Zur Person: Christian Marcks, Jahrgang 1968, studierte Geschichte und Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Umweltökonomie in Hamburg, Bordeaux sowie Heidelberg und ist Diplom-Volkswirt. Er war von 1996 bis 2002 Handlungsbevollmächtigter im Fördergeschäft der Deutschen Ausgleichsbank für Umweltschutzinvestitionen und grenzüberschreitende Umweltschutzprojekte. Seit 2002 ist Marcks bei der GLS Bank und Koordinator für Energieprojektfinanzierungen. / Quelle: Unternehmen

  Erneuerbare Energie, Finanzdienstleister

„Die Energiewende steht für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik“ - Interview mit Christian Marcks, GLS Bank

Der Siegeszug der Erneuerbaren Energien ist beeindruckend. In nur rund zwei Jahrzehnten haben sie einen großen Anteil am deutschen Energiemarkt erobert, sie decken bereits knapp ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs ab. Doch jetzt gehen in dieser Branche Zukunftsängste um. Der Ausbau der Photovoltaik hat enorm an Dynamik verloren, auch Bioenergieanlagen werden immer weniger gebaut. Und den Zubau der Windkraft will Bundesenergieminister Sigmar Gabriel in der angekündigten Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) deckeln. Die Debatte über die Kosten der Energiewende hat sich weiter verschärft – zu Ungunsten der regenerativen Energien.

Die GLS Bank zählt als Finanzierer von Grünstromprojekten zu den Pionieren der deutschen Energiewende. Wie bewertet sie die aktuelle Entwicklung und die Perspektiven für die Branche? Darüber haben wir mit Christian Marcks gesprochen, Branchenkoordinator Energie der GLS Bank.

ECOreporter: Welchen Nutzen hat aus Ihrer Sicht die Energiewende für Unternehmen einerseits und für Stromverbraucher andererseits? Gibt es nicht eindeutige Gewinner und Verlierer?

Christian Marcks:  Während es in der öffentlichen Diskussion über die Energiewende in Deutschland fast immer nur um die EEG-Umlage, die Offshore-Windkraft, den Zubau von Photovoltaik und den Ausbau der Stromnetze geht, bringen im Hintergrund andere die Energiewende fast unbemerkt voran: Haushalte und Betriebe erzeugen immer häufiger ihre Energie selbst und zwar in aller Regel mit Sonne, Wind und Erdwärme. Der Vorteil der Stromverbraucher ist eindeutig da, wird aber unzureichend dokumentiert, da die Energieerzeugung für den Eigenverbrauch nicht öffentlich erfasst wird. Außerdem beobachten wir, dass die Bürger, die sich für die Energiewende engagieren, eben nicht die gleichen Interessensvertretungen haben wie andere Verbände. Uns ist aber auch wichtig zu betonen, dass die Energiewende kein Elitenprojekt ist. Wir schließen uns Sozialverbänden an, die fordern: Wenn die Gesellschaft die Energiewende will, müssen eben die Hartz IV-Sätze erhöht werden.
Die steigende Eigenerzeugung von Strom verwundert eigentlich gar nicht, wenn man bedenkt, dass ein privater Haushalt etwa 26 Cent für eine Kilowattstunde bezahlt, sofern dieser über das Stromnetz bezogen wird. Eine Kilowattstunde Strom aus einer heute auf dem eigenen Dach neu installierten Photovoltaikanlage kostet umgerechnet nur noch weniger als 18 Cent je produzierter Kilowattstunde. Und eine Kilowattstunde Windstrom aus einer Neuanlage an Land kann heute bereits für unter 9 Cent kostendeckend produziert werden.
Zwar kann der Strom aus Wind und Sonne nicht immer dann hergestellt werden, wenn man ihn braucht, aber die Entwicklung von einer intelligenten Verbrauchssteuerung (Mirko Smart Grids) und günstigen Speichertechnologien können diese Problematik lösen. Ein wachsender Preisunterschied zwischen einer aus dem Netz gekauften Kilowattstunde Strom und einer selbstproduzierten fördert die Eigenerzeugung, da sich Investitionen in Anlagen wirtschaftlich rechnen.
Betriebe können häufig die Eigenerzeugung von Strom selbst ohne Speichertechnologien wirtschaftlich nutzen. Zwar ist Gewerbestrom etwas günstiger als Haushaltsstrom und deshalb die Kostenersparnis für Betriebe nicht so hoch. Aber ihr Energiebedarf ist dafür in der Regel besser planbar. Wenn etwa ein Supermarkt tagsüber einen Mindestenergiebedarf von zehn Kilowattstunden (kW) hat, kann der Strom einer eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach mit einer Spitzenleistung von zehn kWp immer zu 100 Prozent selbst verbraucht werden.

ECOreporter: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund Forderungen, die durch Einschnitte beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Anstieg der Stromkosten bremsen wollen?

Marcks:  Wir beobachten mit Sorge, dass seit dem Wahljahr 2013 immer wieder Interessenverbände auftreten, um die Energiewende in Frage zu stellen. Aus unserer Sicht kann es an der gesamtwirtschaftlichen Sinnhaftigkeit der Energiewende jedoch keinen Zweifel geben. Die Energiewende steht für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, durch die der Mittelstand gestärkt und neue Absatzmärkte erschlossen werden. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes wird erhöht sowie die Abhängigkeit von Energieimporten reduziert. Partikularinteressen dürfen hier nicht die Chancen der gesamten Gesellschaft auf Zukunft verbauen. Zudem sollte man bei der Debatte nicht vergessen, dass Erneuerbare Energien heute schon ohne die Be-rücksichtigung der vielen negativen externen Effekte von konventioneller Energie deutlich günstiger sind als neu errichtete konventionelle Kraftwerke. Rechnet man die negativen externen Effekte wie z.B. CO2 Ausstoß, Atommüll und Schadstoffbelastung der Luft mit ein, die allesamt zukünftigen Generationen aufgebürdet werden, dann sind die regenerativen Energien deutlich günstiger als alle zur Zeit genutzten konventionellen Energien.

ECOreporter: Gehen die Pläne von Bundesenergieminister Sigmar Gabriel für eine Neugestaltung des EEG aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung? Wo sollte man sonst Hebel ansetzen?

Marcks:  Die aktuell von der Bundesregierung geplante Deckelung von Windkraft an Land und Photovoltaik würde ausgerechnet die Techniken betreffen, mit denen der kostengünstigste Ökostrom hergestellt wird. Die Offshore-Technologie dagegen ist technisch, logistisch und im Hinblick auf das Investitionsvolumen eine erhebliche Herausforderung. Im Gegensatz zur bereits erfolgreich etablierten Windkraft an Land ist es bei Windparks auf See noch unklar, ob der Betrieb jemals rentabel sein kann. Außerdem sehen wir mit Sorge, dass der Netzausbau mit großen Stromtrassen geplant wird. Das führt eher zu einem „stupid grid“ analog zu den bislang etablierten zentralen Strukturen. Aus unserer Sicht muss eine Weichenstellung zu mehr dezentralen regenerativen Energiegewinnungsmöglichkeiten mit Kopplung an ein Smart Grid erfolgen, also an ein intelligentes, steuerungsfähiges Netz.
Positiv sehen wir dagegen, dass bei Biogasanlagen eine Konzentration auf die Verwendung von Abfall- und Reststoffen stattfinden soll. Das kann eine Lösung für das zunehmende Problem der Flächenkonkurrenz sein.

Bildhinweis: Auch die neue Bundesregierung unterstützt besonders die Windkraft auf See - offshore. / Quelle: Fotolia

ECOreporter: Die GLS Bank Stiftung gehört zu den Initiatoren und Gründungsmitgliedern des Bündnisses Bürgerenergie. Warum und was sind die Ziele dieser Initiative?

Marcks:  Das Bündnis Bürgerenergie hat sich zum Ziel gemacht, die Bürger, die aktiv an der dezentralen Umsetzung der Energiewende arbeiten, besser zu vernetzen. Aus dieser besseren Vernetzung heraus wollen sie die Stimme der Bürger im politischen Berlin zu Gehör zu bringen. Durch das EEG wurden die bislang etablierten zentralen Strukturen um dezentrale ergänzt. Unter anderem führte dies zu einer Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an der Stromproduktion. Das ist wesentlich für die Akzeptanz der Energiewende. Mit der Förderung von Bürgerenergieprojekten wird außerdem mehr Strom verbrauchsnah produziert, was den hoch umstrittenen Netzausbau reduziert. Darum sollte bei erzeugungsnaher Vermarktung und auch bei Eigenstromproduktion statt einer Mindest-EEG-Umlage ein Mindestnetzentgelt erhoben werden, das nach Vermarktungsnähe gestaffelt ist. So ließen sich eine Integration dezentraler Erzeugungsstrukturen in den Strommarkt kostengünstig und zukunftsweisend realisieren. Schon heute wird fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom von Anlagen produziert, die Bürgern gehören. Damit ist die Bürgerenergie Marktführer der Energiewende und ihre Position sollte in Entscheidungsprozessen zu diesem Thema wahrgenommen werden. Die Energiewende ist eben nicht nur ein Projekt, das die Wirtschaft betrifft, sie betrifft die gesamte Gesellschaft und vor allem unsere Zukunft.

ECOreporter: Wie engagiert sich die GLS Bank im Bereich der Erneuerbaren Energien?

Marcks:  Die GLS Bank engagiert sich im Bereich der Erneuerbaren Energien zunächst durch ihre Finanzierungen. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl legte sie den ersten Windkraftfonds in Deutschland auf. Auch an der Entstehung der EWS Schönau war sie maßgeblich beteiligt und „Energie“ ist eine ihrer wichtigsten Investitionsbranchen. So hat sich die GLS Bank kontinuierlich Expertise in diesem Themenfeld erarbeitet und kann Kunden mit Fragen rund um das Thema unterstützend und beratend zur Seite stehen. Außerdem versuchen wir, etwa mit dem Engagement der GLS Bank Stiftung oder durch öffentliche Stellungnahmen wie dieses Interview hier, auch inhaltlich auf die Umsetzung der Energiewende einzuwirken.

ECOreporter: Schätzen Sie die deutsche Energiewende als gefährdet ein?

Marcks: So wie die politischen Planungen zur Zeit aussehen, halten wir die Energiewende tatsächlich für substanziell gefährdet. Der Kern des Problems liegt darin, dass es für jede Lobbygruppe Politiker, Verbandsvertreter und vereinzelt auch Wissenschaftler gibt, die bereit sind, das Einzelinteresse gegenüber dem gesellschaftlichen Interesse der Energiewende durchzusetzen. Aber langfristig – und hier meine ich wirklich langfristig – kann unser Wohlstand nur mit regenerativen Energien aufrecht erhalten werden.

ECOreporter: Sorgen wirklich alle Erneuerbaren Energien für mehr Nachhaltigkeit? Geht deren Ausbau nicht einher mit einem zunehmenden Flächenverbrauch? Wie bewerten Sie die Auswirkungen beim Ausbau der Produktion von Biogas?

Marcks:  Wir beobachten durchaus eine zunehmende Flächenkonkurrenz im Zusammenhang mit der Förderung von Biogas. Diese hat zu verheerenden Folgen in der Landwirtschaft geführt. Bodenpreise sind so angestiegen, dass sie für landwirtschaftliche Bewirtschaftung nicht mehr finanzierbar sind. Heu- und Futterzukauf für Viehbetriebe ist für diese betriebswirtschaftlich kaum noch machbar, da die Betreiber von Biogas-Anlagen mehr bezahlen. Diese Fehlentwicklung muss schnellstens korrigiert werden. 

Bildhinweis: Deutsche Biogasanlage. / Quelle: Fotolia

ECOreporter: In vielen EU-Staaten sinkt die Unterstützung von regenerativer Energie und von Energieeffizienz. Warum ist das so und was spricht dafür, dass sich dieser momentane Trend wieder umkehrt?

Marcks:  Wir bemerken zur Zeit, dass die Lobbyvertreter der konventionellen Energieerzeugung politisch weitaus mehr Gehör finden als diejenigen, die sich für eine zukunftsfähige Energiegewinnung und -nutzung einsetzen. Eine Umkehr dieses Trends ist für die erfolgreiche Fortführung und Umsetzung der Energiewende unabdingbar. Für dieses positive Fortsetzen der bisher gemachten Schritte spricht, dass die ersten Erfolge schon eingetreten sind. Schon jetzt ist sichtbar, dass die Entwicklung neuer Technologien zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit und einer größeren Unabhängigkeit von Energieimporten führt.

ECOreporter: Über die Global Alliance for Banking on Values ist die GLS Bank eng mit anderen Nachhaltigkeitsbanken aus aller Welt verbunden. Welche Rolle spielt bei denen die Finanzierung von alternativer Energieproduktion und Klimaschutz?

Marcks:  Die Mitglieder der Global Alliance for Banking on Values haben sich alle den Prinzipien eines nachhaltigen Bankgeschäftes verschrieben und daher stehen für all diese Banken auch Projekte zu erneuerbaren Energien auf der Agenda. Durch die lokal jeweils unterschiedlichen Strukturen und Bedürfnisse kann der jeweilige Hauptfokus jedoch stärker auf andere Problemfelder gerichtet sein. Es gibt aber zum Beispiel auch die „Clean Energy Development Bank“ in Nepal, die ihren Arbeitsschwerpunkt genau auf die regenerativen Energien gelegt hat. Auch wenn wir eine dezentrale Struktur der Energiegewinnung befürworten, ist ein Engagement für einen Umstieg auf Erneuerbare Energien letztlich nur weltweit sinnvoll, denn der Klimawandel und die Ressourcenknappheit halten nicht an Landesgrenzen.

ECOreporter: Herr Marcks, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Aktuell, seriös und kostenlos: Der ECOreporter-Newsletter. Seit 1999.
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x