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Das ESG-Sustainability-Zertifikat der West LB – ein überzeugendes Angebot?
In Deutschland boomt das nachhaltige Investment seit Jahren. Bis Ende 2008 ist das nach Nachhaltigkeitskriterien verwaltete Anlagevermögen in der Bundesrepublik in nur zehn Jahren von 300 Millionen Euro auf rund 20 Milliarden Euro angestiegen. Auch im Bereich der Investmentzertifikate gibt es etliche nahhaltige Angebote auf dem Markt, auch wenn die Einführung der Abgeltungssteuer und die Börsenturbulenzen die Aktivitäten der Emittenten stark gebremst haben. Die West LB aus Düsseldorf wagt jetzt mit dem ESG-Sustainability-Zertifikat einen neuen Versuch.
Der Ansatz
Das ESG im Titel steht für Environment, Social und Governance. Denn das Zertifikat beruht auf 19 Aktien von europäischen Unternehmen, die laut der West LB den Anforderungen in Hinsicht des Umweltschutzes, der sozialen Verantwortung und der vorbildlichen Unternehmensführung (Corporate Governance) führend sind. Zumindest gelte dies für ihre jeweilige Branche, die Auswahl folgt also dem so genannten best-in-class Ansatz. Am 3. Juni will die West LB das ESG-Sustainability-Zertifikat emittieren. Die Börseneinführung ist für Frankfurt und Stuttgart geplant.
Auswahlkriterien
Laut Hendrik Garz, bei der Landesbank Executive Director Extra-Financial Research, übernimmt sie selbst die Auswahl der Titel im Aktienkorb des Zertifikats. Das Research der West LB wende bei der Nachhaltigkeitsanalyse mehr als 200 Kriterien an. Negativkriterien würden nicht eingesetzt. Zu den Titeln in der Startauswahl gehört etwa der Hotel-Konzern Accor aus Frankreich, der sich der Bank zufolge unter anderem für den Schutz von Wasserressourcen einsetzt und in seine Nachhaltigkeitsstrategie Partner- und Zulieferunternehmen einbezieht. Ebenfalls in der Auswahl enthalten sind etwa der belgische Versicherungskonzern AXA, der sich in der Klimaschutzvereinigung
Carbon Disclosure Projekt engagiert (per
Mausklick gelangen Sie zu Informationen von ECOreporter.de über das Projekt) und der spanische Versorger Iberdrola, weltweit führend bei der Produktion von Energie aus Windkraft. Aus Deutschland haben der Handelsriese Metro AG und der Autobauer Daimler AG Eingang in den Aktienkorb gefunden.
Wie Hendrik Garz gegenüber ECOreporter.de erläuterte, werden die Titel für den Aktienkorb aus dem Aktienuniversum des Dow Jones EUROSTOXX ausgewählt. Die ausgewählten Titel würden zunächst gleich gewichtet. An ihrer durchschnittlichen Wertentwicklung werde der Anleger im Bezugsverhältnis 1:1 beteiligt. Alle drei Monate will die West LB die Zusammensetzung überprüfen, erstmals Anfang Oktober.
Kosten
Für das Zertifikat erhebt die Landesbank eine jährliche Strukturierungsgebühr in Höhe von 1 Prozent des Korbwerte, mindestens jedoch 1 Euro. Sie wird mit der jährlichen Ausschüttung von 75 Prozent der Nettodividenden verrechnet, die von den ausgewählten Aktienunternehmen ausgezahlt werden. Der Ausgabeaufschlag für das Wertpapier beträgt ebenfalls 1 Prozent.
Transparenz
Auf ihrer
Homepage informiert die Zertfikate-Abteilung der West LB tagesaktuell über die Entwicklung ihrer Zertifikate.Innovation
Bei diesem Produkt handelt es sich um ein Zertifikat ohne besondere Zusätze – mit einer Ausnahme: dass der Anleger an den Dividendenausschüttungen beteiligt wird ist ein zusätzliches Plus. Auch wenn die West LB davon 0,25 Prozent einbehält. Dass die Laufzeit des ESG-Sustainability-Zertifikats unbegrenzt ist, ist dagegen weniger ungewöhnlich. Dies hat den Vorteil, dass Anleger Phasen schwacher Wertentwicklung aussitzen können.
Ökologische / Soziale Wirkung
Generell ist die ökologische Wirkung von Zertifikaten gering. Die ausgewählten Unternehmen im Aktienkorb haben nichts davon, dass sie sich für dieses als nachhaltig firmierende Zertifikat qualifiziert haben. Allenfalls könnte es dem Anleger ein besseres Gewissen bescheren, dass er die Entwicklung seiner Anlage an die Kursentwicklung von Unternehmen koppelt, die laut der West LB zu den Nachhaltigkeitsbesten in Europa gehören. Doch es bestehen Zweifel, ob dieser Anspruch zu Recht erhoben wird.
Denn auch innerhalb der europäischen Automobilbranche sieht längst nicht jeder Daimler als nachhaltigkeitsbestes Unternehmen an. Die West LB lobt das Engagement des Autokonzerns bei der Entwicklung verbrauchsärmerer Technologien wie Brennstoffzellen und Hybridantrieb.
Doch im Vergleich zu den Aufwendungen der Stuttgart für andere Autotechnologie fällt dieses Engagement wenig beeindruckend aus, Toyota hat den Hybridantrieb bereits vor zehn Jahren zur Marktreife gebracht. Noch entscheidender ist jedoch, dass die Fahrzeugflotte anderer Autobauer in Europa wie etwa Peugeot und Renault für weitaus weniger Treibhausgasemissionen verantwortlich ist als die von Daimler.
Ebenfalls im Aktienkorb enthalten ist die Aktie der finnischen Handy-Produzentin Nokia. Die geriet 2008 vor allem in Deutschland in Verruf, weil sie zwar einen Rekordgewinn meldete, fast zeitgleich aber auch die Verlagerung der Produktion von Bochum in kostengünstigere Rumänien. Das verbitterte die deutschen beschäftigten nicht zuletzt deshalb, weil sie bis kurz vor der Bekanntgabe der Werksschließung zu massiven Überstunden angehalten wurden. Für eine führende Position im Bereich soziale Verantwortung sollte das eigentlich nicht qualifizieren.
Hier wirkt es sich für das Zertifikat offenkundig zum Nachteil aus, dass die Titel im Aktienkorb dem Dow Jones EUROSTOXX entstammen müssen. Der enthält vergleichsweise wenig Unternehmen und kaum Gesellschaften mit starker Nachhaltigkeitsleistung. Doch Unternehmen aus diesem Index wie die stark im Klimaschutz engagierte Münchener Rück oder die umfassend in Grünstromprojekte investierende Allianz hätten auch hier zur Auswahl gestanden.
Chancen/Risiken
Die West LB wirbt mit den Renditechancen nachhaltiger Unternehmen. Sie verweist auf „Studien aus der jüngeren Vergangenheit“, laut denen Investoren ihre Anlagerisiken mindern und die Aussicht auf Erträge erhöhen, wenn sie bei der Aktienauswahl Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Denn nachhaltig wirtschaftende Unternehmen seien häufig zukunftsorientierter aufgestellt, reagierten frühzeitig auf soziale und ökologische Risiken. Zudem verringerten sie so Reputationsrisiken. Dies mag korrekt sein, doch verringert sich dieser positive Effekt, wenn im von der Landesbank zusammengestellten Aktienkorb Titel enthalten sind, die aus Nachhaltigkeitssicht wenig überzeugen können.
Außerdem ist es zwar aufgrund der Kursabstürze in den letzten zwölf Monaten möglich, dass die Aktien der Unternehmen in der Auswahl für das ESG-Sustainability-Zertifikat demnächst Kurszuwächse erzielen. Doch dazu müsste es zu einem deutlichen und nachhaltigen Aufschwung der Konjunktur kommen. Wer das Zertifikat zeichnet, schließt eine Wette darauf ab, dass dieses geschieht. Derzeit sind die Aktienmärkte aber noch sehr schwankungsanfällig und ist daher das Risiko sehr groß, dass das Zertifikat zumindest kurzfristig Werteinbußen erleidet. Sollte sich die Konjunktur nicht in absehbarer Zeit erholen, womöglich die Krise noch verschärfen oder in die Länge ziehen, sind sogar weitere Kursverluste möglich.
Hinzu kommt ein weiteres Risiko für den Anleger, das Emittentenrisiko. Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen der Bank, die das Wertpapier emittiert. Wenn die Emittentin in Konkurs geht, verliert der Anleger sein eingesetztes Kapital. Um die West LB, die das ESG-Sustainability-Zertifikat herausgibt, ist es nicht gut bestellt. Sie ist hoch verschuldet. Nur der staatliche Schutzschirm hat es verhindert, dass sie ein Opfer der Bankenkrise geworden ist. Die Verschmelzung mit anderen Finanzinstituten erscheint ratsam und wird bereits seit längerem von den Anteilseignern der West LB angestrebt, doch bislang ohne Erfolg. Wie es mit ihr weitergehen wird, ist offen.
Fazit
Das ESG-Sustainability-Zertifikat der West LB birgt zu viele Risiken, als dass wir es zur Zeichnung empfehlen können. Hinzu kommen die Zweifel an der nachhaltigen Ausrichtung der Titelauswahl, zumal der ökologisch-soziale Nutzen bei der Zeichnung eines Zertifikats ohnehin gering ist. Wer nach dem best-in-class Ansatz nachhaltig investieren will, kann auch auf Fonds mit diesem Ansatz setzen. Dort steht das Fondsmanagement häufig in Kontakt mit den Unternehmen und kann so darauf einwirken, dass Anstrengungen zu mehr Nachhaltigkeit unternommen werden.
ESG-Sustainability-Zertifikat
WKN: WLB2QC
ISIN DE000WLB2QC4
Laufzeit: unbegrenzt
Börsennotiz: Frankfurt, Stuttgart
Sicherheitshinweis für das Investment in Zertifikate
Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen der Bank, die das Wertpapier emittiert. Das bedeutet, dass der Anleger sein eingesetztes Kapital verliert, sollte die Emittentin in Konkurs gehen. Das unterscheidet Zertifikate etwa von Fonds. Diese sind Sondervermögen der Banken und werden nur von ihnen verwaltet. Auch bei einer Insolvenz bleiben die Fondsanteile Eigentum der Anleger.
Daher ist die Bonität der Emittentin ein wichtiger Faktor beim Kauf eines Zertifikats. So sollten Anleger solche Wertpapiere nicht nur von einer einzigen Bank erwerben, sondern das Risiko streuen. Wie schnell aus dem potentiellen ein reales Risiko werden kann, zeigte im Frühjahr 2008 der Fall der US-amerikanischen Großbank Bear Stearns. Das traditionsreiche Unternehmen geriet im Zuge der Finanzkrise in den USA binnen kurzer Zeit in wirtschaftliche Not und setzte den Handel seiner Zertifikate vorübergehend aus. Nur mit Not konnte die Bank die Pleite abwenden.
Ein weiterer Schwachpunkt von Zertifikaten ist die Preisbildung. Der Preis orientiert sich hier nicht unbedingt am Basiswert, zum Beispiel dem zu Grunde liegenden Index. Vielmehr ist die Bonität der Emittentin für die Wertbestimmung der Papiere im Markt mitentscheidend. Wenn die emittierende Bank ins Trudeln gerät, stellt sie keine Preise mehr. Die Anleger können dann ihre Zertifikate nicht verkaufen, selbst dann nicht, wenn die Papiere über Börsen handelbar sind.
Bildhinweis: Brennstoffzellentechnologie von Daimler. / Quelle: ECOreporter.de