Dr. Helge Wulsdorf / Quelle: Bank für Kirche und Caritas

03.07.15 Finanzdienstleister

„Die Kirche muss an ihre Geldanlage strengere Maßstäbe anlegen als andere Investoren“ - Interview mit Helge Wulsdorf, Bank für Kirche und Caritas Paderborn

Erst vor kurzem hat Papst Franziskus mit einem Plädoyer für Nachhaltigkeit  Aufmerksamkeit erregt. Um Nachhaltigkeit bei der Geldanlage geht es in der sogenannten Orientierungshilfe ‚Ethisch-nachhaltig investieren‘, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) heute vorgelegt haben (lesen Sie  hier  mehr darüber). Worauf zielen diese Empfehlungen ab? Wie streng sind sie? Was werden sie verändern? Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gegenüber dem evangelischen EKD-Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlage?

Über diese und weitere Fragen sprachen wir mit Dr. Helge Wulsdorf, einem der Mitautoren der Orientierungshilfe ‚Ethisch-nachhaltig investieren‘. Er leitet den Bereich Nachhaltige Geldanlagen bei der Bank für Kirche und Caritas in Paderborn (in diesem  Kurzportrait (Link entfernt)  erfahren Sie mehr über die BKC). Wulsdorf ist Vorstandsmitglied des Forums Nachhaltige Geldanlage und Mitglied der Arbeitsgruppe, die die Orientierungshilfe ‚Ethisch-nachhaltig investieren‘ erstellt hat. Ihr gehören Repräsentanten unterschiedlichster katholischer Institutionen an, etwa Bistümer, Caritas, Ordensgemeinschaften, Hilfswerke und Kirchenbanken wie die Bank für Kirche und Caritas.

ECOreporter.de: Warum hat die Bischofskonferenz die Orientierungshilfe ‚Ethisch-nachhaltig investieren‘ erstellt?

Dr. Helge Wulsdorf:  „Kirche und Vermögen“ ist ein Thema, das innerhalb der Kirche ebenso wie gesamtgesellschaftlich verstärkt diskutiert wird. Der Finanzskandal im Bistum Limburg hat die Brisanz der Thematik offensichtlich werden lassen. Er bildet sicherlich mit den Hintergrund dafür, dass sich DBK und ZdK entschlossen haben, eine solche Orientierungshilfe auf den Weg zu bringen. Seitens der Deutschen Bischofskonferenz wurde schon vorher eine Transparenz-Offensive beschlossen, mit der sich die einzelnen Bistümer verpflichten, ihre Vermögen offenzulegen. Während es unter dem Stichwort Transparenz darum geht, wie viel die Bistümer quantitativ ihr Eigen nennen, geht es bei der Orientierungshilfe darum, unter welchen Vorzeichen die kirchlichen Einrichtungen qualitativ ihr Vermögen anlegen.

ECOreporter.de: Steht diese Orientierungshilfe als Beispiel für einen generellen Trend in der katholischen Kirche oder spielen die Deutschen hier eine Sonderrolle?

Wulsdorf:  Um zu sehen, dass „Kirche und Vermögen“ generell ein Thema ist, brauchen wir nur in den Vatikan zu schauen. Die Finanzsituationen der Kirchen in den einzelnen europäischen Staaten sind jedoch sehr unterschiedlich. Aufgrund des deutschen Kirchensteuersystems haben wir eine Situation, die von der katholischen Kirche in Deutschland einen besonders verantwortungsbewussten Umgang mit Geld erfordert. Die Kirche muss deshalb an ihre Geldanlage strengere Maßstäbe anlegen als andere Investoren. In der Orientierungshilfe stellt sie nunmehr zur Diskussion, wie solche strengeren Anlagekriterien aussehen können.

ECOreporter.de: An wen richten sich diese Empfehlungen? Sie sie auch für Privatanleger von Nutzen?

Wulsdorf:  Der Text wendet sich an Finanzverantwortliche katholischer Einrichtungen, also an institutionelle Kunden. Sie sollen sich mit dem Thema ‚Ethisch-nachhaltig investieren‘ auseinandersetzen und hier sprach- und handlungsfähig werden. Für die Initiatoren des Textes ist es entscheidend, dass das Thema bei den Einrichtungen ankommt. Auch wenn die institutionellen Vermögensträger damit im Vordergrund stehen, heißt dies nicht, dass sich nicht auch engagierte Laien und Privatanleger mit der Thematik befassen sollen. Vielfach sind sie es auch, die in kirchlichen Gremien und Verwaltungsräten sitzen und mit ihrem Sachverstand die Finanzgeschicke kirchlicher Einrichtungen prägen. Unabhängig davon steht es jedem einzelnen frei, sich über das Thema zu informieren und zu schauen, wie er selbst ethisch-nachhaltig investieren kann - mit und ohne kirchlichen Kontext.

ECOreporter.de: Inwiefern hat die Geldanlage etwas mit dem christlichen Glauben zu tun? Warum spielt er schon beim Investment eine Rolle und nicht erst dann, wenn es um den Einsatz der Erträge geht?

Wulsdorf:  Kirche versteht ihre Dienste immer ganzheitlich. Das heißt, die Vermögensanlage ist für sie keine autonome Sonderwelt, die ausschließlich nach den Gesetzen des Kapitalmarktes funktioniert und ethische Anforderungen außen vorlässt. Die Kirche muss nicht nur die Frage beantworten, wofür sie ihr Geld benötigt und ausgibt. Sie muss auch beantworten können, wie sie mit ihrem Geld wirtschaftet, welche ethischen Maßstäbe sie in Übereinstimmung mit ihrem Auftrag in der Geldanlage erfüllen will. Glaubwürdig ist sie nur dann, wenn sie Ertragsverwendung und Ertragserwirtschaftung weitestgehend in Einklang bringt. Ethisch-nachhaltige Geldanlagen sind hierfür das Instrument.

ECOreporter.de: Gibt es Überschneidungen mit dem evangelischen EKD-Leitfaden? Wo liegen die Unterschiede?

Wulsdorf:  Die Schnittmengen mit dem Leitfaden der evangelischen Kirche sind relativ groß. Beide Texte der Kirchen verwenden unabhängig voneinander die gleiche Begrifflichkeit der „ethisch-nachhaltigen Geldanlage“, verstehen sie ähnlich und sehen sie in den drei großen Bausteinen Ausschlusskriterien, Best-in-Class-Ansatz und Engagement verwirklicht. Allein schon bei den Ausschlusskriterien für Länder und Unternehmen gibt es zahlreiche Überschneidungen. Während die Orientierungshilfe der katholischen Kirche mehr in die Breite geht, geht der Leitfaden der evangelischen Kirche mehr in die Tiefe. So widmet sich die Orientierungshilfe sehr ausführlich den Schritten auf dem Weg zum ethisch-nachhaltigen Investment, während der Leitfaden zum Teil sehr tiefgehend verschiedene Anlageklassen analysiert.

ECOreporter.de: Wo werden die Empfehlungen konkret? Werden Ausschlusskriterien genannt und wie verbindlich sind diese? Können Sie Beispiele nennen?

Wulsdorf:  Die bewusst gewählte Bezeichnung Orientierungshilfe besagt bereits, wie der Text zu verstehen ist. Der Text will für die Thematik sensibilisieren und eine Entscheidungshilfe sein. Er macht - wie übrigens auch der EKD-Leitfaden - keine verbindlichen Vorgaben, wie das ethisch-nachhaltige Investment in jeder katholischen Einrichtung auszusehen hat. Jede Einrichtung muss für sich entscheiden, welche ethisch-nachhaltige Geldanlagen zu ihr einrichtungsspezifisch passen. Dieser Verantwortung muss sich jede Einrichtung selbst stellen. In der Orientierungshilfe werden insgesamt 17 Ausschlusskriterien zur Diskussion gestellt: von Abtreibung über Arbeitsrechts- und Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Rüstung, Todesstrafe und unlauteren Geschäftsgebaren. Sie alle werden von der kirchlichen Sozialverkündigung als ethisch kritisch eingestuft und fordern von den Einrichtungen eine wertorientierte Positionierung im Innen- und Außenverhältnis.

ECOreporter.de: Tragen Investoren laut der Orientierungshilfe „Ethisch-nachhaltig investieren“ eine Verantwortung für die Umwelt?

Wulsdorf:  Dass Kirche für die Schöpfung Verantwortung trägt, ist ihr nicht erst seit der kürzlich erschienenen Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus [ECOreporter.de  berichtete] ins Stammbuch geschrieben. Ausbeuterisches Umweltverhalten, Atomenergie, gefährliche Chemikalien und klimaschädliche Substanzen, grüne Gentechnik und Rohstoffe (problematischer Abbau und Spekulation) sind Kriterien, die im Rahmen des ethisch-nachhaltigen Investments zu diskutieren sind. Ob und inwieweit genannte Kriterien als Ausschlüsse umgesetzt werden oder nur als Malus-Kriterium im Rahmen des Best-in-Class-Ansatzes zur Anwendung kommen, ist von den Einrichtungen jeweils festzulegen.

ECOreporter.de: Gibt es aus Sicht der Orientierungshilfe „Ethisch-nachhaltig investieren“ Geldanlagen, die beispielhaft die Anforderungen an nachhaltige Investments erfüllen?

Wulsdorf:  Die Orientierungshilfe ist nicht so konzipiert, dass dort zur Diskussion gestellte Anlagekriterien sich eins zu eins in einem Investment wiederfinden müssen.  Es gibt einige Investments, die den Anforderungen weitgehend nachkommen. Hierzu zählt etwa die KCD-Linie (Kirche, Caritas, Diakonie) von Union Investment, eine Fondsfamilie, die von den Kirchenbanken ökumenisch verantwortet wird. Einige Kirchenbanken haben zudem eigene Fonds aufgelegt. Als Bank für Kirche und Caritas haben wir einen nachhaltigen Aktien- und Mischfonds, der sich an den Kriterien der kirchlichen Sozialverkündigung ausrichtet [lesen Sie mehr darüber in diesem  Interview  mit Andre Schettler, Portfoliomanager der katholischen Kirchenbank aus Paderborn]. Bei individualisierbaren Produkten wie der Vermögensverwaltung oder Spezialfonds erarbeiten wir den Nachhaltigkeitsfilter gemeinsam mit dem Kunden entsprechend seiner Wertvorstellungen. Die Ausschlusskriterien der Orientierungshilfe stellen hierfür eine wichtige Leitlinie dar.

ECOreporter.de: Was wird die „Orientierungshilfe Ethisch-nachhaltig investieren“ verändern? Müssen katholische Institutionen nun ihre Vermögensverwaltung umkrempeln?

Wulsdorf:  Ob und inwieweit man gleich von „umkrempeln“ sprechen muss, lassen wir einmal dahingestellt. In puncto ethisch-nachhaltig investieren empfehlen wir eine Anlage- und Umschichtungspolitik der ruhigen Hand. Solch eine Investitionsform ist eine Anlagestrategie, die wohl durchdacht sein will. Die in der Orientierungshilfe dargelegte Schrittfolge zeigt, dass bestimmte Grundvoraussetzungen - etwa gute Anlagerichtlinien und ein klares Werteverständnis - erfüllt sein müssen. Ich habe folgende Erfahrung gemacht: Je besser ein ethisch-nachhaltiger Prozess ganzheitlich durchdacht wird, desto erfolgreicher und geräuschloser lässt er sich umsetzen. Unsere Aufgabe ist es, Vermögensträger auf diesem Weg mit unserer jahrelangen Kompetenz und Erfahrung zu begleiten.

ECOreporter.de: Herr Wulsdorf, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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