20.04.10 Fonds / ETF

„Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wird den herkömmlichen überholen“ – ECOreporter.de-Interview mit Hendrik-Jan Boer, ING (L) Investment Management.


ECOreporter.de: Der ING (L) Invest Sustainable Growth Fonds ist seit 2000 am Markt, wie ist sein aktueller Platzierungsstand?

Hendrik-Jan Boer:
Aktuell verfügt der Fonds über ein verwaltetes Finanzvermögen von rund 650 Millionen Euro, wobei 70 Millionen Euro den luxemburgischen Teil des Fonds repräsentieren.


ECOreporter.de: War das Finanzkrisenjahr 2009 ein erfolgreiches Geschäftsjahr für den Fonds oder hat er sehr unter den Effekten der Krise gelitten?

Boer: Aus der Sicht unserer Fondsmanager und Sektor-Spezialisten war es sogar das beste Jahr überhaupt, verglichen mit der generellen Entwicklung des MSCI World-Index im Bereich Developed Markets, der uns als Benchmark - also als Vergleichsindex - dient. Der Fonds erzielte eine Jahresrendite von 29,85 Prozent und lag mehr als drei Prozentpunkte über seinem Benchmark. Generell hat sich die Mehrheit der Nachhaltigkeitsinvestments im vergangenen Jahr im Vergleich zu ihren Benchmarks und zu herkömmlichen Fonds überdurchschnittlich entwickelt. Grund dafür könnte die höhere Qualität ihrer Portfolios sein. Sicherlich gab es aber auch Fälle, die entgegen diesem Trend anders entwickelt haben.


ECOreporter.de: Gab es im Bezug auf die Finanzkrise besondere Gewinner- oder  Verliererbranchen innerhalb des Portfolios des Sustainable Groth Fonds?

Boer: In diesem Punkt greift der ökonomisch ausgerichtete Teil der Anlagestrategie. Allerdings sind die speziellen Branchen nur ein Teil dessen, was den Wert des Fondsportfolios letztendlich ausmacht. Die individuelle Auswahl der Titel bestimmt den Investmentprozess.


ECOreporter.de: Können Sie kurz  die  Anlagestrategie des ING (L) Invest Sustainable Growth Fonds erläutern?


Boer: Die Strategie des Sustainable Growth verbindet Elemente der herkömmliche Finanzanalyse mit einer international angelegten Portfolio-Konstruktion, die nach strengen sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitsaspekten ausgerichtet ist. Sein Benchmark ist der MSCI World Developed Markets Index. Das Nachhaltigkeitsscreening des Fonds prüft mögliche Unternehmen nach dem Best-in-Class-Ansatz auf ihr ESG – was Environmental, Social und Governance bedeutet. Konkret geht es um das Verhalten der Unternehmen im Bezug auf Ökologie, soziale Belange und die Unternehmensführung. Weil unsere Strategie seit langem fester Bestandteil unserer Finanzanalyse-Praxis ist, ist sie mittlerweile sehr effektiv und effizient. Dabei nehmen der Analyseaufwand, die Handelsabwicklung, Risikomanagement sowie Transparenz und Dokumentation einen gleichrangigen Stellenwert mit den klassischen Finanzanalysekriterien ein.


ECOreporter.de: Wo liegen beim Best-In-Class-Ansatz aus Anlegersicht die Vorteile im Vergleich zu anderen Strategien?

Boer: Wir sind der Meinung, dass Unternehmen, die in den Bereichen Ökologie Sozialengagement und Unternehmensführung überdurchschnittlich abschneiden, langfristig besser am Markt positioniert sind und so im Vorteil gegenüber konventionellen Mitbewerbern. Wir sprechen hier nicht von Wohltätigkeit, sondern von Unternehmensaspekten, die neue Einkommensfelder erschließen, strukturelle Kosten senken und die Reputation steigern können. Negativ formuliert können sie helfen, vorhandene Risiken zu minimieren. Wir sind fest davon überzeugt, dass nachhaltig orientierte Investoren nicht nur mit dem überdurchschnittlichen „ethischen Mehrwert“ ihrer Geldanlage belohnt werden. Vielmehr investieren sie in Unternehmen, die im Bezug auf ihre Erträge und Potenziale sowie die Gewinne je Aktie langfristig gesehen besser positioniert sind. Deshalb suchen wir den direkten Vergleich mit herkömmlich wirtschaftenden Firmen.
Absolute Ausschlusskriterien, wie wir sie verwenden, sollten immer auch stark am Risikomanagement für das Portfolio orientiert sein und mögliche Nebeneffekte auf den Gesamtcharakter der Titelzusammenstellung zu vermeiden.


ECOreporter.de: Welche Positiv- und Negativkriterien setzt der Fonds konkret an?

Boer: Unternehmen, die in Frage kommen, müssen im MSCI-Nachhaltigkeits-Rating überdurchschnittlich abschneiden. Das heißt, sie müssen mehr als 50 Prozent der möglichen Punkte dieses Ratings erreicht haben. Das bedeutet, es kommen nur die besten 50 Prozent für das Nachhaltikeitsinvestment-Universum in Frage.  Absolute Ausschlusskriterien sind beispielsweise Engagements im Bereich Atomenergie, Waffenproduktion, Tabak- und Pelzproduktion sowie Glücksspiel oder in der Porno-Industrie. Außerdem ausgeschlossen sind Unternehmen, die gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen und beispielsweise Kinderarbeit tolerieren.
Unser Best-in-Class-Ansatz basiert dabei auf 150 Analysefaktoren die Transparenz, Management-Systeme, Energieeffizienz, CO2- und Abfallbelastung innerhalb der Produktionsprozesse, Arbeitssicherheit, Gleichberechtigung und vieles mehr berücksichtigen.
Alle unsere Kriterien sind in den ersten fünf Jahren nach Einführung des Screeningsystems im Jahr 2000 mit der externen und unabhängigen Hilfe der Experten von Sustainalytics endgültig festgelegt und selbst untersucht worden. Seither wurden die Kriterien erweitert beziehungsweise verfeinert.


ECOreporter: Nachhaltiges Investment  hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Popularität gewonnen, wo liegen die besonderen Stärken des Sustainable Growth Fonds im Vergleich zu den zahlreichen anderen nachhaltigen Geldanlagen?

Boer:
In der Tat wächst das Interesse am nachhaltigen Kapitalmarkt schon seit mehr als zehn Jahren stetig. Vielmals wurde der Fokus von Investmentstrategien zu sehr auf spezielle Themen und ihre speziellen Charakteristika gelegt. Unsere Strategie basiert auf zehn jährige Erfahrung Sie zeichnet sich außerdem durch ihre Stabilität, das Risikomanagement und die besondere Titelwahl aus.


ECOreporter.de: Immer mehr Großkonzerne wie Siemens, General Electric oder BP sind im Bereich Erneuerbare Energien aktiv. Wie bewerten Sie das?

Boer:
Weil diese Konzerne unseren Nachhaltigkeitsscreenings derzeit nicht standhalten, sind sie weder im Portfolio noch im Investment-Universum des Sustainable Growth vertreten. Aus unserer Sicht stehen sie entweder mit kontroversen Geschäftspraktiken in Verbindung oder vertreten keine deutliche Gegenposition dazu. Auf sehr lange Sicht gesehen könnten sie in Zukunft als Kandidaten in den einzelnen Unternehmenssparten in Betracht kommen.


ECOreporter.de: Wertpapiere die nicht aktiv von einem Fondsmanager verwaltet werden, beispielsweise ETFs (Exchanche Traded Funds = börsenkursorientierte Wertpapiere), gelten als günstig, bequem und sicher. Deshalb sind sie aktuell ebenfalls sehr populär Inwiefern ist das Modell ETF aus Ihrer Sicht für Nachhaltigkeitsinvestments sinnvoll? Brauchen „grüne“ Geldanlagen den „human Touch“ eines Fondsmanagers, um erfolgreich zu sein?

Boer:
Der Anspruch eines jeden Nachhaltigkeitsinvestments hat einen sehr spezifischen Hintergrund in Sachen Wertentwicklung und im Bezug auf den jeweiligen Kriterienkatalog. Produkte wie diese können diesen Anforderungen nur schwer gerecht werden. Man kann das mit nachhaltigen Benchmarks vergleichen. Im Regelfall werden diese nur zum Vergleich und zur Illustration herangezogen, während die meisten Produkte auf Grundlage dieser Vergleiche physisch gemanagt werden.


ECOreporter.de: Gibt es Branchen innerhalb im Portfolio des Sustainable Growth Fonds oder im „grünen“ Geldmarkt generell, die besonders vielversprechende Zukunftsperspektiven haben?

Boer: Wir bevorzugen wie gesagt die individuelle Titelwahl in allen in Frage kommenden Branchen. Aus Gründen des Risikomanagements setzten wir weniger die Entwicklung ganzer Branchen. Ob spezielle Erneuerbare-Energien-Unternehmen, beispielsweise aus der Windenergiebranche, im Portfolio des Sustainable Growth eine Rolle spielen, hängt letztlich von den individuellen finanziellen Perspektiven ab. Derzeit investiert der Sustainable Growth Fonds unter anderem in Wind- und Wasserkraft.


ECOreporter.de: Können Sie konkrete interessante  Portfolio-Firmen nennen?

Boer: In Windkraft investiert der Fonds über den in Portugal ansässigen internationalen Windkraftanlagenprojektierer EDP Renovaveis. Das Thema Wasserkraft deckt der Fonds über Investitionen bei der österreichischen Verbund AG und dem brasilianischen Energiekonzern Cemig ab, die beide in diesem Sektor sehr aktiv sind.


ECOreporter.de: Was die Zukunftsperspektive am Markt betrifft sind die Experten gespalten. Für die einen ist die Krise überwunden, für die anderen kommen die schwierigen Zeiten erst noch. Wie sehen Sie das?

Boer: Aus unserer Sicht bleiben die Zeiten schwierig. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass sich am Markt weiterhin relativ große individuelle Perspektiven bieten .Der Qualitätsaspekt von Nachhaltigkeitsinvestments sollte Anlegern mit längerfristigem Investmenthorizont  helfen, diese schweren Zeiten zu überstehen. Außerdem erwarten wir dass der Markt für nachhaltige Geldanlagen den herkömmlichen Markt sowohl methodisch als auch in Sachen Erfolg allmählich überholen wird. Dafür werden die professionelle Herangehensweise moderner Nachhaltigkeitsfinanzdienstleister und die wachsende Bedeutung des gesamten grünen Geldmarkts sorgen.

ECOreporter.de: Herr Boer, danke für das Gespräch!
Bildhinweis: Wasserkraftprojekt des österreichischen Verbund. / Quelle: Unternehmen
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