22.05.07

Das Neue-Energie-Zertifikat „Energie Alpha Express“ der Bank Merrill Lynch – empfehlenswert oder nicht?

Die US-Bank Merrill Lynch bietet derzeit das „Energie Alpha Express Zertifikat“ zur Zeichnung an. Das Wertpapier garantiert Anlegern eine Rendite von mindestens elf Prozent, wenn sich der von der Bank berechnete Merrill Lynch Renewable Energy Index (MLREI ) in den nächsten fünf Jahren besser entwickelt als der Vergleichsindex FTSE Global Energy TR, der sich auf konventionelle Energie-Aktien bezieht. Die Zeichnungsfrist für das Zertifikat läuft bis zum 4. Juni, der Ausgabepreis beträgt 100 Euro zuzüglich maximal 1,5 Prozent Ausgabeaufschlag. ECOreporter.de hat das Zertifikat getestet: Wie schneidet es ab?


Relative Performance ist ausschlaggebend

Merrill Lynch prognostiziert überdurchschnittliche Wachstumsraten für Erneuerbare Energien. Sie beruft sich auf Aussagen der EU und von Energieagenturen. Viele Unternehmen der Erneuerbare-Energie-Branche sind derzeit jedoch hoch bewertet. Auch Aktienindizes wie DAX oder Dow Jones haben Höchststände. Fachleute rechnen mittelfristig mit einer Kurskorrektur. Zeichner des Merrill Lynch-Zertifikats verdienen allerdings nicht an der absoluten Wertentwicklung des Merrill Lynch Renewable EnergyIndex MLREI, sondern an der relativen Performance gegenüber dem FTSE Global Energy. Das bedeutet: Auch bei fallenden Kursen ist ihre Rendite nicht zwangsläufig in Gefahr.


So ist das Zertifikat konstruiert:

An festgelegten jährlichen „Beobachtungstagen“ – erstmalig am 14. Juli 2008 – vergleicht Merrill Lynch die Wertentwicklung des MLREI mit der des FTSE Global Energy. Hat sich der MLREI am ersten Beobachtungstag besser entwickelt als sein Vergleichsindex, wird das Zertifikat automatisch frühzeitig gekündigt. Der Anleger erhält den Nennwert zuzüglich eines Kupons von elf Prozent. Liegt der MLREI auf oder unter dem Niveau des FTSE Global Energy, wird kein Kupon gezahlt. Die Beobachtung wiederholt sich in den folgenden vier Jahren. Einmal verpasste Kupons werden bei einer späteren Kündigung nachbezahlt, das heißt, im zweiten Jahr der Laufzeit erhält der Anleger zwei mal elf Prozent, im dritten drei mal elf Prozent, bis schließlich im fünften Jahr fünf mal elf Prozent als Kupon fällig werden.

Schafft der MLREI es auch im fünften Jahr nicht, den FTSE Global Energy zu überrunden, kann es für den Anleger kritisch werden. Sein Sicherheitspuffer sind 30 Prozent. Wenn der MLREI weniger als 30 Prozent schlechter abschneidet, wird das Anfangskapital zu 100 Prozent zurückgezahlt. Ist er stärker zurückgefallen, verliert der Anleger. Die Rückzahlung würde beispielsweise auf 40 Prozent des Nennwerts schrumpfen, wenn der MLREI 60 Prozent gegenüber dem FTSE Global Energy verloren hätte.


So investiert Merrill Lynch

Der MLREI setzt sich aus 22 Aktien aus den Bereichen Windkraft, Solarenergie und Biokraftstoffe zusammen. Sie decken laut Merrill Lynch 80 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung des breit gefassten Sektors erneuerbarer Energien ab. Ein Komitee von Merrill Lynch passt den Index halbjährlich an. Die derzeitige Branchengewichtung: Biotreibstoff 18,5 Prozent, Windenergie 52,3 Prozent, Sonnenenergie 29,2 Prozent. Gut die Hälfte der Unternehmen im Index stammen aus Europa, weitere 40 Prozent aus Amerika und knapp acht Prozent aus Asien. Die Liste der Einzeltitel mit Angaben zur Gewichtung im Index finden Sie am Schluss dieses Beitrags.
Nach Angaben der Emittentin werden für die Berechnung des MLREI keine Dividendenzahlungen berücksichtigt, es handele sich um einen so genannten „Preis-Index“.

Der Index-Widerpart im Energie Alpha Express Zertifikat, der FTSE Global Energy, umfasst laut Merrill Lynch Unternehmen, die weltweit in der Erforschung und Herstellung von Mineralöl und Gas tätig sind. Enthalten seine ferner Serviceanbieter für Ölbohrungen sowie für die Erforschung, den Vertrieb und die Belieferung von Mineralöl und Gasprodukten. Der Index enthalte 40 Aktien, darunter zurzeit beispielsweise Exxon Mobil Corp., TotalFinaElf SA und Imperial Oil.
Der FTSE Global Energy ist im Unterschied zum MLREI ein „Totel-Return-Index“, die Dividenden der Unternehmen werden voll auf die Wertentwicklung des Index angerechnet.

Seit 2005 habe der MLREI sich um 52,34 Prozent besser entwickelt als der FTSE Global Energy, so Merrill Lynch.


Die Gebühren

Jürgen Bulling, Direktor für strukturierte Produkte bei Merrill Lynch, sagt gegenüber ECOreporter.de: „Außer dem einmaligen Ausgabeaufschlag bei Zeichnung von 1,5 Prozent fallen keine Gebühren an.“ Nach Recherche von ECOreporter.de wird das Zertifikat ab einer bestimmten Zeichnungssumme von Banken sogar ohne Ausgabeaufschlag angeboten.

Das Zertifikat kann laut der Emittentin im Freiverkehr der Börsen Stuttgart und Frankfurt gehandelt werden. Nach Angaben von Bulling wird die Handelsspanne 1,5 Prozent betragen. „Merrill Lynch tritt als Market Maker auf, d.h. dass wir börsentäglich Geld- und Briefkurse stellen“, so der Sprecher.


Chancen und Risiken

Aktien aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien verzeichneten in den vergangenen Monaten massive Kurszuwächse. Dementsprechend drastisch könnten auch Kurseinbrüche ausfallen, wenn es zu der von vielen Seiten erwarteten Korrektur an den Börsen kommt. Unter Umständen wird dann der Sicherheitspuffer von 30 Prozent nicht ausreichen, um die möglicherweise höheren Schwankungen des MLREI gegenüber dem FTSE Global Energy aufzufangen.

Ein Schwachpunkt des Merrill Lynch-Zertifikates liegt in der unterschiedlichen Berechnung der beiden Indizes. Da die Dividenden beim MLREI nicht eingerechnet werden, ist er gegenüber dem konventionellen Konkurrenten im Nachteil. Bulling führt dazu an: „Der Anleger verzichtet zwar auf die Dividenden, dafür erhält er die mit einem Kupon von elf Prozent verbundene Express-Struktur und einen Sicherheitspuffer von 30 Prozent zum Laufzeitende.“ Angesichts des enormen Wachstumstempos vieler Unternehmen der Erneuerbare-Energien-Branche erscheint der Nachteil weniger gravierend. Üppige Dividendenausschüttungen sind von ihnen in den nächsten Jahre ohnehin nicht zu erwarten.


Fazit

Wichtigstes Argument für ein Investment in das Energie Alpha Express Zertifikat ist: Er ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig von der Marktentwicklung. Auch bei fallenden Kursen hat der Anleger die Chance auf Gewinne – wenn sich der Erneuerbare-Energien-Index von Merrill Lynch besser entwickelt als der FTSE Global Energy. Der Sicherheitspuffer von 30 Prozent bietet etwas Schutz gegen Einbrüche der Branche. Dennoch ist es möglich, dass sich Erneuerbare Energie in den nächsten fünf Jahren schlechter entwickeln als konventionelle. Steigen die Durchschnittskurse in der Erneuerbare-Energie-Branche in den nächsten dreizehn Monaten mehr als 11 Prozent (bzw. 11 Prozent minus 1,5 Prozent Ausgabeaufschlag), profitiert der Anleger nicht, dessen Zertifikat im Juli 2008 gekündigt wird.

Also: Interessant ist dieses Zertifikat für diejenigen, die meinen, die Erneuerbaren Energien seien im Vergleich zur konventionellen Energiebranche ein Stück weit überbewertet.
Ein Nachteil jedoch: Merrill Lynch selbst steuert über ihr Komitee den Index. Mit anderen Worten: Merrill Lynch beeinflusst die Rahmenfaktoren der „Wette“, die der Anleger mit diesem Produkt eingeht. Der Anleger muss darauf vertrauen, dass die Bank nicht zu seinem Nachteil handelt. Auf einen unabhängigen Erneuerbare-Index bezieht sich die Bank nicht. Allerdings hat sie Anfang März 2007 ein Zertifikat ausgegeben dessen Wertentwicklung direkt an den Index gekoppelt ist (Merrill Lynch Renewable Energy Zertifikat; ISIN ANN5635V7368 / WKN ML0BNJ).



Basisdaten

Emittentin: Merrill Lynch S.A.
Garantin: Merrill Lynch & Co., Inc. Delaware (AA-)
Handelstag: 6. Juni 2007
Ausgabetag: 13. Juni 2007
Ausübungstag: 13. Juli 2012, vorbehaltlich einer vorzeitigen Kündigung
Rückzahlungstag: 20. Juli 2012, vorbehaltlich einer vorzeitigen Kündigung
Währung: Euro (“EUR”)
Nennwert: EUR 100 pro Zertifikat
Ausgabepreis: EUR 100 + max. 1.5 Prozent Ausgabeaufschlag
Anzahl der Zertifikate: 1,000,000
Zeichnungsfrist: 2. Mai 2007 – 4. Juni 2007
Öffentliches Angebot gültig für: Deutschland & Österreich
Minimale Handlungsgröße: 1 Zertifikat
ISIN: DE000ML0BUJ7
WKN: ML0BUJ
Börsennotierung: Freiverkehr Stuttgart & Frankfurt


Beobachtungstage:
0) 13. Juni. 2007 (Indexlevelbewertungstag)
1) 14. Juli. 2008
2) 13. Juli.2009
3) 13. Juli. 2010
4) 13. Juli. 2011
5) 13. Juli. 2012 (Ausübungstag)

Kündigungstage: 3 Handelstage nach dem letzten Beobachtungstag des 1., 2., 3. & 4. Beobachtungszeitraumes




Name Land Gewichtung

Biotreibstoffe 18,5 Prozent
ARCHER-DANIELS-MIDLANDCO USA 12,9 Prozent
BUNGELIMITED USA 3,8 Prozent
VERASUN ENERGYCORP USA 1,0 Prozent
ABENGOASA Spanien 0,8 Prozent

Sonnenenergie 29,2 Prozent
MEMC ELECTRONIC MATERIALS USA 10,8 Prozent
SUNTECH POWER HOLDINGS-ADR China 3,5 Prozent
ENERGY CONVERSIONDEVICES USA 2,8 Prozent
SOLARWORLD AG Deutschland 2,7 Prozent
MOTECH INDUSTRIESINC Taiwan 2,3 Prozent
TOKUYAMA CORPORATION Japan 2,0 Prozent
FIRST SOLARINC USA 1,2 Prozent
Q-CELLS AG Deutschland 1,1 Prozent
CONERGY AG Deutschland 1,1 Prozent
WACKER CHEMIE AG Deutschland 0,9 Prozent
RENEWABLE ENERGY CORPAS Norwegen 0,8 Prozent

Windenergie 52,3 Prozent
IBERDROLASA Spanien 20,0 Prozent
COTTISH POWERPLC* Großbritannien 13,9 Prozent
FPL GROUPINC USA 7,8 Prozent
VESTAS WIND SYSTEMSA/S Dänemark 4,0 Prozent
GAMESA CORP TECNOLOGICA SA Spanien 3,0 Prozent
ACCIONASA Spanien 2,6 Prozent
EDF ENERGIES NOUVELLESSA Frankreich 1,0 Prozent

Bild: Im Merrill Lynch Renewable Energy Index ist auch die Aktie des spanischen Energieunternehmens Iberdrola S.A. enthalten, das zahlreiche Windparks betreibt. / Quelle: Unternehmen; Jürgen Bulling / Quelle: Merrill Lynch
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