05.11.09 Erneuerbare Energie

„Die Photovoltaik ist eines der größten Exportgeschäfte der Welt.“ - ECOreporter.de-Interview mit Hans-Josef Fell



ECOreporter.de: Welche Bedeutung hat der Sektor der Erneuerbaren Energien nach Ansicht der Grünen - im Hinblick auf den Klimaschutz wie im Hinblick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Hans-Josef Fell: Eine hundertprozentige Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien wird die energiebedingten Klimagasemissionen vermeiden und damit den weitaus größten Beitrag zum Klimaschutz bringen. Wir Grünen streben an, dies bis 2040 zu erreichen. Mit den aktuellen Wachstumsgeschwindigkeiten der Erneuerbaren Energien ist dies realisierbar. Gleichzeitig werden weitere 100 tausende neuer Arbeitsplätze geschaffen - der entscheidende Beitrag zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise.

ECOreporter.de: Warum beeinträchtigt eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atommeiler den Ausbau der Erneuerbaren Energien? Ist es aus klimapolitischer Sicht nicht sinnvoll, jede emissionsarme Technologie zu nutzen?

Fell: Atomenergie ist nicht emissionsarm, weil ungeheure Mengen an radioaktivem Müll erzeugt werden und zudem beim Uranabbau große Mengen CO2. Wenn nur bis 2020 das Ziel der Branche Erneuerbare Energien von 47% Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien, zusätzlich zum Ziel der KWK (Kraft-Wärme-Kopplung) Branche mit 20% dezentralem KWK Anteil verwirklicht werden soll, dann müssen die Atomreaktoren abgeschaltet und übrigens der Neubau von Kohlekraftwerken verhindert werden, damit sich das dezentral erzeugte Volumen von Ökostrom überhaupt erst auf dieses Niveau entfalten kann.

ECOreporter.de: Mit öffentlicher Förderung entstand in Ostdeutschland eine aufblühende Solarbranche, die nun durch die Finanzkrise und verstärkte Konkurrenz aus Asien unter Druck geraten ist: Wie sollte nach Ihrer Einschätzung die Politik reagieren?

Fell: Die politischen Rahmenbedingungen müssen optimiert werden, damit die Solarbranche in Deutschland erhalten bleibt und fit gemacht wird, um die Herausforderungen der chinesischen und US-Konkurrenz zu meistern. Alles andere wäre ein Treppenwitz der Geschichte, denn Chinesen und Amerikaner würden dann eines der größten Exportgeschäfte der Welt in den kommenden Jahrzehnten unter sich ausmachen, obwohl Deutschland in den letzten Jahren die größten finanziellen Aufwendungen erbrachte, um die Solar Branche technologisch reif zu machen. Nun geht es um das Ernten der Exportarbeitsplätze.

ECOreporter.de: Ist es angesichts des Preisverfalls bei Solarprodukten nicht angemessen, die Solarstromvergütung über das EEG deutlich zu senken?

Fell: Im kommenden Jahr wird die Vergütung bereits um 10% gesenkt. Zusätzlich schmälert die Inflation den Wert der Vergütung. Die Arbeitskosten der Installateure sind nicht gesunken, genauso wenig wie manche andere Zuliefererprodukte, wie Aufständerungen. Ob Luft ist für eine zusätzliche Vergütungssenkungen, weil die Modulpreise um 30% gesunken sind, muss eine exakte wissenschaftliche Marktanalyse herausfinden. Eine solche hat die Bundesregierung bis heute nicht vorgelegt.

ECOreporter.de: Die Photovoltaik trägt aktuell und in den nächsten Jahren nur wenig zur Energieversorgung in Deutschland bei. Wurde sie in den letzten Jahren nicht im Übermaß unterstützt, könnte man den Hebel nicht sinnvoller in anderen Bereichen ansetzen und etwa die Offshore-Windkraft stärker fördern?

Fell: In einem zukünftigen Strommix aus Erneuerbaren Energien werden alle Arten der Erneuerbaren Energien benötigt. Daher ist die Unterstützung der Marktdurchdringung und technologischen Verbesserungen für alle notwendig, eben auch für die Photovoltaik, für Offshore Wind und andere. Die Photovoltaik wird in den kommenden Jahrzehnten sicherlich 20 bis 30% der Stromerzeugung beisteuern. Der europäische Fotovoltaikindustrieverband (EPIA) rechnet europaweit mit 12% Strom aus Fotovoltaik schon bis 2020.

ECOreporter.de: In deutschen Solarprojekten werden in immer größerem Umfang Solarprodukte verbaut, die in Asien produziert werden. Befördert das deutsche EEG damit nicht ausländische Unternehmen und wäre es nicht sinnvoller, umzusteuern und „grüne“ Arbeitsplätze in Deutschland finanzieren zu helfen?

Fell: In Deutschland installierte asiatische Module helfen ebenso wie andere mit, den CO2 Ausstoß zu reduzieren. Da die chinesische Regierung momentan große Programme für einen chinesischen Fotovoltaikbinnenmarkt auflegt, werden bald die chinesischen Fabriken für den chinesischen Markt produzieren, auch der US Markt wird durch Obamas Politik anziehen. Wir sollten nicht wegen einer aktuellen und möglicherweise nur vorübergehenden Schwemme von chinesischen Modulen die Photovoltaik-Förderung drastisch einschränken. Würde dies geschehen, verschwinden zunächst die deutschen Unternehmen. Sie hätten dann gar keine Chance mehr, sich auf den schnell wachsenden Weltmärkten aufzustellen.

ECOreporter.de: Ist das EEG bereits das Nonplusultra unter den politischen Instrumenten, mit denen der Ausbau der Erneuerbaren Energien befördert werden kann? Muss es nicht neue oder zumindest weitere geben?

Fell: Bisher hat es nirgendwo in der Welt ein politisches Instrument gegeben, das mehr Erfolg für den Ausbau der Technologien im Ökostrom gehabt hätte, als das EEG. Deshalb haben circa 50 Nationen inzwischen dieses Gesetz mehr oder weniger gut kopiert, da sie ähnlich gute industrielle und ökologische Erfolge wie Deutschland anstreben. Durchaus gibt es aber innerhalb des EEG Anpassungsnotwendigkeiten, immer unter Beachtung eines schnellen Marktwachstums.

ECOreporter.de: Was sollte die Politik in den kommenden Jahren unternehmen, damit die alternativen Energien genug Marktanteile erobern, um das Klima ausreichend zu entlasten? Was wird aus Ihrer Sicht in Deutschland und in Europa den kommenden Jahren geschehen?

Fell: Die letzten beiden Jahre haben uns erschrecken lassen, über die zunehmende Geschwindigkeit der Auswirkungen der Erderwärmung, z.B. Meeresspiegelanstieg oder Abschmelzen des arktischen Eises. In den kommenden Jahren wird der Zwang immer größer, Emissionen nicht nur zu reduzieren, sondern vollständig zu stoppen. Deshalb wird der schnelle Ausbau der Erneuerbaren Energien mehr und mehr in den Mittelpunkt der politischen Klimaschutzbemühungen gestellt werden. So wird es auch im Wärme- und Verkehrssektor, die heute noch weit hinter den Erfolgen des Stromsektors liegen, neue politische Gesetzgebungen geben. Da über die Ressourcenverknappung die Ölpreise wieder steil steigen, werden mehr und mehr Menschen und Unternehmen auf Erneuerbare Energien umsteigen, um die steigenden Kosten der konventionellen Energieressourcen zu vermeiden. Nur mit Erneuerbaren Energien sind Klimaschutz und Energieversorgungssicherheit gemeinsam zu schaffen.

ECOreporter.de: Herr Fell, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Am Montag sprachen wir mit Daniel Kluge vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) über die deutsche Energiepolitik und die Rolle der Photovoltaik. Per Opens external link in new windowMausklick gelangen Sie zu dem Interview.
Bildhinweis: Solarprojekt der MPC. / Quelle: Unternehmen
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