Andrew Murphy: "Es gibt genügend nachhaltige Alternativen, die auch hinsichtlich der Größe eine breite Portfoliodiversifizierung ermöglichen." / Foto: Murphy&Spitz

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Die andere Meinung zum Nachhaltigkeitsindex DJSI: "Kein großer Investor muss in Tabakfirmen, Rüstung oder Ölkonzerne investieren!" – Interview mit Andrew Murphy

Wie nachhaltig ist der neue Index Dow Jones Sustainability Index World (DJSI World) wirklich? Andrew Murphy, Leiter der Bonner Vermögensverwaltung Murphy&Spitz AG, sieht die Auswahl der Unternehmen kritisch. Murphy kommentiert im Interview die Aussagen der Zürcher Investmentfirma RobecoSAM, die den Index herausbringt  (wir berichteten).

ECOreporter.de: Im neu zusammengesetzten DJSI World sind auch Konzerne wie Bayer und Shell vertreten. Zur Erläuterung hieß es, "Das verstehen Fundamentalisten nicht". Sind Sie einer dieser "Fundamentalisten"?

Andrew Murphy: 
Die Wortwahl "Fundamentalisten" ist in heutiger Zeit wirklich deplatziert, die meisten assoziieren mit Fundamentalisten den Islamischen Staat, welcher sich übrigens maßgeblich über den Verkauf von Erdöl finanziert. Natürlich, Nachhaltigkeits-Experten, die ein stringentes, ernst gemeintes Nachhaltigkeitskonzept verfolgen, werden ein Investment in Öl- und Chemiekonzerne konsequent ablehnen. Das ist richtig. Fossile Energieträger sind und bleiben umweltschädlich bzw. –zerstörend. Konzerne wie Shell und E.ON, ein weiterer Neuzugang im DJSI World, gehören weltweit zu den größten Umweltsündern. Nicht nur "Fundamentalisten" stufen diese Konzerne als nicht nachhaltig ein.
Wir verstehen uns als Investor, der ein stringentes, ehrliches Nachhaltigkeitskonzept vertritt. Öl-Konzerne und Energie-Unternehmen, die einen großen Teil ihres Umsatzes mit Kohle- und Atomenergie machen, schließen wir ebenso aus unserem Anlagehorizont aus wie Tabak- und Rüstungsunternehmen. Hier setzen wir null Prozent Toleranz an. Anleger, die nachhaltig investieren wollen, wollen ihr Geld nicht in solch ethisch-ökologisch fragwürdige Branchen geben, dazu zählen auch die größten Investoren weltweit.

Wie stehen Sie zu dem Argument, dass große Kapitalgeber wie Pensionskassen kontroverse Sektoren beim Investment nicht ausschließen können?

Murphy:  Ich halte das Argument schlichtweg für falsch. Der norwegische Pensionsfonds hat ebenso wie die Allianz Versicherung, um nur zwei Beispiele zu nennen, alle bestehenden Investments in Kohle divestiert, also beendet, und aus dem Anlagehorizont ausgeschlossen. Und zwar sowohl aus Nachhaltigkeits- als auch aus wirtschaftlichen Gründen. Kein großer Kapitalgeber ist gezwungen, in Tabakfirmen, Rüstungsfirmen oder Ölkonzerne zu investieren, um sein Rendite-Risiko-Profil zu erhalten. Es gibt genügend nachhaltige Alternativen aus dem Gesundheitssektor, der Baubranche, aus dem Mobilitätsbereich oder der Energiebranche, die auch hinsichtlich der Größe eine breite Portfoliodiversifizierung ermöglichen.

Wie aussagekräftig ist der DJSI in Ihren Augen? Ist ein "Best-in-Class"-Ansatz sinnvoll?

Murphy:  Jeder Index beschreibt nur das, was er indexiert. Soll heißen: der DJSI ist ein Best-In-Class-Index, der die Nachhaltigkeit der Unternehmen anhand von wirtschaftlich relevanten Faktoren in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung misst. In den Index aufgenommen werden die Unternehmen, die im Vergleich zur Branche am nachhaltigsten dastehen. Einen Nachhaltigkeitsansatz, der die ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Unternehmen berücksichtigt, kann und darf man bei diesem Index nicht erwarten.
Provokant formuliert: So wie der Best-in-Class-Ansatz aktuell im DJSI praktiziert wird, finden sich im Index die Einäugigen unter den Blinden. Sinnvoll, im Sinne von nachhaltig, wird der Best-in-Class-Ansatz aber erst, wenn Ausschlusskriterien hinzugenommen werden. Und eine ganz persönliche Anmerkung: Nachhaltigkeit ist die Zukunft, da scheint es schon abstrus, Unternehmen zu protegieren, deren Geschäftsfelder der Vergangenheit angehören sollten.

Ist ein solcher Index Ihrer Ansicht nach ein Anreiz für Unternehmen, nachhaltiger zu werden?

Murphy:  Nachhaltigkeit ist in unseren Augen mehr als einen schicken Nachhaltigkeitsbericht zu verfassen, den Carbon-Footprint zu installieren oder die Evaluation von Humankapital-Maßnahmen zu optimieren. Zu solchen Einzelmaßnahmen kann der DJSI Anreize setzen. Die Unternehmen, die im DJSI erfasst sind, bemühen sich sicherlich, solche nachhaltigen Maßnahmen umzusetzen. Zu nachhaltigen Unternehmen werden sie dadurch jedoch nicht. Hierzu gehört eine komplette Durchdringung der Unternehmenskultur mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit. Gewisse Geschäftsfelder dürfen dann gar nicht mehr in den Tätigkeitsbereich der Unternehmen fallen.

Welche Instrumente würden Sie Anlegern ans Herz legen, um nachhaltige Investments zu tätigen? Worauf sollten Anleger bei Unternehmen schauen?

Murphy:  Das kann man so pauschal nicht sagen. Hier muss man individuell auf den einzelnen Anleger – unabhängig ob privat oder institutionell – eingehen. In den ersten Gesprächen mit unseren Kunden helfen wir ihnen herauszufinden, was sie von einem nachhaltigen Investment eigentlich erwarten, was ihre ethischen und ökologischen Ansprüche sind, in welche Bereiche sie ihr Geld geben wollen und in welche nicht.
Viele haben zunächst nur ein Bauchgefühl, was Nachhaltigkeit ist. Entscheidend ist dann, sich nicht auf den Namen des Investments oder die Beschreibung der Anlagestrategie zu verlassen. Wichtig ist es, hinter die Kulissen zu schauen, sich die Portfolios genau anzusehen und mit dem persönlichen Nachhaltigkeitsansatz abzugleichen. Die Auswahl der geeigneten Anlageinstrumente erfolgt erst im Zusammenspiel des erarbeiteten Nachhaltigkeitsansatzes mit dem persönlichen Rendite-Risiko-Profil des Anlegers im Rahmen einer nachhaltigen Vermögensverwaltung.
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