich erweitern möchten, bauen wir die Projektentwicklung stark aus. Solche Projekte müssen erst vorfinanziert werden, bevor sie realisiert sind und eine langfristige Finanzierung zur Verfügung steht. Deshalb wird ein Teil des Genussrechts-Kapitalsrd in diesen Bereich fließen. Auch für den Stromhandel werden wir einen Teil der Mittel einsetzen. Wir versorgen mehr als 200.000 Kunden. Zu deren Belieferung werden wir in diesem Jahr mehr als eine Terrawattstunde (TWh) einkaufen bei mittlerweile mehr als 200 Vorlieferanten, vom einzelnen kleinen Windrad bis hin zum mittelgroßen Wasserkraftwerk. Dafür sind Vorauszahlungen und entsprechende Sicherheitsleistungen notwendig.

ECOreporter.de: Wieso beziehen Sie keinen Strom von Strombörsen?

Banning: Wir versorgen unsere Kunden zu 100 Prozent mit Ökostrom. Dies kann man nur durch den Direkteinkauf von Strommengen aus Wind- und Wasserkraftwerken sichergestellt werden. Die Strombörse ist keine Bezugsoption, dort bekommt man nur „grauen“ Strom.

ECOreporter.de: Zu welchen Konditionen ist die neue Genussrechts-Tranche zu zeichnen?

Banning: Zu den gleichen wie bei der ersten Tranche: Das einzelne Genussrecht ist für 500 Euro zuzeichnen, also ohne Aufgeld. Es ist auf 13 Jahre bis zum 30.6. 2025 angelegt, erstmals kündbar allerdings schon ab 2016. Die Kündigungsfrist beträgt sechs Monate. Sofern die Naturstrom AG ausreichend Jahresüberschuss erzielt, erhalten die Anleger zunächst vier Prozent Grunddividende jährlich. Ab 2017 besteht die Chance auf eine zusätzliche Rendite um bis zu vier weitere Prozent, die ebenfalls von der Entwicklung des Jahresüberschusses abhängt. Insgesamt sind also ab 2017 bis zu 8 Prozent möglich.

ECOreporter.de: Was ist aus der Sicht der Naturstrom AG von den politischen Diskussionen um die weitere Kürzung der Einspeisevergütung für Solarstrom zu halten? Inwiefern macht es Sinn die Einspeisevergütung, wie vom Bundesumweltminister Norbert Röttgen vorgeschlagen, künftig monatlich zu senken?

Banning: Es ist wichtig, generell am Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) festzuhalten, aber das Gesetz muss weiter entwickelt werden. Das EEG hat dafür gesorgt, dass Strom aus Erneuerbaren Energien der Wettbewerbsfähigkeit immer näher gekommen ist, das gilt besonders für den anfangs sehr teuren Strom aus Photovoltaikanlagen. Es macht keinen Sinn, wenn die Bürger eine höhere EEG-Umlage zahlen, als zwingend für den Ausbau der Erneuerbaren notwendig. Insofern ist es konsequent, bei weiter sinkenden Systempreisen für Photovoltaik auch die Vergütung quartalsweise oder sogar monatlich abzusenken.
Aber auch an anderen Stellen ist eine Anpassung des EEG sinnvoll. So hat das Marktprämienmodell [Die so genannte optionale Marktprämie ist eine im EEG festgelegte Prämie, die Betreiber von Erneuerbare-Energie-Anlagen dazu bewegen soll, sich anstatt für die EEG-Vergütung für den Verkauf an der Strombörse oder bei Direktabnehmern zu entscheiden. Anm. d. Red.] die erhoffte Anreizwirkung zur Steuerung der Einspeisung nicht nur verfehlt, es führt sogar zu unnötigen Mehrbelastungen bei den Bürgern.
Daher muss die Prämienhöhe reduziert werden. Dafür sollten die Rahmenbedingungen für die echte Direktvermarktung von Ökostrom, so wie von Naturstrom betrieben, verbessert werden. Denn dieser Weg, die zeitgleiche Belieferung von Endkunden mit Ökostrom aus dezentralen deutschen Anlagen, sorgt für die benötigte Integration der Erneuerbaren in die Energiewirtschaft. Um diese Art der Direktvermarktung weiter betreiben und ausbauen zu können, ist darüber hinaus eine stärkere Flexibilisierung notwendig. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb wir auf Seiten der Produzenten und Händler nicht die gleichen Rechte haben wie der Kunde, der ja zukünftig zu jedem Tag unter Wahrung einer Frist von nur zwei Wochen den Stromanbieter wechseln kann.
 
ECOreporter.de: Im Bereich Offshore-Windstrom gelten die deutschen Ausbauziele bis 2020  einigen großen und mittleren Marktakteuren mittlerweile als unerreichbar. Ist die Energiewende deshalb in Gefahr?

Banning: Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 35 Prozent des bundesweiten Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien zu decken. Dies ist zu schaffen, auch ohne Offshore-Windkraft. Dazu müssten aber die Potenziale der Onshore-Windkraft konsequent genutzt werden. Zum einen durch das so genannte Repowering, also die Modernisierung von Altanlagen, aber auch durch weiteren Ausbau, der in einzelnen Bundesländern bislang eher blockiert wurde. Einige dieser bürokratischen Hürden im Zusammenhang mit Genehmigungsverfahren oder Flächenausweisungen werden in letzter Zeit in vielen Bundesländern abgebaut.

ECOreporter.de: Inwiefern setzt die NATURSTROM AG auf Offshore-Windkraft als Energiequelle?

Banning: Aufgrund der Investitionsvolumen im Milliardenbereich ist die Hochsee-Windkraft eher für Großkonzerne und große Stadtwerkeverbünde interessant. Für die NATURSTROM AG ist Offshore-Windkraft kein Thema. Zum einen, weil sie zu teuer ist. Mit 19 Cent pro Kilowattstunde wird sie sehr hoch vergütet, die Belastung der Bürger über das EEG ist dreimal höher als bei Onshore-Windkraft. Selbst die Fotovoltaik ist inzwischen günstiger bei den Produktionskosten. Fotovoltaik und Wind im Binnenland benötigen außerdem keinen teuren und unbeliebten Ausbau des Höchstspannungsnetzes und sind auch damit  volkswirtschaftlich günstiger.  Zum anderen zementieren die riesigen Offshore-Windparks die zentralistischen Strukturen in der Energiewirtschaft. Das Gros der Energiewende wurde bislang von Landwirten, Mittelständlern und Privatleuten getragen, jetzt wollen die Konzerne Marktanteile sichern. Die Zukunft der Energieversorgung ist für mich aber regenerativ und regional. Diesen dezentralen Ansatz fördern wir – Offshore-Windkraft passt dazu nicht.

ECOreporter.de: Mit den hohen Minusgraden der vergangenen Wochen wurden Befürchtungen laut, der Strom aus Erneuerbaren-Energien sei nicht allein in der Lage, die Versorgung in langen Kälteperioden sicherzustellen. Was ist dran an solchen Szenarien?

Banning: Diesbezüglich gibt es keinen Grund zur Panikmache. Der Bundesnetzagentur zufolge sind die Reserven zwar nicht mehr ganz so üppig wie vor dem Atomausstieg, aber immer noch ausreichend. Und jede Woche werden neue regenerative Anlagen ans Stromnetz  gebracht. Das theoretische Problem reduziert sich also schnell. Ganz im Gegenteil haben wir in der Extremkälteperiode aus Deutschland Strom in das Atomland Frankreich exportiert. Das lag daran, dass in Frankreich anders als bei uns mit Strom geheizt wird. Auch die Berichte, Deutschland habe diese erste harte Winterperiode nur dank der Hilfe von fossilen Reservekraftwerken aus Österreich bewältigt, sind so nicht korrekt.
Fakt ist, dass die Stromversorgung in Europa immer ein wechselseitiges Export-Importgeschäft war und dies auch bleiben wird. Der Stromimport von Österreich ins benachbarte Bayern hat in vielen Fällen aber nichts mit mangelnden Ökostromkapazitäten zu tun, sondern erstens mit unzureichend ausgebauten Netzen, die den Windstrom aus Norddeutschland nicht in den Süden transportieren können. Und zweitens mit Händlern an den Energiemärkten, die für ihren kurzfristigen Gewinn Strom ins Ausland verkaufen und dadurch die Regelkraftwerke in Deutschland über Gebühr strapazieren.
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